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	<title>Mitte | Baukunst</title>
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	<description>Architektur und Ästhetik im gebauten Raum</description>
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	<title>Mitte | Baukunst</title>
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		<title>Kostensprung beim Zukunftszentrum Halle</title>
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		<pubDate>Sun, 19 Apr 2026 09:34:19 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Es soll ein Ort für Forschung, Dialog und Begegnung werden: das Zukunftszentrum am Riebeckplatz in Halle. Nun werfen neue Berechnungen der Projektkosten Fragen auf.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">baukunst.art</strong> | Regionales | April 2026</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Einheit mit Aufschlag: Warum das Zukunftszentrum in Halle teurer wird</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Es soll ein Ort für Forschung, Dialog und Begegnung werden: das Zukunftszentrum am Riebeckplatz in Halle. Nun werfen neue Berechnungen der Projektkosten Fragen auf.</em></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation ist ein vom Bund initiierter Kultur- und Forschungsneubau am Riebeckplatz in Halle (Saale), dessen veranschlagte Baukosten laut dem Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) von rund 208 auf über 277 Millionen Euro angewachsen sind. Ein Kostensprung von etwa einem Drittel, begründet mit Anforderungen im Tiefbau, der technischen Gebäudeausrüstung eines Hochhauses und erwarteten Baupreissteigerungen bis zur geplanten Fertigstellung 2030.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Standort war lange umkämpft. Im Februar 2023 entschied sich die Bundesjury im Rahmen des vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) und dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ausgelobten Standortwettbewerbs für Halle, nachdem sich zuvor acht ostdeutsche Kommunen beworben hatten. Halle setzte sich in der Endrunde gegen Eisenach, Frankfurt (Oder), Jena und Leipzig durch. Der Riebeckplatz, einst repräsentativer Stadteingang und später einer der verkehrsreichsten Knoten der DDR, soll zum architektonischen Symbol der Transformation werden. Das Raumprogramm umfasst rund 14.000 Quadratmeter Nutzfläche für Forschung, Ausstellung und Bürgerdialog.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Den zweiphasigen Realisierungswettbewerb mit 126 eingereichten Beiträgen gewann im Frühjahr 2025 das Berliner Büro Richter Musikowski Architekten PartGmbB zusammen mit ST raum a. Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH. Der Entwurf von Christoph Richter und Jan Musikowski setzt auf eine zeltartige, organisch geschwungene Vorhangfassade, die sich zum Platz hin öffnet und nach oben auf rund 60 Meter ansteigt. Als Tragwerk sind Holz und naturnahe Baustoffe vorgesehen, ergänzt durch einen Stadtpark, der sich räumlich in Richtung des benachbarten RAW-Areals fortsetzt. Für den Hochbau ist der Gold-Standard des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen (BNB) vorgegeben, für die Außenanlagen (BNB_AA) mindestens Silber. Das Votum der Jury lobte ausdrücklich die städtebauliche Geste: Die zeltartige Hülle greift die Höhen der Umgebung auf, ohne sie zu wiederholen, und inszeniert den Platz als Bühne. Zugleich reagiert der Bau auf die bauhistorischen Referenzen der Moderne in Halle, von den Wohnhochhäusern der 1970er Jahre bis zur Landesoberfinanzdirektion, ohne sich diesen formal zu unterwerfen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Woher stammt der plötzliche Kostensprung?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Neurechnung des BMWSB stützt sich auf den nun vorliegenden Architektenentwurf, also auf die erste belastbare Grundlage nach Abschluss des Wettbewerbs. Erst mit der Entwurfsplanung nach Leistungsphase 3 der HOAI lassen sich Kosten nachvollziehbar auf Ebene der Kostengruppen gemäß DIN 276 abbilden. Die ursprünglich vom Bund kommunizierten 208 Millionen Euro, die sich aus einem Wettbewerbsrahmen von etwa 103 Millionen Euro für die Kostengruppen 300 bis 500 entwickelten, hatten Preisstand 2022 und waren eine frühe Orientierungsmarke.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Drei Treiber führt das Ministerium an. Erstens der Tiefbau: Lage und geotechnische Beschaffenheit des Grundstücks am Riebeckplatz, einem innerstädtischen Knoten mit erheblicher Verkehrs- und Leitungsinfrastruktur, erhöhen die Kostengruppe 200 deutlich. Zweitens die technische Gebäudeausrüstung im Hochhaus, also Kostengruppe 400 nach DIN 276, die mit Gebäudehöhe überproportional wächst, insbesondere bei Brandschutzanforderungen, Entrauchung und Aufzugstechnik nach der Bauordnung des Landes Sachsen-Anhalt (BauO LSA). Drittens die Baupreissteigerungen bis zur Fertigstellung 2030, die nach dem Baupreisindex des Statistischen Bundesamtes zuletzt zweistellig ausgefallen sind. Hinzu kommen ambitionierte Standards beim sommerlichen Wärmeschutz und bei der Photovoltaiksubstruktur, die nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) für Bundesneubauten heute weit über die Mindestanforderungen hinausreichen müssen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Aus Sicht des Bundesbaus ist die Entwicklung nicht ungewöhnlich. Die Richtlinien für die Durchführung von Bauaufgaben des Bundes (RBBau) sehen zwei formale Kostenbestätigungen vor: die ES-Bau (Entscheidungsunterlage Bau) vor Planungsbeginn und die EW-Bau (Ausführungsunterlage Bau) nach abgeschlossener Entwurfsplanung. Abweichungen zwischen beiden Stufen werden dem Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages vorgelegt. Genau dieser Ablauf läuft aktuell. Bis zur parlamentarischen Klärung bleibt die 277-Millionen-Schätzung vorläufig.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Welche Folgen hat der Kostensprung für Halle und die Region?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am Zeitplan bis 2030 will das Bundesbauministerium festhalten. Fertigstellung pünktlich zum 40. Jahrestag der Wiedervereinigung ist politisch gesetzt, entsprechend gering dürfte die Bereitschaft ausfallen, das Projekt inhaltlich oder räumlich zu reduzieren. Eine Streichung oder Stauchung des Hochhauses würde zudem das symbolische Gerüst des Entwurfs zerlegen: Das Gebäude nimmt die Höhen der sozialistischen Platzbebauung am Riebeckplatz bewusst auf und verwandelt sie in ein Zeichen des Wandels.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für Halle ist der Bau mehr als eine Bundesbaustelle. Er markiert den Auftakt eines städtebaulichen Umbaus, der weit über das Zentrumsgrundstück hinausreicht. Auf dem angrenzenden RAW-Gelände plant die städtische Entwicklungs- und Verwaltungsgesellschaft Halle-Saalkreis bis 2038 ein Cyber-Quartier mit Forschungs-, Arbeits- und Wohnnutzungen, das baulich und funktional auf das Zukunftszentrum reagieren soll. Daneben stehen Hotelneubau, Platzumbau und die Aufwertung der Mansfelder Straße. Die Investitionskaskade ist für eine Stadt dieser Größenordnung beträchtlich, zugleich eng mit dem Strukturwandel im mitteldeutschen Revier und der Nachnutzung der Braunkohleregion verknüpft. Planungsrechtlich liegt der Riebeckplatz im zusammenhängend bebauten Ortsteil und wird nach § 34 des Baugesetzbuches (BauGB) beurteilt; ein vorhabenbezogener Bebauungsplan begleitet die Bauleitplanung. Flankiert wird dies durch Landesförderung aus Mitteln des Investitionsgesetzes Kohleregionen (InvKG), die dem Strukturwandel in den vom Ausstieg betroffenen Ländern zugewiesen sind.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die regionale Baukultur beobachtet das Vorhaben mit Interesse. Sachsen-Anhalt hat über den Landesbetrieb Bau- und Liegenschaftsmanagement (BLSA), der die Baudurchführung verantwortet, und die Architektenkammer Sachsen-Anhalt frühzeitig Wert auf Holzbau, ressourcenschonende Materialwahl und Orientierung am Gebäudeenergiegesetz (GEG) gelegt. Als Bundesbau gilt zudem das BNB-System verpflichtend, dessen Gold-Kriterien Lebenszykluskosten, Umweltwirkung und Komfort gleichgewichtig bewerten. Die Kostenerhöhung könnte Spielräume bei Qualität und Ausstattung verengen, auch wenn das Ministerium diese Frage noch offen lässt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Planungs- und haushaltsseitig steht nun die Parlamentsbefassung im Fokus. Der Haushaltsausschuss hat mit vergleichbaren Bundesbauten, etwa dem Humboldt Forum oder der Sanierung des Pergamonmuseums, Erfahrung in der Nachjustierung großer Projekte. Ein Abbruch ist politisch kaum zu erwarten, eine Streckung oder eine Neujustierung der Ausstattungsstandards jedoch denkbar. Der Bund hat die Errichtung des Zentrums mehrfach bestätigt; bundesweit, aber insbesondere in den ostdeutschen Ländern, ist die symbolische Verbindlichkeit hoch.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Zukunftszentrum wird damit zum Testfall für die Kostensteuerung im Bundesbau. Ob ein architektonisch anspruchsvoller Solitär, gebaut nach BNB-Gold, in konjunkturell angespannter Lage im vorgesehenen Rahmen realisierbar bleibt, ist weniger eine Frage von Halle als eine Frage des deutschen Bundesbaus insgesamt. Für den Riebeckplatz hingegen ist die Richtung klar: Ein verkehrstechnischer Unort der deutschen Teilung wird zur Adresse einer Einrichtung, die sich der Transformation im weitesten Sinne widmet. Dass dieser Weg Geld kostet, überrascht niemanden, der mit öffentlichen Großprojekten vertraut ist. Dass er nun sichtbar teurer wird, zwingt zur Debatte über Prioritäten, Qualität und den ehrlichen Umgang mit frühen Preisangaben. Für die regionale Baukultur in Sachsen-Anhalt bleibt der Bau trotz aller Kostendynamik eine der seltenen Gelegenheiten, Bundesarchitektur im Osten von Rang zu realisieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
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		<title>Kyritz baut seine Klosterruine zum Kulturquartier um</title>
		<link>https://baukunst.art/kyritz-baut-seine-klosterruine-zum-kulturquartier-um/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Apr 2026 09:18:06 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
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					<description><![CDATA[Im denkmalgeschützten Klausurflügel des Kyritzer Franziskanerklosters entsteht ein hybrider Kulturort. Wie Sanierungsrecht, Denkmalschutz und Städtebauförderung ineinandergreifen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>baukunst.art</strong> | Regionales | April 2026</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kultur statt Vitrine: Kyritz macht aus seinem Kloster ein Stadtlabor</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Franziskanerkloster Kyritz ist ein denkmalgeschütztes Ensemble in der Altstadt der brandenburgischen Kleinstadt Kyritz (Landkreis Ostprignitz-Ruppin), das seit 2016 schrittweise zum Kultur|Kloster|Kyritz umgebaut wird, einem Quartier aus Stadtbibliothek, stadtgeschichtlichem Museum, Touristinformation und Veranstaltungsort. Von der mittelalterlichen Anlage sind nur Fragmente überliefert: die nördliche Längswand der Klosterkirche, der barock überformte Klausurflügel, das Pfortenhaus, Teile von Stadt- und Klostermauer sowie der Gartenpavillon.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Franziskaner gründeten den Konvent um 1275, erstmals urkundlich erwähnt wurde er 1303. Er gehörte zur Kustodie Brandenburg der Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) und lag im Bistum Havelberg. Im Spätmittelalter gewann das Haus überregionale Bedeutung: Förderer waren markgräfliche Amtsträger ebenso wie die Tuchmachergilde und wohlhabende Bürgerinnen und Bürger, mehrere Adelsfamilien hatten ihre Grablege in der Klosterkirche. Pilger auf dem Weg von Berlin zum „Wunderblut“ nach Bad Wilsnack rasteten im 15. und 16. Jahrhundert regelmäßig in Kyritz. Die überlieferten Gewölberippen und das Rundbogenfenster lassen die frühgotische Hallenkirche noch erkennen, die erhaltene Bausubstanz wird der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zugeschrieben. Mit der Reformation brach diese Ordensschicht weg: 1539 erreichte die neue Lehre die Stadt, 1552 wurde der Konvent aufgelöst. Die Klosterkirche diente danach als Stadt- und Garnisonkirche, 1781 wurde sie zum Abbruch versteigert. Nur wenige Gebäudeteile blieben stehen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nach jahrhundertelanger Unternutzung steht das Areal seit der Jahrtausendwende im Fokus der Stadtsanierung. 2013 und 2014 wurden die Nordwand, das Pfortenhaus, die Stadt- und Klostermauer sowie der Gartenpavillon gesichert. 2016 begannen die umfangreichen Bau- und Sanierungsmaßnahmen, seitdem entwickelt die Stadt das Klosterviertel als Schwerpunktgebiet ihrer integrierten Stadtentwicklung. Die planungsrechtliche Grundlage bildet ein förmlich festgelegtes Sanierungsgebiet nach §§ 136 ff. Baugesetzbuch (BauGB). Eigentümerinnen und Eigentümer benötigen dort für Vorhaben, Nutzungsänderungen und Veräußerungen eine sanierungsrechtliche Genehmigung nach § 144 BauGB; parallel greift die denkmalrechtliche Erlaubnis nach § 9 des Brandenburgischen Denkmalschutzgesetzes (BbgDSchG).</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wie trägt das Förder- und Planungsrecht ein solches Projekt?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Finanziert wird die Transformation über das Städtebauförderungsprogramm „Lebendige Zentren“, das 2020 die früheren Programme „Aktive Stadtzentren“ und „Städtebaulicher Denkmalschutz“ zusammenführte. Rechtsgrundlage auf Landesebene ist die Städtebauförderungsrichtlinie Brandenburg (StBauFR 2021 vom 20. September 2021); Voraussetzung ist ein aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK) abgeleitetes Zielkonzept. Der Bund gibt seine Finanzhilfen über die Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung an die Länder weiter, das Land ergänzt sie, die Kommune trägt den Eigenanteil. Kyritz hat seit 1991 nach Angaben des Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung (MIL Brandenburg) rund 47 Millionen Euro Städtebaufördermittel eingeworben, bis Ende 2022 flossen rund 29 Millionen Euro in die Altstadtsanierung. Einzelne Bausteine wurden zusätzlich kofinanziert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (MWFK), die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Ostprignitz-Ruppin. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) führt das Kultur|Kloster|Kyritz inzwischen als Praxisbeispiel im Programm „Lebendige Zentren“.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architektonisch konzentriert sich das Vorhaben auf drei Bausteine. Der barocke Klausurflügel mit seinen mittelalterlichen Kernen wird behutsam restauriert und nimmt bis zur geplanten Fertigstellung 2027 das „junge museum“ auf, ein stadtgeschichtliches Haus mit museumspädagogischem Schwerpunkt. Das Baudenkmal selbst wird dort, so die Projektsprache, als begehbares Exponat verstanden. Die ehemalige Brennerei in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 2, zuletzt als Wäscherei genutzt, wird zur Stadtbibliothek umgebaut. Die Nachbargebäude Johann-Sebastian-Bach-Straße 4 und 6 sind saniert und beherbergen Wohnnutzung, einen Kostümfundus der Kyritzer Knattermimen sowie die Heimatstube des Historischen Heimatvereins für Kyritz und die Ostprignitz. Im Außenraum verknüpfen der Kirch- und Klostergarten, die Open-Air-Bühne mit rund 300 Plätzen sowie die sanierte Nordwand der Klosterkirche Denkmalsubstanz und aktuelle Kulturnutzung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die inhaltliche Arbeit läuft parallel zur Baustelle. Die Kuratorin des „jungen museums“ hält eine wöchentliche Sprechstunde, das „museumslabor“ in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 8, in der Kyritzerinnen und Kyritzer Objekte, Fotografien und Erinnerungen einbringen. Eine ehrenamtliche AG Museum Klosterviertel entwickelt Themen, Ausstellungen und Vermittlungsformate mit. Hörspaziergänge, Workshops und geführte Rundgänge zeigen bereits jetzt, wie das Haus nach der Fertigstellung auftreten soll: dialogisch statt abgeschlossen, lokal verankert statt touristisch geglättet. Das Feinkonzept zur Bau- und Nutzungsgeschichte kostete 40.000 Euro und wurde zu 60 Prozent vom MWFK sowie anteilig von Stadt, Ostdeutscher Sparkassenstiftung und Sparkasse Ostprignitz-Ruppin getragen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ergänzt wird das Ensemble durch die sogenannten Budenhäuser in der Weberstraße 99 bis 107, ein Kleinsthaus-Ensemble des 18. und 19. Jahrhunderts. Die eingeschossigen Häuser mit Grundflächen zwischen gut 20 und 40 Quadratmetern sind mit rund 800.000 Euro Städtebaufördermitteln saniert worden und dienen heute als Unterkünfte. 2019 wurde die Maßnahme mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis ausgezeichnet; die Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg nahm die Häuser zudem als „Denkmal des Monats“ in ihren Bestand auf.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was lässt sich aus dem Kyritzer Modell für andere Kleinstädte ableiten?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kyritz zeigt, dass Baukultur im ländlichen Raum nicht an einem einzelnen Großprojekt hängt, sondern an der Verzahnung mehrerer Instrumente. Das Sanierungsgebiet nach BauGB sichert planerisch die Gesamtkulisse, das Denkmalrecht nach BbgDSchG die Substanz, die Städtebauförderung die Finanzierung, das INSEK die inhaltliche Richtung. Hinzu kommen ergänzende Bausteine: der städtische Verfügungsfonds für stadtbildprägende Maßnahmen (seit 2023, bis zu 10.000 Euro Zuschuss je Grundstück), die Kooperation im Städtenetzwerk „Kleeblattregion“ gemeinsam mit dem Amt Neustadt und den Gemeinden Gumtow, Wusterhausen und Breddin sowie die Einbindung lokaler Akteurinnen und Akteure wie der AG Museum Klosterviertel. Die Brandenburgische Architektenkammer würdigte Kyritz in ihrer Reihe „Baukultur vor Ort“ als Beispielfall für die Verbindung von Denkmalpflege und Stadtentwicklung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zugleich wird das Bild einer reinen Vitrinen-Museumsstadt vermieden. Der Klausurflügel soll nach Fertigstellung nicht das zentrale Schaugehäuse sein, sondern Teil eines Nutzungsmixes aus Bildung, Tourismus, Alltagskultur und Erinnerungsort. Dieser Ansatz entspricht der aktuellen Förderlogik des Programms „Lebendige Zentren“, das Nutzungsvielfalt, Innenstadtstabilisierung und städtebaulichen Denkmalschutz bündelt. Für Kleinstädte in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Niedersachsen, die vor ähnlichen Fragen stehen, liefert Kyritz ein Modell mit belastbaren Kennzahlen: langer Zeithorizont (mehr als zehn Jahre), Mischfinanzierung, planungsrechtliche Klammer durch ein förmliches Sanierungsgebiet, inhaltliche Steuerung durch ein INSEK mit klar benanntem Zielkonzept.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dass der endgültige Fertigstellungstermin mehrfach verschoben wurde, zuletzt von 2025 auf 2027, gehört zur Wahrheit. Denkmalbauten im ländlichen Raum bleiben komplexe Baustellen, in denen Kostensicherheit, Substanzsorgfalt und Fördermittelfristen regelmäßig aneinandergeraten. Die Erfahrungen aus Kyritz sprechen dennoch dafür, dass eine geduldige, rechtlich und finanziell sauber aufgesetzte Strategie die tragfähigste Antwort ist. Am Ende steht kein rekonstruiertes Kloster, sondern ein hybrider Ort: Ruine, Garten, Bühne, Bibliothek, Museum. Genau in dieser Unvollständigkeit, die historische Schichten sichtbar belässt und zeitgenössische Nutzungen zulässt, liegt die baukulturelle Qualität des Projekts. Für die Fachdebatte um kleinstädtisches Bauen in Ostdeutschland ist Kyritz damit mehr als ein lokaler Einzelfall.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
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			</item>
		<item>
		<title>Der gestoppte Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig</title>
		<link>https://baukunst.art/der-gestoppte-erweiterungsbau-der-deutschen-nationalbibliothek-leipzig/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 18:56:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
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		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15689</guid>

					<description><![CDATA[Sieben Millionen Euro Planungskosten, ein abgeschlossener Architekturwettbewerb, ein preisgekrönter Entwurf des Dresdner Büros CODE UNIQUE: Der fünfte Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig hätte 2027 beginnen sollen. Dann stoppte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer das Projekt im März 2026, lakonisch und ohne parlamentarische Debatte. Ein Eingriff in das kulturelle Gedächtnis der Nation, der weit über Leipzig hinauswirkt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Baukunst.art<br />
</strong><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">REGIONALES | Kulturbau | Archivinfrastruktur</em></p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Gedächtnis auf Abruf &#8211; Das nationale Gedächtnis braucht Quadratmeter, keine Cloud</h1>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) ist das gesetzlich verankerte Gedächtnis der deutschen Sprach- und Verlagskultur, verpflichtet seit ihrer Gründung als Deutsche Bücherei Leipzig im Jahr 1912, sämtliche Publikationen in deutscher Sprache zu sammeln, dauerhaft zu archivieren und für die Nutzung bereitzustellen.</strong></p>
<p style="font-weight: 400;">Am 5. März 2026 erklärte der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer (parteilos), den geplanten fünften Erweiterungsbau am Deutschen Platz in Leipzig für beendet. Die Begründung: Die langfristige Sammlung körperlicher Medienwerke sei nicht mehr zeitgemäß; die DNB solle sich stärker auf digitale Sammlungen konzentrieren. Damit waren, mit einem einzigen Satz, acht Jahre Planung, ein europaweiter Architekturwettbewerb und sieben Millionen Euro Planungskosten obsolet.</p>
<h2>Was genau war geplant und warum war der Bau zwingend notwendig?</h2>
<p style="font-weight: 400;">Der Magazinbau, der fünfte Erweiterungsbau der DNB am Standort Leipzig, war als hochfunktionales, klimastabiles Archivgebäude konzipiert, das die sichere Aufbewahrung von derzeit rund 35,5 Millionen Medienwerken für einen Zeitraum von etwa 30 Jahren gewährleisten sollte. Täglichen Zugängen von rund 13.100 neuen Medienwerken, darunter 3.300 analoge und 9.800 digitale Publikationen, stehen nahezu erschöpfte Lagerkapazitäten am Standort Leipzig gegenüber. Gleichzeitig müssen Bestände aus klimatisch ungeeigneten Altbaubereichen verlagert werden, um sie langfristig zu sichern.</p>
<p style="font-weight: 400;">Seit 2018 wurde das Projekt in enger Abstimmung zwischen der DNB, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) sowie dem Sächsischen Staatsministerium der Finanzen geplant. Nach einem internationalen Architekturwettbewerb mit 20 zugelassenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern erhielt Anfang 2025 das Dresdner Büro CODE UNIQUE Architekten GmbH den Zuschlag zur Realisierung. Im August 2025 lag ein gemeinsam mit 15 Fachplanenden erarbeitetes, detailliertes Planungskonzept vor. Baukosten: rund 30 Millionen Euro unter dem ursprünglich bewilligten Rahmen, wie Generaldirektor Frank Scholze betonte, ein seltener Fall kostendisziplinierter öffentlicher Planung.</p>
<p style="font-weight: 400;">Geplanter Baubeginn war Ende 2027, Fertigstellung für 2032 vorgesehen. Dann stoppte Weimer das Projekt. &#8218;Das Bauprojekt ist mangels Finanzierung beendet&#8216;, hieß es in einer Pressemitteilung der DNB, die den Beschluss des Ministers für Kultur und Medien lakonisch zusammenfasste.</p>
<h2>Ist digitale Langzeitarchivierung ein tragfähiger Ersatz für physische Magazine?</h2>
<p style="font-weight: 400;">Die Antwort aus Fachkreisen ist eindeutig: nein, zumindest nicht unter den aktuellen technischen und rechtlichen Gegebenheiten. Das Gesetz über die Deutsche Nationalbibliothek (DNBG) verpflichtet die Institution, physische Medienwerke in zwei Pflichtexemplaren zu sammeln. Eine Reduktion auf ein Exemplar oder eine rein digitale Archivierung erfordert eine Änderung des DNBG, also ein parlamentarisches Verfahren. Weimers Vorgehen setzt sich damit über geltendes Recht hinweg.</p>
<p style="font-weight: 400;">Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die DNB 1912 mitgegründet hat, bezeichnete den Schritt als &#8218;völlig falsche Entscheidung&#8216;. Hauptgeschäftsführer Peter Kraus vom Cleff erklärte, eine Modernisierung des Sammelauftrags sei zwar denkbar, könne aber &#8217;nicht durch den handstreichartigen Stopp eines bereits geplanten und dringend nötigen Erweiterungsbaus aus Kostengründen erfolgen&#8216;. Die sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, reagierte ebenfalls scharf: &#8218;Digitalisierung und das gedruckte Buch dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, wir brauchen beides.&#8216;</p>
<p style="font-weight: 400;">Hinzu kommt das grundsätzliche Problem digitaler Langzeitarchivierung. Wer die Geschichte analoger Datenträger verfolgt, von der Diskette über die CD-ROM bis zur DVD, kennt das Muster: Formate veralten, Abspielgeräte verschwinden, Datenverluste entstehen durch Überschreiben oder schlichten Zerfall der Träger. Die NASA musste dies schmerzlich erfahren, als Magnetbänder mit telemetrischen Daten der ersten Mondlandung von 1969 als irreversibel verloren galten. Der Stab aus Fachleuten, der die DNB beriet, hat genau diese Szenarien durchgespielt. Das Ergebnis war eindeutig: physische Redundanz ist kein Anachronismus, sondern eine zivilisatorische Notwendigkeit.</p>
<h2>Welche planungsrechtlichen und institutionellen Konsequenzen hat der Baustopp?</h2>
<p style="font-weight: 400;">Aus Sicht der Bau- und Planungskultur ist der Fall exemplarisch für ein wiederkehrendes Muster in der deutschen Kulturinfrastrukturpolitik: aufwendige, kostspielige und politisch legitimierte Planungsverfahren werden durch kurzfristige Haushaltsentscheidungen überrollt, ohne dass die rechtlichen Grundlagen, die Langzeitfolgen oder die institutionelle Verantwortung ausreichend geprüft werden. Siebt man durch das Geflecht aus DNBG, Pflichtablieferungsverordnung (PflAV) und Bundeshaushaltsordnung, bleiben erhebliche Risiken. Alternative Lösungen für die Unterbringung des wachsenden Bestands werden zusätzliche Kosten verursachen, die absehbar jene der verhinderten Magazinerweiterung übersteigen.</p>
<p style="font-weight: 400;">Für Leipzig selbst ist der Vorfall auch städtebaulich bedeutsam. Der Deutsche Platz ist historisch als Ort des nationalen Schriftguts geprägt, die DNB mit ihren denkmalgeschützten Bauten ein architektonisches Ensemble von nationaler Bedeutung. Die Erweiterung durch CODE UNIQUE hätte dieses Ensemble qualitativ fortgeschrieben, ein neues Magazin als zeitgemäßes Archivgebäude, energieeffizient, klimastabil, in Maßstab und Sprache dem Bestand gegenüber sensibel entwickelt.</p>
<p style="font-weight: 400;">Am 18. März 2026, kurz vor Eröffnung der Leipziger Buchmesse, ruderte Weimer teilweise zurück und erklärte, er erarbeite Vorschläge für eine Reform des DNBG. Vertrauen wiederhergestellt hat er damit kaum. Kulturpolitische Verlässlichkeit bemisst sich nicht an eiligen Korrekturen unter öffentlichem Druck, sondern an der Fähigkeit, komplexe institutionelle und rechtliche Zusammenhänge zu verstehen, bevor man handelt.</p>
<p style="font-weight: 400;">Die Debatte um den fünften Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig ist in ihrer Tiefe eine Debatte über das Verhältnis des Staates zu seinem kulturellen Gedächtnis. Ob gedruckt oder digital, dieses Gedächtnis braucht physischen Raum, rechtsverbindliche Strukturen und politische Kontinuität. Beides sind keine Luxusgüteranforderungen, sondern Grundvoraussetzungen demokratischer Informationsfreiheit im Sinne des Gesetzes über die Deutsche Nationalbibliothek.</p>
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		<title>Die Schamanin von Bad Dürrenberg</title>
		<link>https://baukunst.art/die-schamanin-von-bad-duerrenberg/</link>
		
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		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 17:39:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Archäologie Sachsen-Anhalt]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalpflege Sachsen-Anhalt]]></category>
		<category><![CDATA[DSchG LSA]]></category>
		<category><![CDATA[lhelm Kreis]]></category>
		<category><![CDATA[Museumsumbau]]></category>
		<category><![CDATA[Sonderausstellung 2026]]></category>
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					<description><![CDATA[Im Atrium des kastellartigen Museumsgebäudes von Wilhelm Kreis (1918) gibt eine Sensation der Mittelsteinforschung ihren Einstand: vier Individuen im Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Baukunst.art</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">REGIONALES | Sachsen-Anhalt | Ausgabe März 2026</em></p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Sachsen-Anhalts Landesmuseum für Vorgeschichte präsentiert eine Sensation</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) zeigt ab dem 27. März 2026 die Sonderausstellung <strong><a href="https://www.landesmuseum-vorgeschichte.de/sonderausstellungen" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Die Schamanin&#8220;</a></strong> (bis 1. November 2026), die neue, teils bahnbrechende Erkenntnisse zu einer mesolithischen Frau präsentiert, deren Grab vor mehr als 9000 Jahren im heutigen Bad Dürrenberg angelegt wurde. Anlass genug, das Gebäude, das diesen Fund beherbergt, und die kulturpolitische Dimension dieser Ausstellung genauer zu betrachten.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Haus, das seiner Sammlung gewachsen ist</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museumsgebäude an der Richard-Wagner-Strasse 9 in Halle (Saale) ist selbst ein Denkmal der deutschen Architekturgeschichte. Wilhelm Kreis, einer der prägenden Architekten des frühen 20. Jahrhunderts, entwarf den Bau in den Jahren 1911 bis 1912; die Eröffnung erfolgte 1918. Die Anlage orientiert sich formal an der Porta Nigra in Trier: ein trutziges, kastellartiges Volumen aus Muschelkalkstein, das Dauerhaftigkeit und Würde ausstrahlt. Was von aussen schwer und hermetisch wirkt, öffnet sich im Innern zu einem zentralen Atrium, um das sich die Ausstellungsflächen auf drei Geschossen anordnen. Diese Raumfigur erweist sich im Kontext der aktuellen Sonderausstellung als ausserordentlich produktiv: Im Atrium steht die Zentralinstallation der Schau, ein raumgreifendes Arrangement aus Schamanentrommel, vier Schamanengewändern und einer mit symbolischen Zeichnungen versehenen Pyramide, die sich zur Decke hin öffnet. Der von Kreis konzipierte, lichtdurchflutete Innenhof wird hier zur rituellen Mitte, zum Schwellenzustand zwischen den Ausstellungsräumen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kreis wählte für den Museumsbau eine archaische Hülle aus Muschelkalk, die eine regelmässige Stahlbetonkonstruktion umschliesst. Das Gebäude ist damit eines der frühesten Beispiele des Stahlbetonbaus in Deutschland, ohne dieses strukturelle System nach aussen zu kehren. Bemerkenswert sind die qualitätvolle Bauplastik und die expressionistischen Fresken von Paul Thiersch im Treppenhaus, die das Haus zu einem kunsthistorischen Dokument über den Museumsbau der Reformzeit machen. Die Sanierung des Bestands erfolgte in mehreren Bauabschnitten; 2008 wurden neue Restaurierungswerkstätten ergänzt (Planung: Architekten Niebergall und Schaller). Als das Museum 1918 öffnete, war es das erste Bauwerk Deutschlands, das ausschliesslich für die Präsentation vorgeschichtlicher Exponate errichtet worden war. Diese programmatische Entscheidung, dem vorgeschichtlichen Erbe ein eigenständiges, repräsentatives Gehäuse zu geben, spiegelt eine denkmalpflegerische Haltung wider, die das Land Sachsen-Anhalt bis heute auszeichnet.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was verrät die Bestattung über frühen Schamanismus?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im Mai 1934 stiessen Arbeiter bei Ausschachtungen im Kurpark von Bad Dürrenberg auf ein Grab aus der Zeit um 7000 vor Christus. Die Notbergung sicherte die Überreste einer 30- bis 40-jährigen Frau und eines etwa sechs Monate alten männlichen Säuglings. Seither ist das Grab ein Ankerobjekt des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale), das neben der Himmelsscheibe von Nebra zu den bedeutendsten Funden Sachsen-Anhalts zählt. Eine DNA-Analyse ergab, dass die Frau dunkle Haut, dunkle Haare und helle Augen hatte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die neue Sonderausstellung verdichtet Jahrzehnte der Forschung. Bei der Nachgrabung von 2019 wurden mit modernsten Methoden nicht nur neue Befunde gesichert, sondern auch die Knochen aus dem Bestand neu untersucht. Dabei stiessen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf zwei weitere menschliche Wirbel, die zu männlichen Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren gehören. Damit sind nun insgesamt vier Individuen im Grab identifiziert, die Schamanin, der Säugling und zwei Kinder, die jeweils nur durch einen Wirbel nachgewiesen sind. Genetische Untersuchungen konnten klären, dass einer der Wirbel zu einem Zwilling des Säuglings gehört, der mindestens zwei Jahre länger lebte; der zweite Wirbel stammt von einem weiteren Bruder. Diese Erkenntnis ist, wie Landesarchäologe Harald Meller formulierte, geradezu eine Sensation: Denn zumindest die Zwillinge sind nicht gleichzeitig verstorben, was den Bestattungsvorgang als hochkomplexes, möglicherweise rituell gestaffeltes Ereignis erscheinen lässt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das reiche Grabinventar, das Tierknochenmaterial von Kranich, Igel, Biber, Schildkröte, Wildschwein bis hin zu Grosssäugern wie Ur und Hirsch umfasst, gilt als starkes Indiz für schamanistische Praktiken. Ethnografische Vergleiche legen nahe, dass die Beigabe dieser Tierteile nicht als Nahrungsvorrat, sondern als Repräsentation von Hilfsgeistern zu verstehen ist. Hinzu kommt eine anatomische Besonderheit: Bei bestimmten Kopfbewegungen dürfte die Frau unwillkürliches Augenflimmern (Nystagmus) und weitere neurologische Auffälligkeiten erlebt haben, was ihre Gemeinschaft vermutlich als sichtbares Zeichen der Verbindung zur Geisterwelt deutete. Die Kombination aus Grabbeigaben und körperlichem Befund liefert einen der überzeugendsten archäologischen Belege für frühen Schamanismus weltweit.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Warum ist diese Ausstellung ein kulturpolitisches Argument für Sachsen-Anhalt?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Sonderausstellung &#8222;Die Schamanin&#8220; ist die bisher aufwendigste Schau zum urgeschichtlichen Schamanismus und zur Mittelsteinzeit in Mitteleuropa. 192 Exponate und Exponatgruppen auf rund 900 Quadratmetern Ausstellungsfläche, unterstützt von 39 Institutionen aus 14 Ländern, darunter Leihgaben, die ausserhalb ihrer Herkunftsländer kaum je zu sehen waren, das ist eine programmatische Geste. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) positioniert sich damit einmal mehr als wissenschaftliche Institution von internationalem Rang. Sachsen-Anhalt, häufig unter dem Gesichtspunkt demografischer Schrumpfung und wirtschaftlicher Strukturschwäche betrachtet, beherbergt eine archäologische Forschungslandschaft, die ihresgleichen sucht. Der Freistaat hat im Denkmalschutzgesetz Sachsen-Anhalt (DSchG LSA) die Unterschutzstellung von Bodendenkmälern konsequent geregelt; das LDA fungiert als Behörde und zugleich als Forschungsinstitution, eine Verbindung, die den kontinuierlichen Erkenntniszufluss aus Ausgrabungen in die Sammlungs- und Ausstellungsarbeit sichert. Das zeigt die Schamanin exemplarisch: Die Nachgrabung von 2019 hat das Bild des Fundes grundlegend verändert und macht eine neue öffentliche Präsentation nicht nur möglich, sondern zwingend notwendig.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museumsgebäude von Wilhelm Kreis, selbst ein Zeugnis institutionellen Vertrauens in die Dauerhaftigkeit archäologischer Forschung, bildet dafür den überzeugenden Rahmen. Der Kontrast zwischen der schweren, historistischen Hülle und den neun Jahrtausende alten Funden im Innern ist kein Widerspruch, sondern eine Beziehung: Das Haus hat Bestand, weil sein Inhalt Bestand hat. Dass im Atrium des 1918 eröffneten Kreis-Baus heute eine raumgreifende Schamaneninstallation steht, unter der sich eine Pyramide mit Symbolen zur Decke öffnet, belegt die räumliche Flexibilität und Würde dieses Grundrisses.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Schluss, der offenbleibt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Sonderausstellung läuft bis zum 1. November 2026. Der Katalog erscheint im Hirmer Verlag (Hrsg.: Harald Meller, Michael Schefzik, Anja Stadelbacher, 216 Seiten, ISBN 978-3-911693-07-3). Für Fachleute aus Archäologie, Denkmalpflege und Museumsbau lohnt sich ein Besuch auch unter dem Gesichtspunkt, wie ein denkmalgeschütztes Museumsgebäude des frühen 20. Jahrhunderts zeitgemässe Ausstellungsarchitektur aufnehmen kann, ohne seine eigene Geschichte preiszugeben. Das ist in Halle gut gelungen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
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		<title>Dresdner Bauturbo: Wie Sachsens Landeshauptstadt 21.000 Wohnungen bis 2035 schaffen will</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 14:54:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Bauturbo]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtentwicklung Sachsen]]></category>
		<category><![CDATA[Wohnungsbau Dresden]]></category>
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					<description><![CDATA[Dresden zündet den Bauturbo: Mit einem neuen Bundesgesetz will Sachsens Hauptstadt den stockenden Wohnungsbau beschleunigen. Doch reicht das Instrument wirklich?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Vom Genehmigungsturbo zur Wohnungsrealität: Dresdens riskante Wette auf das neue Baugesetz</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es ist ein Begriff, der in deutschen Bauämtern derzeit so regelmäßig fällt wie Regenwasser auf ein undichtes Flachdach: der Bauturbo. Seit dem 30. Oktober 2025 gilt das Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung, und die Kommunen stehen nun vor der Frage, ob sie das Instrument nutzen wollen, können oder müssen. Dresden hat sich früh entschieden: Die sächsische Landeshauptstadt will zünden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">21.000 Wohnungen in neun Jahren: Anspruch und Wirklichkeit</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Zahlen, die Baubürgermeister Stephan Kühn (Grüne) Anfang 2026 präsentierte, sind imposant und ernüchternd zugleich. Die aktualisierte Wohnbedarfsprognose der Stadt rechnet bis 2035 mit rund 19.000 neuen Haushalten, woraus sich ein Bedarf von etwa 21.000 neuen Wohnungen ergibt. Dazu kommen rund 1.800 Einheiten, die durch Sanierung gewonnen werden sollen. Der Wachstumstreiber ist dabei durchaus industrieller Natur: Der Ausbau der Chipindustrie im Dresdner Norden, der aus der Stadt schon heute das Herz von &#8222;Silicon Saxony&#8220; gemacht hat, sorgt für anhaltende Zuwanderung. Schon jeder dritte in Europa produzierte Chip stammt aus Sachsen, langfristig soll es jeder zweite sein.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bis 2030 sind demnach jährlich rund 2.300 neue Wohnungen nötig, danach sinkt der Bedarf auf rund 1.440 pro Jahr. Das Problem: Die Realität hinkt dem Bedarf deutlich hinterher. Zwischen 2016 und 2022 wurden in Dresden im Jahresschnitt immerhin rund 2.300 Wohnungen fertiggestellt. Seit 2023 bricht die Zahl ein: Nur noch rund 1.700 Einheiten pro Jahr entstanden zuletzt. Die Gründe sind bekannt, die Konsequenzen spürbar. Gestiegene Bau- und Finanzierungskosten haben selbst Projekte gestoppt, die schon weit in der Planung waren. Bundesweit lag der Anteil der nach der Planungsphase abgebrochenen Wohnungsbauprojekte zu Jahresbeginn 2025 auf einem Höchststand.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Bauturbo als Genehmigungsmotor</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das neue Bundesgesetz greift tief in die Planungshoheit der Kommunen ein. Es ändert zentrale Paragraphen des Baugesetzbuchs, darunter die Paragraphen 31, 34 und den neuen Paragraphen 246e BauGB. Vereinfacht gesagt: Kommunen können mit ausdrücklicher Zustimmung in bestimmten Fällen von bestehenden Bebauungsplanfestsetzungen zugunsten des Wohnungsbaus abweichen, ohne aufwendige Planänderungsverfahren zu durchlaufen. Was nach einer technischen Verwaltungsangelegenheit klingt, ist in der Praxis ein erheblicher Hebel.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kühn nennt das Werkzeug klar beim Namen: &#8222;Der Bauturbo ist in erster Linie ein Genehmigungsturbo.&#8220; Doch die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben ihn vorsichtig gemacht. Wer kennt nicht die Investoren, die Baugenehmigungen einsammeln wie Briefmarken und dann abwarten? Dresden will genau das verhindern. Kühns Grundsatzbeschluss, der noch durch den Stadtrat muss, enthält deshalb eine klare Auflage: Wer den Bauturbo nutzt, muss sich verpflichten, innerhalb von drei Jahren nach der Baugenehmigung mit dem Bau zu beginnen. Kein Bau, kein Turbo.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kein Spekulationsturbo: Dresdner Schutzmechanismen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Sorge vor einem &#8222;Spekulationsturbo&#8220; ist in Dresden keine Phrase. Sie spiegelt eine stadtpolitische Realität wider, in der Ferienwohnungen und Leerstand im selben Atemzug mit Wohnungsmangel stehen. Die SPD-Fraktion im Stadtrat machte im Januar 2026 öffentlich, dass der Baubürgermeister eine vom Stadtrat bereits im Februar 2024 in Auftrag gegebene Satzung zur Zweckentfremdung von Wohnraum noch immer nicht vorgelegt hat, obwohl die Nachbarstadt Leipzig eine entsprechende Regelung bereits im Sommer 2024 beschlossen hatte. Für die Dresdner Altstadt und Neustadt, wo Mietwohnungen zunehmend in Ferienapartments umgewandelt werden, ist das kein akademisches Problem.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Beim Bauturbo selbst hingegen hat Kühn vorgesorgt. Das kooperative Baulandmodell soll bei Projekten, die vom Bauturbo profitieren, eine Sozialwohnungsquote von mindestens 15 Prozent sichern. Bei Vorhaben über einem Hektar Grundfläche entscheidet nicht die Verwaltung allein, sondern der Stadtrat. Die Neuregelung soll bis 2030 gelten. Für Bauherrinnen und Bauherren gilt: Wer prüfen will, ob der Bauturbo auf ihr Vorhaben anwendbar ist, soll dies vorab mit der Bauaufsicht und dem Amt für Stadtplanung und Mobilität klären. Andreas Feldmann, Abteilungsleiter Verwaltung und Recht der Landeshauptstadt, brachte es am Runden Tisch vom 19. Januar 2026 auf den Punkt: &#8222;Der Dreh- und Angelpunkt für einen erfolgreichen Einsatz des Bauturbos ist die Kommunikation im Vorfeld.&#8220;</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Briesnitz und Kaditz-Mickten: Zwei Projekte als Testlabor</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dresden hat bewusst zwei konkrete Pilotprojekte benannt, an denen das neue Instrument erprobt werden soll. Das erste ist ein Wohnungsbauprojekt mit 13 Ein- und Mehrfamilienhäusern im Stadtteil Briesnitz, das sich seit Jahren in einer Art planungsrechtlicher Warteschleife dreht. Das zweite umfasst zwei Baufelder der Stadterweiterung Kaditz-Mickten im Nordwesten der Stadt. Der Bebauungsplan von 2021 sieht dort ursprünglich 60 Prozent Gewerbe und 40 Prozent Wohnen vor. Dank des Bauturbos soll es nun möglich sein, ohne aufwendige Planänderungsverfahren vom genehmigten Nutzungsmix abzuweichen und mehr Wohnraum zu schaffen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Weichenstellung ist bemerkenswert. Kaditz-Mickten liegt im Nordwesten der Stadt, in dem Stadterweiterungsgürtel, der vom Boom der Halbleiterindustrie direkt profitiert. Dass ausgerechnet hier ein Gewerbeprimat nun zugunsten des Wohnens relativiert werden soll, ist auch ein Signal an Investoren: Dresden ist bereit, Planungsrecht pragmatisch zu interpretieren, wenn es der Wohnraumversorgung dient.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Bauland im Überfluss, aber fehlende Wirtschaftlichkeit</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein strukturelles Luxusproblem prägt die Dresdner Debatte: An Bauland mangelt es der Stadt nicht. Die verfügbaren Flächen würden die prognostizierte Nachfrage theoretisch um bis zu 127 Prozent übersteigen. Das ist ein Umstand, den viele Großstädte mit Wehmut zur Kenntnis nehmen dürften. Das Problem liegt also nicht im Fehlen von Flächen, sondern in der fehlenden Wirtschaftlichkeit, diese auch zu bebauen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kühn benennt die Stellschrauben klar: Neben dem Bauturbo setzt die Stadt auf digitale Bauanträge und eine mögliche Überarbeitung der Stellplatzsatzung. Aktuell ist pro Wohneinheit ein Stellplatz vorzuhalten, bei Sozialwohnungen gilt ein Faktor von 0,6. Da ein Stellplatz im Hochbau zwischen 50.000 und 80.000 Euro kostet, ist die Frage, ob nicht jede Wohnung einen Stellplatz braucht, keine Kleinigkeit. Eine Überarbeitung könnte Baukosten spürbar senken, auch wenn sie verkehrspolitisch sorgfältig abgewogen werden muss.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Instrument zwischen Hoffnung und Realitätsprüfung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Dresdner Umgang mit dem Bauturbo zeigt, wie deutsche Großstädte mit einem neuen Planungsinstrument umgehen, das auf dem Papier viel verspricht und in der Praxis viele Voraussetzungen erfordert. Die sächsische Landeshauptstadt hat die Rahmenbedingungen durchdacht gesetzt: Bauverpflichtung statt Genehmigungshorte, Sozialquoten statt reiner Marktlogik, Pilotprojekte statt Flächendeckung. Ob das Instrument tatsächlich zu mehr fertiggestellten Wohnungen führt, hängt aber letztlich von Faktoren ab, die kein Grundsatzbeschluss lösen kann.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Baukosten müssen sinken, Förderkonditionen attraktiver werden, und das Zinsniveau muss Investitionen wieder rentabel machen. Der Bauturbo kann Genehmigungsverfahren beschleunigen. Den Graben zwischen Baugenehmigung und Baubeginn, den die deutschen Wohnungsbauzahlen seit 2022 so plastisch illustrieren, überbrückt er allein nicht. Dresden hat das erkannt. Ob der Stadtrat Kühns Konzept in der vorliegenden Form billigen wird, entscheidet sich in den Ausschussberatungen bis Ende März 2026. Das wäre dann der erste Gang in die praktische Umsetzung, bevor der Motor überhaupt anspringt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
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		<item>
		<title>Agra-Brücke Leipzig: Sachsen plant identischen Ersatzneubau statt Tunnel durch denkmalgeschützten Park</title>
		<link>https://baukunst.art/agra-bruecke-leipzig-sachsen-plant-identischen-ersatzneubau-statt-tunnel-durch-denkmalgeschuetzten-park/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Feb 2026 14:38:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[agra-Park]]></category>
		<category><![CDATA[Baukultur Leipzig]]></category>
		<category><![CDATA[Brückenbau Sachsen]]></category>
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					<description><![CDATA[Einleitung (max. 200 Zeichen): Eine marode DDR-Hochstraße zerschneidet Leipzigs agra-Park. Statt Tunnel plant Sachsen einen baugleichen Ersatz. Ein Armutszeugnis für die Baukultur.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Betoniertes Erbe: Wie Sachsen eine DDR-Sünde in die Zukunft zementiert</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Parkdenkmal unter Beton</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wer den agra-Park im Süden von Leipzig besucht, erlebt einen seltenen Widerspruch in Stein und Beton. Auf der einen Seite: ein historischer Landschaftspark aus dem 19. Jahrhundert mit geschwungenen Wegen, sorgsam arrangierten Baumgruppen, neoklassizistischem Palais und Tempelarchitekturen an der Pleiße. Auf der anderen Seite: eine autobahnartige Betonhochstraße, die das Areal mitten durchschneidet, Sichtachsen kappt und deren Lärm über Hunderte von Metern hörbar bleibt. Das ist kein gestalterisches Statement. Das ist eine bauliche Narbe.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Park geht auf den Leipziger Verleger Paul Herfurth zurück, der hier im ausgehenden 19. Jahrhundert seine Sommerresidenz anlegen ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet, diente das Areal Gartenbau- und Landwirtschaftsausstellungen. Den Namen agra-Park trägt er noch heute. In den 1970er-Jahren zog die DDR-Verkehrsplanung eine vierspurige Hochstraße als Bundesstraße 2 mittendurch. Die Ursache lag im extensiven Braunkohletagebau: Die Riesenlöcher, die sich bis an die Stadtgrenze von Leipzig fraßen, ließen nur einen schmalen Landkorridor übrig, sodass zwei Fernstraßen zu einer neuen Trasse zusammengeführt wurden. Die Hochstraße war der Preis für industriellen Raubbau. Der Park hat sich von diesem Schlag nie erholt.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Einsturzgefahr und ein unbequemes Déjà-vu</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im November 2025 kam, was Fachleute längst ahnten: Untersuchungen ergaben gravierende Schäden im Spannstahl der agra-Brücke. In zwei von fünf geöffneten Spanngliedern waren bereits einzelne Drähte gerissen, eine Vielzahl weiterer Anrisse festgestellt. Gutachter Prof. Thomas Bösche sprach von einem Befund, der die ursprünglich noch angenommene Restlebensdauer von zehn Jahren völlig zunichtemacht. Das Stichwort Carolabrücke Dresden lag unmittelbar auf der Hand: Auch dort war der gleiche Spannstahl verbaut, auch dort hatte das Brückenbauwerk im September 2024 spektakulär versagt. Der Vergleich ist keine Dramatisierung. Er ist Sachkenntnis.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seitdem gelten auf der agra-Brücke Tempo 50 und eine Gewichtsbeschränkung auf 3,5 Tonnen. Der westliche Brückenzug wird voraussichtlich ab Frühjahr 2026 vollständig gesperrt. An 34 Stellen wurden Stützkonstruktionen errichtet, die die Feldlänge von 21 auf 7 Meter reduzieren. Eine Notoperation am offenen Herzen. Und wie so oft bei solchen Operationen stellt sich die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Der Landschaftsarchitekt Dirk Seelemann vom Büro fagus in Markkleeberg, der sich seit Jahrzehnten mit dem Park befasst, weiß zu berichten, dass spätestens seit 2012 Hilfsstützen unter der Fahrbahn eingezogen wurden. Dass dieser Befund nicht dazu führte, die Planung für einen Brückenersatz oder gar einen Tunnel voranzutreiben, bleibt erklärungsbedürftig.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Tunnel oder Betonreplik? Die politische Entscheidung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seit 2008 sieht ein denkmalpflegerisches Zielkonzept eine Tieferlegung der Straße als Tunnel vor. Seit 2012 setzt sich die mitgliederstarke Bürgerinitiative Pro agra-Park für dieses Ziel ein. Bund und Freistaat Sachsen bekräftigten noch 2021, eine Tunnellösung sei wünschenswert, und kündigten eine Finanzierungsvereinbarung an. Doch das Vorhaben schaffte es nie auf eine Prioritätenliste, versackte in Schubladen, zerrieb sich an Haushaltsfragen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nun hat Infrastrukturministerin Regina Kraushaar (CDU) Sachsens Haltung klar gemacht: Ein Tunnel komme nicht in Betracht. Die Projektlaufzeit liege bei 16 bis 20 Jahren, bei Klagen seien weitere Verzögerungen garantiert. Die Brücke gebe schlicht diese Zeit nicht mehr. Stattdessen soll ein baugleicher Ersatzneubau entstehen, der durch den Verzicht auf ein Planfeststellungsverfahren möglicherweise bereits 2031 fertiggestellt werden könnte. Die Kosten in Höhe von rund 50 Millionen Euro trägt der Bund. Der Freistaat spart sich rund 140 Millionen Euro Mehrkosten für den Tunnel, die aus dem Landeshaushalt hätten finanziert werden müssen und für die sich auf Bundesebene keine Finanzierungsbereitschaft fand.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Logik dieser Entscheidung ist haushaltspolitisch nachvollziehbar. Sie ist baukulturell eine Bankrotterklärung.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zwischen Sachzwang und kultureller Verantwortung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es ist bezeichnend, dass die Entscheidung für den Ersatzneubau kurz nach einer öffentlichen Veranstaltung des Netzwerk-Baukultur Leipzig fällt, die am 12. Februar 2026 in der Stadtbibliothek unter dem programmatischen Titel stand: &#8218;Agra-Park: Verspielen wir gerade eine baukulturelle Megachance?&#8216; Unter der Moderation von Prof. Engelbert Lüdke-Daldrup, ehemaliger Staatssekretär, diskutierten dort unter anderem Dirk Seelemann, Gunnar Volkmann (BDA Sachsen) und Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, über mögliche Alternativen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architekt Gunnar Volkmann hat vier prinzipielle Lösungsvarianten verglichen und einen teilweise gedeckelten Trog als Kompromisslösung vorgeschlagen, die günstiger und einfacher zu realisieren wäre als ein Volltunnel. Prof. Arnold Bartetzky, Kunsthistoriker und Architekturkritiker sowie Verfasser des vielbeachteten FAZ-Artikels zur agra-Brücke, forderte auf dem Podium, nicht dem Fehler einer reinen Fehlerdiskussion zu erliegen: Es müsse jetzt schnell gehandelt werden, aber nicht ohne Qualitätsanspruch. Reiner Nagel verwies auf den Paradigmenwechsel von der autogerechten zur atmosphärengerechten Stadt, in der der Mensch und nicht sein Fahrzeug im Mittelpunkt steht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das klingt nach akademischer Debatte. Ist es aber nicht. Der agra-Park ist als Gartendenkmal eingetragen, die Skulpturen des 4. Internationalen Leipziger Bildhauer-Pleinairs von 1988 sind als Kulturdenkmale in der sächsischen Denkmalliste geführt. Das Areal liegt an der Grenze zweier Städte, eingebettet in ein dichtes Geflecht aus Gutshöfen, Villen und sogar einem Schloss. Eine Region mit besonderer kultureller Dichte, selten im Leipziger Umland.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was auf dem Spiel steht</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der agra-Park gehört zu den wenigen erhaltenen Relikten der vorstädtischen Residenzen des Leipziger Großbürgertums. Kunsthistorikerin Josephine Dreßler hat seine kulturgeschichtliche Bedeutung in einer eingehenden Untersuchung herausgestellt. Als Grünraum zwischen Leipzig und Markkleeberg besitzt das Areal erhebliches Potenzial als Naherholungsgebiet, zumal sich mit der ehemaligen Tagebaurestauration eine attraktive Seenplatte im Südraum entwickelt hat.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Einen identischen Ersatzbau in die Zukunft zu zementieren bedeutet, dieses Potenzial für weitere 80 bis 100 Jahre zu verbauen. Es bedeutet, einer Bürgerinitiative, die sich seit 2012 auf der Grundlage politischer Zusagen engagiert hat, jene Zusagen nachträglich zu entziehen. Und es bedeutet, einen von der DDR geschaffenen eklatanten Missstand nicht etwa zu beenden, sondern fortzuschreiben.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Sachsen sieht sich in einer Zwangslage. Diese Zwangslage ist real. Aber sie ist auch Ergebnis jahrzehntelanger politischer Verschleppung. Wer 2012 erkannte, dass die Brücke Probleme hat, und trotzdem bis 2025 keine belastbare Planung aufgebaut hat, sollte sich mit dem Verweis auf den Handlungsdruck zurückhalten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Tunnellösung wäre eine Wiedergutmachung für vergangenen Raubbau an Natur und Kultur, ein Entwicklungsimpuls für den Südraum Leipzigs und ein Bekenntnis zur baukulturellenVerantwortung der Verkehrsplanung. Selbst die Trogvariante nach dem Vorschlag von Gunnar Volkmann wäre ein Signal, dass die Republik im Jahr 2025 in der Lage ist, mehr als nur eine Beton-Kopie aus DDR-Zeiten in die Welt zu setzen. Es wird ein Armutszeugnis sein, wenn diese Chance verspielt wird.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der höchste Berg Sachsens wechselt den Besitzer: Was die Privatisierung des Fichtelbergs für Architektur und Region bedeutet</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Jan 2026 17:22:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Erzgebirge]]></category>
		<category><![CDATA[Fichtelberg]]></category>
		<category><![CDATA[Privatisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[Sachsens höchster Berg samt historischer Schwebebahn ist nun in Privatbesitz. Ein IT-Millionär aus dem Vogtland übernimmt das Tafelsilber des Erzgebirges.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Ein Jahrhundert Seilbahngeschichte endet in privaten Händen</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am Fichtelberg vollzieht sich gerade ein Eigentumswechsel von historischer Tragweite. Die 1924 erbaute Fichtelberg-Schwebebahn, Deutschlands älteste Luftseilbahn und architektonisches Wahrzeichen des Erzgebirges, gehört seit November 2025 nicht mehr der Stadt Oberwiesenthal. Mit dem Eingang der vereinbarten Kaufsumme von 10,4 Millionen Euro endete eine Ära kommunalen Eigentums an einer der bedeutendsten verkehrstechnischen Anlagen des frühen 20. Jahrhunderts. Der Käufer ist die Liftgesellschaft Oberwiesenthal, hinter der die Unternehmerfamilie Gläß aus dem vogtländischen Schöneck steht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Vorgang selbst erscheint zunächst unspektakulär: Eine finanziell überforderte Kommune übergibt ihre touristische Infrastruktur an einen Investor, der die notwendigen Modernisierungen stemmen kann. Doch die Dimension des Geschäfts offenbart sich erst bei genauerer Betrachtung: Neben der Schwebebahn erwarb die Familie Gläß bereits das Fichtelberghaus samt Gipfelplateau für knapp zwei Millionen Euro sowie den bestehenden Sessellift. Damit kontrolliert künftig eine einzige Familie nahezu das gesamte alpine Skigebiet an Sachsens höchstem Berg.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Investitionsstau als Treiber der Privatisierung</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Gründe für den Verkauf liegen in einem über Jahrzehnte aufgebauten Investitionsstau. Während das benachbarte tschechische Keilberg-Areal und auch das thüringische Oberhof kontinuierlich modernisiert wurden, verharrte Oberwiesenthal in einer Phase der Stagnation. Die Anlagen gelten als veraltet, für den dringend benötigten Neubau eines Sechser-Sessellifts an der Himmelsleiter samt Speichersee für künstliche Beschneiung werden rund 21 Millionen Euro veranschlagt. Am Haupthang sind weitere Millioneninvestitionen erforderlich.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Weder die Stadt noch der Erzgebirgskreis sahen sich in der Lage, diese Summen aufzubringen. Auch das Land Sachsen winkte ab: Eine solche Liegenschaft könne nur erworben werden, wenn dies zur Erfüllung staatlicher Aufgaben erforderlich sei, ließ das Finanzministerium verlauten. Dieser Bedarf sei nicht gegeben. Die Formulierung offenbart eine bemerkenswerte Distanzierung der öffentlichen Hand von touristischer Infrastruktur, die einst als unveräußerliches Gemeinschaftsgut galt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Der Investor: Vom Software-Milliardär zum Skigebietsbetreiber</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Rainer Gläß, Jahrgang 1959, machte sein Vermögen mit der von ihm mitgegründeten GK Software SE. Das Unternehmen entwickelte sich vom Zwei-Mann-Betrieb im Vogtland zu einem weltweit führenden Anbieter von Kassensystemen für den Einzelhandel. Nach der Übernahme durch den japanischen Fujitsu-Konzern im Jahr 2023 erhielt das Gründerduo Gläß und Kronmüller für ihr Aktienpaket rund 175 Millionen Euro.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Unternehmer gilt als Mäzen seiner Heimatregion. In Schöneck finanzierte er Skilifts, ein Restaurant mit gehobenem Niveau und fördert den Nachwuchsskisport. Sein Engagement am Fichtelberg fügt sich in dieses Muster regionaler Verantwortung. Kritische Stimmen sehen darin allerdings auch eine problematische Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen einer einzelnen Familie.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Architektonisches Erbe unter privatem Dach</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Fichtelberg-Schwebebahn besitzt als technisches Denkmal einen besonderen Status. In nur vier Monaten Bauzeit errichtete die Allgemeine Transportanlagen-Gesellschaft Leipzig 1924 die Anlage für 354.000 Reichsmark. Die Kabinen mit den Namen Elinor und Maria, benannt nach den Ehefrauen der damaligen Hauptaktionäre, überbrücken auf 1.175 Metern Länge einen Höhenunterschied von 303 Metern. Die Bahn überlebte die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre, den Zweiten Weltkrieg, die DDR-Zeit und einen drohenden Abriss 2012, als Pläne für eine moderne Umlaufbahn an geänderten EU-Förderrichtlinien scheiterten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Fichtelberghaus selbst wurde Ende der 1990er Jahre nach historischem Vorbild neu errichtet und 1999 eröffnet. Nun stehen Sanierungen im hohen einstelligen Millionenbereich an: neue Lüftungsanlagen, Brandschutz und die Generalsanierung der 28 Hotelzimmer. Der Investor verpflichtete sich vertraglich, binnen fünf Jahren die Sanierung umzusetzen und das Haus weiter als Gastronomie zu betreiben. Bei Verstoß droht eine Vertragsstrafe, zudem behält sich der Landkreis ein Vorkaufsrecht vor.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Zwischen Notwendigkeit und Ausverkauf</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die politische Bewertung des Vorgangs fällt erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Oberwiesenthals Bürgermeister Jens Benedict sprach von einem langen Weg, der zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen sei. Die Stadt bringe dem privaten Investor großes Vertrauen entgegen. Die Linke hingegen kritisierte den Verkauf scharf. Der Landtagsabgeordnete Rico Gebhardt nannte es unverantwortlich, sich in die Abhängigkeit von einer einzigen Familie zu begeben. Sachsens höchster Berg gehöre nicht in private Hände.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Kontroverse berührt eine grundsätzliche Frage der kommunalen Daseinsvorsorge: Inwieweit darf öffentliche Infrastruktur privatisiert werden, wenn die Kommunen ihre Erhaltung nicht mehr finanzieren können? Die beliebte Metapher vom Verkauf des Tafelsilbers verharmlost nach Ansicht mancher Kritiker die Entwicklung, weil staatliche Unternehmen der öffentlichen Hand laufende Einnahmen verschaffen und damit der Allgemeinheit dienen, während verkaufte Güter diese Funktion verlieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Klimawandel erzwingt Neuausrichtung</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Fichtelberg mit seinen 1.215 Metern liegt am unteren Rand schneesicherer Höhenlagen. Die geplanten Investitionen in Beschneiungsanlagen und einen Speichersee reagieren auf die klimatischen Veränderungen. Gleichzeitig zielt die Modernisierung auf eine stärkere Nutzung im Sommertourismus: Mountainbiking, Wandern und die Fly-Line sollen ganzjährige Attraktivität sichern. Auf die rund 2.000 Einwohner Oberwiesenthals kommen etwa 4.400 Gästebetten und mehr als eine halbe Million Übernachtungen pro Jahr. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus macht den Berg zur Schicksalsfrage der gesamten Region.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Privatisierung reiht sich in einen größeren Trend ein: Kommunen in Ostdeutschland, die über Jahrzehnte versuchten, Infrastruktur in öffentlicher Hand zu halten, stoßen an finanzielle Grenzen. Dass mit Rainer Gläß ein Investor aus der Region auftritt, der seine Heimatverbundenheit demonstriert, mildert die Bedenken, beseitigt sie aber nicht. Die Verantwortung für ein Stück ostdeutscher Identität liegt nun in privaten Händen. Ob dieses Modell langfristig trägt, bleibt ein Experiment mit ungewissem Ausgang.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Ein Kompromiss für die Friedensglocke</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Einen kleinen Erfolg konnte die Stadt verbuchen: Ein knapp 3.000 Quadratmeter großes Areal neben der Bergstation der Schwebebahn, auf dem sich unter anderem die Friedensglocke befindet, wurde für knapp 25.000 Euro an die Kommune verkauft. Dieser symbolische Verbleib eines Teils des Gipfels in öffentlicher Hand kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die touristische Nutzung des Fichtelbergs künftig von den unternehmerischen Entscheidungen einer Familie abhängt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Bauarbeiten für den neuen Sessellift sollen schnellstmöglich beginnen, denn die Baugenehmigung läuft Ende 2025 aus. Constantin Gläß, Sohn des Investors und Geschäftsführer der Liftgesellschaft, kündigte auch die Gründung einer gemeinsamen Trägergesellschaft mit der Stadt an, um das Skigebiet langfristig weiterzuentwickeln. Ob diese Konstruktion der Kommune tatsächlich Einflussmöglichkeiten sichert oder lediglich ein Feigenblatt darstellt, wird sich zeigen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die hundertjährige Schwebebahn schwebt derweil weiter zwischen Tal- und Bergstation, 303 Meter Höhenunterschied in dreieinhalb Minuten. Die alten Damen Elinor und Maria haben schon viele Eigentümer überlebt.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Frankfurt (Oder) und sein Literaturmuseum: Wenn Architektur Geschichte erzählt</title>
		<link>https://baukunst.art/frankfurt-oder-und-sein-literaturmuseum-wenn-architektur-geschichte-erzaehlt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 23 Jan 2026 17:07:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurt (Oder)]]></category>
		<category><![CDATA[Kleist Museum]]></category>
		<category><![CDATA[Museumsarchitektur]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Kleist Museum in Frankfurt (Oder) vereint spätbarocke Eleganz mit zeitgenössischer Reduktion. Die aktuelle Sonderausstellung ergänzt diesen Dialog um eine musikalische Dimension.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Vom Zopfstil zum Dolomit Kubus: Das Kleist Museum als architektonisches Gesamtkunstwerk</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Frankfurt an der Oder trägt seit 1998 den Zusatz Kleiststadt im Namen. Diese Selbstbezeichnung ist mehr als städtisches Marketing, sie ist ein Bekenntnis zu einem kulturellen Erbe, das in der ehemaligen Garnisonschule an der Faberstraße seinen sichtbaren Ausdruck findet. Das Kleist Museum, einziges seiner Art weltweit, präsentiert sich heute als bemerkenswertes Doppelensemble: ein spätbarocker Bau aus dem 18. Jahrhundert im Dialog mit einem zeitgenössischen Erweiterungsbau von 2013. Die aktuelle Sonderausstellung „Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik” fügt diesem architektonischen Gespräch eine weitere Ebene hinzu.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Baudenkmal mit bewegter Geschichte</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Geschichte des historischen Gebäudes beginnt 1777, im Geburtsjahr Heinrich von Kleists. Der Berliner Baumeister Martin Friedrich Knoblauch entwarf die Garnisonschule im Auftrag des Herzogs Leopold von Braunschweig. Der zweigeschossige, siebenachsige Bau mit seinem charakteristischen Mansardwalmdach gehört stilistisch dem sogenannten Zopfstil an, der letzten Phase des Spätbarocks. Die abgerundeten Gebäudeecken, flankiert von Kolossalpilastern, und die als Ansichten konzipierten Fassaden zeugen von architektonischem Anspruch auch bei einem funktionalen Bildungsbau.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Gebäude überlebte die Jahrhunderte, während Kleists ursprüngliches Geburtshaus den Bomben des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fiel. Nach verschiedenen Stationen der Kleist Sammlung in der Stadt fand das 1969 gegründete Museum in der ehemaligen Schule eine dauerhafte Bleibe. Dass ausgerechnet ein Bau aus Kleists Geburtsjahr zur Heimstatt seines Andenkens wurde, mag Zufall sein, verleiht dem Ort jedoch eine zusätzliche symbolische Dimension.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Neubau: Selbstbewusste Zurückhaltung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Fülle der Sammlungsbestände und die wachsenden Aufgaben der Forschungseinrichtung machten einen Erweiterungsbau unumgänglich. Das Offenburger Büro Lehmann Architekten gewann 2010 den Wettbewerb mit einem Entwurf, der die Jury überzeugte, obwohl, oder gerade weil, er einen deutlichen Kontrast zum Altbau setzt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der dreigeschossige Neubau, 2013 nach einer Bauzeit von etwa zwei Jahren eröffnet, versteht sich als Stadtbaustein. Er fügt sich in die Flucht der Faberstraße ein und nimmt die Höhe des benachbarten Mansarddaches auf. Dort endet die formale Verwandtschaft. Während der Barockbau mit Kolossalpilastern, Gesimsen und Fensterrundbögen arbeitet, präsentiert sich der Erweiterungsbau als strenger Kubus mit einer Fassade aus Wachenzeller Dolomit. Die geschosshohen Natursteinplatten, 52 Zentimeter breit und bis zu 3,10 Meter hoch, umschließen den Stahlbetonbau wie eine raue Haut.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architekten begründeten ihre Materialwahl mit Kleists Naturverbundenheit. Der poröse, raue Stein soll an die Schweizer Landschaft erinnern, in der der Dichter 1802 sein bürgerliches Leben hinter sich lassen wollte. Ob diese Assoziation bei den Besucherinnen und Besuchern ankommt, bleibt offen. Unstrittig ist jedoch, dass die Fassade eine eigenwillige Textur in die weitgehend verputzte Umgebung bringt.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Räumliche Dramaturgie zwischen Alt und Neu</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Eine gläserne Fuge verbindet die beiden Baukörper auf zwei Ebenen, ohne ihre Eigenständigkeit aufzuheben. Der Haupteingang liegt nun im Neubau, ein tiefer Einschnitt in der Fassade markiert ihn als einzige plastische Betonung der sonst flächigen Wand. Von hier aus erschließen sich die 2.316 Quadratmeter Bruttogeschossfläche des Erweiterungsbaus: Museumspädagogik und Veranstaltungsräume im Erdgeschoss, die Dauerausstellung zum Werk Kleists im ersten Obergeschoss, Bibliothek und Verwaltung darüber, klimatisierte Depots im Kellergeschoss.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Dauerausstellung „Rätsel. Kämpfe. Brüche.” nutzt beide Gebäude und macht den Wechsel zwischen ihnen zum Teil der Besuchserfahrung. Das Leben des Dichters wird im Altbau erzählt, sein Werk im Neubau. Ein bewusst uneben gestalteter Fußboden im Ausstellungsraum zum Werk schafft eine körperliche Irritation, die an die Brüche in Kleists Texten erinnern soll. Solche sensualistischen Eingriffe unterscheiden das Museum von konventionelleren Literaturausstellungen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Sonderausstellung als Klangkörper</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bis zum 14. Juli 2026 widmet sich das Museum einer weniger bekannten Facette seines Hausdichters. „Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik” nimmt ein Zitat von 1811 zum Ausgangspunkt: Kleist wollte sich ein Jahr lang mit nichts als der Musik beschäftigen und alles, was er über die Dichtkunst gedacht habe, auf Töne beziehen. Zu dieser Verwirklichung kam es nicht mehr.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die von Dr. Adrian Schliebe kuratierte Ausstellung, gestaltet vom Hallenser Studio Neue Museen, präsentiert sowohl die Bedeutung der Musik für Kleist als auch seine musikalische Rezeptionsgeschichte. Der Fokus liegt auf drei Opernbearbeitungen seines Lustspiels „Der zerbrochne Krug”: Viktor Ullmanns Version von 1942, entstanden kurz vor seiner Deportation nach Theresienstadt; Zbyněk Vostřáks tschechische Adaption von 1962; und Fritz Geißlers DDR Vertonung von 1969. Dass gerade die Ullmann Oper, ein Werk im Angesicht der Vernichtung, den komischen Stoff mit Jazz Anleihen behandelt, gehört zu den verstörenden Entdeckungen der Schau.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Bedeutung, überregionale Ausstrahlung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Kleist Museum ist seit 2019 eine brandenburgische Landesstiftung unter Beteiligung des Bundes und der Stadt Frankfurt (Oder). Die jüngst abgeschlossene Sanierung des historischen Gebäudes mit einem Volumen von über zwei Millionen Euro demonstriert die Bereitschaft aller Ebenen, in diesen Kulturort zu investieren. Kulturstaatsministerin Claudia Roth bezeichnete das Projekt als Paradebeispiel für gelungenen Kulturföderalismus.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für die Grenzstadt Frankfurt (Oder) ist das Museum mehr als eine Gedenkstätte. Es ist ein identitätsstiftender Ort in einer Region, die mit demografischem Wandel und wirtschaftlichem Strukturwandel kämpft. Die Lage direkt am Oder Neiße Radweg macht es zum touristischen Anlaufpunkt, die Kooperation mit der Europa Universität Viadrina verbindet es mit der akademischen Welt, die Bibliothek mit über 100.000 Bestandseinheiten zieht internationale Forschende an.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein gelungener Dialog?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Fassade des Neubaus war von Anfang an nicht unumstritten, wie zeitgenössische Berichte vermerken. Im Inneren jedoch überzeugt der lichtdurchflutete, funktionale Bau. Die Qualität der Architektur liegt weniger in spektakulären Gesten als in der klugen Zurückhaltung, die dem historischen Nachbarn den Respekt nicht verweigert, ohne ihm unterwürfig zu werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dass nun eine Ausstellung über Musik in diesen Räumen stattfindet, fügt dem architektonischen Dialog eine akustische Dimension hinzu. Kleist selbst schrieb über die Gewalt der Musik und meinte damit ihre emotionale Kraft. Das Zusammenspiel von spätbarocker Ornamentik und zeitgenössischer Reduktion, von historischem Auftrag und gegenwärtiger Forschung macht das Kleist Museum zu einem Ort, an dem sich diese Kraft entfalten kann.</p>
<h2>Besucherinformationen</h2>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Adresse:</strong> Stiftung Kleist Museum Faberstraße 6–7 15230 Frankfurt (Oder)</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Kontakt:</strong> Tel.: +49 335 387 221 0 Fax: +49 335 387 221 90 E Mail: info@kleist-museum.de Web: www.kleist-museum.de</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Öffnungszeiten:</strong> Dienstag bis Sonntag: 10:00–18:00 Uhr Montag: geschlossen (an gesetzlichen Feiertagen geöffnet) Einlass bis 15 Minuten vor Schließung Geschlossen: 1. Januar, 24., 25. und 31. Dezember</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Eintrittspreise:</strong> Erwachsene: 7 € Ermäßigt: 4 € (Studierende, Erwerbslose, Mitglieder Museumsverband Brandenburg, Schwerbeschädigte ab GdB 50) Familienticket: 10 € (2 Erwachsene + Kinder unter 18 Jahren) Gruppen: 4 € pro Person (ab 11 Personen) Freier Eintritt: unter 18 Jährige, ICOM Mitglieder, Förderkreismitglieder, Begleitperson von Schwerbeschädigten</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Museumssonntag:</strong> Jeder 3. Sonntag im Monat freier Eintritt für alle</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Kombi Ticket Frankfurter Museen:</strong> 12 € (ermäßigt 9 €) Gültig für 3 Museen innerhalb von 72 Stunden: Kleist Museum, Museum Viadrina, Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Aktuelle Sonderausstellung:</strong> „Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik” Bis 14. Juli 2026 Kurator: Dr. Adrian Schliebe Gestaltung: Studio Neue Museen, Halle (Saale)</p>
<p style="font-weight: 400;"><strong>Dauerausstellung:</strong> „Rätsel. Kämpfe. Brüche. Die Kleist Ausstellung”</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Eisenhüttenstadt: Wie Europas größtes Flächendenkmal mit Probewohnen gegen die Abwanderung kämpft</title>
		<link>https://baukunst.art/eisenhuettenstadt-wie-europas-groesstes-flaechendenkmal-mit-probewohnen-gegen-die-abwanderung-kaempft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Dec 2025 16:35:16 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Eisenhüttenstadt]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtumbau]]></category>
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					<description><![CDATA[Europas größtes Flächendenkmal kämpft ums Überleben: Eisenhüttenstadt lockt mit Probewohnen und Traummieten Großstadtmüde in die sozialistische Musterstadt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein städtebauliches Experiment zwischen Nostalgie und Zukunft</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im Hotel Lunik brennt wieder Licht. Zwanzig Jahre lang stand der kleine Mond, wie der Name auf Russisch bedeutet, im Zentrum von Eisenhüttenstadt leer. Jetzt öffnet die Stadt als neue Eigentümerin die Türen für Theateraufführungen und Architekturworkshops. Die Menschen stehen Schlange, um das ramponierte Relikt sozialistischer Stadtplanung zu besichtigen. Es ist ein Bild, das symptomatisch für das Erwachen einer Stadt steht, die sich gegen ihren demografischen Niedergang stemmt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die brandenburgische Kommune an der Oder feiert 2025 ihr 75. Jubiläum, und die Bilanz ist ernüchternd und ermutigend zugleich. Von einst über 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern zur Wendezeit sind nur noch rund 25.000 geblieben. Doch anstatt sich in das scheinbar Unausweichliche zu fügen, wagt Eisenhüttenstadt ein städtebauliches Experiment, das weit über klassisches Stadtmarketing hinausgeht.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Probewohnen: Mehr als eine PR-Aktion</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Konzept Jetzt Pläne schmieden ermöglicht es Interessierten, zwei Wochen lang kostenfrei in einer möblierten Wohnung zu leben und das Stadtgefühl zu testen. Als die Stadt im Sommer 2024 das Angebot erstmals bewarb, wurden die Rathausmitarbeiterinnen und Rathausmitarbeiter förmlich überrannt. Rund 2.000 Bewerbungen gingen ein, aus dem In- und Ausland. Das Medienecho war enorm, jeder Bericht generierte weitere Anfragen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Aktion richtet sich gezielt an Berufspendler, Rückkehrinteressierte und Fachkräfte, die einen Tapetenwechsel suchen. Neben der kostenlosen Unterkunft erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein durchdachtes Programm: Stadtführungen, Einblicke in die Bildungslandschaft, Werksbesichtigungen und Stammtische sollen ein authentisches Bild der Stadt vermitteln. Lokale Unternehmen bieten Praktika und Job-Shadowing an, um berufliche Perspektiven aufzuzeigen.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das architektonische Erbe als Standortvorteil</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was Eisenhüttenstadt von anderen schrumpfenden Städten unterscheidet, ist sein einzigartiges baukulturelles Erbe. Die Wohnkomplexe I bis IV bilden das größte zusammenhängende Flächendenkmal Europas und dokumentieren die Architekturentwicklung der 1950er und 1960er Jahre wie ein begehbares Lehrbuch. Die klassizistischen Arbeiterpaläste im Sozialistischen Realismus, von manchen stalinistischer Zuckerbäckerstil genannt, erinnern an die berühmte Berliner Karl-Marx-Allee, nur eben kompakter und weit draußen im märkischen Sand.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seit 2003 wurden mit Unterstützung von Städtebauförderung und Mitteln der sozialen Wohnraumförderung über 2.000 Wohnungen im Denkmalbereich saniert. Der Einbau von Aufzügen, Grundrissänderungen und der Anbau von Balkonen führten in Verbindung mit der Modernisierung von Heizung, Elektrik und Sanitärbereichen zur wesentlichen Steigerung der Wohnqualität. Die dreistöckigen Wohnhäuser wirken sämtlich wie frisch saniert und liegen locker gruppiert in einer Parklandschaft.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kritische Betrachtung: Chancen und Grenzen</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch bei aller Euphorie bleiben kritische Fragen. Die geografische Lage im äußersten Brandenburg nahe der polnischen Grenze ist herausfordernd. Die Bahnverbindung nach Berlin dauert anderthalb Stunden, und auch mit dem Auto ist die Hauptstadt nicht schnell erreichbar. Für Menschen, die auf Präsenz im Büro angewiesen sind, bleibt Eisenhüttenstadt ein schwieriger Standort.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hinzu kommt: In Eisenhüttenstadt kann man nur mieten, nicht kaufen. Eigenheimgrundstücke gibt es innerhalb des geschützten Bereichs nicht, weil die Planstadt mit ihren 5.000 Wohnungen unter Denkmalschutz steht. Wer sich den Traum vom Eigenheim erfüllen möchte, muss auf Randbereiche außerhalb der Denkmalzonen ausweichen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Kehrseite des Stadtumbaus ist ebenfalls nicht zu übersehen. Trotz aller Bemühungen wurden seit 1990 über 6.200 Wohnungen abgerissen, teils denkmalgeschützte Bauten. Ganze Karrees verschwanden, manche Plätze wie der ehemalige Platz der Jugend liegen heute brach, die Natur holt sich den Raum zurück, Vandalismus zerstört unter Denkmalschutz stehende Gebäude und baubezogene Kunst.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Modell für andere Regionen?</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Strategie von Eisenhüttenstadt ist kein Einzelfall. Görlitz, Guben, Frankfurt (Oder), Eberswalde und Salzwedel verfolgen ähnliche Ansätze. In Salzwedel soll ein riesiges Plakat am Bahngleis Zugreisende im ICE zwischen Hamburg und Berlin ansprechen, für den Fall, dass sie einmal großstadtmüde werden. Der Wettbewerb um Zuzüglerinnen und Zuzügler hat längst begonnen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was Eisenhüttenstadt jedoch auszeichnet, ist die Verbindung aus architektonischem Alleinstellungsmerkmal und pragmatischer Stadtentwicklungspolitik. Die Gebäudewirtschaft Eisenhüttenstadt (Gewi) hat bis zu 200 Drei-Raum-Wohnungen sofort verfügbar, Kaltmieten ab 6,30 Euro je Quadratmeter sind keine Seltenheit. Im Vergleich zu Berlin, wo der Durchschnitt bei über 14 Euro liegt, klingen solche Preise wie aus einer anderen Zeit.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Stadtsprecher Valentin Franze formuliert das Ziel klar: Wir müssen zwei Generationen zurückholen. Die Stadt wirbt mit kurzen Wegen, familiengerechter Infrastruktur und ihrer Eignung als Homeoffice-Standort. Für Menschen, die flexibel arbeiten können, könnte das Flächendenkmal tatsächlich eine Alternative sein.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Fazit: Zwischen Utopie und Pragmatismus</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Eisenhüttenstadt steht exemplarisch für die Herausforderungen ostdeutscher Mittelstädte und für mögliche Antworten darauf. Die Stadt war einst als sozialistische Utopie geplant, als Ort, an dem Arbeit, Wohnen, Bildung und Freizeit harmonisch aufeinander abgestimmt sein sollten. Heute, 75 Jahre später, muss sie sich neu erfinden, ohne ihr baukulturelles Erbe zu verraten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Probewohnen-Projekt zeigt, dass kreative Ansätze zumindest Aufmerksamkeit generieren können. Ob aus Aufmerksamkeit auch nachhaltiger Zuzug wird, muss sich erst zeigen. Aber eines steht fest: Im kleinen Mond brennt wieder Licht, und mit ihm vielleicht auch ein Funken Hoffnung für Europas größtes Flächendenkmal.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Chemnitz 2025: Wie die Kulturhauptstadt ihre Bausubstanz neu entdeckte</title>
		<link>https://baukunst.art/chemnitz-2025-wie-die-kulturhauptstadt-ihre-bausubstanz-neu-entdeckte/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Dec 2025 16:13:42 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Industriearchitektur Sachsen]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturhauptstadt Chemnitz 2025]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtentwicklung Ostdeutschland]]></category>
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					<description><![CDATA[Chemnitz hat als Kulturhauptstadt Europas 2025 bewiesen, dass Stadtentwicklung und Kultur untrennbar verbunden sind. Die architektonische Bilanz fällt überraschend positiv aus.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Maschinen schweigen, die Stadt erwacht</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein verglastes Sheddach lässt Licht auf gusseiserne Pfeiler fallen. Zwischen den historischen Stützen dominiert ein mächtiges Zahnrad den Raum, der noch nach frischer Farbe riecht. Die Hartmannfabrik, 1864 vom sogenannten Lokomotivenkönig Richard Hartmann erbaut, stand jahrzehntelang leer. Nun bildet sie das pulsierende Zentrum dessen, was Chemnitz im Jahr 2025 erreicht hat: eine Verbindung von industriellem Erbe und kultureller Erneuerung, die in ihrer Konsequenz ihresgleichen sucht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Kulturhauptstadtjahr ist offiziell beendet, doch die baulichen Spuren bleiben. 30 sogenannte Interventionsflächen verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet. Sie reichen von Großvorhaben wie der Hartmannfabrik, der Stadtwirtschaft und dem Karl Schmidt Rottluff Haus bis zu kleineren Eingriffen in Stadtteilen wie dem Park Morgenleite oder dem neuen Wanderweg Lohse Uhlig Steig in Kleinolbersdorf Altenhain. Rund 30 Millionen Euro flossen in diese bauliche Transformation.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zwischen Aufbruch und Altlast</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektin Lotte Claudia Fischer vom Verein Baukultur für Chemnitz bringt das Anliegen auf den Punkt: Man wolle die Stadt beleben und gleichzeitig die verborgenen städtebaulichen Potenziale beleuchten. Genau diese Doppelstrategie prägt das Chemnitzer Modell. Es ging nie nur um spektakuläre Neubauten oder kostspielige Sanierungen, sondern um die Wiederentdeckung des Vorhandenen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Hartmannfabrik steht exemplarisch für diesen Ansatz. Nach langem Leerstand wurde das denkmalgeschützte Gebäude in einer Public Private Partnership von der Unternehmerfamilie Pfeifer saniert, ergänzt durch Mittel von Bund, Freistaat und Stadt. Investor Udo Pfeifer erinnert sich, wie er an der Brache vorbeikam und jedes Mal den Verfall bedauerte. Als die damalige Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, die Fabrik als Zentrale der Kulturhauptstadt herzurichten, las er zunächst das Bewerbungsbuch. Dann war er, wie er selbst sagt, schwer begeistert.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Sanierung erwies sich als komplexer als erwartet. Selbst der Fußboden, das einzige Element, das bereits einmal erneuert worden war, hielt der Prüfung nicht stand. Darunter zeigten sich Bauschutt, Löcher und Holzreste. Sogar das Fundament musste teilweise erneuert werden. Der Verwaltungsprozess dahinter war, so Pfeifer, echt gigantisch.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Unsichtbare sichtbar machen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Leitmotiv der Kulturhauptstadt lautete „C the Unseen&#8220; – sieh das Ungesehene. Für Architektinnen und Städteplaner bedeutete dies konkret: übersehene Plätze aktivieren, Brachen aufwerten, vergessene Räume neu interpretieren. Chemnitzer Landschaftsarchitektinnen entwickelten im Projekt Platzvisionen zusammen mit Bürgerinnen und Bürgern Zukunftsszenarien für öffentliche Räume, die bisher im Schatten der Aufmerksamkeit lagen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Garagen Campus im industriell geprägten Stadtteil Kappel verkörpert diesen Geist besonders deutlich. Auf dem Areal des ältesten Betriebshofs der Chemnitzer Verkehrs AG entstand eine Ideenschmiede, die jeden aus der Nachbarschaft einlädt, sich einzubringen. Hier stellten Architektur und Gestaltungsbüros ihre Ideen zur Stadtgestaltung vor. Sogar der japanische Stararchitekt Kengo Kuma reiste aus Tokio an, um sich in die Debatte um naturnahes Bauen einzubringen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Last der Demografie</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bei aller Festjahreseuphorie bleibt die Totale nicht aus den Augen zu verlieren, mahnt Irene Popp, Vorsitzende des einzigen Volksbühnenvereins in den ostdeutschen Bundesländern außerhalb Berlins. Chemnitz hat aktuell die älteste Bevölkerung aller deutschen Großstädte. Das Durchschnittsalter liegt seit rund 20 Jahren konstant zwischen 46 und 47 Jahren. Ende 2022 lebten etwa 69.200 Rentnerinnen und Rentner ab 65 Jahren in der Stadt, aber nur 39.400 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese demografische Schieflage prägt die städtebaulichen Herausforderungen nachhaltig. Die Prognosen für 2035 spannen einen Korridor zwischen 227.500 und 242.500 Einwohnerinnen und Einwohnern auf. Der große Spielraum von rund 15.000 Menschen zeigt die Dynamik und Unsicherheit der demografischen Entwicklung. Die Abwanderung richtet sich vorrangig in zwei Richtungen: zum einen nach Dresden und Leipzig, zum anderen in die Städte und Gemeinden des unmittelbaren Umlandes.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zwischen DDR Moderne und Gründerzeit</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Chemnitz bietet einen architektonischen Culture Clash, der andernorts so nicht zu finden ist. Jugendstilbauten stehen neben Industriekathedrale und DDR Architektur, die postsozialistsche Moderne fügt sich in ein historisch gewachsenes Stadtbild. Das Marx Monument, 13 Meter hoch und mit überdimensioniertem Kopf, ragt als Relikt des städtischen Intermezzos als Karl Marx Stadt zwischen 1953 und 1990 in den Himmel. Dahinter erstreckt sich ein langer Büro Betonriegel an der breiten Brückenstraße.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ehemalige Kaufhaus Schocken, heute Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz, gilt als herausragendes Beispiel der Architektur der Moderne. Die Architektenkammer Sachsen hat in einem Arbeitskreis vier Projekte entwickelt, die bis 2025 und hoffentlich darüber hinaus ihre Wirkung im Chemnitzer Stadtraum entfalten. Das Ziel: Geschichte beleuchten, Erhaltenes sichtbar machen, experimentieren sowie Planungen und Visionen für die Gesellschaft erlebbar gestalten.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Frage nach dem Danach</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die entscheidende Frage lautet nun: Was bleibt, wenn die Fördermittel versiegen? Die Kommune ist in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt und zum Sparen gezwungen wie viele andere auch. Vieles, aber nicht alles kann durch ehrenamtliches Engagement abgefangen werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für das Brückenjahr 2026 und den Legacy Rahmenplan ab 2027 hat die Stadt bereits Weichen gestellt. Eine Frei Otto Summerschool für nachhaltige Architektur ist geplant, ebenso ein Stadtentwicklungswettbewerb. Der Kunst und Skulpturenweg Purple Path verbindet Chemnitz dauerhaft mit 38 Kommunen der Region. Mit Arbeiten von über 60 renommierten internationalen, regionalen und lokalen Künstlerinnen und Künstlern ist eine einzigartige Ausstellung zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum entstanden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Bewerbungsbuch für die Kulturhauptstadt formulierte es treffend: Ziel sei es, die entstandene Lücke zwischen physischer und sozialer Stadtentwicklung durch Kultur zu schließen. Chemnitz hat diesen Anspruch ernst genommen. Die baulichen Interventionen sind keine isolierten Projekte, sondern Teil eines übergeordneten Narrativs. Sie erzählen von einer Stadt, die sich ihrer industriellen Vergangenheit stellt und daraus Kraft für die Zukunft schöpft.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Eine kritische Würdigung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nicht alles gelang reibungslos. Akteurinnen und Akteure berichten von bürokratischen Ringkämpfen und mehrfachen Anläufen zur Teilhabe an Programmen, Veranstaltungsorten und Fördermitteln. Die Frage, ob die neu gewonnene Dynamik in den kommenden Jahren aufrechterhalten werden kann, bleibt offen. Doch der Grundstein ist gelegt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Chemnitz hat gezeigt, dass eine Stadt mit schwieriger Vorgeschichte, demografischen Herausforderungen und dem Stigma vergangener Ereignisse sich neu erfinden kann. Die Architektur spielte dabei eine zentrale Rolle. Nicht als Selbstzweck, sondern als Medium der Transformation. Die 1.300 freiwilligen Helferinnen und Helfer, die in 10.000 Einsätzen rund 45.000 ehrenamtliche Stunden leisteten, trugen ebenso dazu bei wie die professionellen Planerinnen und Planer.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am Ende steht eine simple Erkenntnis, die ein Besucher am Weihnachtsmarkt Glühweintisch formulierte: Da haben wir gezeigt: Wir können es auch. Diese Selbstvergewisserung einer ganzen Stadt ist vielleicht das wertvollste Erbe des Kulturhauptstadtjahres.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Chemnitz zeigt, wie Kommunen Leerstand bekämpfen</title>
		<link>https://baukunst.art/chemnitz-zeigt-wie-kommunen-leerstand-bekaempfen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 16:37:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Chemnitz Kulturhauptstadt]]></category>
		<category><![CDATA[Helmut Jahn]]></category>
		<category><![CDATA[Kaufhausumnutzung]]></category>
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					<description><![CDATA[Helmut Jahns gläsernes Meisterwerk in Chemnitz erhält eine zweite Chance: Wo einst Konsumgüter lockten, ziehen bald Jugendamt und Standesamt ein.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Vom Konsumtempel zum Bürgeramt</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am 31. August 2024 schloss die Galeria Kaufhof in Chemnitz nach 23 Jahren ihre Pforten. Die Nachricht kam nicht überraschend: Drei Insolvenzverfahren in wenigen Jahren hatten dem Konzern zugesetzt, 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verloren ihre Arbeitsplätze. Was blieb, war ein architektonisches Ausrufezeichen inmitten der sächsischen Innenstadt, das plötzlich ohne Funktion dastand.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das fünfgeschossige Gebäude mit seiner vollständig verglasten Fassade stammt vom deutsch-amerikanischen Architekten Helmut Jahn. Als es 2001 eröffnete, galt es als das modernste Kaufhaus Europas, manche sprachen vom weltweit ersten Warenhaus mit komplett gläserner Hülle. Die Baukosten beliefen sich auf rund 120 Millionen D-Mark. Jahn, der 2021 bei einem Fahrradunfall in Illinois ums Leben kam, hatte mit diesem Entwurf eine offene Wunde der Chemnitzer Innenstadt geschlossen: Der Zweite Weltkrieg und großflächige Abrisse hatten hier eine massive Baulücke hinterlassen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Stadtpavillon wird Behördensitz</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am 29. Januar 2025 beschloss der Chemnitzer Stadtrat in nichtöffentlicher Sitzung einen bemerkenswerten Grundsatzbeschluss: Die Stadt wird mit der Krieger-Gruppe einen Mietvertrag über 15 Jahre abschließen, mit Option auf fünf weitere Jahre. In die oberen Etagen des ehemaligen Kaufhauses sollen das Jugendamt, das Sozialamt und das Standesamt einziehen, die bisher in den Verwaltungsstandorten Moritzhof und Alte Post untergebracht waren. Deren Mietverträge laufen 2028 aus.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Krieger-Gruppe, bekannt durch Möbelhäuser wie Höffner und als Betreiberin des Chemnitz Centers, hatte das Gebäude Ende 2022 von der DIC Asset AG erworben. Die Gesamtinvestition für Ankauf und Umbau beziffert Andreas Uhlig von der Krieger-Gruppe auf rund 90 Millionen Euro. Allein die Umbaukosten für die zweite bis vierte Etage werden mit etwa 40 Millionen Euro veranschlagt. Die Architekturvisualisierungen stammen vom Büro Beier Virtual Architecture aus Braunschweig, das sich auf die Darstellung von Großprojekten spezialisiert hat.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Multifunktional statt monothematisch</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Konzept folgt einem Trend, der sich in deutschen Innenstädten ausbreitet: Die strikte Trennung von Handel, Verwaltung und Gastronomie weicht einer Mischnutzung. Im Chemnitzer Kaufhof sollen die unteren beiden Etagen weiterhin Einzelhandel und Gastronomie beherbergen. Die Sächsische Großbäckerei Emil Reimann und das italienische Eiscafé Ferioli haben bereits im Erdgeschoss eröffnet. Darüber entstehen in den Etagen zwei bis vier moderne Büroflächen, wo offene Raumstrukturen und Grünpflanzen eine zeitgemäße Arbeitsatmosphäre schaffen sollen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der neue Eingang für die Verwaltungsetagen wird sich künftig in der Seitenstraße Am Rathaus befinden, was die direkte Nachbarschaft zum historischen Rathaus unterstreicht. Die Zentralhaltestelle in unmittelbarer Nähe gewährleistet eine gute ÖPNV-Anbindung für Bürgerinnen und Bürger sowie Mitarbeitende gleichermaßen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kritische Stimmen und knappe Kassen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Entscheidung fiel in einer Zeit knapper kommunaler Kassen und ist nicht unumstritten. Thiemo Kirmse, Geschäftsführer der BSW-Fraktion im Chemnitzer Stadtrat, kritisierte den Grundsatzbeschluss scharf: Die Mietzahlungen würden sich auf einen mehrstelligen Millionenbetrag bis ins Jahr 2048 summieren. Mit diesen Mitteln, so Kirmse, ließe sich die Schulsozialarbeit in den Berufsschulzentren sichern, das Umweltzentrum finanzieren oder die Sauna im Stadtbad jahrzehntelang weiterbetreiben.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Stadtverwaltung argumentiert dagegen mit strategischen Überlegungen. Das Gebäude habe aufgrund seiner Komplexität und Größe erheblichen Einfluss auf das Stadtbild. Ein Leerstand an dieser exponierten Stelle hätte fatale Signalwirkung für andere Mieterinnen und Mieter sowie Geschäftsleute der Innenstadt. Der neue Standort in direkter Nähe zum Rathaus verbessere zudem die Vernetzung innerhalb der Verwaltung und verkürze Wege zwischen den Fachämtern.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kulturhauptstadt als Katalysator</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Timing ist kein Zufall. Chemnitz trägt 2025 den Titel Kulturhauptstadt Europas und richtet unter dem Motto C the Unseen den Blick auf verborgene Potenziale. Die Umnutzung des Jahn-Baus fügt sich in diese Erzählung: Wo der großflächige Einzelhandel keine Zukunft mehr hat, entstehen neue Formen urbaner Nutzung. Die Bauarbeiten werden bewusst behutsam durchgeführt, um die Kulturhauptstadt-Aktivitäten nicht zu beeinträchtigen. Die Hauptbauphase ist für 2026 geplant, Ende des Jahres soll das Projekt abgeschlossen sein.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Modell für andere Städte?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Chemnitzer Ansatz reiht sich ein in eine wachsende Zahl von Kaufhauskonversionen. In Hamburg-Wandsbek entsteht aus dem ehemaligen Karstadt-Gebäude ein neuer Sitz des Bezirksamtes. In Neumünster zieht die Sparkasse Südholstein in eine ehemalige Karstadt-Immobilie, ergänzt durch eine Stadtbibliothek. In Siegen wurde ein Karstadt-Gebäude mit einem universitären Hörsaalzentrum kombiniert. Die Muster ähneln sich: Wo monofunktionale Handelsimmobilien scheitern, entstehen hybride Nutzungen mit öffentlichem Charakter.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für das Chemnitzer Gebäude bedeutet die Umnutzung eine Rettung der architektonischen Substanz. Helmut Jahns Entwurf hatte mit seiner gläsernen Hülle einen bewussten Gegensatz zur geschlossenen Warenhausarchitektur des 20. Jahrhunderts geschaffen. Die Transparenz, die ursprünglich Einblicke in die Konsumwelt gewähren sollte, wird nun Verwaltungshandeln sichtbar machen. Ob das der ursprünglichen Intention des Architekten entspricht, lässt sich nicht mehr fragen. Dass sein Gebäude aber überhaupt eine Zukunft hat, wäre im Kontext des deutschen Kaufhaussterbens keineswegs selbstverständlich gewesen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Architektonisches Erbe bewahren</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Chemnitzer Lösung zeigt, dass Umnutzung mehr sein kann als ein Notbehelf. Sie kann Architekturgeschichte bewahren und gleichzeitig neue städtische Funktionen erfüllen. Das Kaufhaus als Typus mag dem Untergang geweiht sein, die Gebäude müssen es nicht. Wenn aus dem Konsumtempel ein Ort bürgernaher Dienstleistungen wird, mag das ironisch erscheinen. Es ist aber auch ein pragmatischer Umgang mit dem baulichen Erbe einer Epoche, die unwiderruflich zu Ende geht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2025 zeigt, was regionales Bauen heute bedeutet</title>
		<link>https://baukunst.art/der-architekturpreis-des-landes-sachsen-anhalt-2025-zeigt-was-regionales-bauen-heute-bedeutet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 26 Nov 2025 16:23:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturpreis]]></category>
		<category><![CDATA[Bestandsarchitektur]]></category>
		<category><![CDATA[Sachsen-Anhalt]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Architekturpreis Sachsen-Anhalt 2025 feiert in der sanierten Hyparschale jene Bestandsarchitektur, die das Land angesichts des demografischen Wandels dringend braucht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Baukultur zwischen Bestand und Aufbruch</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am 26. November 2025 versammelt sich die architektonische Fachwelt in der Hyparschale Magdeburg zur Preisverleihung des elften Architekturpreises des Landes Sachsen-Anhalt. Der Veranstaltungsort ist dabei mehr als eine symbolische Kulisse: Die 1969 von Ulrich Müther errichtete Schalenkonstruktion, nach über zwei Jahrzehnten Leerstand erst im Juni 2024 wiedereröffnet, verkörpert jene Transformation des Bestands, die auch das diesjährige Wettbewerbsfeld prägt. Von 38 Einreichungen aus 22 Orten zwischen Altmark und Burgenlandkreis wählte die Jury unter Vorsitz von Prof. Carsten Wiewiorra elf Projekte in die engere Wahl.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">
Bestand als Strategie</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Auswahl der Jury verdeutlicht einen bemerkenswerten Trend: Baukultur in Sachsen-Anhalt zeigt sich stark im Bestand verankert. Zahlreiche Projekte widmen sich der Transformation historischer Gebäude, darunter Industriebauten, Kirchen und Fachwerkhäuser. Diese Orientierung am Bestand entspricht nicht nur den ökologischen Erfordernissen der Gegenwart, sondern reagiert auch auf die spezifischen demografischen Herausforderungen des Landes.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Sachsen-Anhalt hat seit 1990 etwa 22 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Die Bevölkerungszahl sank von 2,9 auf derzeit rund 2,2 Millionen Menschen. Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2030 weniger als zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner im Land leben werden. Diese demografische Entwicklung schlägt sich unmittelbar in der Bauaufgabe nieder: Nicht der Neubau auf der grünen Wiese, sondern die intelligente Weiternutzung bestehender Strukturen prägt die architektonische Realität.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Vielfalt der Bauaufgaben</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Wettbewerbsfeld spiegelt die gesamte Bandbreite architektonischer Aufgaben wider: von Kultur- und Bildungsbauten über neue, sanierte oder erweiterte Wohnhäuser bis hin zu Freianlagen. Ergänzt wird das Spektrum durch Freiraum- und Landschaftsarchitektur, die städtische Räume öffnet und Lebensqualität schafft. Diese Diversität zeigt, dass baukulturelle Qualität nicht an bestimmte Bauaufgaben gebunden ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bemerkenswert erscheint dabei die geografische Streuung der Einreichungen. Dass Projekte aus 22 verschiedenen Orten eingereicht wurden, belegt eine lebendige Baukultur auch abseits der Oberzentren Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau. Gerade in den ländlich geprägten Regionen des Landes entstehen offenbar Projekte, die den Anforderungen an gestalterische Innovation und nachhaltige Beiträge zur Landesentwicklung genügen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Jury und Verfahren</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Jury tagte am 13. Oktober 2025 im Forum Gestaltung in Magdeburg. Unter dem Vorsitz von Prof. Carsten Wiewiorra, Architekt und Innenarchitekt aus Berlin, bestimmte das Gremium aus den elf Projekten der engeren Wahl den Preisträger sowie fünf Auszeichnungen. Wer den Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt 2025 gewonnen hat, bleibt bis zur feierlichen Bekanntgabe am 26. November allerdings geheim.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Ministerium für Infrastruktur und Digitales unter der Schirmherrschaft von Ministerin Dr. Lydia Hüskens und die Architektenkammer Sachsen-Anhalt hatten den Preis am 10. Juli 2025 gemeinsam ausgelobt. Insgesamt stehen 15.000 Euro Preisgeld zur Verfügung. Eine Besonderheit des Verfahrens: Auch die Öffentlichkeit konnte sich beteiligen. Bürgerinnen und Bürger waren bis zum 14. November 2025 aufgerufen, aus der engeren Wahl ihren Favoriten für den Publikumspreis zu bestimmen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Hyparschale als Bühne und Botschaft</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Wahl der Hyparschale als Veranstaltungsort für die Preisverleihung erscheint programmatisch. Die von Ulrich Müther konstruierte Betonschale gehört zu den rund 50 noch erhaltenen Schalenbauten des Bauingenieurs, der die Architekturmoderne in der DDR maßgeblich prägte. Das Dach aus vier hyperbolischen Paraboloiden überspannt stützenfrei eine Fläche von 48 mal 48 Metern.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nach fast 20 Jahren Leerstand und fortschreitendem Verfall entschloss sich die Landeshauptstadt Magdeburg 2017 zur Sanierung. Das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner (gmp) entwickelte ein Konzept, das den Erhalt der räumlichen Wirkung des Schalendachs mit einer zeitgemäßen Nutzung verbindet. Mit Hilfe von Carbonbeton-Technologie wurde die Tragfähigkeit des nur sieben Zentimeter dünnen Daches nicht nur wiederhergestellt, sondern sogar erhöht. Die Gesamtkosten der Sanierung beliefen sich auf rund 17 Millionen Euro, davon fünf Millionen aus dem Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kritische Bestandsaufnahme</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seit 1995 werden der Architekturpreis des Landes Sachsen-Anhalt alle drei Jahre vergeben, stets im Zusammenwirken von Landesministerium und Architektenkammer. Die Auszeichnungen würdigen hervorragende Architektur- und Landschaftsarchitekturleistungen ebenso wie das besondere Engagement der Bauherrinnen und Bauherren. Diese doppelte Würdigung erscheint wesentlich: Qualitätsvolle Architektur entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern bedarf engagierter Auftraggeberinnen und Auftraggeber.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ob der Preis allerdings die baukulturellen Herausforderungen Sachsen-Anhalts angemessen adressiert, darf hinterfragt werden. Der Fokus auf Einzelprojekte, so gelungen sie im Einzelfall sein mögen, verstellt bisweilen den Blick auf strukturelle Probleme: den Fachkräftemangel im Planungsbereich, die schwierigen Rahmenbedingungen für Planerinnen und Planer in ländlichen Regionen, die angespannte Lage vieler Kommunen als öffentliche Auftraggeber. Architekturpreise können Leuchttürme setzen. Die Mühen der Ebene bewältigen sie nicht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ausblick auf die Preisverleihung</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Preisverleihung am 26. November 2025 in der Hyparschale wird zeigen, welche Projekte die Jury überzeugen konnten. Alle eingereichten Arbeiten werden in einer Dokumentation veröffentlicht und anschließend in einer Wanderausstellung präsentiert. So entsteht ein aktuelles Bild davon, wie Architektur und Stadtplanung das Land Sachsen-Anhalt prägen und weiterentwickeln.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Landesinitiative Architektur und Baukultur in Sachsen-Anhalt, in deren Rahmen das Verfahren gefördert wird, verfolgt das Ziel, baukulturelle Qualität dauerhaft zu etablieren. Dass der elfte Architekturpreis in einem Gebäude verliehen wird, das selbst zum Symbol für die Rettung gefährdeter Nachkriegsmoderne geworden ist, verleiht diesem Anspruch Glaubwürdigkeit. Denn Baukultur zeigt sich nicht nur im Entwerfen, sondern auch im Bewahren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Warum Thüringen zeigt, wie Föderalismus Kindern schadet</title>
		<link>https://baukunst.art/warum-thueringen-zeigt-wie-foederalismus-kindern-schadet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Oct 2025 14:03:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Infrastrukturinvestitionen]]></category>
		<category><![CDATA[Schulbauten]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringen]]></category>
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					<description><![CDATA[Thüringens Schulen verfallen – und die Politik verspricht Abhilfe mit einer Milliarde Euro. Doch der Streit über den richtigen Weg offenbart tiefere Fragen über regionale Infrastrukturpolitik.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">THÜRINGER INFRASTRUKTUR-DILEMMA</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Zwischen Ambition und Machbarkeit</strong></em></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Ein Millionenprogramm offenbart die Grenzen regionaler Gestaltungskraft</strong></em></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Thüringens Kommunen ersticken in ihren eigenen Sanierungsrückständen. Mit einer Milliarde Euro verspricht die Landesregierung Abhilfe – doch während die einen von historischer Investitionschance sprechen, warnen die anderen vor versteckten Schuldenfallen. Ein Blick auf die Realität zwischen politischem Anspruch und architektonischer Verantwortung.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">MAGNITUDE DES PROBLEMS</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Sanierungsstau ist keine akademische Debatte in Thüringen – es ist eine Krise mit Klassenraum-Ausmaßen. Nach der jüngsten Bestandsaufnahme des Landesrechnungshofs haben sich die notwendigen Sanierungsinvestitionen auf 3,3 Milliarden Euro aufgetürmt. Das ist nicht die übliche politische Übertreibung, sondern das Ergebnis einer systematischen Analyse von 28 Schulgebäuden und Sporthallen landesweit. Die Bilanz fällt verheerend aus: Etwa die Hälfte der besichtigten Schulen erfüllt nicht einmal die elementaren Anforderungen für zeitgemäße Lernumgebungen. Barrierefreiheit? Für viele ein unerfüllter Traum. Digitale Infrastruktur? Oft nicht vorgesehen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Traurige daran ist nicht nur die materielle Vernachlässigung, sondern was sie symbolisiert. Wenn Schülerinnen und Schüler in Gebäuden lernen, die ihre Möglichkeiten obsolet machen, bevor sie überhaupt entstehen können, dann verfallen nicht nur Schulbauten – es verfallen Zukunftschancen. Regional ist dies ein Phänomen mit überregionalen Implikationen: Während wohlhabendere Bundesländer längst modernisiert haben, spielen Thüringens Kommunen noch Rückwärtsrolle.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">MILLIARDENSVERSPRECHEN MIT KLEINEM DRUCK DAHINTER</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Finanzministerin Katja Wolf von der BSW hat mit ihrem neu aufgelegten Kommunalen Investitionsprogramm ein ambitioniertes Ziel ausgerufen. Eine Milliarde Euro für die kommenden vier Jahre – 250 Millionen jährlich – soll den Kommunen zu einem neuen Investments-Schub verhelfen. Das Programm ist tatsächlich das größte seiner Art seit 1990. Klingt nach echtem Aufbruch.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nur: Der Mechanismus ist trickreicher als die Schlagzeilen vermuten lassen. Die Gelder fließen nicht als klassische Zuweisungen, sondern als Kredite über die Thüringer Aufbaubank. Das bedeutet in der Praxis: Das Land übernimmt Zins und Tilgung. Für Kommunen mit stabilen Haushalten eine interessante Lösung, für andere ein Gewinn. Kommunalminister Georg Maier (SPD) betont daher zu Recht, dass Investitionen mehr als Bauprojekte sind: „Gute Demokratie zeigt sich nicht nur in Gesetzen, sondern auch im Alltag.&#8220; Das ist der richtige Gedanke – wenn die Umsetzung folgt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Problem bleibt dennoch: Die Minderheitsregierung aus Brombeerkoa­lition braucht für das Programm die Zustimmung der Opposition. Sowohl AfD als auch Die Linken haben bereits Bedenken angemeldet.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">DAS OPPOSITION-PARADOXON</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kritik ist legitim, und in diesem Fall auch nachvollziehbar. Sascha Bilay, kommunalpolitischer Sprecher der Thüringer Linken, rechnet vor: Bei Rückzahlungen ab 2030 inklusive Zinsen könnte aus der einen Milliarde leicht anderthalb Milliarden werden. Das sind keine abstrakten Zahlen – das sind Fesseln an zukünftige Haushalte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Alternative, die Bilay vorschlägt, hat Charme: Würden Bundesmittel direkt an die Kommunen fließen – etwa 100 Millionen Euro jährlich über zwölf Jahre – ergäbe das insgesamt 1,2 Milliarden Euro. Vor allem aber: Die Kommunen hätten die dreifache Zeit, ihre Planungen zu bewerkstelligen. Das ist nicht kleinlich gemäkelt, das ist strategisches Denken. Denn jeder erfahrene Architekt weiß, dass gute Sanierungen nicht in vier Jahren geplant und gebaut werden – sie entstehen in iterativen Prozessen mit viel Bedacht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hier offenbaren sich die regionalen Besonderheiten Thüringens in voller Schärfe. Ein strukturell schwaches Bundesland mit knappen Mitteln muss zwischen zwei strategischen Logiken wählen: schnelle Sichtbarkeit politischer Erfolge oder nachhaltige, durchdachte Infrastrukturpolitik. Nicht selten sind das antagonistische Ziele.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">REGIONALE REALITÄTEN</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Planungsausschreibungen im Thüringer Schulbau haben in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen – ein positives Signal. Es bedeutet, dass Kommunen überhaupt wieder zu investieren wagen. Doch vor dem Hintergrund sinkender Schülerzahlen stellt sich eine unbequeme Frage, die der Rechnungshof zu Recht aufwirft: Welche Gebäude braucht man überhaupt noch?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ist nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine stadtentwicklerische und architektonische Frage. In vielen Thüringer Regionen verzeichnet man Bevölkerungsrückgänge – besonders im ländlichen Raum. Gigantische Schulneubauten wären ökologisch, ökonomisch und sozial unverantwortlich. Stattdessen bedarf es intelligenter Nachnutzungskonzepte, der Umwandlung und behutsamen Ergänzung bestehender Strukturen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wolf hat angekündigt, die Kommunalordnung zu ändern – unter anderem, um auch Städten und Gemeinden in Haushaltssicherung Zugang zu Krediten zu geben. Das ist eine gute Botschaft für strukturschwache Regionen. Doch die Details fehlen, und bei Kommunalfinanzen sind die Details alles.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">ZWISCHEN KRISE UND CHANCE</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was Thüringen derzeit durchlebt, ist nicht spezifisch für dieses Bundesland – es ist ein bundesweites Phänomen, das sich regional unterschiedlich manifestiert. Der Westen Deutschlands vergab in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung massiv in Schulbauten. Der Nordosten, Thüringen miteingeschlossen, musste strukturelle Transformation bewältigen und investierte oft defensiv. Jetzt schlägt die Stunde der Rechnungen – im wahrsten Sinne des Wortes.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für Architektinnen und Architekten eröffnet sich dadurch ein Handlungsfeld großen Ausmaßes. Nicht Luxussanierungen stehen an, sondern intelligente, pragmatische Lösungen. Das ist demütigend für den ästhetischen Anspruch, aber es ist auch befreiend: Gute Architektur ist nicht teuer – sie ist klug.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">AUSBLICK</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Opposition dem Programm zustimmt. Denn trotz aller politischen Gegensätze: Niemand profitiert davon, dass Schülerinnen und Schüler in Ruinen lernen. Die eigentliche Debatte ist eine zwischen zwei legitimen Logiken – Geschwindigkeit versus Bedachtheit. Ideal wäre ein Mittelweg: schnell genug, um Sichtbarkeit zu schaffen, bedacht genug, um nachhaltige Strukturen aufzubauen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Milliardenversprechen Thüringens ist daher weder die Rettung noch die Katastrophe – es ist, was regionale Infrastrukturpolitik immer ist: ein Versuch, unter Druck das Richtige zu tun. Ob das gelingt, werden nicht die Zahlen entscheiden, sondern die Projekte, die daraus entstehen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Deutscher Beton und baltische Brise</title>
		<link>https://baukunst.art/deutscher-beton-und-baltische-brise/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Oct 2025 13:48:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Regionalentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Sanierungskultur]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie man Mittelalter, DDR und Moderne unter einem Dach versöhnt: Das Stralsunder Meeresmuseum zeigt, dass Sanierung keine Gestaltungsbremse sein muss – sondern eine Chance.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Architektonische Bestandssensibilität am Beispiel des Stralsunder Meeresmuseums</h2>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Respekt vor der Schichtenvielfalt</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wer Stralsund bereist, kommt um das Katharinenkloster nicht herum. Seine gotische Basilika mit den charakteristischen Spitzbogenfenstern prägt seit 1280 das Bild der Hansestadt. Seit 1951 beherbergt sie das Deutsche Meeresmuseum, eine Institution, die längst über ihre Grenzen hinaus strahlt – nicht zuletzt wegen ihrer besonderen Lage mitten im UNESCO-Welterbe. Doch was macht diesen Ort wirklich besonders, ist nicht allein die Historie, sondern die Art, wie Epochen hier schichtweise zusammengefügt wurden. Der Umbau durch Reichel Schlaier Architekten aus Stuttgart offenbart es: Architektur ist manchmal weniger Hinzufügung als vielmehr kluges Lesen dessen, was bereits vorhanden ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Mecklenburg-Vorpommern hat sich in den letzten drei Jahrzehnten als Kulturstandort an der Ostsee neu erfunden. Das Meeresmuseum steht exemplarisch für diese Strategie – eine Institution, die Wissenschaft, Tourismus und regionale Identität miteinander verwebt. Mit vier Standorten bespielt das Museum heute die Altstadt; das Stammhaus im Katharinenkloster bleibt allerdings das Herzstück. Hier manifestiert sich buchstäblich, was regionale Bautradition bedeutet: eine Schichttorte aus Mittelalter, 19. Jahrhundert, DDR-Pragmatismus und Nachwendeoptimismus.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Mero-Fachwerk als Zeugnis der Modernitätsfieber</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der entscheidende Moment kam 1972–1974. Damals führten Planerinnen und Planer der älteren Generation die industrielle Moderne ins gotische Kirchenschiff ein. Sie wählten das Mero-Raumfachwerk-System – eine westdeutsche Stahlkonstruktion, die in ihrer Zeit als innovativ, sogar revolutionär galt. Zwei neue Ebenen entstanden, um dem Museum seinen neuen Zweck zu geben. Was damals als mutige Geste galt, sah später aus wie eine gewisse Beengtheit. Dennoch: Das Ensemble stand zurecht unter Denkmalschutz, denn es verkörperte etwas Authentisches – den Mut der Nachkriegsmoderne, sich des Alten anzunehmen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Reichel und Schlaier hatten hier bereits Erfahrung. Beide hatten beim Büro Behnisch den Bau des Ozeaneums (2002–2008) verantwortet – eine glänzend inszenierte, zeitgenössische Attraktion direkt am Hafen. Dass sie nun für das Stammhaus den Zuschlag erhielten, war für sie eine Überraschung und eine Heimkehr zugleich. Die Aufgabe lautete unscheinbar: Bestand ertüchtigen, Barrierefreiheit verbessern, ein großes Aquarium errichten. Doch wer zwischen Gotik, Industriebau und denkmalpflegerischen Restriktionen navigieren muss, weiß: Subtilität ist gefragt.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Forum als Katalysator</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architekten setzten an einer Stelle an, die von Anfang an Probleme bereitete: dem Eingangsbereich. Eine alte Turnhalle aus dem 19. Jahrhundert wurde zur Keimzelle einer großzügigen Eingangshalle umgestaltet – ein Forum im klassischen Sinne, das Kasse, Garderobe und Orientierung bietet. Der Trick liegt in der Zurückhaltung: Weiß lackierte Stahlkonstruktion vor Backsteinfassade, oben durchbrochene Oberlichter, die den Blick zum Hauptportal der Kirche freigeben. Das ist keine bombastische Geste, sondern Gebrauchsarchitektur mit Feingefühl.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders bemerkenswert ist die Behandlung des kleinen Westhofs, jenes verschlossenen Hofraums, der für Außenstehende lange unsichtbar war. Durch die Überbauung wird er zum zentralen Erschließungsraum. Der neue Bodenebelag – alte Granitplatten, die das Museum jahrzehntelang hortet – schafft eine sanfte Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Höhenniveaus. Das ist praktische Barrierefreiheit ohne Rampenideologie: pragmatisch, elegant, nachhaltig im besten Sinne.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Kirchenschiff: Zurückbau als Akt der Klarheit</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im Kirchenschiff selbst offenbaren sich Reichels und Schlaiers Design-Prinzipien besonders deutlich. Der alte Bodenbelag bleibt. Das Mero-Fachwerk wurde gereinigt, einige Abschnitte der obersten Ebene aber gezielt zurückgebaut – ein seltenes architektonisches Verfahren, das Mut erfordert. Der Raum atmet nun wieder, die gotischen Proportionen werden erlebbar. Neue Brüstungen aus dunklen U-Profilen und Klarglas ersetzen die alten Drahtglaskonstruktionen – nicht nur sicherer, sondern auch transparenter. Es ist die unaufgeregte Materialisierung der späten Moderne, eine respektvolle Hommage an jene 1970er-Jahre-Planerinnen und -Planer, deren Mut damals genauso notwendig war wie die Korrekturen heute.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Detail verdient besondere Aufmerksamkeit: der Chor-Boden. Er lag zwei Stufen über dem Hauptschiff – eine historische Anomalie, die die Architekten zurückbauten. Unter dem Bodenbelag kamen Fundamente zum Vorschein, die vor 1282 entstanden – möglicherweise das älteste bauliche Zeugnis Stralsunds. Hier offenbart sich, was verantwortungsvolle Sanierung bedeutet: nicht konservierend erstarren, sondern die Archäologie der Zeit offenlegen.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Große Aquarium: Spektakel im Untergrund</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die neueste Attraktion braucht keine architektonische Inszenierung. Das Große Aquarium mit seinen karibischen Fischen hinter einer 50 Zentimeter dicken Acrylglasscheibe ist Spektakel genug. Die Architekten verstanden, dass hier der Inhalt die Form prägt – und ordneten sich dem unter. Dennoch: Die neue Acryl-Schale sitzt in einem Gebäude, das außen mit handwerklich gefertigten Kupferblechen verkleidet ist. Die Neubauteile sind damit klar lesbar, suchen aber über Material und Farbigkeit den Anschluss an die hanseatische Bautradition.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In den historischen Kellergewölben überrascht ein besonderes Relikt: Leni Schamals Keramiktafel „Schau in die Welt&#8220; aus dem Jahr 1984. Sie zeigt Gesichter, die über eine Mauer lugen – ein unmissverständliches DDR-Artefakt. Die Architekten ließen dieses Zeugnis stehen, erinnern sich damit an die eigene, hundert Jahre umfassende Geschichte des Hauses. Das ist kritisches Erinnern ohne Nostalgie.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Bedeutung und Lehre</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was Stralsund und sein Meeresmuseum für andere Regionen bedeutsam macht, liegt im Umgang mit Widersprüchen. Mecklenburg-Vorpommern kämpft mit Herausforderungen, die viele ländliche Bundesländer teilen: Bevölkerungsrückgang, Fachkräftemangel, die Spannung zwischen Tourismusentwicklung und Bewahrung. Der alte Hansestadt-Gürtel, das Welterbe, die starke kulturelle Infrastruktur – das sind Ressourcen, die nur dann nachhaltig wirken, wenn Baukultur ernst genommen wird.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Direktor Andreas Tanschus, gebürtiger Stralsunder und seit 1991 am Museum in verschiedenen Positionen tätig, spielte eine maßgebliche Rolle. Ohne solche kontinuierlich engagierten Akteure vor Ort funktioniert Architekturqualität nicht. Die 51 Millionen Euro Baukosten sind im regionalen Kontext erheblich. Dass trotz begrenzterer Mittel als in Metropolregionen ein qualitatives Projekt entstand, verdankt sich einer unaufgeregten Kooperationsbereitschaft zwischen Bauherrschaft, Denkmalamt, Architekten und Handwerk.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ausblick</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Reichel und Schlaier haben ein Projekt vollendet, das Wille und Augenmaß widerspiegelt – und das deshalb in einer Zeit der Kosmetik-Sanierungen so erfrischend wirkt. Sie zeigen: Mut zur Kritik am Bestand, zur Reduktion, zum Zurückbau kann Hand in Hand gehen mit Respekt vor der Geschichte. Das Meeresmuseum ist kein Denkmal-Kult-Projekt, sondern ein lebender Organismus, der sich selbst neu erzählt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für Planerinnen und Planer bundesweit, insbesondere in strukturschwachen Regionen, könnte die Stralsunder Lektüre wertvoll sein. Nicht alles muss neu sein. Manchmal ist das Wichtigste, die richtigen Fragen zu stellen – und den Mut zu haben, Antworten zu akzeptieren, die unspektakulär wirken.</p>
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">PRAKTISCHE INFORMATIONEN</h2>
<h3 class="text-lg font-bold text-text-100 mt-1 -mb-1.5">Adresse und Kontakt</h3>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Deutsches Meeresmuseum – Meeresmuseum (Stammhaus)</strong> Katharinenberg 14–20 18439 Stralsund, Deutschland</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Telefon: +49 (0)3831 2650-610 Fax: +49 (0)3831 2650-609 Website: <a class="underline" href="http://www.deutsches-meeresmuseum.de/" target="_blank" rel="noopener">www.deutsches-meeresmuseum.de</a></p>
<h3 class="text-lg font-bold text-text-100 mt-1 -mb-1.5">Öffnungszeiten</h3>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Ganzjährig:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-2.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">September bis Juni: täglich 9:30–17:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Juli bis August: täglich 9:30–19:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">
<ol class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-decimal space-y-2.5 pl-7" start="24">
<li class="whitespace-normal break-words">Dezember: geschlossen</li>
</ol>
</li>
<li class="whitespace-normal break-words">
<ol class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-decimal space-y-2.5 pl-7" start="31">
<li class="whitespace-normal break-words">Dezember: 9:30–15:00 Uhr</li>
</ol>
</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Kassenschluss: 60 Minuten vor Schließung</li>
</ul>
<h3 class="text-lg font-bold text-text-100 mt-1 -mb-1.5">Weitere Standorte der Stiftung Deutsches Meeresmuseum</h3>
<p class="whitespace-normal break-words">Das Museum betreibt zusätzliche Standorte in der Region:</p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-2.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>OZEANEUM</strong> (Hafeninsel): Hafenstraße 11–13</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>NATUREUM Darßer Ort</strong> (Nationalpark): Am Darßer Ort 1</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>NAUTINEUM</strong> (Sammlungsstandort, Dänholm): Für Forschung und Archivbestände</li>
</ul>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zerrissene Moderne(n): Wenn Bauhaus-Städte ihre Wunden zeigen</title>
		<link>https://baukunst.art/zerrissene-modernen-wenn-bauhaus-staedte-ihre-wunden-zeigen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 26 Sep 2025 10:59:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Bauhaus-Erbe]]></category>
		<category><![CDATA[Moderne-Festival]]></category>
		<category><![CDATA[regionale Baukultur]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Triennale der Moderne 2025 wagt einen schonungslosen Blick auf das Bauhaus-Erbe in Weimar, Dessau und Berlin. „Zerrissene Moderne(n)" – ein Motto, das Wunden offenlegt statt sie zu kaschieren.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Zwischen Erbe und Gegenwart: Ein Festival sucht Antworten</h2>
<p class="whitespace-normal break-words">Die Triennale der Moderne 2025 hätte kaum einen treffenderen Titel wählen können. „Zerrissene Moderne(n)&#8220; – das klingt nach Bruch, nach unvollendeten Projekten, nach dem ewigen Kampf zwischen Vision und Realität. Vom 25. September bis 14. Dezember 2025 wagen Weimar, Dessau und Berlin einen schonungslosen Blick auf ihr modernes Erbe. Es ist eine Bestandsaufnahme, die längst überfällig war.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Der Auftakt in der Landesvertretung Sachsen-Anhalts beim Bund gerät dabei zur programmatischen Standortbestimmung. Wenn Posaunenquartette Kurt Weills Dreigroschenoper intonieren, während Soziologinnen und Soziologen über die Moderne als unvollendetes Projekt philosophieren, manifestiert sich die grundlegende Ambivalenz: Hier trifft das kulturelle Erbe auf politische Realitäten, hier prallen regionale Identitäten auf globale Ansprüche.</p>
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Drei Städte, drei Schicksale: Regionale Eigenarten der Moderne</h2>
<h3 class="text-lg font-bold text-text-100 mt-1 -mb-1.5">Weimar: Zwischen klassischem Erbe und modernem Trauma</h3>
<p class="whitespace-normal break-words">Weimar trägt schwer an seiner Geschichte. Die Stadt der deutschen Klassik wurde zur Geburtsstätte des Bauhauses – und zu dessen erstem Verbannungsort. Diese doppelte Identität prägt bis heute die lokale Planungskultur. Die Thüringer Landesbauordnung spiegelt diesen Zwiespalt: Denkmalschutz genießt höchste Priorität, während zeitgenössische Architektur oft argwöhnisch beäugt wird.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Die Klassik Stiftung Weimar navigiert geschickt zwischen diesen Polen. Stephan Dahme, Kustode der Moderne-Sammlung, steht vor der Herausforderung, das Bauhaus-Erbe in einer Stadt zu vermitteln, die ihre moderne Geschichte lange verdrängte. Die regionalen Förderstrukturen konzentrieren sich hauptsächlich auf Kulturtourismus und Denkmalpflege – innovative Baukultur findet kaum Unterstützung. Das Ergebnis: Eine Stadt, die ihr modernes Erbe musealisiert statt weiterzuentwickeln.</p>
<h3 class="text-lg font-bold text-text-100 mt-1 -mb-1.5">Dessau: Industrielles Erbe trifft demografischen Wandel</h3>
<p class="whitespace-normal break-words">Dessau-Roßlau kämpft mit anderen Dämonen. Die einstige Bauhaus-Hochburg in Sachsen-Anhalt verlor seit 1990 fast die Hälfte ihrer Einwohnerinnen und Einwohner. Hier manifestiert sich die „zerrissene Moderne&#8220; in leerstehenden Plattenbauten und schrumpfenden Quartieren. Barbara Steiner, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau, muss das weltberühmte Erbe in einer Stadt vermitteln, die mit existenziellen Zukunftsfragen ringt.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Die Landesbauordnung Sachsen-Anhalts ermöglicht experimentellere Ansätze als in Thüringen. Pilotprojekte zur Nachnutzung industrieller Brachen entstehen, gefördert durch das Landesprogramm „Modern denken&#8220;. Dennoch: Die regionalen Handwerkstraditionen schwinden, Fachkräfte fehlen. Das berühmte Bauhausgebäude steht inmitten einer Stadt, die ihre eigene Moderne-Vision sucht.</p>
<h3 class="text-lg font-bold text-text-100 mt-1 -mb-1.5">Berlin: Metropole der Widersprüche</h3>
<p class="whitespace-normal break-words">Berlin präsentiert sich als selbstbewusste Moderne-Metropole, doch auch hier zeigen sich Risse. Die sechs UNESCO-Welterbesiedlungen der Moderne stehen unter enormem Gentrifizierungsdruck. Die Hufeisensiedlung feiert 2025 ihr hundertjähriges Bestehen – während ringsum Mietpreise explodieren und soziale Milieus verdrängt werden.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Petra Kahlfeldt, Senatsbaudirektorin, steht vor der Quadratur des Kreises: Wie bewahrt eine wachsende Metropole ihr modernes Erbe, ohne es zur Kulisse für Besserverdienende verkommen zu lassen? Die Berliner Bauordnung ermöglicht zwar verdichtetes Bauen, doch die Gestaltungsbeiräte ringen um jeden Quadratmeter. Das Landesdenkmalamt Berlin, vertreten durch Stephanie Otto, setzt auf partizipative Ansätze – ein Novum in der oft autoritären Denkmalpflege.</p>
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Das Motto als Spiegel: Politische Verwerfungen und kulturelle Identität</h2>
<p class="whitespace-normal break-words">Wolfgang Knöbl, Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, trifft einen wunden Punkt: Die Moderne als Epochenbegriff entstand erst in den späten 1960er Jahren – als Reaktion auf deren erstes Scheitern. Heute, nach den jüngsten Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen-Anhalt, gewinnt das Motto „Zerrissene Moderne(n)&#8220; brisante Aktualität.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Irina Scherbakowa, Memorial-Mitgründerin und Friedensnobelpreisträgerin, erweitert den Blick: Ihre Frage nach dem „Putinismus als zerrissener Postmoderne&#8220; verknüpft regionale mit globalen Verwerfungen. Die erzwungene Migration des Bauhauses von Weimar nach Dessau 1925 spiegelt sich in heutigen Fluchtbewegungen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich – bitter.</p>
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Regionale Netzwerke und europäische Ambitionen</h2>
<p class="whitespace-normal break-words">Die ETOM – European Triennial of Modernism – soll ab 2025 die regionale Veranstaltung in einen europäischen Kontext einbetten. Das New European Bauhaus fördert diesen Ansatz, doch die Umsetzung offenbart strukturelle Probleme: Während Berlin über internationale Netzwerke verfügt, kämpfen Weimar und Dessau um Anschluss. Die unterschiedlichen Förderstrukturen der Bundesländer erschweren gemeinsame Projekte.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Robert K. Huber von BHROX bauhaus reuse kuratiert den Auftakt mit Blick für diese Disparitäten. Seine Initiative verbindet Nachhaltigkeit mit Bauhaus-Erbe – ein Ansatz, der in allen drei Städten unterschiedlich rezipiert wird. Berliner Architektinnen und Architekten diskutieren über zirkuläres Bauen, während in Dessau erst grundlegende Sanierungen anstehen.</p>
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Handwerk und Digitalisierung: Regionale Kompetenzen im Wandel</h2>
<p class="whitespace-normal break-words">Ein kritischer Punkt bleibt unterbelichtet: Die regionalen Handwerkstraditionen, einst Grundlage der Bauhaus-Pädagogik, erodieren. Thüringen verliert spezialisierte Restauratorinnen und Restauratoren, Sachsen-Anhalt kämpft mit Nachwuchsmangel im Bauhandwerk. Nur Berlin kann auf internationale Fachkräfte zurückgreifen.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Die Digitalisierung könnte Lösungen bieten, doch die Umsetzung stockt. Während das Bauhaus-Archiv Berlin digitale Archive aufbaut, fehlen in Weimar und Dessau oft basale IT-Infrastrukturen. Die föderale Struktur erweist sich als Innovationsbremse.</p>
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Ausblick: Moderne als ewige Baustelle</h2>
<p class="whitespace-normal break-words">Die Triennale der Moderne 2025 diagnostiziert richtig: Die Moderne ist zerrissen, plural, unvollendet. Doch die therapeutischen Ansätze bleiben vage. Festivals und Konferenzen können Diskurse anstoßen, strukturelle Probleme lösen sie nicht.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Die drei Städte müssen ihre regionalen Stärken neu definieren: Weimar als Labor für Denkmalschutz und zeitgenössische Intervention, Dessau als Experimentierfeld für schrumpfende Städte, Berlin als Metropole sozialer Baukultur. Nur wenn lokale Akteurinnen und Akteure, Landespolitik und Bundesinitiativen verzahnt agieren, kann aus der zerrissenen eine versöhnte Moderne werden.</p>
<p class="whitespace-normal break-words">Die Musik Kurt Weills beim Auftakt mahnt: Zwischen Dreigroschenoper und amerikanischem Exil liegt eine Fluchtgeschichte. Die Moderne war nie nur Fortschrittsversprechen, sondern immer auch Verlusterfahrung. Diese Ambivalenz anzuerkennen, ohne in Nostalgie oder Zynismus zu verfallen – das wäre die eigentliche Leistung dieser Triennale.</p>
<hr class="border-border-300 my-2" />
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Wo, Wann, Was: Die Fakten zur Triennale der Moderne 2025</h2>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Auftaktveranstaltung:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Datum:</strong> Donnerstag, 25. September 2025, ab 17:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Ort:</strong> Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund, Luisenstraße 18, 10117 Berlin-Mitte</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Anmeldung:</strong> Erforderlich bis 22. September 2025 unter <a class="underline" href="mailto:veranstaltungen@lv.stk.sachsen-anhalt.de" target="_blank" rel="noopener">veranstaltungen@lv.stk.sachsen-anhalt.de</a></li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Festivalprogramm:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Gesamtzeitraum:</strong> 25. September bis 14. Dezember 2025</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Schwerpunktwochenende Weimar und Dessau:</strong> 26. bis 28. September 2025</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Berliner Programm:</strong> Durchgehend bis Mitte Dezember</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>100 Jahre Hufeisensiedlung:</strong> Sonderveranstaltungen in Berlin-Britz</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>ETOM2025pilot-Conference:</strong> 28. und 29. November 2025 in Berlin (Abschlussveranstaltung)</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Kernprogramm des Auftakts:</strong> Die Veranstaltung beginnt mit Grußworten der Ländervertreterinnen und -vertreter, gefolgt von Kurt Weills Musik durch das Posaunenquartett der Anhaltischen Philharmonie Dessau. Wolfgang Knöbls Keynote zur „Zerrissenen Moderne&#8220; bildet den theoretischen Rahmen, bevor die Programmverantwortlichen aus allen drei Städten ihre Schwerpunkte vorstellen. Die abschließende Podiumsdiskussion mit Irina Scherbakowa, Anke Blümm und Jörg Gleiter verspricht kontroverse Debatten über die Gegenwart der Moderne.</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Information und Dokumentation:</strong> Programmbroschüren liegen in den Tourist-Informationen aller drei Städte sowie in den Berliner Festivalzentralen aus. Details unter <a class="underline" href="http://www.triennale-der-moderne.de/" target="_blank" rel="noopener">www.triennale-der-moderne.de</a></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Soziale Utopie oder Ghetto? Der Plattenbau im Spiegel der Kunst</title>
		<link>https://baukunst.art/soziale-utopie-oder-ghetto-der-plattenbau-im-spiegel-der-kunst/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Sep 2025 07:09:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Ostmoderne]]></category>
		<category><![CDATA[Plattenbau]]></category>
		<category><![CDATA[Transformationsarchitektur]]></category>
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					<description><![CDATA[Das MINSK Potsdam zeigt ab September, wie Künstlerinnen und Künstler den Plattenbau neu lesen: nicht als Betonwüste, sondern als kulturellen Resonanzraum voller Widersprüche und Potenziale.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Platte als Projektionsfläche</h1>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zwischen Utopie und Alltag – eine Spurensuche</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Platte polarisiert. Noch immer. Während westdeutsche Feuilletons gerne von „Betonwüsten&#8220; sprechen, leben allein in Brandenburg über 400.000 Menschen in den industriell gefertigten Wohnbauten der DDR-Zeit. Das Kunsthaus DAS MINSK in Potsdam wagt nun einen differenzierten Blick auf dieses architektonische Erbe: Die Ausstellung „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220; versteht den Plattenbau nicht als architektonisches Relikt, sondern als lebendigen kulturellen Resonanzraum, der bis heute Fragen von Zugehörigkeit, Gemeinschaft und gesellschaftlicher Transformation aufwirft.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Gastkurator Kito Nedo hat für die vom 6. September 2025 bis 8. Februar 2026 laufende Schau rund 50 Positionen versammelt – von Karl-Heinz Adlers konstruktivistischen Arbeiten der 1970er Jahre bis zu Henrike Naumanns raumgreifenden Installationen der Gegenwart. Diese zeitliche Spannweite ist programmatisch: Der Plattenbau wird hier nicht als abgeschlossenes Kapitel der Architekturgeschichte behandelt, sondern als fortdauernde Herausforderung für Stadtentwicklung und kollektives Gedächtnis.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Brandenburgs besondere Plattenbau-Realität</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In Brandenburg hat die Debatte um den Plattenbau eine besondere Brisanz. Städte wie Cottbus, Frankfurt (Oder) oder Brandenburg an der Havel bestehen zu erheblichen Teilen aus industriell gefertigten Wohnbauten. Die Landesbauordnung Brandenburg musste sich in den vergangenen Jahren intensiv mit Fragen der energetischen Sanierung, des barrierefreien Umbaus und der demografieangepassten Nachnutzung auseinandersetzen. Das Land fördert seit 2020 gezielt die Aufwertung von Plattenbauquartieren – nicht deren Abriss, sondern deren Transformation zu zeitgemäßen Wohnformen steht im Fokus.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese regionale Perspektive spiegelt sich in der Ausstellung wider. Sabine Moritz&#8216; großformatige Malereien zeigen die Plattenbausiedlung Drewitz bei Potsdam – heute als „Gartenstadt Drewitz&#8220; ein Vorzeigeprojekt energetischer und sozialer Stadterneuerung. Sonya Schönbergers fotografische Arbeiten dokumentieren den Alltag in Brandenburger Plattenbausiedlungen mit einem ethnografischen Blick, der weder romantisiert noch dämonisiert. Die Berliner Fotografin Sibylle Bergemann hatte bereits in den 1970er und 80er Jahren das Leben in Marzahn und Hellersdorf festgehalten – ihre Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen Menschen, die sich ihre standardisierten Wohnungen individuell aneignen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Architektur als soziale Skulptur</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der kuratorische Ansatz Nedos behandelt den Plattenbau konsequent als „soziale Skulptur&#8220; im Beuys&#8217;schen Sinne. Die ausgestellten Werke thematisieren weniger die baulichen Strukturen als vielmehr die sozialen Prozesse, die sich in und um sie herum abspielen. Markus Drapers Videoarbeiten etwa untersuchen die Soundscapes von Plattenbausiedlungen – das charakteristische Hallen in den Treppenhäusern, die Geräuschübertragung durch die dünnen Wände, aber auch die akustische Gemeinschaft, die daraus entsteht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ruth Wolf-Rehfeldts Typewritings aus den 1970er Jahren, entstanden in einer Plattenbau-Wohnung in Berlin-Karlshorst, zeigen die subversive Kraft künstlerischer Produktion unter beengten Wohnverhältnissen. Manfred Pernices skulpturale Arbeiten hingegen dekonstruieren die modulare Logik des Plattenbaus und führen sie ad absurdum – seine aus Spanplatten und Fundstücken zusammengefügten Objekte wirken wie dystopische Miniaturmodelle gescheiterter Wohnutopien.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Plattenbau als Laboratorium der Moderne</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Ausstellung macht deutlich: Der Plattenbau war und ist ein Laboratorium der Moderne. In der DDR sollte er nicht weniger als eine neue Gesellschaft hervorbringen – kollektiv, egalitär, fortschrittlich. Harald Metzkes&#8216; Gemälde aus den 1980er Jahren zeigen die Ambivalenz dieses Versprechens: Seine Interieurs wirken gleichzeitig intim und entfremdet, die dargestellten Figuren scheinen in ihren genormten Räumen gefangen und doch zuhause.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Ambivalenz prägt auch die aktuelle Debatte. Während in westdeutschen Großstädten über bezahlbaren Wohnraum diskutiert wird, bietet der ostdeutsche Plattenbau genau das: günstige, oft gut geschnittene Wohnungen mit funktionierender Infrastruktur. Die Potsdamer Stadtverwaltung hat erkannt, dass die Plattenbaugebiete Am Stern und Drewitz nicht Problem-, sondern Potenzialräume sind. Mit dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept 2035 werden diese Quartiere als „Reallabore für sozial-ökologische Transformation&#8220; definiert.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kritische Würdigung ohne Nostalgie</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Henrike Naumanns raumgreifende Installation „Ostalgie&#8220; persifliert die romantisierende Verklärung der DDR-Wohnkultur. Ihre mit originalen Schrankwänden und Couchgarnituren ausgestatteten Environments zeigen die Plattenbau-Wohnung als Bühne für rechtsextreme Ideologien – ein unbequemer, aber notwendiger Kommentar zur aktuellen politischen Situation in vielen ostdeutschen Plattenbaugebieten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Stärke der Ausstellung liegt in dieser Vielstimmigkeit. Sie vermeidet sowohl die pauschale Verdammung als auch die nostalgische Verklärung des Plattenbaus. Stattdessen zeigt sie ihn als das, was er ist: ein komplexes architektonisches und soziales Phänomen, das Millionen von Biografien geprägt hat und weiter prägt.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Übertragbare Lehren für die Gegenwart</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für Architektinnen und Stadtplaner bietet die Ausstellung wichtige Denkanstöße. Die modulare Bauweise, die standardisierte Produktion, die Trennung von Tragwerk und Ausbau – all das sind Prinzipien, die angesichts der Wohnungskrise und Klimakrise neue Aktualität gewinnen. Die Bundesstiftung Baukultur hat 2024 in ihrem Baukulturbericht explizit auf die Potenziale der Plattenbaubestände hingewiesen: energetische Sanierung statt Abriss, Nachverdichtung statt Neubau, soziale Mischung statt Segregation.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der zweisprachige Ausstellungskatalog (DISTANZ Verlag) dokumentiert diese Perspektiven umfassend. Mit Essays, einem Glossar und einer Chronik zur Geschichte der Plattenbauarchitektur wird er zum Standardwerk für alle, die sich differenziert mit diesem Erbe auseinandersetzen wollen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Fazit: Mehr als eine Ausstellung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">„Wohnkomplex&#8220; ist mehr als eine Kunstausstellung – es ist ein Beitrag zur überfälligen Neubewertung des baukulturellen Erbes der DDR. Für Brandenburg und die anderen neuen Bundesländer ist das von existenzieller Bedeutung. Denn die Zukunft dieser Regionen wird auch davon abhängen, wie kreativ und respektvoll mit den Plattenbaubeständen umgegangen wird. Das MINSK zeigt: Der Plattenbau ist kein Ballast der Vergangenheit, sondern ein Experimentierfeld für die Stadt von morgen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Ausstellungsdetails für Ihren Besuch</h2>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>„Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220;</strong></p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Laufzeit:</strong> 6. September 2025 – 8. Februar 2026</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Ort:</strong> DAS MINSK Kunsthaus Potsdam Max-Planck-Straße 17, 14473 Potsdam</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Öffnungszeiten:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Mittwoch bis Montag: 10:00 – 19:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Dienstag: geschlossen</li>
<li class="whitespace-normal break-words">An Feiertagen: 10:00 – 19:00 Uhr</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Eintritt:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Regulär: 10 Euro</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Ermäßigt: 7 Euro (Studierende, Auszubildende, Schwerbehinderte)</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Familienkarte: 20 Euro (2 Erwachsene + Kinder bis 18 Jahre)</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Freier Eintritt: Kinder unter 7 Jahren, Mitglieder des Freundeskreises</li>
<li class="whitespace-normal break-words">MinskDay: Jeden ersten Mittwoch im Monat freier Eintritt für alle</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Führungen:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Öffentliche Führungen: Samstags 15:00 Uhr, Sonntags 11:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Kuratorenführung mit Kito Nedo: 14. September 2025, 16:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Architekturführungen: Jeden ersten Sonntag im Monat, 14:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Gruppenführungen: Nach Voranmeldung unter <a class="underline" href="mailto:bildung@dasminsk.de" target="_blank" rel="noopener">bildung@dasminsk.de</a></li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Rahmenprogramm:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Artist Talks mit Henrike Naumann (Oktober 2025) und Sonya Schönberger (November 2025)</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Symposium „Plattenbau reloaded&#8220;: 15. November 2025</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Filmreihe „Leben in der Platte&#8220;: Oktober – Dezember 2025</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Workshops für Architekturstudierende: Termine auf Anfrage</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Anreise:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Mit ÖPNV: Tram 96 bis „Campus Jungfernsee&#8220; oder Bus 605 bis „Max-Planck-Straße&#8220;</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Mit dem Auto: A115, Ausfahrt Potsdam-Babelsberg, Parkplätze vorhanden</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Mit dem Fahrrad: Direkt am Radweg Berlin-Kopenhagen gelegen</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Barrierefreiheit:</strong> Das MINSK ist vollständig barrierefrei zugänglich. Induktionsschleifen und Audioguides verfügbar.</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Katalog:</strong> „Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau&#8220; DISTANZ Verlag, 240 Seiten, deutsch/englisch Museumsausgabe: 35 Euro ISBN: 978-3-95476-XXX-X</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Kontakt:</strong> DAS MINSK Kunsthaus Potsdam Tel: +49 331 236014-699 E-Mail: <a class="underline" href="mailto:info@dasminsk.de" target="_blank" rel="noopener">info@dasminsk.de</a> Web: <a class="underline" href="http://www.dasminsk.de/" target="_blank" rel="noopener">www.dasminsk.de</a></p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Begleitende Architekturtouren:</strong> Die Brandenburgische Architektenkammer bietet begleitend zur Ausstellung Exkursionen in Potsdamer Plattenbaugebiete an:</p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Drewitz/Gartenstadt: 21. September 2025</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Am Stern: 19. Oktober 2025</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Anmeldung: <a class="underline" href="http://www.ak-brandenburg.de/veranstaltungen" target="_blank" rel="noopener">www.ak-brandenburg.de/veranstaltungen</a></li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words">
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Thüringens Betonparadox: Zwischen Versiegelungsrekord und Nachhaltigkeitsvision</title>
		<link>https://baukunst.art/thueringens-betonparadox-zwischen-versiegelungsrekord-und-nachhaltigkeitsvision/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Sep 2025 16:20:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Flächenversiegelung]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltige Stadtentwicklung]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringer Bauordnung 2024]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=13458</guid>

					<description><![CDATA[Thüringen zeigt Deutschlands Flächendilemma: Suhl glänzt mit 30% Versiegelung als Vorzeigestadt, während täglich neue Flächen unter Beton verschwinden - trotz ambitionierter Nachhaltigkeitsziele.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das grüne Herz schlägt noch – aber unter einer dünnen Betonschicht</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Suhl macht es vor: Mit gerade einmal 30 Prozent versiegelter Siedlungsfläche hält die thüringische Stadt den bundesweiten Rekord als am wenigsten zubetonierte Kommune Deutschlands. Ein bemerkenswerter Kontrapunkt zu Ludwigshafen am Rhein, wo 67 Prozent der Flächen unter Asphalt und Beton verschwunden sind. Doch dieser Erfolg täuscht über ein grundlegendes Problem hinweg, das auch den Freistaat erfasst hat: Die schleichende Versiegelung schreitet voran – täglich verschwinden deutschlandweit 55 Hektar Boden unter undurchlässigen Schichten, eine Fläche größer als 70 Fußballfelder.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Novellierte Bauordnung: Fortschritt mit Fragezeichen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die im Juli 2024 in Kraft getretene Thüringer Bauordnung sollte eigentlich die Bauwende einläuten. Tatsächlich bringt sie einige bemerkenswerte Erleichterungen: Das Abstandsflächenrecht wurde entschlackt, der umstrittene &#8222;nachbarliche Wohnfrieden&#8220; als Rechtsbegriff gestrichen, digitale Bauanträge sind nun möglich. Besonders die Klarstellung in § 6 ThürBO 2024, dass Abstandsflächen primär der Belichtung und Belüftung dienen, reduziert die Streitanfälligkeit bei Nachverdichtungsprojekten erheblich.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sich die Schwächen der Reform. Verbindliche Prüffristen für Bauanträge? Fehlanzeige. Eine Genehmigungsfiktion bei behördlicher Untätigkeit? Nicht vorgesehen. Die digitale Revolution im Bauamt? Mangels flächendeckender IT-Infrastruktur vorerst vertagt. Die Novelle gleicht einem modernen Sportwagen mit angezogener Handbremse – theoretisch leistungsstark, praktisch ausgebremst.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Brachflächendilemma: 1.000 Chancen warten auf Erweckung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Fast 1.000 brachliegende Standorte ab 3.000 Quadratmetern Größe schlummern im thüringischen Brachflächenkataster – potenzielle Baugrundstücke, die auf ihre Renaissance warten. Die LEG Thüringen dokumentiert akribisch diese ungenutzten Ressourcen, doch die Reaktivierung stockt. Hier liegt der neuralgische Punkt der thüringischen Flächenpolitik: Während täglich neue Flächen versiegelt werden, verfallen andernorts Industriebrachen und ehemalige Gewerbeflächen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Gründe sind vielschichtig: Altlastenproblematik, komplizierte Eigentumsverhältnisse, fehlende Investoren. Besonders in strukturschwachen Regionen Ostthüringens gleicht die Revitalisierung einer Sisyphusarbeit. Dabei wäre gerade hier der Hebel anzusetzen – jede reaktivierte Brache spart Neuversiegelung an anderer Stelle.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Disparitäten: Ein Land, zwei Welten</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Während Erfurt, Jena und Weimar unter Wachstumsdruck ächzen und händeringend nach Bauland suchen, kämpfen ländliche Regionen mit Leerstand und Verfall. Diese Zweiklassengesellschaft der Flächennutzung spiegelt sich auch in den kommunalen Haushalten wider. Städte wie Suhl profitieren paradoxerweise von ihrer geringen Versiegelung durch niedrigere Infrastrukturkosten, während hochversiegelte Kommunen bei Starkregenereignissen mit millionenschweren Schäden konfrontiert werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die unterschiedlichen Versiegelungsgrade korrelieren dabei nicht nur mit der Bevölkerungsdichte, sondern auch mit der historischen Entwicklung. DDR-Plattenbausiedlungen mit ihren großzügigen Grünflächen schneiden oft besser ab als westdeutsche Gewerbegebiete der 1990er Jahre, die nach dem Prinzip maximaler Flächenausnutzung entstanden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Klimaanpassung als Treiber: Schwammstadt statt Betonwüste</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die zunehmenden Extremwetterereignisse zwingen zum Umdenken. Erfurts Pilotprojekte zur Schwammstadt-Entwicklung zeigen, dass Entsiegelung mehr ist als grüne Romantik – sie ist überlebenswichtige Klimaanpassung. Rasengittersteine statt Asphalt, Versickerungsmulden statt Kanalisation, Gründächer statt Betondächer – die technischen Lösungen existieren, scheitern aber oft an den Kosten und am mangelnden Bewusstsein der Bauherrinnen und Bauherren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders brisant: Die gesplittete Abwassergebühr, die versiegelte Flächen mit bis zu 1,80 Euro pro Quadratmeter belastet, entfaltet noch nicht die erhoffte Lenkungswirkung. Zu gering sind die finanziellen Anreize, zu hoch die Investitionskosten für Entsiegelungsmaßnahmen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Thüringens Nachhaltigkeitsvision: Netto-Null als Fernziel</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Freistaat hat sich ambitionierte Ziele gesetzt: Langfristig soll die Netto-Flächenversiegelung auf null sinken – ein Vorhaben, das angesichts der aktuellen Entwicklung utopisch anmutet. Denn während die Politik von Nachhaltigkeit spricht, genehmigen dieselben Behörden weiterhin großflächige Gewerbegebiete auf der grünen Wiese.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Krux liegt im föderalen System: Kommunale Planungshoheit trifft auf übergeordnete Nachhaltigkeitsziele. Solange Gewerbesteuereinnahmen wichtiger sind als Bodenschutz, wird sich wenig ändern. Interkommunale Gewerbegebiete mit Steuerausgleich könnten ein Lösungsansatz sein – doch dafür müssten Kommunen ihre Kirchturmpolitik überwinden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ausblick: Evolution statt Revolution</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Thüringen steht exemplarisch für die deutsche Flächenversiegelungsproblematik: Man weiß um die Herausforderung, hat durchaus innovative Ansätze, scheitert aber an der konsequenten Umsetzung. Die neue Bauordnung ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber eben nur ein kleiner. Was fehlt, ist der große Wurf – eine Flächenkreislaufwirtschaft, die Neuversiegelung nur noch bei gleichzeitiger Entsiegelung an anderer Stelle zulässt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Instrumente liegen bereit: Brachflächenkataster, gesplittete Abwassergebühr, technische Alternativen zu klassischer Versiegelung. Was es braucht, ist politischer Mut zur konsequenten Steuerung und die Bereitschaft, kurzfristige wirtschaftliche Interessen hinter langfristige ökologische Notwendigkeiten zurückzustellen. Suhl macht vor, dass es geht – die Frage ist nur, ob andere Kommunen folgen wollen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Plattenbau-Power: Wie Chemnitz seine DDR-Architektur zur Kulturwaffe macht</title>
		<link>https://baukunst.art/plattenbau-power-wie-chemnitz-seine-ddr-architektur-zur-kulturwaffe-macht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 25 Aug 2025 09:34:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Industriearchitektur]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturhauptstadt2025]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtentwicklung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=13079</guid>

					<description><![CDATA[Chemnitz überrascht als Kulturhauptstadt 2025: Statt Glanz setzt die sächsische Stadt auf rauen Industriecharme und macht Plattenbauten zu Kreativorten. Ein architektonischer Neustart.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zwischen Gründerzeit und Plattenbau: Chemnitz ist eine Reise wert</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wer durch Chemnitz flaniert, begegnet einer Stadt der architektonischen Paradoxe. Hier stehen brutalistische Plattenbauten neben sanierten Gründerzeitvillen, postmoderne Einkaufszentren neben industriellen Backsteinkathedralen. Genau diese scheinbare Unordnung macht Chemnitz zur perfekten Kulturhauptstadt Europas 2025. Die drittgrößte Stadt Sachsens nutzt ihre bauliche Vielschichtigkeit als Chance – und transformiert verlassene Industriehallen zu Kulturorten, Plattenbauten zu Kreativquartieren und brachliegende Flächen zu temporären Kunsträumen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das Erbe der Moderne als Chance</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die architektonische DNA von Chemnitz ist untrennbar mit der Industrialisierung verbunden. Als &#8222;Sächsisches Manchester&#8220; prägte die Stadt einst die deutsche Industriearchitektur. Heute, nach Deindustrialisierung und demografischem Wandel, stehen viele dieser Bauwerke leer. Doch statt Abrissbirne wartet die Kulturhauptstadt mit klugen Umnutzungskonzepten auf.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ehemalige Straßenbahndepot an der Zwickauer Straße wandelt sich zum zentralen Veranstaltungsort. Die denkmalgeschützte Stahlbetonkonstruktion aus den 1920er Jahren behält ihre industrielle Ästhetik – schwarze Stahlträger, großflächige Verglasung, roher Beton. Architektinnen und Architekten des Büros Knerer und Lang ergänzen behutsam zeitgenössische Einbauten, ohne den Charakter zu zerstören. Ein Lehrstück adaptiver Wiedernutzung, das zeigt: Chemnitz muss seine Vergangenheit nicht verstecken, sondern kann sie produktiv wenden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Plattenbau-Renaissance im Brühl</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders mutig agiert die Stadt im Brühl-Viertel. Der einst als sozialer Brennpunkt stigmatisierte Stadtteil mit seinen Plattenbauten der Serie WBS 70 erfährt eine bemerkenswerte Transformation. Statt kosmetischer Verschönerung setzt das von der Stadt beauftragte Architekturbüro Heilergeiger auf radikale Ehrlichkeit: Die Fassaden bleiben roh, werden aber durch großformatige Kunstwerke lokaler und internationaler Künstlerinnen ergänzt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Erdgeschosszonen, einst tote Sockel, öffnen sich zur Straße. Ateliers, Galerien und Projekträume ziehen ein. Die Sächsische Aufbaubank fördert diese Umnutzungen mit einem speziellen Programm &#8222;Kreativräume Ost&#8220;, das bis zu 80 Prozent der Umbaukosten übernimmt. Ein cleverer Schachzug der Landesregierung, der zeigt: Baukultur in Ostdeutschland braucht andere Ansätze als im Westen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Stefan-Heym-Platz: Neues Herz mit Ecken und Kanten</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der neue Stefan-Heym-Platz vor dem Karl-Marx-Monument verkörpert die architektonische Haltung der Kulturhauptstadt exemplarisch. Das Leipziger Büro Topotek 1 gestaltete keine glatte Repräsentationsfläche, sondern einen Ort produktiver Reibung. Unterschiedliche Bodenbeläge – vom groben Kopfsteinpflaster bis zum glatten Beton – zonieren den Raum. Mobile Tribünen aus Cortenstahl können für Veranstaltungen arrangiert werden. Die bewusst raue Materialität korrespondiert mit der brutalistischen Umgebung, ohne in Nostalgie zu verfallen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kritisch anzumerken bleibt allerdings die mangelnde Barrierefreiheit einiger Bereiche. Die unterschiedlichen Niveaus und Materialwechsel erschweren Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Nutzung. Hier zeigt sich: Auch ambitionierte Architektur muss inklusiv gedacht werden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Smac und Kunstsammlungen: Museumsbau als Stadtentwicklung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz (smac) im ehemaligen Kaufhaus Schocken demonstriert, wie Denkmalschutz und zeitgenössische Museumsarchitektur harmonieren können. Auer Weber Architekten bewahrten die geschwungene Fassade Erich Mendelsohns und schufen im Inneren eine spektakuläre Raumfolge. Die Kunstsammlungen Chemnitz am Theaterplatz, ein sachlicher Bau der 1990er Jahre von Volker Staab, erhielten zur Kulturhauptstadt eine Erweiterung. Der Anbau aus transluzenten Polycarbonatplatten schafft diffuses Licht für die Ausstellungsräume – energetisch vorbildlich, ästhetisch polarisierend.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Nachhaltigkeit als Leitmotiv</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Sächsische Bauordnung wurde 2024 novelliert und ermöglicht nun verstärkt Holzbau und experimentelle Bauweisen. Chemnitz nutzt diese Spielräume: Am Sonnenberg entsteht das erste siebengeschossige Holzhochhaus Sachsens. Das Büro Kaden + Lager setzt dabei auf regionale Fichte aus dem Erzgebirge. Die graue Energie der Bestandsbauten wird konsequent mitgedacht – Abriss ist die Ausnahme, Umnutzung die Regel.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die TU Chemnitz begleitet viele Projekte wissenschaftlich. Professor Martin Pohl vom Institut für Strukturleichtbau untersucht, wie industrielle Altbauten energetisch ertüchtigt werden können, ohne ihre Authentizität zu verlieren. Seine Forschung zeigt: Mit innovativen Dämmsystemen aus nachwachsenden Rohstoffen lassen sich auch Backsteinbauten der Gründerzeit klimaneutral sanieren.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Partizipation statt Masterplan</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Anders als andere Kulturhauptstädte verzichtet Chemnitz auf einen großen städtebaulichen Masterplan. Stattdessen setzt die Stadt auf kleinteilige, partizipative Prozesse. Das &#8222;Büro für Stadtentwicklung&#8220; koordiniert Bürgerworkshops, in denen Anwohnerinnen und Anwohner selbst entscheiden, wie Brachflächen genutzt werden. Diese Bottom-up-Strategie mag langsamer sein als Top-down-Planung, schafft aber Identifikation und Akzeptanz.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kritische Würdigung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Chemnitz 2025 beweist: Kulturhauptstadt funktioniert auch ohne Stararchitektur und Leuchtturmprojekte. Die Stadt setzt auf das Vorhandene, transformiert behutsam und bezieht die Bevölkerung ein. Diese Strategie hat Modellcharakter für andere ostdeutsche Städte mit ähnlichen Herausforderungen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dennoch bleiben Fragen offen: Wie nachhaltig sind die Impulse? Was passiert nach 2025? Die Gefahr der Festivalisierung ist real. Temporäre Kulturnutzungen können dauerhafte Strukturprobleme nicht lösen. Die Stadt muss jetzt Weichen stellen, damit aus der Kulturhauptstadt keine Eintagsfliege wird.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Chemnitz zeigt: Baukultur im 21. Jahrhundert bedeutet nicht nur spektakuläre Neubauten, sondern vor allem intelligenten Umgang mit dem Bestand. Die Stadt macht aus der Not eine Tugend – und gerade das macht sie zur vielleicht ehrlichsten Kulturhauptstadt, die Europa je hatte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nach dem Einsturz &#8211; Dresden reißt die Carolabrücke ab und plant einen Neubau</title>
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		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 20 Aug 2025 08:05:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Brückeneinsturz]]></category>
		<category><![CDATA[Carolabrücke]]></category>
		<category><![CDATA[Dresden]]></category>
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					<description><![CDATA[Dresdens Carolabrücke stürzte spektakulär ein - eine DDR-Altlast wird zur Millionenbaustelle. Jetzt streitet die Stadt über Spurenanzahl, Naturschutz und die Mobilität von morgen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Verkehrskollaps oder Verkehrswende? Dresden nutzt Brückeneinsturz für Mobilitätsdebatte</h1>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wasserstoffinduzierte Spannungsrisskorrosion: Wenn DDR-Erbe zur Zeitbombe wird</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Als in den frühen Morgenstunden des 11. September 2024 um 2:58 Uhr ein hundert Meter langes Teilstück der Carolabrücke in die Elbe stürzte, entging Dresden nur knapp einer Katastrophe. Die letzte Straßenbahn hatte die Brücke gerade einmal acht Minuten zuvor passiert. Was folgte, war nicht nur der spektakuläre Abriss eines der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der sächsischen Landeshauptstadt, sondern auch eine schonungslose Abrechnung mit den Baustandards der DDR-Zeit – und eine kontroverse Debatte über die Zukunft städtischer Mobilität im Spannungsfeld zwischen Verkehrsfluss und Naturschutz.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Professor Steffen Marx vom Institut für Massivbau der TU Dresden, der als Gutachter die Einsturzursache untersuchte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Die wasserstoffinduzierte Spannungsrisskorrosion durch Feuchtigkeitseintrag während der Bauphase, verstärkt durch Ermüdung der Spannstähle, hatte bereits während des Baus der 1971 fertiggestellten Brücke begonnen. Ein konstruktives Versagen mit Ansage also, das mit den üblichen Prüfmethoden nicht vorhersehbar war. Über 68 Prozent der Spannglieder in der Fahrbahnplatte von Zug C waren an der Bruchstelle stark geschädigt.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Sächsische Gründlichkeit trifft auf bundesdeutsche Realität</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Dresdner Stadtverwaltung und ihre Prüfingenieurinnen und Prüfingenieure hatten nach allen Regeln der Kunst gehandelt. Regelmäßige Inspektionen nach DIN 1076, Sonderuntersuchungen, sogar eine Dauerüberwachung mit Schallemissionsmesstechnik – alles war im grünen Bereich, zumindest auf dem Papier. Die Realität jedoch spielte nach eigenen Regeln. Der allmähliche Ausfall von Spanngliedern führte zum schleichenden Verlust der Spannkraft, bis sich Zug C immer mehr auf den Querträger und damit auf die benachbarten Brückenzüge stützte. Als dieser Querträger schließlich abriss, war das Schicksal der Brücke besiegelt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Konsequenzen reichten weit über Dresden hinaus. Bundesweit wurden vergleichbare Spannbetonbrücken aus derselben Epoche unter die Lupe genommen. In Sachsen allein musste die Elbebrücke Bad Schandau für Fahrzeuge über 7,5 Tonnen gesperrt werden, während andere Bauwerke engmaschige Überwachungen oder gar Sofortsperrungen erfuhren. Die sächsische Bausubstanz aus DDR-Zeiten offenbart ihre Achillesferse – ein Problem, das die Freistaatskassen noch auf Jahre belasten wird.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Abriss als Millionengrab und logistische Meisterleistung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der kontrollierte Abriss der verbliebenen Brückenzüge A und B im Juni 2025 glich einer chirurgischen Operation am offenen Herzen der Stadt. Mit 120-Tonnen-Langarmbaggern, die mit ihren 40-Meter-Armen über die Brückenzüge griffen, wurden die Stahldrähte durchtrennt, bis die Brückenteile auf eigens aufgeschüttete Fallpolster in der Elbe stürzten. Die Kosten für den Abriss bezifferte die Stadt Dresden im Juli 2025 mit &#8222;bis zu 18 Millionen Euro&#8220; – Geld, das eigentlich in die geplante Sanierung hätte fließen sollen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders pikant: Die Fernwärmeversorgung eines Viertels der Stadt hing buchstäblich an zwei 500-Millimeter-Rohren in der Brücke. Als diese beim Einsturz durchtrennt wurden, floss heißes Wasser in die Elbe, und 36.000 Haushalte sowie zwei Krankenhäuser saßen vorübergehend auf dem Trockenen – oder besser gesagt: im Kalten. Als temporärer Ersatz musste eine Doppelrohrbahn auf der Augustusbrücke verlegt werden, eine Notlösung, die bis Ende November 2024 Bestand hatte.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Grüne Wiesen versus graue Infrastruktur: Der Kampf um die Spurenanzahl</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Diskussion um den Neubau offenbart die tiefen Gräben in der Dresdner Stadtgesellschaft. Auf der einen Seite fordert die regionale Wirtschaft, vertreten durch IHK und Handwerkskammer, einen schnellen vierspurigen Wiederaufbau. Mit 30.000 Fahrzeugpassagen pro Tag stelle die Carolabrücke eine &#8222;immanent wichtige Verkehrsader&#8220; dar, argumentieren die Kammerpräsidenten Andreas Sperl und Jörg Dittrich. Sie fordern einen Baubeginn bereits 2026 statt des geplanten Starts 2028.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Auf der anderen Seite steht der BUND Dresden mit einer radikalen Gegenvision: nur zwei Fahrspuren statt vier. Florian Wendler, Chef der BUND-Regionalgruppe Dresden, sieht im Neubau &#8222;eine große Chance für eine zukunftsgerichtete Stadtentwicklung, die Mobilitätswende und den Schutz der Dresdner Elbwiesen&#8220;. Die Umweltschützerinnen und Umweltschützer argumentieren mit rückläufigen Kfz-Zahlen und dem Schutz des FFH-Gebiets. Die Brücke zerschneide nicht nur den geschützten naturgeprägten Raum der Elbwiesen, sondern der Neubau erfordere auch negative bauliche Eingriffe.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Sächsischer Pragmatismus siegt über Planfeststellungsverfahren</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Stadtrat entschied sich im Juni 2025 für den pragmatischen Weg: Ein Ersatzneubau soll wiedererrichtet werden, sodass kein Genehmigungsverfahren notwendig wird. Diese Entscheidung bedeutet zwar weniger Gestaltungsspielraum, aber auch eine erhebliche Zeitersparnis. Statt eines langwierigen Planfeststellungsverfahrens mit ungewissem Ausgang setzt Dresden auf Geschwindigkeit – eine Entscheidung, die angesichts der verkehrlichen Situation nachvollziehbar erscheint.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Ausschreibungsunterlagen sollen Anfang September 2025 veröffentlicht werden. Vier Büros werden mit konkreten Entwürfen beauftragt, die Ende Mai 2026 der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ein Begleitgremium aus Stadträten, Kammern und Interessenverbänden soll den Prozess überwachen – sächsische Bürgerbeteiligung in strukturierter Form.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Lehren aus einer lokalen Katastrophe</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Einsturz der Carolabrücke ist mehr als nur ein Dresdner Problem. Er wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen ostdeutscher Kommunen im Umgang mit ihrer Bausubstanz aus DDR-Zeiten. Die spezifischen Baumethoden und Materialien der 1960er und 1970er Jahre, kombiniert mit jahrzehntelanger Unterfinanzierung der Infrastruktur nach der Wende, schaffen eine toxische Mischung, die noch weitere Überraschungen bereithalten könnte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Gleichzeitig zeigt die Debatte um den Neubau exemplarisch die Konflikte moderner Stadtplanung: Wie viel Verkehr verträgt eine Stadt? Wie lassen sich Naturschutz und Mobilität vereinbaren? Die Dresdner Elbwiesen, einst Weltkulturerbe-Kandidat, jetzt FFH-Gebiet, sind zum Kampfplatz unterschiedlicher Zukunftsvisionen geworden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">2031: Ein Versprechen mit Fragezeichen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bis zum Jahr 2031 soll in Dresden der Neubau der Carolabrücke entstehen. Mit dem Bau könnte voraussichtlich im zweiten Quartal 2028 begonnen werden. Sechs Jahre ohne eine der wichtigsten Elbquerungen – für eine Stadt, die sich als dynamische Landeshauptstadt versteht, eine Ewigkeit. Die Albertbrücke ächzt bereits jetzt unter der Zusatzlast, die Augustusbrücke bleibt dem ÖPNV vorbehalten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Infrastruktur keine Selbstverständlichkeit ist. Die Carolabrücke war mehr als nur eine Verkehrsverbindung – sie war Lebensader für den Dresdner Osten, Fernwärmetrasse, Straßenbahnstrecke und Symbol städtischer Moderne. Ihr Einsturz mahnt: Die gebaute Umwelt ist fragiler, als wir glauben. Und die sächsische Gründlichkeit allein reicht nicht aus, wenn die Bausubstanz von vornherein kompromittiert ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dresden baut neu auf – mit allen Konflikten, die das mit sich bringt. Die neue Carolabrücke wird nicht nur Autos, Straßenbahnen und Fußgängerinnen und Fußgänger über die Elbe tragen müssen, sondern auch die Last der Erwartungen einer ganzen Region. Ob sie dieser Aufgabe gewachsen sein wird, entscheidet sich nicht nur am Reißbrett, sondern auch in den hitzigen Debatten der Dresdner Stadtgesellschaft. Die Brücke der Zukunft muss mehr sein als nur ein Ersatz – sie muss ein Statement sein für die Stadt, die Dresden sein will.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Schinkel und Moderne – Das Museum Lützen vollendet ein historisches Ensemble</title>
		<link>https://baukunst.art/zwischen-schinkel-und-moderne-das-museum-luetzen-vollendet-ein-historisches-ensemble/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Jul 2025 13:11:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Gedenkkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Museumsarchitektur]]></category>
		<category><![CDATA[Sachsen-Anhalt]]></category>
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					<description><![CDATA[Ein radikaler Betonmonolith markiert seit 2024 den Ort der Schlacht bei Lützen. Das neue Museum fordert Sachsen-Anhalts Gedenkarchitektur heraus – und weist neue Wege.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein puristischer Betonmonolith fordert die Erinnerungskultur heraus</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wer sich dem <a href="https://museum-luetzen-1632.de/" target="_blank" rel="noopener">neuen Museum Lützen 1632</a> nähert, dem stockt zunächst der Atem. Nicht vor Ehrfurcht vor der Geschichte dieses Ortes – die kommt später –, sondern angesichts der radikalen architektonischen Setzung, die Peter Zirkel gemeinsam mit Naumann Wasserkampf Architekten und Station C23 hier gewagt hat. Ein massiver Betonkubus mit steil ansteigendem Pultdach markiert seit 2024 den Ort, an dem vor fast 400 Jahren eine der blutigsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges tobte. 9.000 Menschen ließen hier ihr Leben, darunter der schwedische König Gustav II. Adolf.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Sachsen-Anhalts neue Gedenkarchitektur zwischen Tradition und Moderne</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museum Lützen steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel in der Gedenkarchitektur Sachsen-Anhalts. War die Region lange geprägt von einer eher konservativen Herangehensweise an historische Orte – man denke nur an die zahlreichen rekonstruierten Schlösser und Burgen entlang der Straße der Romanik –, so zeigt sich hier ein neues Selbstbewusstsein im Umgang mit Geschichte. Die Landesbauordnung Sachsen-Anhalt gibt Architekten und Architektinnen durchaus Spielraum für experimentelle Ansätze, vorausgesetzt, sie fügen sich sensibel in die jeweilige Umgebung ein.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Peter Zirkel, der bereits mit dem Militärhistorischen Museum Dresden internationale Anerkennung erlangte, nutzt diesen Spielraum virtuos. Der monolithische Bau mit seinen fugenlos gegossenen Betonwänden setzt eine selbstbewusste Zäsur, ordnet sich aber durch die niedrige Traufkante behutsam in das historische Ensemble ein, zu dem auch Schinkels gusseiserner Baldachin von 1837 und die skandinavische Kapelle von 1907 gehören.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Baukultur trifft auf internationale Standards</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was das Museum Lützen besonders macht, ist die gelungene Synthese aus regionaler Verankerung und internationaler Architektursprache. Die Form des Pultdachs zitiert subtil die landwirtschaftlichen Gebäude der Umgebung – ein Verweis auf die fruchtbare Kulturlandschaft zwischen Leipzig und Halle, die seit Jahrhunderten von Ackerbau geprägt ist. Gleichzeitig entspricht die puristische Betonarchitektur höchsten internationalen Standards der Museumsgestaltung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dr. Martina Schreiber, Leiterin des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, sieht in dem Projekt einen wichtigen Impuls: „Das Museum Lützen zeigt, dass wir in Sachsen-Anhalt durchaus in der Lage sind, Geschichte zeitgemäß zu interpretieren, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen. Es ist ein mutiges Statement, das hoffentlich Schule macht.&#8220;</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Förderpolitik und regionale Entwicklung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Realisierung des 8,5 Millionen Euro teuren Projekts wäre ohne die spezifischen Fördermechanismen Sachsen-Anhalts kaum möglich gewesen. Das Land nutzte hier geschickt die Synergien verschiedener Programme: EU-Strukturfonds, Bundesmittel für Kultur in ländlichen Räumen und Landesprogramme zur Stärkung der regionalen Identität griffen ineinander. Die Stadt Lützen mit ihren knapp 9.000 Einwohnerinnen und Einwohnern profitiert bereits jetzt von steigenden Besucherzahlen – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in einer strukturschwachen Region.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bürgermeisterin Katja Rosenbaum betont die Bedeutung für die Stadtentwicklung: „Das Museum ist mehr als nur ein Erinnerungsort. Es ist ein Leuchtturmprojekt, das zeigt, dass auch kleine Städte in Sachsen-Anhalt kulturell Großes leisten können.&#8220; Tatsächlich hat das Projekt bereits Nachahmer gefunden: In Magdeburg plant man ähnlich mutige Ansätze für das neue Dommuseum, und auch in Quedlinburg diskutiert man über zeitgenössische Ergänzungen des Weltkulturerbes.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Nachhaltigkeit als Herausforderung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kritisch zu betrachten ist allerdings die Nachhaltigkeitsbilanz des Projekts. Beton als Hauptbaustoff steht zunehmend in der Kritik, und auch wenn die Architekten auf recycelten Zuschlag und CO2-reduzierte Zementmischungen setzten, bleibt der ökologische Fußabdruck beträchtlich. Prof. Thomas Naumann von der Hochschule Anhalt in Dessau, der das Projekt wissenschaftlich begleitete, räumt ein: „In zehn Jahren hätten wir das vermutlich anders gelöst. Aber 2018, als die Planung begann, war das Bewusstsein für alternative Baustoffe noch nicht so ausgeprägt.&#8220;</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Immerhin: Die massive Bauweise verspricht Langlebigkeit, und die Haustechnik entspricht modernsten energetischen Standards. Eine Photovoltaikanlage auf dem Pultdach und eine Geothermieanlage sorgen für eine weitgehend autarke Energieversorgung – ein wichtiger Aspekt angesichts steigender Betriebskosten im Kulturbereich.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Kraft der Stille</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die eigentliche Stärke des Museums liegt jedoch in seiner räumlichen Dramaturgie. Im Erdgeschoss vermitteln moderne Medientechnik und sorgfältig kuratierte Exponate die komplexe Geschichte des Dreißigjährigen Krieges. Ein bodentiefes Panoramafenster rahmt den Blick auf das ehemalige Schlachtfeld – eine subtile Verbindung zwischen Innen und Außen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der emotionale Höhepunkt wartet im Untergeschoss: Ein 12 Meter hoher, fensterloser Raum, in dessen Zentrum eine gläserne Vitrine schwebt. Darunter, wie ein archäologisches Fenster in die Vergangenheit, das 2011 entdeckte Massengrab mit 47 Skeletten. Die Installation des Künstlers Michael Kienzer verzichtet auf jede Dramatisierung. Die schiere Präsenz der sterblichen Überreste, reliefartig herausgearbeitet und behutsam beleuchtet, spricht für sich. Was folgt, ist Stille – eine Stille, die nachhaltiger wirkt als jede Inszenierung.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Lehren für die Zukunft</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museum Lützen 1632 markiert einen Wendepunkt in der Gedenkarchitektur Sachsen-Anhalts. Es zeigt, dass moderne Architektursprache und historische Verantwortung keine Gegensätze sein müssen. Gleichzeitig wirft es Fragen auf: Wie viel Modernität verträgt die Erinnerung? Wie können wir Geschichte vermitteln, ohne sie zu musealisieren? Und wie schaffen wir es, auch in strukturschwachen Regionen kulturelle Leuchttürme zu etablieren, ohne dabei die lokale Bevölkerung zu überfordern?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Antworten darauf werden die Kulturpolitik Sachsen-Anhalts in den kommenden Jahren prägen. Das Museum Lützen hat die Messlatte hochgelegt – für Architektinnen und Architekten, Kuratorinnen und Kuratoren, aber auch für die Politik. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Mut zur zeitgenössischen Interpretation historischer Orte Schule macht, ohne dabei in Beliebigkeit zu verfallen. Denn eines lehrt uns die Geschichte der Schlacht bei Lützen: Konflikte entstehen oft aus mangelndem Verständnis füreinander. Moderne Museumsarchitektur kann helfen, Brücken zu bauen – zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Region und Welt, zwischen Erinnerung und Hoffnung.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Zwischen Verfall und Vision – Ein sächsisches Baudenkmal erwacht</title>
		<link>https://baukunst.art/zwischen-verfall-und-vision-ein-saechsisches-baudenkmal-erwacht/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 26 Jul 2025 12:51:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalsanierung]]></category>
		<category><![CDATA[Leipzig Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Stadtumbau Ost]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Hotel Astoria in Leipzig erwacht nach 30 Jahren Leerstand zu neuem Leben. Ein Mammutprojekt zwischen Denkmalschutz und moderner Stadtentwicklung beginnt.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Phönix aus Ruinen: Das Hotel Astoria und Leipzigs Ringen um sein Erbe</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Direkt gegenüber dem Leipziger Hauptbahnhof prägt seit fast drei Jahrzehnten eine architektonische Wunde das Stadtbild: Das Hotel Astoria, einst glanzvolles Aushängeschild der Messestadt, verfällt seit 1996 vor den Augen der Öffentlichkeit. Die Geschichte dieses Hauses liest sich wie ein Lehrbuch ostdeutscher Transformationsprozesse – mit all ihren Brüchen, Fehlstarts und nun, endlich, einem Hoffnungsschimmer.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Als das Berliner Büro wolff:architekten 2022 den Zuschlag für die Sanierung erhielt, atmete ganz Leipzig auf. Doch der Weg zur Rettung des Baudenkmals gestaltet sich steiniger als erhofft. Ursprünglich sollte das Hotel 2025, pünktlich zum 110. Jubiläum seiner Erstöffnung, in neuem Glanz erstrahlen. Diese Prognose hat sich als zu optimistisch erwiesen. Der momentan ruinöse Bestand, der zudem seit Jahren im Wasser steht, macht die Sanierung zu einer Mammutaufgabe, deren Dimensionen erst nach und nach sichtbar werden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Sächsische Bautradition trifft auf moderne Denkmalpflege</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Herausforderungen, vor denen wolff:architekten stehen, sind symptomatisch für viele Großprojekte in den neuen Bundesländern. Jahrzehntelanger Leerstand, ungeklärte Eigentumsverhältnisse nach der Wende und der schleichende Verfall haben ihre Spuren hinterlassen. In Sachsen, wo die Landesbauordnung besondere Anforderungen an den Umgang mit historischer Bausubstanz stellt, erfordert ein solches Projekt nicht nur architektonisches Fingerspitzengefühl, sondern auch profunde Kenntnis der regionalen Bauvorschriften.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die sächsische Denkmalpflege hat in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Standards entwickelt, die weit über die bloße Konservierung hinausgehen. Im Fall des Astoria bedeutet dies einen Spagat zwischen originalgetreuer Wiederherstellung und zeitgemäßer Nutzung. Die geplante Mischnutzung aus Hotel, Apartments und öffentlichen Bereichen folgt dabei einem in Leipzig bewährten Konzept, das historische Großbauten durch Funktionsvielfalt wirtschaftlich tragfähig macht.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Akteure und ihre Rolle im Sanierungsprozess</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Blick auf die Beteiligten offenbart die Komplexität regionaler Großprojekte: Während die Planung in Berliner Händen liegt, sind es vor allem sächsische Handwerksbetriebe und Spezialfirmen, die die eigentliche Sanierungsarbeit schultern werden. Diese verfügen über jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit DDR-Bausubstanz – ein Know-how, das sich nicht einfach importieren lässt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Leipziger Architektenkammer hat das Projekt von Anfang an eng begleitet. Kammerpräsident Axel Teichert betont die Bedeutung solcher Leuchtturmprojekte für die regionale Baukultur: „Das Astoria steht stellvertretend für viele ähnliche Fälle in Sachsen. Sein erfolgreicher Umbau kann Signalwirkung für andere brachliegende Großbauten haben.&#8220;</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Förderlandschaft Sachsen: Zwischen Chance und Bürokratie</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Finanzierung solcher Mammutprojekte wäre ohne die spezifischen Förderprogramme des Freistaats Sachsen kaum denkbar. Das Zusammenspiel von Städtebauförderung, Denkmalschutz-Sonderprogrammen und EU-Strukturfonds hat in den vergangenen Jahren eine einzigartige Förderlandschaft geschaffen. Allerdings kritisieren Praktiker immer wieder die kleinteilige Struktur und die damit verbundene Bürokratie.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im Fall des Astoria greifen verschiedene Förderlinien ineinander: Die Sächsische Aufbaubank (SAB) steuert Mittel aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm bei, während über das Programm „Stadtumbau Ost&#8220; weitere Gelder fließen. Diese Verschränkung verschiedener Fördertöpfe ist typisch für Sachsen, erfordert aber von Bauherren und Planern erhebliche administrative Kompetenz.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Klimaanpassung im Bestand: Sächsische Pionierarbeit</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein besonderes Augenmerk liegt auf der energetischen Sanierung. Sachsen hat hier mit seinem Energie- und Klimaprogramm ehrgeizige Standards gesetzt, die über die bundesweiten Vorgaben hinausgehen. Für ein Gebäude wie das Astoria bedeutet dies eine besondere Herausforderung: Wie lässt sich moderne Gebäudetechnik in die historische Substanz integrieren, ohne den Denkmalcharakter zu zerstören?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Lösung liegt in einem ausgeklügelten System aus Innendämmung, hocheffizienter Haustechnik und der Nutzung regenerativer Energien. Dabei profitiert das Projekt von Erfahrungen aus anderen sächsischen Großsanierungen, etwa dem Kulturpalast Dresden oder der Baumwollspinnerei Leipzig.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Innenhof als urbaner Mikrokosmos</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders innovativ zeigt sich die Planung beim Umgang mit dem verwilderten Blockinnenhof. Dieser soll vollständig begrünt und zu einem halböffentlichen Raum entwickelt werden – ein Konzept, das in Leipzig zunehmend Schule macht. Die Idee dahinter: Innenhöfe als grüne Lungen der Stadt zu aktivieren und gleichzeitig nachbarschaftliche Begegnungsräume zu schaffen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Herangehensweise spiegelt einen Paradigmenwechsel in der sächsischen Stadtplanung wider. Statt maximaler Verdichtung setzt man auf qualitätvolle Freiräume, die zur Klimaresilienz der Städte beitragen. Das Leipziger Grünraumprogramm, das solche Projekte gezielt fördert, gilt bundesweit als vorbildlich.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ausblick: Sachsens Umgang mit seinem baulichen Erbe</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Rettung des Hotel Astoria steht exemplarisch für den Umgang Sachsens mit seinem architektonischen Erbe. Nach Jahren des Verfalls und der Unsicherheit zeichnet sich eine differenzierte Herangehensweise ab, die weder in Nostalgie verfällt noch tabula rasa macht. Die Integration moderner Nutzungskonzepte in historische Strukturen, die Verbindung von Denkmalschutz und Klimaanpassung sowie die Aktivierung brachliegender Potenziale prägen zunehmend die sächsische Baukultur.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wenn die Planung im Herbst 2025 wieder aufgenommen wird und die Baustelle im Frühjahr 2026 erneut in Gang kommt, wird sich zeigen, ob die hochgesteckten Erwartungen erfüllt werden können. Eines steht jedoch schon jetzt fest: Die Rettung des Astoria sendet ein wichtiges Signal aus – für Leipzig, für Sachsen und für alle, die an die Zukunft historischer Bausubstanz glauben.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Architektur-Kartell: Wie Ostdeutschland die Baukultur neu erfindet</title>
		<link>https://baukunst.art/das-architektur-kartell-wie-ostdeutschland-die-baukultur-neu-erfindet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Jun 2025 12:50:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[Ostdeutsche Baukultur]]></category>
		<category><![CDATA[Regionale Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Tag der Architektur]]></category>
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					<description><![CDATA[Vom 28.-29. Juni zeigen vier ostdeutsche Bundesländer ihre Baukultur-Vielfalt. Sachsen feiert 30 Jahre Tag der Architektur mit fast 90 Objekten und innovativen Formaten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Baukultur im Aufbruch: Ostdeutschlands Architektur-Festival steht vor besonderen Jubiläen</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zum 30. Mal laden die Architektenkammern in Ostdeutschland am letzten Juniwochenende 2025 zum Tag der Architektur. Was in Sachsen als regionale Initiative begann, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Baukulturfestivals der Region. Unter dem bundesweiten Motto &#8222;Vielfalt bauen&#8220; zeigen Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen vom 28. bis 29. Juni eindrucksvoll, wie regionale Besonderheiten und innovative Planungsansätze die gebaute Umwelt prägen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Sachsen feiert drei Jahrzehnte Baukultur-Dialog</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die sächsische Architektenkammer begeht 2025 ein besonderes Jubiläum: Seit 30 Jahren öffnet der Tag der Architektur im Freistaat Türen zu sonst verschlossenen Welten. Fast 90 Objekte, offene Büros und Veranstaltungen erstrecken sich über das gesamte Bundesland &#8211; von den Metropolen Chemnitz, Dresden und Leipzig bis in kleinste Kommunen. Die Architektenkammer hat das Programm bewusst vielfältig gestaltet: Erstmals stehen geführte Fahrradtouren auf dem Programm, ergänzt durch bewährte Bustouren in Kooperation mit dem Zentrum für Baukultur Sachsen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besondere Aufmerksamkeit verdient die parallel laufende Ausstellung &#8222;WIR SIND VIELE!&#8220; im Kulturpalast Dresden. Als Teil des bundesweiten Women in Architecture Festivals macht sie vom 19. bis 29. Juni die Arbeit von Planerinnen sichtbar und hinterfragt etablierte Rollenbilder. Eine Rückblicks-Ausstellung &#8222;30 Jahre Tag der Architektur&#8220; im Haus der Architekten zeigt ab 26. Juni exemplarische Projekte aus jedem Veranstaltungsjahr &#8211; ein eindrucksvolles Panorama sächsischer Baukultur.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Thüringen setzt auf regionale Vernetzung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">45 Objekte in 31 Städten und Gemeinden präsentiert Thüringen 2025. Die Architektenkammer hat das Begleitprogramm deutlich ausgeweitet: Bereits ab 17. Juni zeigt die Ausstellung &#8222;Neue Architektur in Thüringen&#8220; in Erfurt aktuelle Projekte aus dem gesamten Freistaat. Besondere Formate wie Baustellenführungen zum Quartiersprojekt &#8222;Alte Feuerwache&#8220; in Weimar oder die Kuratorenführung durch den Eiermannbau in Apolda schaffen direkte Begegnungen zwischen Planenden und Besuchern.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Freistaat nimmt mit drei Veranstaltungen am Women in Architecture Festival teil und zeigt damit sein Engagement für Diversität in der Baukultur. Die Domäne Dornburg, ein Projekt mit besonderem denkmalpflegerischen Anspruch, gewährt am 28. Juni Einblicke in Geschichte, Potentiale und aktuelle Planungen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Mecklenburg-Vorpommern: Nachhaltigkeit im Fokus</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern startet bereits einen Tag früher ins Architektur-Wochenende. Vom 26. bis 29. Juni können Besucherinnen und Besucher erleben, wie nachhaltiges Planen und Bauen in einem Flächenland mit besonderen klimatischen Herausforderungen funktioniert. &#8222;Architekten wirken zusammen mit ihren privaten und öffentlichen Bauherren wesentlich an der Gestaltung unserer gebauten Umwelt mit&#8220;, betont Kammerpräsident Christoph Meyn die gesellschaftliche Verantwortung des Berufsstandes.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Programm legt besonderen Wert auf die Demonstration ressourcenschonender Planungsansätze und die Bandbreite architektonischer Tätigkeitsfelder. Von der Ostseeküste bis zur Mecklenburgischen Seenplatte zeigen lokale Büros, wie sie regionaltypische Baumaterialien und Handwerkstraditionen mit zeitgemäßen Anforderungen verbinden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Sachsen-Anhalt: Zwischen Industriekultur und Innovation</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seit 1996 etabliert Sachsen-Anhalt den Tag der Architektur als wichtiges Baukultur-Event. 2025 steht die Veranstaltung im Kontext mehrerer Jubiläen: Die Stiftung Bauhaus Dessau feiert das 100-jährige Jubiläum des Umzugs von Weimar nach Dessau, und der elfte Architekturpreis des Landes wird ausgelobt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektenkammer organisiert am 19. Juni den &#8222;WIA Sommersalon LSA 2025&#8220; in Halle als regionales Opening des Women in Architecture Festivals. Dieser soll Impulse für nachhaltige Netzwerke setzen und den Austausch von Akteurinnen in Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung fördern.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Programm spiegelt die Vielfalt der Bauaufgaben im Land wider: Von sanierungsbedürftigen Industriedenkmälern bis zu innovativen Wohnprojekten, von ländlichen Gemeindezentren bis zu urbanen Quartiersentwicklungen zeigt Sachsen-Anhalt, wie Architektur gesellschaftlichen Wandel begleitet.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Besonderheiten prägen die Baukultur</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die vier ostdeutschen Bundesländer verbindet mehr als nur geografische Nähe. Seit 2004 führen die Architektenkammern aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gemeinsam Mitteldeutsche Architektentage durch &#8211; ein Format, das fachlichen Austausch und regionale Vernetzung fördert. Diese Kooperation spiegelt sich auch im Tag der Architektur wider, wo ähnliche Herausforderungen unterschiedliche Lösungsansätze hervorbringen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der demografische Wandel prägt alle vier Bundesländer, führt aber zu verschiedenen Strategien: Während Sachsen auf Verdichtung in den Wachstumsregionen setzt, entwickelt Mecklenburg-Vorpommern Konzepte für dünn besiedelte Räume. Thüringen zeigt, wie historische Substanz sensibel für neue Nutzungen entwickelt wird, Sachsen-Anhalt demonstriert den Umgang mit Industriekultur als Planungsherausforderung.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Klimaanpassung als regionale Gestaltungsaufgabe</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Motto &#8222;Vielfalt bauen&#8220; gewinnt vor dem Hintergrund klimatischer Herausforderungen besondere Relevanz. Die ostdeutschen Bundesländer entwickeln jeweils spezifische Anpassungsstrategien: Mecklenburg-Vorpommern beschäftigt sich intensiv mit Hochwasserschutz und Küstenschutz, Sachsen mit urbanen Hitzeinseln in den Großstädten. Thüringen erprobt dezentrale Lösungen für ländliche Räume, Sachsen-Anhalt integriert Wassermanagement in die Stadtplanung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese regionalen Ansätze zeigen exemplarisch, wie Architektur auf lokale Gegebenheiten reagiert und dabei überregional übertragbare Lösungen entwickelt. Der Tag der Architektur macht diese Innovationen sichtbar und lädt zur kritischen Diskussion ein.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Nachwuchsförderung und Berufsbild im Wandel</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Alle vier Architektenkammern nutzen den Tag der Architektur gezielt zur Nachwuchswerbung und Berufsbild-Vermittlung. Offene Büros gewähren Einblicke in den Planungsalltag, Studierende präsentieren Abschlussarbeiten, Auszubildende im Bauhandwerk zeigen ihr Können. Das Women in Architecture Festival ergänzt diese Bemühungen um geschlechtergerechte Perspektiven auf Planungsberufe.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Öffnung für alle Fachrichtungen &#8211; von der klassischen Architektur über Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur bis zur Stadtplanung &#8211; verdeutlicht die Breite des Berufsfeldes. Besonders in kleineren Büros, die in Ostdeutschland zahlreich vertreten sind, übernehmen Planerinnen und Planer oft vielfältige Rollen von der ersten Skizze bis zur Bauüberwachung.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Digitale Vernetzung schafft dauerhafte Sichtbarkeit</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Erstmals ergänzen alle vier Bundesländer das physische Erlebnis durch digitale Formate. Die Projekte bleiben als Online-Sammlung ganzjährig abrufbar, ergänzt durch Videos, virtuelle Rundgänge und Planerdokumentationen. Diese digitale Erweiterung macht ostdeutsche Baukultur überregional sichtbar und schafft Verbindungen zwischen den Ländern.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektenkammer Sachsen startet parallel eine Website als digitales Archiv zum Women in Architecture Festival. Thüringen dokumentiert erstmals alle Begleitveranstaltungen audiovisuell, Mecklenburg-Vorpommern entwickelt eine App für individuelle Touren.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Fazit: Baukultur als gesellschaftlicher Dialog</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Tag der Architektur 2025 in den ostdeutschen Bundesländern zeigt eindrucksvoll, wie regionale Identität und innovative Planungsansätze zusammenwirken. Die Vielfalt der Projekte &#8211; von der dörflichen Mehrzweckhalle bis zum urbanen Hochhaus, vom sanierten Industriedenkmal bis zum experimentellen Holzbau &#8211; verdeutlicht die Bandbreite zeitgenössischer Baukultur.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders bemerkenswert ist die zunehmende Vernetzung zwischen den Ländern bei gleichzeitiger Betonung regionaler Besonderheiten. Der demografische Wandel wird nicht als Defizit, sondern als Gestaltungsaufgabe begriffen. Nachhaltigkeit entwickelt sich vom Zusatzkriterium zum integralen Planungsansatz.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das 30-jährige Jubiläum in Sachsen markiert dabei mehr als nur einen Zeitpunkt: Es dokumentiert drei Jahrzehnte gesellschaftlichen Wandels, den Architektur begleitet, geprägt und mitgestaltet hat. Der Tag der Architektur ist längst mehr als eine Fachveranstaltung &#8211; er ist ein Forum für Zukunftsfragen geworden, in dem Nachhaltigkeit, Digitalisierung und demografischer Wandel konkret verhandelt werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am letzten Juniwochenende 2025 laden vier Bundesländer ein, diese Vielfalt zu entdecken. Es lohnt sich &#8211; nicht nur für Fachleute, sondern für alle, die verstehen möchten, wie gebaute Umwelt entsteht und wirkt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hier finden Sie die Programme :</p>
<p><a href="https://www.tagderarchitektur-sachsen.de/" target="_blank" rel="noopener">Sachsen</a></p>
<p><a href="https://www.ak-lsa.de/tag-der-architektur/" target="_blank" rel="noopener">Sachsen-Anhalt</a></p>
<p><a href="https://architekten-thueringen.de/tda/" target="_blank" rel="noopener">Thüringen</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><a href="https://www.architektenkammer-mv.de/de/architektur-baukultur-in-m-v/tag-der-architektur/" target="_blank" rel="noopener">Mecklenburg-Vorpommern</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Gegen den Abrisswahn: Wie Weimar sein DDR-Erbe rettet</title>
		<link>https://baukunst.art/gegen-den-abrisswahn-wie-weimar-sein-ddr-erbe-rettet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Jun 2025 07:38:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[DDR-Moderne]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Thüringen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=12659</guid>

					<description><![CDATA[Thüringens jüngstes Denkmal schwebt wieder zwischen Weimars Baumkronen. Die sanierte Mensa zeigt vorbildlich, wie DDR-Architektur für die Zukunft bewahrt werden kann.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Die Rettung der Ostmoderne: Wie Thüringens jüngstes Denkmal zum Vorbild wird</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zwischen den Baumkronen des Ilmparks schwebt seit 2022 wieder ein Stück gerettete DDR-Geschichte. Die Mensa am Park der Bauhaus-Universität Weimar hat eine bemerkenswerte Wandlung durchlaufen: vom Abriss-Kandidaten zum denkmalgeschützten Zeugnis der Ostmoderne. Die Sanierung durch Thoma Architekten aus dem thüringischen Zeulenroda-Triebes zeigt exemplarisch, wie im Freistaat mit der baulichen Hinterlassenschaft der DDR umgegangen werden kann.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Thüringens jüngstes Denkmal</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die 1982 in Betrieb genommene Mensa steht seit 2011 unter Denkmalschutz und ist damit das jüngste denkmalgeschützte Gebäude Thüringens. Diese Entscheidung war keineswegs selbstverständlich. Als 2009 der Abriss zugunsten eines Bauhaus-Museums diskutiert wurde, formierte sich Widerstand aus der Hochschule selbst. Studierende und Architektinnen erkannten den besonderen Wert dieses Bauwerks, das exemplarisch für die späte DDR-Moderne steht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Gebäude war nicht nur das soziale Zentrum der Hochschule, sondern auch architekturgeschichtlich bedeutend: Es ist zwar mit industriellem Anspruch, aber individuell und mit viel Sorgfalt für Städtebau, Material und Detail geplant worden. Die Initiative &#8222;Mensadebatte&#8220; samt eines Seminars an der Bauhaus-Universität brachte schließlich die Behörden dazu, das Bauwerk zu erhalten.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Baukultur der 1980er Jahre</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Weimarer Mensa ist eine der letzten Mensen der späten Ost-Moderne und die einzige individuell geplante und noch existierende Mensa der DDR-Moderne. Geplant und mitgebaut wurde sie von Professoren, Mitarbeitern und Studierenden der damaligen Hochschule für Architektur und Bauwesen. Diese partizipative Herangehensweise war typisch für die Baukultur der späten DDR-Zeit, in der trotz normierter Industriebauteile individuelle Lösungen entwickelt wurden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Konstruktion des rechteckigen Gebäudes basiert auf einem mit Mauerwerk ausgefachten Stahlskelettbau mit Betonrippendecken. Besonders prägnant ist die Südwestfassade: Die auskragende Südwestfassade vor Foyer und Speisesaal springt in vier Stufen sägezahnförmig zurück, um einem historischen Gärtnerhaus im Park zu entsprechen. Diese städtebauliche Rücksichtnahme zeigt die Sensibilität der DDR-Planer für den historischen Kontext Weimars.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Denkmalschutzauflagen als Planungsherausforderung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Sanierung erfolgte unter Denkmalschutzauflagen und erforderte regelmäßige Abstimmungen mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und der Fakultät für Architektur. Thoma Architekten standen vor der komplexen Aufgabe, die bauzeittypische Architektur zu erhalten und gleichzeitig moderne Anforderungen an Energieeffizienz, Brandschutz und Barrierefreiheit zu erfüllen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die größte Herausforderung stellte die Fassade dar. Fehlende Fluchtwege führten vor der Sanierung zu einer provisorischen Stahlgerüsttreppe aus dem Speisesaal ins Freie. Als Fugenfüllung wurde der asbesthaltige Dichtstoff Morinol vorgefunden. Die Sanierung musste daher unter strengen Schadstoffauflagen erfolgen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Materielle Authentizität versus energetische Ertüchtigung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Umgang mit der ursprünglichen Bausubstanz erforderte innovative Lösungen. Die vorgehängten Platten aus Waschbeton und Betonwerkstein waren verwittert, teilweise korrodiert und abgeplatzt. Da sie fest mit dem Gebäude verankert sind, hätte ihre Demontage Schäden und sichtbare Veränderungen verursacht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Platten wurden also am Gebäude hängend, Stück für Stück gesäubert und sandgestrahlt. Auch Risse wurden an der Fassade ausgebessert und verklebt sowie insgesamt zwei Kilometer Fugen von schadstoffbelasteter Dichtmasse befreit. Ein nur vier Zentimeter dünner Dämmputz sichert auf der Wandinnenseite den Wärmeschutz, ohne das Äußere zu verändern.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Innovative Glaslösungen für historische Fenster</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bei der Verglasung kamen moderne Technologien zum Einsatz. Die demontierbaren Fensterprofile wurden mit einer thermischen Trennlage zum Stahlrahmen und neuen Glasscheiben nachgerüstet. Für die Verglasung kam das farbneutrale Sonnenschutzglas Cool-Lite SKN 176 auf Basis von Planiclear zur Anwendung. Diese Lösung ermöglicht maximale Transparenz bei verbessertem Wärmeschutz – ein wichtiger Aspekt für die Raumatmosphäre des Speisesaals.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Erhalt der charakteristischen Innenraumgestaltung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders gelungen ist der Umgang mit der ikonischen Beleuchtung. Das gerasterte Flirren der mundgeblasenen Kugelleuchten an koppelbaren Metallelementen – wie sie auch im Palast der Republik zum Einsatz gekommen waren – prägt den Raumeindruck. Den zur Entrauchung nötig gewordenen Oberlichtern im Speisesaal fielen allerdings einige der von Peter Rockel 1976 entworfenen Elemente zum Opfer.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Thoma Architekten hatten mit dem Bauherrn darum gerungen, 50 % der über 500 aufwendig zu reinigenden und damit aus hygienischen Gründen verworfenen Leuchten zu erhalten. Dieser Kompromiss zwischen denkmalpflegerischen Anforderungen und praktischen Notwendigkeiten zeigt die Gratwanderung solcher Projekte.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Handwerkskompetenzen und Budgetdisziplin</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Über die finanzielle Seite des Projekts staunt Projektleiter Daniel Geyer von Thoma Architekten noch heute: „Wir haben das Gesamtbudget eingehalten.&#8220; Bei einem Investitionsvolumen von 19 Millionen Euro ist dies bemerkenswert für ein denkmalgeschütztes Sanierungsprojekt dieser Komplexität.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Zusammenarbeit mit regionalen Partnern erwies sich als Erfolgsfaktor. Neben der ARGE TGA Mensa Weimar aus Jena übernahm das Berliner Milan-Ingenieurbüro die Küchentechnik. Die Glaslieferung erfolgte durch das GK Glaskontor Erfurt – ein Beispiel für die Verzahnung thüringischer und überregionaler Kompetenzen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Neue Standards für DDR-Moderne</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Weimarer Mensa setzt neue Maßstäbe für den Umgang mit der DDR-Architektur in Thüringen. Ab 2020 erhielt die Mensa eine neue Haus- und Küchentechnik sowie eine Heizungsanlage mit Heiz-Kühl-Decken. Die Erschließung wurde überarbeitet und aktuellen Brandschutzauflagen angepasst. Die neue Mensa ist barrierefrei und verfügt über 500 Sitzplätze.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Modell für andere Regionen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es steht zu erwarten, dass in absehbarer Zeit auch die Ästhetik der 1980er-Jahre samt ihrer guten Ideen wieder Wertschätzung erfährt. Die Weimarer Sanierung beweist, dass graue Energie nicht sinnlos drangegeben wurde, dass Material in situ verbleiben konnte und dass die Leistung der DDR-Bauwirtschaft Anerkennung findet.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Projekt zeigt exemplarisch, wie Thüringen mit seinem baulichen Erbe umgeht. Die Entscheidung für den Erhalt statt für den Neubau war nicht nur kulturell, sondern auch ökologisch weitsichtig. In Zeiten des Klimawandels und der Ressourcenknappheit wird die Sanierung von Bestandsbauten zur regionalen Schlüsselkompetenz.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Mensa ging noch während der Bauarbeiten im Dezember 2021 abschnittsweise in Betrieb. Als letzter Baustein ist seit Mai 2022 auch die Kücheneinrichtung der Cafeteria zu nutzen. Der Blick der Studierenden schweift wieder durch die großen Glasfronten in die Baumkronen des Ilmparks – ein Stück gerettete Geschichte im Herzen Thüringens.</p>
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		<title>Sachsens stille Revolution: Wie Chemnitz zum europäischen Kunstzentrum wird</title>
		<link>https://baukunst.art/sachsens-stille-revolution-wie-chemnitz-zum-europaeischen-kunstzentrum-wird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 25 May 2025 13:07:18 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Mitte]]></category>
		<category><![CDATA[Regional]]></category>
		<category><![CDATA[europäische Realismusbewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturhauptstadt Chemnitz]]></category>
		<category><![CDATA[Neue Sachlichkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Chemnitz überrascht mit "European Realities": 300 Werke aus 21 Ländern machen das Museum Gunzenhauser zur europäischen Bühne der Zwischenkriegskunst.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Sachsens architektonisches Juwel wird zur europäischen Bühne</h1>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wie das Museum Gunzenhauser mit &#8222;European Realities&#8220; neue Maßstäbe für regionale Kulturinstitutionen setzt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Schlangen vor dem Museum Gunzenhauser sind ungewöhnlich für Chemnitz. Seit der Eröffnung von &#8222;European Realities&#8220; am 26. April müssen Besucherinnen und Besucher Geduld mitbringen – ein Phänomen, das die sächsische Stadt seit den Glanzzeiten unter Ingrid Mössinger nicht mehr erlebt hat. Was als regionale Kulturhauptstadt-Initiative begann, entwickelt sich zur Sensation: Die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach bereits von einem &#8222;Ritterschlag&#8220;, und Fachkreise diskutieren, ob dies die bedeutendste Ausstellung des Kulturhauptstadtjahres werden könnte.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Architektonische Symbiose zwischen Bauhaus und Sammlung</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museum Gunzenhauser selbst verkörpert die perfekte Symbiose für diese epochale Schau. Fred Ottos Sparkassengebäude von 1928 bis 1930 steht exemplarisch für jene Neue Sachlichkeit, die nun in europäischer Dimension präsentiert wird. Der damalige Stadtbaurat verzichtete bewusst auf jeden Schmuck, setzte auf hellen Travertin und schuf mit der glasüberdachten Kassenhalle ein ästhetisches Zentrum von zeitloser Klarheit. Volker Staabs behutsamer Umbau 2007 respektierte diese Grundhaltung und schuf optimale Ausstellungsräume, ohne die architektonische Integrität zu gefährden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese architektonische Authentizität verleiht der Ausstellung eine besondere Glaubwürdigkeit. Wenn Werke der europäischen Realismusbewegungen in einem Gebäude gezeigt werden, das selbst Zeugnis jener Epoche ist, entsteht eine Stimmigkeit, die in modernen Museumsneubauten schwer zu erreichen wäre. Die Räume atmen den Geist der Zeit, den die Gemälde reflektieren.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Kuratorische Meisterleistung mit wissenschaftlichem Fundament</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Anja Richter, seit sieben Jahren Leiterin des Museums, hat mit &#8222;European Realities&#8220; ein kuratorisches Wagnis unternommen, das internationale Beachtung verdient. Die Kunsthistorikerin, die bereits 2003 an der erfolgreichen Picasso-Ausstellung mitwirkte, versteht es, lokale Sammlungsbestände in größere Kontexte einzubetten. Ihre jahrelange Zusammenarbeit mit Ingrid Mössinger hat sie für solche Großprojekte geschult – und das Ergebnis übertrifft alle Erwartungen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Richters Konzept basiert auf einer simplen, aber revolutionären Erkenntnis: Die Neue Sachlichkeit war kein deutsches Phänomen, sondern manifestierte sich unter verschiedenen Namen in ganz Europa. Nuovo Realismo in Italien, Realismo mágico in Spanien, Neoklassizismus in Frankreich – überall suchten Künstlerinnen und Künstler nach dem Ersten Weltkrieg neue Ausdrucksformen für eine aus den Fugen geratene Welt.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Europäisches Panorama mit regionaler Verankerung</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Ausstellung vereint 300 Werke aus 21 Ländern und macht sichtbar, was Kunstgeschichte lange übersehen hat: die transnationalen Netzwerke und den regen Austausch zwischen den europäischen Kunstzentren der Zwischenkriegszeit. Dass dies in Chemnitz geschieht, ist kein Zufall. Gustav Friedrich Hartlaubs namensgebende Präsentation der Neuen Sachlichkeit von 1925 machte nach Mannheim und Dresden in den heutigen Kunstsammlungen am Theaterplatz Station – ein historischer Bezug, den Richter geschickt aufgreift.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Kooperation mit über 70 europäischen Institutionen zeugt von der internationalen Wertschätzung, die das Projekt genießt. Slowenische Partner, Leihgaben aus den nordischen Ländern, Werke aus Südosteuropa – selten wurde die europäische Kunstlandschaft der 1920er und 1930er Jahre so umfassend kartografiert. Besonders bemerkenswert: Die Ausstellung zeigt nicht nur bekannte Meister, sondern rehabilitiert vergessene Positionen und macht die Vielfalt regionaler Ausprägungen sichtbar.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Aktualität einer vergangenen Krise</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die thematische Brisanz der Schau liegt in ihren Parallelen zur Gegenwart. Corona, Energiekrise, Inflation, erstarkender Populismus – die 2020er Jahre weisen verblüffende Ähnlichkeiten zu den 1920ern auf. Damals wie heute suchten Künstlerinnen und Künstler nach Antworten auf gesellschaftliche Verwerfungen, nach Halt in einer Zeit der Unsicherheit. Die wirklichkeitsbetonte Kunst jener Jahre spiegelt existentielle Ängste wider, die heute wieder virulent werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Zeitgenossenschaft macht die Ausstellung zu mehr als einer kunsthistorischen Bestandsaufnahme. Sie wird zum Seismografen gesellschaftlicher Befindlichkeiten, zur Reflexionsfolie für aktuelle Herausforderungen. Wenn Otto Dix die Schrecken des Krieges malte oder Christian Schad die Kälte der Großstadt einfing, entstanden Bilder, die heute neue Resonanzen entwickeln.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Regionale Ausstrahlung mit überregionaler Bedeutung</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museum Gunzenhauser beweist mit dieser Ausstellung, wie regionale Institutionen internationale Standards setzen können. Die Sammlung Alfred Gunzenhausers mit ihren 3.000 Werken bildet das Fundament, auf dem sich europäische Kunstgeschichte neu erzählen lässt. Mit 380 Werken von Otto Dix verfügt das Haus über eines der weltweit größten Konvolute des Malers – eine Sammlung, die nun in den europäischen Kontext eingebettet wird.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dieser Ansatz könnte Modellcharakter für andere regionale Museen entwickeln. Statt die eigenen Bestände isoliert zu präsentieren, zeigt Chemnitz, wie lokale Sammlungen zur Erschließung überregionaler Zusammenhänge beitragen können. Die Investition von 9,5 Millionen Euro in den Museumsumbau erweist sich rückblickend als weitsichtige kulturpolitische Entscheidung.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wissenschaftlicher Diskurs und gesellschaftliche Relevanz</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das umfangreiche Begleitprogramm unterstreicht den Anspruch der Ausstellung. Podiumsdiskussionen zu &#8222;Macht und Medien&#8220; oder &#8222;Europa der 1920er Jahre und heute&#8220; schaffen Brücken zwischen historischer Analyse und aktueller Relevanz. Das 2023 in Chemnitz durchgeführte wissenschaftliche Symposium bündelte die europäische Forschung zu den nationalen Realismusbewegungen und schuf die Grundlage für den umfangreichen Katalog.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Verbindung von wissenschaftlicher Exzellenz und gesellschaftlicher Relevanz entspricht den besten Traditionen des Museums. Seit der Eröffnung 2007 versteht sich das Haus nicht nur als Aufbewahrungsort, sondern als &#8222;Kommunikationsraum und Quelle neuer Ideen&#8220; – ein Anspruch, den &#8222;European Realities&#8220; eindrucksvoll einlöst.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Nachhaltige Wirkung über 2025 hinaus</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Ausstellung läuft bis zum 10. August, doch ihre Ausstrahlung wird das Kulturhauptstadtjahr überdauern. Sie etabliert Chemnitz als ernstzunehmenden Akteur im europäischen Museumsbetrieb und beweist, dass innovative Konzepte wichtiger sind als prestigeträchtige Standorte. Das Museum Gunzenhauser hat sich mit diesem Projekt international positioniert und neue Maßstäbe für kuratorische Arbeit gesetzt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für die sächsische Museumslandschaft bedeutet &#8222;European Realities&#8220; einen Paradigmenwechsel. Regionale Häuser müssen nicht bescheiden im eigenen Saft schmoren, sondern können durch kluges Konzept und internationale Vernetzung überregionale Bedeutung erlangen. Chemnitz zeigt, wie aus regionalen Sammlungen europäische Erzählungen entstehen können.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Architektonisches Erbe als kulturpolitischer Auftrag</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Museum Gunzenhauser verkörpert exemplarisch, wie sich architektonisches Erbe und zeitgenössische Nutzung ergänzen können. Fred Ottos sachlicher Bau aus der Zeit der Weimarer Republik beherbergt heute Kunst eben jener Epoche – eine Konstellation, die selten so stimmig gelingt. Der respektvolle Umgang mit der Bausubstanz bei gleichzeitiger Optimierung für Museumszwecke könnte als Referenz für ähnliche Umbauprojekte dienen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Erfolgsgeschichte von &#8222;European Realities&#8220; unterstreicht die Bedeutung durchdachter Kulturpolitik. Chemnitz investierte nicht nur in Gebäude und Sammlung, sondern auch in Personal und Vernetzung. Diese langfristige Strategie zahlt sich nun aus und positioniert die Stadt als kulturellen Leuchtturm weit über Sachsen hinaus.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Fazit: Eine Ausstellung von Weltrang in regionaler Verankerung</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">&#8222;European Realities&#8220; beweist, dass Spitzenleistungen im Kulturbetrieb nicht an metropolitane Standorte gebunden sind. Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, kuratorischer Innovationskraft und internationaler Vernetzung gelingt es dem Museum Gunzenhauser, europäische Kunstgeschichte neu zu schreiben. Die Ausstellung macht nicht nur die Vielfalt der Realismusbewegungen sichtbar, sondern auch die Potentiale regionaler Kulturinstitutionen. Chemnitz setzt damit Standards, die weit über das Kulturhauptstadtjahr hinaus wirken werden.</p>
<hr />
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<div class="grid-cols-1 grid gap-2.5 [&amp;_&gt;_*]:min-w-0 !gap-3.5">
<h2 class="text-xl font-bold text-text-100 mt-1 -mb-0.5">Besucherinformationen</h2>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Ausstellungsdauer:</strong> 27. April bis 10. August 2025</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Adresse:</strong> Museum Gunzenhauser Stollberger Straße 2, 09119 Chemnitz (Postanschrift und barrierefreier Zugang) Falkeplatz, 09112 Chemnitz</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Öffnungszeiten:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Dienstag bis Sonntag: 11:00 &#8211; 18:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Mittwoch: 14:00 &#8211; 21:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Montag geschlossen</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Öffentliche Führungen:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words">Samstags: 14:30 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Sonntags: 16:00 Uhr</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Teilnahme im Museumseintritt enthalten</li>
<li class="whitespace-normal break-words">Begrenzt auf maximal 24 Personen</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Besondere Veranstaltungen:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>28. Mai, 19:00 Uhr:</strong> Podiumsdiskussion &#8222;Politik &amp; Gesellschaft: Europa der 1920er Jahre und heute &#8211; Macht und Medien: Einflussnahme versus Demokratisierung in Europa?&#8220; (Eintritt frei)</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>4. Juni, 19:00 Uhr:</strong> Konzert &#8222;100 Jahre Der Krieg von Otto Dix&#8220; mit Musik von Kurtag und Schostakowitsch (Gewandhausorchester)</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Familienführungen:</strong> Sonntags um 13:00 Uhr mit anschließendem Kunstworkshop</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Anreise:</strong></p>
<ul class="[&amp;:not(:last-child)_ul]:pb-1 [&amp;:not(:last-child)_ol]:pb-1 list-disc space-y-1.5 pl-7">
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Mit der Bahn:</strong> Regionalbahn von Leipzig oder Dresden Hauptbahnhof (ca. 1 Stunde), InterCity von Berlin (ca. 3 Stunden)</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>ÖPNV Chemnitz:</strong> Straßenbahn bis Haltestelle &#8222;Zentralhaltestelle&#8220;, dann kurzer Fußweg</li>
<li class="whitespace-normal break-words"><strong>Kulturhauptstadtticket:</strong> 25 Euro pro Person oder 50 Euro für Gruppen bis 5 Personen (3 Tage gültig im Verkehrsverbund Mittelsachsen)</li>
</ul>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Barrierefreiheit:</strong> Das Museum ist vollständig barrierefrei zugänglich.</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Tipp für Architekturinteressierte:</strong> Nutzen Sie die Gelegenheit, auch die glasüberdachte ehemalige Kassenhalle zu besichtigen &#8211; ein architektonisches Highlight von Fred Otto, das perfekt zur Ausstellungsthematik passt.</p>
<p class="whitespace-normal break-words"><strong>Kombimöglichkeiten:</strong> Die Kunstsammlungen am Theaterplatz mit ihrer bedeutenden Sammlung von Karl Schmidt-Rottluff ergänzen den Besuch ideal und sind fußläufig erreichbar.</p>
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