Baukunst - Drei Giebel am Schlachtermarkt: Schwerin baut sein Stadtgedächtnis
Stadtgeschichtemuseum ©JWA | Jan Wiese Architekten, bloomimages

Drei Giebel am Schlachtermarkt: Schwerin baut sein Stadtgedächtnis

18.05.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Regionales | Nord | Mai 2026
Lesezeit: ca. 8 Minuten

Wie Schwerin sein junges Welterbe weiterbaut

Mit dem Neubau eines Stadtgeschichtsmuseums am Schlachtermarkt erhält Schwerin den ersten architektonischen Großauftrag innerhalb seines neuen UNESCO-Welterbes; den offenen Realisierungswettbewerb gewann das Berliner Büro Jan Wiese Architekten unter 121 eingereichten Beiträgen. Die Fachjury unter Vorsitz von Prof. Jörg Springer tagte am 22. und 23. Juli 2025; das Verfahren betreute büro luchterhandt & partner (Hamburg) nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013). Die Landeshauptstadt hatte den Wettbewerb im März 2025 ausgelobt, weniger als ein Jahr nach der Aufnahme des Residenzensembles Schwerin in die UNESCO-Welterbeliste am 27. Juli 2024. Nach Auskunft der Stadtverwaltung ist die Fertigstellung für 2029 vorgesehen.

Der Standort liegt zwischen Puschkinstraße und Schlachtermarkt, in unmittelbarer Sichtweite des Schweriner Doms und des Schlosses, mitten in der Welterbezone. Das Residenzensemble Schwerin umfasst 38 Bestandteile aus dem 18. und 19. Jahrhundert; das UNESCO-Welterbekomitee hatte es auf seiner 46. Sitzung in Neu-Delhi unter den Kriterien (iii) und (iv) eingeschrieben. Die Aufgabe verbindet zwei Bauteile: einen Neubau auf der bisher als Parkplatz genutzten Grundstückshälfte und die denkmalgerechte Sanierung des angrenzenden Gebäudes Puschkinstraße 44 samt Nebenflügel, das künftig Büro- und Funktionsbereiche aufnimmt und über eine Brücke mit dem Rathaus verbunden ist. Das Haus bündelt zwei Programme unter einem Dach: die Vermittlung der Schweriner Stadtgeschichte und ein Informationszentrum zum Welterbe „Residenzensemble Schwerin“. Beide Funktionen waren bisher unzureichend untergebracht; die räumliche Zusammenführung wurde zum Auslöser des Verfahrens.

Wie verhandelt der Entwurf Welterbe und Zeitgenossenschaft?

Der Siegerentwurf gliedert den Neubau in drei parallel geführte Satteldächer, die zur Schlachterstraße als drei schmale, leicht versetzte Giebel ablesbar werden. Diese Form leitet sich aus den beiden Seitenflügeln des Bestands ab und schreibt deren Maßstab fort. Zum Schlachtermarkt zeigt das Haus eine traufständige Fassade, die in den Obergeschossen weitgehend geschlossen bleibt und im Erdgeschoss eine großzügige Öffnung für das öffentlich zugängliche Café erhält. Den Museumseingang formuliert eine bogengefasste Öffnung im niedrigeren Zwischenbau. Eine in Rottönen changierende Backsteinhülle überzieht Wände wie Dächer, ergänzt um ein übergroßes Rundbogenfenster im Obergeschoss zum Platz hin. Im Inneren folgt die Organisation konsequent dieser Dreiteiligkeit: Welterbezentrum, Stadtgeschichtsmuseum und Sonderausstellungsflächen im Untergeschoss werden über ein Foyer im überdachten Innenhof erschlossen. In den Obergeschossen entstehen großzügige Ausstellungsflächen, deren Proportionen den Bezug zum Bestand an jeder Stelle wahren.

Das Preisgericht hob die Ableitung aus dem Bestand und die kraftvolle, zugleich vertraute Materialität hervor; zugleich benannte es kritische Punkte. Die Ähnlichkeit der Bogenöffnung mit einer Hofzufahrt wurde diskutiert, ebenso die mit Keramik gemauerte Dachdeckung, die für die Wirkung als entbehrlich bewertet wurde und erhebliche Mehrkosten in Herstellung und Unterhalt erwarten lässt. Eingriffe in den geschützten Altbau wertete die Jury im Erdgeschoss als vertretbar, in den oberen Verwaltungsgeschossen mehrheitlich als unnötig; den Standort des Aufzugs im Gewölbekeller bezeichnete sie als nicht akzeptabel. Diese Einwände betreffen weniger die städtebauliche Setzung als die Anschlussdetails an den nach Denkmalschutzgesetz Mecklenburg-Vorpommern (DSchG M-V, § 7 Erhaltungspflicht) geschützten Bestand.

Genau dort liegt der Lackmustest. Welterbe verlangt nicht Unsichtbarkeit, sondern Lesbarkeit der Schichtung. Die im Wettbewerb formulierte Haltung, also die Fortschreibung der Bestandsproportionen in Giebel, Material und Dachform bei eigenständiger Zeichensetzung in Bogen und Rundfenster, entspricht der Logik der UNESCO-Operational Guidelines, die Integrität und Authentizität an der erkennbaren Differenz historischer und gegenwärtiger Substanz festmachen. Der Schweriner Managementplan beschreibt eine Kernzone und eine Pufferzone, in der zeitgenössische Eingriffe ausdrücklich möglich sind, sofern sie das Bild des Ensembles nicht beeinträchtigen. Der Schlachtermarkt liegt in dieser Pufferzone; der Entwurf nutzt deren Spielraum, ohne ihn auszureizen.

Was bedeutet der Wettbewerb für die Planungskultur in Mecklenburg-Vorpommern?

121 Beiträge in einem offenen Verfahren sind in der gegenwärtigen Auslobungspraxis bemerkenswert. Sie belegen, dass eine sorgfältig vorbereitete Bauaufgabe in einer Mittelstadt von knapp 96.000 Einwohnern bundesweit Resonanz findet, wenn das Programm präzise, der städtebauliche Kontext bedeutsam und das Honorar auskömmlich ist (Preisgeld 37.000 Euro für den ersten Preis, Beauftragung nach HOAI 2021). Juryvorsitzender Springer bezeichnete die Aufgabe nach den Sitzungen vom 22. und 23. Juli 2025 als eine der reizvollsten der jüngeren Zeit in Deutschland. Mecklenburg-Vorpommern zählt nach Daten der Bundesarchitektenkammer (BAK) zu den Bundesländern mit der geringsten Wettbewerbsdichte pro Einwohnerin und Einwohner; die Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern (AK M-V) wirbt seit Jahren für mehr offene Verfahren. Schwerin setzt mit diesem Verfahren ein Gegenmodell, das auch für die Landesbauverwaltung und kommunale Bauherrenschaften in Stralsund, Greifswald oder Wismar Maßstab werden kann.

Das Land verfügt mit der Landesbauordnung Mecklenburg-Vorpommern (LBauO M-V) und dem DSchG M-V über einen vergleichsweise schlanken Rechtsrahmen, der in Welterbezonen durch Erhaltungssatzungen und Pufferzonenmanagement ergänzt wird. Die Genehmigung am Schlachtermarkt erfolgt voraussichtlich nach § 34 BauGB im Einvernehmen mit der Unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Energetisch greift das Gebäudeenergiegesetz (GEG); der Entwurf benennt regenerative Energieversorgung und reversible Konstruktionen, die das Preisgericht ausdrücklich positiv bewertete.

Übertragbarkeit entsteht nicht durch Kopie, sondern durch Methode. Schwerin hat die Aufgabe in zwei Säulen geteilt, Neubau und denkmalgerechte Sanierung, und beide in einem Verfahren ausgeschrieben. Diese Bündelung verhindert die in der Praxis häufige Trennung von Neubauarchitektur und Denkmalpflege, die in Welterbestädten regelmäßig zu Reibungsverlusten führt. Dass der Siegerentwurf Bestand und Erweiterung im Inneren als Einheit liest, externalisiert die methodische Klammer in eine räumliche.

Für die Stadt ist der Bau mehr als ein Museum. Er ist die erste sichtbare Antwort auf das Welterbe-Versprechen von 2024, dass Schwerin nicht in der Konservierung verharrt, sondern Gegenwart hinzufügt. Das gilt programmatisch wie baulich: Mit dem Welterbezentrum entsteht zugleich die zentrale Anlaufstelle für die Vermittlung des über die gesamte Innenstadt verteilten Ensembles, mit dem Stadtgeschichtsmuseum die institutionelle Klammer für ein historisches Selbstverständnis, das bislang eher dezentral verhandelt wurde. Barrierefreiheit nach DIN 18040-1 ist im Auslobungstext gefordert und im Entwurf über das überdachte Foyer schlüssig gelöst. Die Eröffnung 2029 wird zeigen, ob die im Wettbewerb formulierte Balance, Würde gegenüber dem Bestand und Eigenständigkeit im Ausdruck, bis in das Detail der Backsteinfuge trägt. An diesem Punkt entscheidet sich, ob aus einem überzeugenden Wettbewerbsbeitrag ein überzeugendes Haus wird, und ob Schwerin sein Welterbe nicht nur verwaltet, sondern weiterschreibt.