Baukunst - Kyritz baut seine Klosterruine zum Kulturquartier um
Symbolbild zum Kultur|Kloster|Kyritz

Kyritz baut seine Klosterruine zum Kulturquartier um

19.04.2026
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Claudia Grimm

baukunst.art | Regionales | April 2026

Kultur statt Vitrine: Kyritz macht aus seinem Kloster ein Stadtlabor

Das Franziskanerkloster Kyritz ist ein denkmalgeschütztes Ensemble in der Altstadt der brandenburgischen Kleinstadt Kyritz (Landkreis Ostprignitz-Ruppin), das seit 2016 schrittweise zum Kultur|Kloster|Kyritz umgebaut wird, einem Quartier aus Stadtbibliothek, stadtgeschichtlichem Museum, Touristinformation und Veranstaltungsort. Von der mittelalterlichen Anlage sind nur Fragmente überliefert: die nördliche Längswand der Klosterkirche, der barock überformte Klausurflügel, das Pfortenhaus, Teile von Stadt- und Klostermauer sowie der Gartenpavillon.

Die Franziskaner gründeten den Konvent um 1275, erstmals urkundlich erwähnt wurde er 1303. Er gehörte zur Kustodie Brandenburg der Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) und lag im Bistum Havelberg. Im Spätmittelalter gewann das Haus überregionale Bedeutung: Förderer waren markgräfliche Amtsträger ebenso wie die Tuchmachergilde und wohlhabende Bürgerinnen und Bürger, mehrere Adelsfamilien hatten ihre Grablege in der Klosterkirche. Pilger auf dem Weg von Berlin zum „Wunderblut“ nach Bad Wilsnack rasteten im 15. und 16. Jahrhundert regelmäßig in Kyritz. Die überlieferten Gewölberippen und das Rundbogenfenster lassen die frühgotische Hallenkirche noch erkennen, die erhaltene Bausubstanz wird der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zugeschrieben. Mit der Reformation brach diese Ordensschicht weg: 1539 erreichte die neue Lehre die Stadt, 1552 wurde der Konvent aufgelöst. Die Klosterkirche diente danach als Stadt- und Garnisonkirche, 1781 wurde sie zum Abbruch versteigert. Nur wenige Gebäudeteile blieben stehen.

Nach jahrhundertelanger Unternutzung steht das Areal seit der Jahrtausendwende im Fokus der Stadtsanierung. 2013 und 2014 wurden die Nordwand, das Pfortenhaus, die Stadt- und Klostermauer sowie der Gartenpavillon gesichert. 2016 begannen die umfangreichen Bau- und Sanierungsmaßnahmen, seitdem entwickelt die Stadt das Klosterviertel als Schwerpunktgebiet ihrer integrierten Stadtentwicklung. Die planungsrechtliche Grundlage bildet ein förmlich festgelegtes Sanierungsgebiet nach §§ 136 ff. Baugesetzbuch (BauGB). Eigentümerinnen und Eigentümer benötigen dort für Vorhaben, Nutzungsänderungen und Veräußerungen eine sanierungsrechtliche Genehmigung nach § 144 BauGB; parallel greift die denkmalrechtliche Erlaubnis nach § 9 des Brandenburgischen Denkmalschutzgesetzes (BbgDSchG).

Wie trägt das Förder- und Planungsrecht ein solches Projekt?

Finanziert wird die Transformation über das Städtebauförderungsprogramm „Lebendige Zentren“, das 2020 die früheren Programme „Aktive Stadtzentren“ und „Städtebaulicher Denkmalschutz“ zusammenführte. Rechtsgrundlage auf Landesebene ist die Städtebauförderungsrichtlinie Brandenburg (StBauFR 2021 vom 20. September 2021); Voraussetzung ist ein aus dem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (INSEK) abgeleitetes Zielkonzept. Der Bund gibt seine Finanzhilfen über die Verwaltungsvereinbarung Städtebauförderung an die Länder weiter, das Land ergänzt sie, die Kommune trägt den Eigenanteil. Kyritz hat seit 1991 nach Angaben des Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung (MIL Brandenburg) rund 47 Millionen Euro Städtebaufördermittel eingeworben, bis Ende 2022 flossen rund 29 Millionen Euro in die Altstadtsanierung. Einzelne Bausteine wurden zusätzlich kofinanziert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (MWFK), die Ostdeutsche Sparkassenstiftung und die Sparkasse Ostprignitz-Ruppin. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) führt das Kultur|Kloster|Kyritz inzwischen als Praxisbeispiel im Programm „Lebendige Zentren“.

Architektonisch konzentriert sich das Vorhaben auf drei Bausteine. Der barocke Klausurflügel mit seinen mittelalterlichen Kernen wird behutsam restauriert und nimmt bis zur geplanten Fertigstellung 2027 das „junge museum“ auf, ein stadtgeschichtliches Haus mit museumspädagogischem Schwerpunkt. Das Baudenkmal selbst wird dort, so die Projektsprache, als begehbares Exponat verstanden. Die ehemalige Brennerei in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 2, zuletzt als Wäscherei genutzt, wird zur Stadtbibliothek umgebaut. Die Nachbargebäude Johann-Sebastian-Bach-Straße 4 und 6 sind saniert und beherbergen Wohnnutzung, einen Kostümfundus der Kyritzer Knattermimen sowie die Heimatstube des Historischen Heimatvereins für Kyritz und die Ostprignitz. Im Außenraum verknüpfen der Kirch- und Klostergarten, die Open-Air-Bühne mit rund 300 Plätzen sowie die sanierte Nordwand der Klosterkirche Denkmalsubstanz und aktuelle Kulturnutzung.

Die inhaltliche Arbeit läuft parallel zur Baustelle. Die Kuratorin des „jungen museums“ hält eine wöchentliche Sprechstunde, das „museumslabor“ in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 8, in der Kyritzerinnen und Kyritzer Objekte, Fotografien und Erinnerungen einbringen. Eine ehrenamtliche AG Museum Klosterviertel entwickelt Themen, Ausstellungen und Vermittlungsformate mit. Hörspaziergänge, Workshops und geführte Rundgänge zeigen bereits jetzt, wie das Haus nach der Fertigstellung auftreten soll: dialogisch statt abgeschlossen, lokal verankert statt touristisch geglättet. Das Feinkonzept zur Bau- und Nutzungsgeschichte kostete 40.000 Euro und wurde zu 60 Prozent vom MWFK sowie anteilig von Stadt, Ostdeutscher Sparkassenstiftung und Sparkasse Ostprignitz-Ruppin getragen.

Ergänzt wird das Ensemble durch die sogenannten Budenhäuser in der Weberstraße 99 bis 107, ein Kleinsthaus-Ensemble des 18. und 19. Jahrhunderts. Die eingeschossigen Häuser mit Grundflächen zwischen gut 20 und 40 Quadratmetern sind mit rund 800.000 Euro Städtebaufördermitteln saniert worden und dienen heute als Unterkünfte. 2019 wurde die Maßnahme mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis ausgezeichnet; die Arbeitsgemeinschaft „Städte mit historischen Stadtkernen“ des Landes Brandenburg nahm die Häuser zudem als „Denkmal des Monats“ in ihren Bestand auf.

Was lässt sich aus dem Kyritzer Modell für andere Kleinstädte ableiten?

Kyritz zeigt, dass Baukultur im ländlichen Raum nicht an einem einzelnen Großprojekt hängt, sondern an der Verzahnung mehrerer Instrumente. Das Sanierungsgebiet nach BauGB sichert planerisch die Gesamtkulisse, das Denkmalrecht nach BbgDSchG die Substanz, die Städtebauförderung die Finanzierung, das INSEK die inhaltliche Richtung. Hinzu kommen ergänzende Bausteine: der städtische Verfügungsfonds für stadtbildprägende Maßnahmen (seit 2023, bis zu 10.000 Euro Zuschuss je Grundstück), die Kooperation im Städtenetzwerk „Kleeblattregion“ gemeinsam mit dem Amt Neustadt und den Gemeinden Gumtow, Wusterhausen und Breddin sowie die Einbindung lokaler Akteurinnen und Akteure wie der AG Museum Klosterviertel. Die Brandenburgische Architektenkammer würdigte Kyritz in ihrer Reihe „Baukultur vor Ort“ als Beispielfall für die Verbindung von Denkmalpflege und Stadtentwicklung.

Zugleich wird das Bild einer reinen Vitrinen-Museumsstadt vermieden. Der Klausurflügel soll nach Fertigstellung nicht das zentrale Schaugehäuse sein, sondern Teil eines Nutzungsmixes aus Bildung, Tourismus, Alltagskultur und Erinnerungsort. Dieser Ansatz entspricht der aktuellen Förderlogik des Programms „Lebendige Zentren“, das Nutzungsvielfalt, Innenstadtstabilisierung und städtebaulichen Denkmalschutz bündelt. Für Kleinstädte in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt oder Niedersachsen, die vor ähnlichen Fragen stehen, liefert Kyritz ein Modell mit belastbaren Kennzahlen: langer Zeithorizont (mehr als zehn Jahre), Mischfinanzierung, planungsrechtliche Klammer durch ein förmliches Sanierungsgebiet, inhaltliche Steuerung durch ein INSEK mit klar benanntem Zielkonzept.

Dass der endgültige Fertigstellungstermin mehrfach verschoben wurde, zuletzt von 2025 auf 2027, gehört zur Wahrheit. Denkmalbauten im ländlichen Raum bleiben komplexe Baustellen, in denen Kostensicherheit, Substanzsorgfalt und Fördermittelfristen regelmäßig aneinandergeraten. Die Erfahrungen aus Kyritz sprechen dennoch dafür, dass eine geduldige, rechtlich und finanziell sauber aufgesetzte Strategie die tragfähigste Antwort ist. Am Ende steht kein rekonstruiertes Kloster, sondern ein hybrider Ort: Ruine, Garten, Bühne, Bibliothek, Museum. Genau in dieser Unvollständigkeit, die historische Schichten sichtbar belässt und zeitgenössische Nutzungen zulässt, liegt die baukulturelle Qualität des Projekts. Für die Fachdebatte um kleinstädtisches Bauen in Ostdeutschland ist Kyritz damit mehr als ein lokaler Einzelfall.