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	<title>Meinung | Baukunst</title>
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	<description>Architektur und Ästhetik im gebauten Raum</description>
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	<title>Meinung | Baukunst</title>
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	<item>
		<title>Der einsame Universalist: Patrik Schumacher und das Ende einer Pose</title>
		<link>https://baukunst.art/der-einsame-universalist-patrik-schumacher-und-das-ende-einer-pose/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 18 May 2026 08:52:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturtheorie]]></category>
		<category><![CDATA[Parametrismus]]></category>
		<category><![CDATA[Patrik Schumacher]]></category>
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					<description><![CDATA[Patrik Schumacher hält am Parametrismus als Universalstil fest. Achtzehn Jahre nach Venedig zeigt sich: Der Stil ist Form ohne Welt.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong>baukunst.art</strong> | Meinung &amp; Kritik | Mai 2026<br />
Lesezeit: ca. 7 Minute</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Wer keinen Nachfolger zulässt, hat schon verloren</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Patrik Schumacher gibt zu Protokoll, er sei „nicht glücklich“ mit dem Tempo, in dem sich der Parametrismus durchsetze. Achtzehn Jahre nach der Proklamation auf der Architekturbiennale Venedig 2008 ist das ein bemerkenswertes Eingeständnis. Es offenbart weniger eine Lage als eine Haltung.</em></p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was sagt Schumacher im Dezeen-Interview?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im Mai 2026 erklärt Schumacher gegenüber dem Online-Magazin Dezeen, der Parametrismus sei zwar „hinreichend etabliert“, aber eben nicht universell. Verantwortlich für die Stagnation seien zwei Faktoren: die globale Finanzkrise von 2008, die er rückblickend als Wendepunkt erkennt, und der Rückzug führender Architekturschulen aus dem digitalen Entwerfen. Den Stil selbst hält Schumacher weiterhin für alternativlos. „Ich erwarte keinen anderen Stil, es sei denn, es kommt zu einer weiteren zivilisatorischen Transformation.“</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Architekt, der das Ende der Stilgeschichte vom eigenen Schreibtisch aus verkündet. Das ist die eigentliche Pointe des Interviews.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Warum stagniert der Parametrismus seit 2008?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Schumacher schiebt die Verantwortung auf externe Faktoren: Krise, Lehre, Konjunktur. Bequemer geht es nicht. Eine andere Lesart wäre, dass der Stil nie die Universalität besessen hat, die ihm zugeschrieben wurde. Parametrische Werkzeuge haben sich tatsächlich durchgesetzt, in der Tragwerksplanung, in der Fassadenoptimierung, im Holzbau, in der Vorfertigung, in der Klimasimulation. Aber die Werkzeuge sind nicht der Stil. Der Stil ist das Bild, das Schumacher aus den Werkzeugen ableitet: die endlose Kurve, die fließende Oberfläche, die Geste der Glätte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Genau dieses Bild hat sich erschöpft. Nicht weil die Welt nicht reif dafür wäre, sondern weil sich die Welt davon abgewandt hat. Das ist ein Unterschied, der Schumacher entgeht.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Welche Kritik formulieren Spencer und Altınışık?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dezeen lässt im Rahmen seiner Parametricism-Serie auch Gegenstimmen zu Wort kommen. Der Theoretiker Douglas Spencer hält fest, das Verhältnis von Architektur und Kapitalismus, auf dem der Parametrismus aufbaute, sei längst aufgekündigt. Die türkische Architektin Melike Altınışık, ehemals Mitarbeiterin bei Zaha Hadid Architects, formuliert es freundlicher: Der Parametrismus habe das Denken einer ganzen Generation geprägt, sei aber als Universalstil ein Missverständnis. „Rechnerische Werkzeuge mögen universell werden. Die Architektur sollte es nicht.“</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ist die entscheidende Differenz. Werkzeuge globalisieren sich. Baukunst nicht. Wer beides verwechselt, verkauft Software als Weltentwurf.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wo liegt die theoretische Schwäche des Parametrismus?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Parametrismus ist als Stilbegriff von Anfang an ein Anachronismus. Er greift auf eine Denkfigur des 19. Jahrhunderts zurück: Architektur als ein System aus Stilen, das sich historisch ablöst. Modernismus folgt auf Historismus, Postmoderne folgt auf Modernismus, Parametrismus folgt auf Postmoderne. Diese Reihung war schon bei Sigfried Giedion fragwürdig. Sie ist heute schlicht falsch.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Walter Benjamin hat in den Passagen-Werken gezeigt, dass Stile nie reine Form sind, sondern Verdichtungen einer sozialen und ökonomischen Lage. Verschiebt sich die Lage, verschwindet auch der Stil, der aus ihr hervorgegangen ist. Paul Valéry hat es schärfer formuliert: „Ce qui n’est pas forme n’existe pas.“ Was als Form keinen Halt findet, hat keine Existenz. Beides gilt auch umgekehrt. Was nur Form ist und nicht Welt, hat keine Dauer.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Parametrismus ist Form ohne Welt. Er bezieht sich auf Werkzeuge, nicht auf Verhältnisse. Er gestaltet Oberflächen, keine Programme. Er liefert Bilder, keine Räume. Hier liegt der wirkliche Grund seines Stillstands, nicht in der Finanzkrise und nicht in den Lehrplänen der Architekturschulen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was bleibt vom Parametrismus?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Erstaunlich viel und erstaunlich wenig zugleich. Erstaunlich viel im Bereich der Methode: Parametrische Entwurfslogik ist Alltag geworden, von der Tragwerksoptimierung bis zur Energiesimulation. Niemand entwirft heute ein größeres Projekt ohne computergestützte Variantenstudien. In diesem Sinne hat Schumacher gewonnen. Nur merkt er es nicht, weil er den Erfolg nicht in den Werkzeugen sehen will, sondern im Bild.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Erstaunlich wenig im Bereich der Stilgeschichte. Die Heydar-Aliyev-Halle in Baku bleibt ein Solitär. Das Yokohama Port Terminal von Foreign Office Architects, das Schumacher selbst als erstes „reifes Werk“ des Parametrismus bezeichnet, ist heute eher Erinnerungsort als Impulsgeber. Die Liste der ikonischen Bauten verlängert sich nicht im erhofften Takt. Was nachkommt, sind Wiederholungen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wie steht es um den Stilbegriff im Jahr 2026?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vielleicht ist die wichtigste Lehre aus Schumachers Unzufriedenheit, dass der Stilbegriff selbst überholt ist. Wer im Jahr 2026 noch in universellen Stilen denkt, hat die Diskussion der letzten dreißig Jahre verpasst. Architektur ist heute regional, klimatisch, sozial und ökonomisch determiniert. Sie kennt keine universellen Stile, sondern situative Antworten. Das Holzhochhaus in Skellefteå, der Lehmbau in Marokko, die Genossenschaftsbauten in Wien sprechen unterschiedliche Sprachen, weil sie unterschiedliche Probleme lösen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Schumachers Vision eines universellen Stils ist in dieser Welt nicht erstrebenswert, sondern bedrohlich. Sie reduziert Baukunst auf ein Markenzeichen. Sie macht aus Vielfalt eine Filiale. Dass der Parametrismus dieser Vision bislang nicht entsprochen hat, ist kein Versagen. Es ist der einzige Trost, den dieses Interview bereithält.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Welche Transformation ist gemeint?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Schumacher sagt, er erwarte keine neue Stilbewegung, es sei denn, eine zivilisatorische Transformation finde statt. Genau diese Transformation ist längst im Gang. Klimakrise, Ressourcenknappheit, demografischer Wandel, geopolitische Verschiebungen, die Krise der eigenen Profession. Sie verändern Architektur fundamental, ohne sich um Stile zu scheren. Wer in dieser Lage am Universalanspruch festhält, redet nicht über die Zukunft. Er redet über sich selbst.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Zumthors LACMA: 724 Millionen Dollar, weniger Wand</title>
		<link>https://baukunst.art/zumthors-lacma-724-millionen-dollar-weniger-wand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 30 Apr 2026 09:35:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[LACMA]]></category>
		<category><![CDATA[Museumsbau]]></category>
		<category><![CDATA[Peter Zumthor]]></category>
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					<description><![CDATA[Das David Geffen Galleries Building eröffnet im April 2026. 724 Mio. USD, 220 Meter Länge, der Name Zumthor. Die Fachpresse feiert. Eine Diagnose nach 40 Berufsjahren widerspricht differenziert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong>baukunst.art </strong> /  Meinung / Mai 2026</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das neue LACMA: Ein Bau ohne Details</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das David Geffen Galleries Building am Los Angeles County Museum of Art (LACMA) ist im April 2026 eröffnet worden. Es kostet 724 Millionen US-Dollar, ersetzt vier Bauten von William Pereira aus den Jahren 1965 bis 1986 und überspannt mit 220 Metern Länge den Wilshire Boulevard. Den Namen Peter Zumthor trägt es zu Recht. Den Rang eines Meisterwerks löst es nicht ein.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Differenz lässt sich auf eine knappe Formel bringen: Zumthor als Architekt war die richtige Wahl. Das gebaute Resultat ist nicht mehr sein Werk im vollen Sinne. Das hat der Architekt selbst formuliert, im Oktober 2023 im Gespräch mit der New York Times: „There are no Zumthor details any more.&#8220; Diese Eigendiagnose ist die genaueste Kritik, die zum Bau bisher vorliegt. Sie kommt vom Verfasser.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was bleibt von Zumthor in Los Angeles?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wer Zumthors Werk kennt, kennt die Therme Vals von 1996, das Kolumba Museum in Köln von 2007 und die Bruder-Klaus-Kapelle in Wachendorf von 2007. Alle drei Bauten verbinden Materialwahrheit, präzise Lichtführung und das Vertrauen, dass weniger das Mehr ist. Sie sind Meisterwerke, weil sie Detail und Ganzes gleich ernst nehmen. Das Bauteilfugenmaß ist dort keine Nebensache, es ist Inhalt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Im LACMA-Bau fehlt diese Korrespondenz. Der Beton schwebt knapp neun Meter über dem Wilshire Boulevard, die Spannweiten erreichen 24 Meter, die Tragwerksleistung von Skidmore, Owings and Merrill (SOM) als Architect of Record ist technisch herausragend, mit über 100 sequenzierten Betonagen und einer Vorspannung, die Zumthors amorphen Grundriss überhaupt erst ermöglicht. Im Inneren begegnet sich Rohbeton mit großzügigem Tageslicht. Antiken, Skulpturen, Keramiken und Textilien profitieren davon. Malerei verträgt diese Atmosphäre schlecht. Die Architekturkritik des Art Newspaper hat das im April 2026 mit vier von fünf Sternen protokolliert: Holz, Stein, Glas und Ton kommen zur Geltung, Ölmalerei mit feiner Bildsprache verliert.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was kosten 110.000 sq ft Ausstellung tatsächlich?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die nüchterne Rechnung ergibt einen Preis, der die Diskussion verschiebt. Das Gebäude umfasst 32.300 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Davon entfallen rund 10.220 Quadratmeter auf Ausstellungsfläche, das entspricht den 110.000 sq ft, die die Bauherrschaft kommuniziert. Bei Baukosten von 724 Millionen US-Dollar ergibt sich ein Preis von rund 70.800 US-Dollar je Quadratmeter Galerie. Diese Kennzahl wird in keiner Pressemitteilung der Bauherrschaft ausgewiesen. Sie ergibt sich aus der Division.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zum Vergleich die ersetzten Pereira-Bauten: 393.000 sq ft Bruttogrundfläche, davon 120.000 sq ft Galerien. Der Neubau verkleinert die Ausstellungsfläche also um rund zehn Prozent, bei einem Investitionsvolumen, das die seinerzeitigen Baukosten um ein Vielfaches überschreitet. LACMA-Direktor Michael Govan argumentiert, dass die Differenz durch ausgelagerte Depots und externe Verwaltungsflächen ausgeglichen werde. Das Argument trägt buchhalterisch. Es trägt nicht für die Frage, wie viel Wandfläche zur Verfügung steht, um zweidimensionale Bestände zu zeigen. Diese Wandfläche ist der eigentliche Verlierer des Projekts. Die Reduktion der hängbaren Linearmeter fällt nach Beobachtung mehrerer Kritikerinnen und Kritiker stärker aus, als es der Flächenrückgang nahelegt, weil Zumthors offene, kurvige Raumkonfiguration fortlaufende Wandzüge ohnehin selten zulässt.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wer trägt die Verantwortung für den Detailverlust?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zumthors Aussage von 2023 verweist auf einen geläufigen Mechanismus: value engineering. Bauteile, Materialien und Detaillösungen werden im Bauprozess wegen Kosten- oder Zeitdruck reduziert oder ersetzt. Was am Ende auf der Baustelle steht, hat mit dem Stand der frühen Werkplanung oft wenig gemein. Im Fall LACMA scheint dieser Prozess weit gegangen zu sein. Bauherrin und Architect of Record tragen die Verantwortung für die Ausführungstiefe. Der Entwurfsarchitekt trägt die Verantwortung für die Idee, die er gezeichnet hat. Wenn der Entwurfsarchitekt selbst feststellt, dass seine Details verschwunden sind, ist die Frage nach dem Resultat beantwortet.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Bau wird trotzdem überwiegend als Erfolg eingeordnet werden. Die Fachpresse hat freundlich reagiert, Common Edge spricht von einem global cultural landmark. Diese Lesart ist nicht falsch. Sie ist unvollständig.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was lässt sich aus dem Fall ableiten?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der LACMA-Bau ist ein Lehrstück. Er zeigt, wie selbst eine architekturhistorisch zwingende Beauftragung an der Realität amerikanischer Bauprozesse, an Kostenkontrolle, an Bauherrenmacht und an der schieren Größe des Programms scheitern kann, ohne im technischen Sinne zu scheitern. Das Gebäude steht. Es funktioniert. Es zeigt Kunst. Es ist nur kein Zumthor mehr.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für die deutschsprachige Diskussion lohnt der Befund. Wer den Architekten der Therme Vals nach Kalifornien beruft und auf eine Übersetzung seines Idioms in eine 33.000 Quadratmeter messende Maschine setzt, hat keine Sprachfrage unterschätzt, sondern eine Kategoriendifferenz. Zumthors Werk ist auf das Maß abgestimmt, in dem es entstanden ist. Skaliert man es um den Faktor zehn, bleibt die Geste, nicht die Substanz. Die David Geffen Galleries belegen das in voller Größe.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Gegenrechnung gehört dazu. Govan und sein Haus haben einen ikonischen Bau bekommen, der den Standort neu sichtbar macht. Die Plaza schafft, mit Einschränkungen, einen öffentlichen Raum am Wilshire Boulevard, der vorher nicht existierte. Die Antiken werden im Tageslicht gezeigt, das ihnen zusteht. Der Verzicht auf eine zentrale Achse und ein hierarchisches Atrium öffnet die Sammlung für eine nicht-chronologische Lesart, die das kuratorische Konzept „Four Oceans&#8220; trägt. Diese Punkte sind zu nennen, weil eine Kritik, die das nicht sieht, nicht trägt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bilanz nach 40 Berufsjahren: Beauftragung richtig, Bauherrenführung professionell, Tragwerksleistung exzellent, Architekt am Detail vorbeigeführt. Ein Meisterwerk ist anders erkennbar.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Weiterführend</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">David Geffen Galleries, offizielle Projektseite des LACMA: <a href="https://www.lacma.org/geffen-galleries" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">lacma.org/geffen-galleries</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">SOM als Architect of Record, Projektdokumentation mit Tragwerksdaten: <a href="https://www.som.com/projects/los-angeles-county-museum-of-art-lacma-david-geffen-galleries/" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">som.com/projects/los-angeles-county-museum-of-art-lacma-david-geffen-galleries</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">The Art Newspaper, ausführliche Kritik von April 2026, vier Sterne: <a href="https://www.theartnewspaper.com/2026/04/23/big-review-lacma-david-geffen-galleries" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">theartnewspaper.com/2026/04/23/big-review-lacma-david-geffen-galleries</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">The Architect&#8217;s Newspaper, gesammelte Stimmen aus der Architekturszene Los Angeles vor der Eröffnung: <a href="https://www.archpaper.com/2026/04/architects-critics-educators-early-takes-lacma/" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">archpaper.com/2026/04/architects-critics-educators-early-takes-lacma</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zumthors Aussage „There are no Zumthor details any more&#8220; stammt aus einem Interview mit der New York Times vom Oktober 2023, im Kontext der Berichterstattung zum Baufortschritt.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Neues Terminal 3 am Frankfurter Flughafen: Die Neue Nationalgalerie lässt grüßen</title>
		<link>https://baukunst.art/neues-terminal-3-am-frankfurter-flughafen-die-neue-nationalgalerie-laesst-gruessen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 28 Apr 2026 08:03:30 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Top-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Christoph Mäckler]]></category>
		<category><![CDATA[Mies van der Rohe]]></category>
		<category><![CDATA[Terminal 3 Frankfurt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15961</guid>

					<description><![CDATA[Vier Milliarden Euro, 21 Jahre Bauzeit, eine 18 Meter hohe Glashalle: Christoph Mäcklers Terminal 3 verbeugt sich vor Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"><strong>baukunst.art </strong> /  Meinung / Mai 2026</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []">Geniales Zitat oder ehrgeizige Kopie? Das Terminal 3 fordert die Moderne heraus</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das am 22. April 2026 eröffnete Terminal 3 am Frankfurter Flughafen ist die größte privatwirtschaftliche Hochbauleistung, die Deutschland in den vergangenen drei Jahrzehnten realisiert hat, und zugleich ein Bekenntnis zur klassischen Moderne, das ausgerechnet von einem ihrer profiliertesten Kritiker stammt. <strong><a href="https://chm.de" target="_blank" rel="noopener">Christoph Mäckler,</a></strong> sonst entschiedener Anwalt der europäischen Stadt mit Putzfassade und Steildach, hat in Frankfurt eine 18 Meter hohe Glashalle gebaut, deren formaler Bezug auf <strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Nationalgalerie" target="_blank" rel="noopener">Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie</a></strong> unverkennbar ist. Wer das Bauwerk betritt, sieht den Berliner Universalraum von 1968 wiederkehren, hochskaliert ins Rechteckige. Das ist die eigentliche Pointe dieses Vier-Milliarden-Euro-Projekts.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Worum geht es bei Terminal 3 wirklich?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Auf rund 361.000 Quadratmetern Bruttogrundfläche sollen jährlich bis zu 19 Millionen Fluggäste abgefertigt werden, langfristig sind 25 Millionen vorgesehen. Drei Piers (G, H und J), 21 Sicherheitskontrollspuren mit CT-Scannern, rund 100 Check-in-Schalter, ein 6.000 Quadratmeter großer „Marktplatz&#8220;, 99 Aufzüge und ein eigenes Parkhaus mit 8.500 Stellplätzen bilden das funktionale Programm. Die Tragwerksplanung verantwortet das Frankfurter Büro Bollinger und Grohmann, die markante Tropfendecke der zentralen Halle stammt vom Stuttgarter Büro LAVA, eine raumgreifende Kunstinstallation steuert Julius von Bismarck bei. Der Spiegel kommentierte zur Eröffnung, hier baue Deutschland endlich wieder, wie es schon immer bauen wollte: effizient, präzise, verlässlich. Die FAZ nannte die Check-in-Halle ein „geniales Plagiat&#8220; der Neuen Nationalgalerie. Das Online-Portal BauNetz sprach hingegen von „Anmaßung&#8220;. Beide Reaktionen sind verständlich.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Verständlich ist die Begeisterung, weil Terminal 3 in Zeiten der BER-Hängepartien und Stuttgart-21-Endlosgeschichten als Beleg gilt, dass deutsche Großprojekte funktionieren können. Das stimmt allerdings nur eingeschränkt. Ursprünglich war die Eröffnung für 2022 geplant, sie verschob sich um vier Jahre, die Kosten stiegen von einst kommunizierten 2,5 auf rund vier Milliarden Euro, und der ehemals geplante vierte Pier ist vorerst gestrichen. Verständlich ist auch die Skepsis, denn ein Frankfurter Stadtbaukünstler, der jahrzehntelang gegen „Glas- und Blechkisten&#8220; anredet, baut nun selbst die größte Glaskiste der Republik.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Warum greift Mäckler ausgerechnet auf Mies zurück?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Antwort steckt in der Bauaufgabe. Ein Terminal ist kein Wohnquartier in Frankfurt-Westend, das nach Main-Sandstein und gefasster Lochfassade verlangt. Ein Terminal ist ein Stützengewölbe für tausende Menschen in Bewegung. Wo Mäckler sonst Kontext, Material und Ortsbezug einfordert, gibt es hier nichts als das Vorfeld, die Rollwege und den Himmel. Der Universalraum, den Mies van der Rohe in Berlin als skulpturale Setzung isoliert hatte, findet in Frankfurt endlich seine eigentliche Funktion: als Schwelle zwischen Stadt und Welt. Insofern ist die Referenz weniger Plagiat als typologisch zwingend.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch genau hier beginnt die Kritik. Eine 155 mal 82 Meter große Halle mit kreuzförmigen Stahlstützen und überkragendem Raumtragwerk ist kein neutrales Zitat. Sie ist eine Geste, die sich an der Schaffenshöhe eines der wirkmächtigsten Architekten der Moderne bemisst. Wer das Erbe der Neuen Nationalgalerie in dieser Größe aufruft, muss es auch tragen können. Mies hatte in Berlin ein Quadrat von 50 mal 50 Metern, geometrisch perfekt, mit acht Stützen unter einem einzigen Dach. Mäckler hat in Frankfurt das Dreifache, dazu einen Knick im unteren Drittel der raumhohen Fassadenverglasung zur Aufnahme von Windlasten, eine Tropfendecke, eine Kunstinstallation, Retail-Flächen und ein Wegeleitsystem für 19 Millionen Passagiere. Das Ergebnis ist beeindruckend, aber nicht souverän. Es ist Mies in der Vergrößerung, nicht Mies im Nachvollzug. Sein Universalraum war nie eine Frage der Quadratmeter, sondern der inneren Konsequenz. Er duldet keine Möblierung, keine Zwischennutzung, keine Tropfendecke. Er hält genau das aus, wofür er entworfen wurde, und nichts darüber hinaus.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was bedeutet das für die deutsche Architekturpraxis?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Drei Beobachtungen lassen sich festhalten. Erstens: Die These, Christoph Mäckler stehe für eine traditionalistische Gegenposition zur Moderne, ist mit Terminal 3 erledigt. Wer einen Funktionsbau dieser Größenordnung gestalten muss, kommt am modernen Erbe nicht vorbei. Die Frage ist nur, ob man es virtuos einsetzt oder lediglich auf eine Größenordnung skaliert, in der die ursprüngliche Proportion verloren geht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zweitens: Komplexität und Honorarstruktur solcher Projekte sind mit den Leistungsbildern nach § 15 HOAI nur noch unter Einsatz hochspezialisierter Generalplaner-Strukturen zu bewältigen. Ein Bauwerk dieser Größenordnung, geplant über 21 Jahre und nach einem mehrstufigen Wettbewerb (2002 Foster and Partners im Ideenwettbewerb, 2005 Mäckler im Realisierungswettbewerb), gehört in die Hand eines Großbüros mit eigenständiger Projektsteuerung, nicht eines klassischen Stadtbaukunst-Ateliers. Mäckler hat das mit der Tochtergesellschaft CHM Airport organisatorisch abgebildet. Das ist klug, verändert aber die Rolle des Architekten grundlegend, weg vom gestaltenden Autor, hin zum Steuermann eines Planungsapparats.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Drittens: Nachhaltigkeit. Terminal 3 wirbt mit reduziertem Energiebedarf, und auf der Gebäudeebene ist das nach den Anforderungen des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) plausibel. Die ökologische Wahrheit eines Flughafenneubaus liegt allerdings nicht im Gebäude, sondern im Geschäftsmodell. Jeder zusätzliche Sitzplatz im Linienverkehr produziert Tonnen CO2, gleich wie effizient die Klimaanlage läuft. Das Terminal nach DIN 276 zu kalkulieren und nach GEG zu bilanzieren, ist Pflicht. Den ökologischen Fußabdruck des Wachstumsversprechens auf 25 Millionen Passagiere zu verschweigen, ist Marketing.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bleibt die Frage nach dem architektonischen Bleibewert. Terminal 3 wird sehr wahrscheinlich gut altern. Die Tropfendecke von LAVA ist eine eigenständige Setzung, die Materialwahl in den Marktbereichen wirkt im Bestand wertig, die Wegeführung ist klar, die Hallen sind tageslichtdurchflutet. Wer aus München, Berlin oder Wien anreist, wird den Vergleich mit den Heimatflughäfen suchen und Frankfurt nicht hintenanstellen. Das ist viel, gemessen an dem, was deutsche Verkehrsbauten der vergangenen zwei Jahrzehnte abgeliefert haben.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch es ist auch nicht alles. Die Schaffenshöhe der klassischen Moderne lag in der Spannung zwischen Reduktion und Idee. Mies in Barcelona, Brno und Berlin, Le Corbusier in Marseille, Kahn in Dhaka: Jeder dieser Bauten hat das Programm, das ihn umgab, infrage gestellt. Terminal 3 stellt nichts infrage. Es bestätigt das Wachstumsversprechen des Luftverkehrs, des Flughafenbetreibers Fraport und einer Architektur, die sich an den großen Vorbildern misst, ohne deren Radikalität einzulösen. Die Neue Nationalgalerie lässt grüßen, ja. Aber sie schmunzelt dabei.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Wenn ein Starchitekt das Starsystem angreift</title>
		<link>https://baukunst.art/wenn-ein-starchitekt-das-starsystem-angreift/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 16 Apr 2026 10:12:47 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Berufspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Manifest]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15815</guid>

					<description><![CDATA[Ein OMA-Partner rechnet mit dem eigenen Milieu ab: 14 Forderungen, viel Diagnose, wenig Mechanik. Was das Buch leistet und wo es aufhört zu denken.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong>baukunst.art</strong> / MEINUNG &amp; KRITIK /</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Der Mann, der sein eigenes Büro anklagt und trotzdem bleibt</strong></h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">„<strong><a href="https://www.versobooks.com/products/3322-architecture-against-architecture" target="_blank" rel="noopener">Architecture Against Architecture: A Manifesto</a></strong>&#8220; von Reinier de Graaf ist der bislang direkteste Versuch eines Insiders, die strukturellen Pathologien der Architekturbranche in ein Reformprogramm zu übersetzen. De Graaf, Partner bei <a href="https://www.oma.com/" target="_blank" rel="noopener"><strong>OMA</strong></a> seit über 30 Jahren, legt damit sein viertes Buch vor, erschienen 2026 bei Verso. Das Grundargument: Die Profession befindet sich im Krieg mit der Gegenwart, die einzig ehrliche Antwort darauf sei Abrüstung und ziviler Ungehorsam.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die 14 Empfehlungen sind auf zwei Hälften verteilt: sieben Kapitel über Architektinnen und Architekten als Berufsstand, sieben über Architektur als Disziplin. Die Forderungen reichen von Gewerkschaftsgründung und kollektivem Bürobesitz über obligatorischen Renteneintritt mit 67 Jahren bis zum Moratorium auf Neubau und Verzicht auf Urheberrechte an Gebäuden. Das ist mehr Agenda als die meisten Architekturbücher produzieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Warum kommt diese Kritik ausgerechnet aus dem Zentrum der Macht?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">De Graaf hat sich bewusst nicht als Außenseiter positioniert. Er bezeichnet das Buch als „workers&#8216; manifesto&#8220;, als Plädoyer dafür, Architektur als Arbeit zu verstehen statt als Berufung. Der Kultus des genialen Einzelnen, der vom leeren Blatt zum fertigen Entwurf schreitet, sei eine Fiktion. Wer ein Großbüro kennt, weiß das. Trotzdem hält die Branche an dieser Erzählung fest, weil sie den Marktwert des Namens erhöht und die Verhandlungsposition gegenüber dem Auftraggeber stärkt. Das ist kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell, das de Graaf von innen beschreibt und von innen nicht aufzulösen bereit ist: Er plant, weiter bei OMA zu arbeiten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ist keine Kritik an der Person. Es ist eine strukturelle Beobachtung. Wer ein System als pathologisch beschreibt und darin verbleibt, muss erklären, welche Wirkung das Buch innerhalb dieser Struktur entfalten soll. De Graaf gibt darauf keine Antwort. Das schwächt nicht die Diagnose, aber es begrenzt das Manifest.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders präzise ist seine Analyse der Pritzker-Ökonomie. Der Preis befeuert jene feudale Verehrung des Einzelnen, die er für strukturell schädlich hält. Auf die Frage, ob er einen Kollegen für die Annahme verurteilen würde, antwortet de Graaf im Dezeen-Interview: nein. Das ist konsequent, weil er Sanktionierung ablehnt. Es ist auch das ehrlichste Eingeständnis der Grenzen eines Manifests, das auf freiwilliger Einsicht basiert.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was bleibt von der Architektur, wenn die KI übernimmt?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">De Graaf schlägt vor, künstliche Intelligenz für „frivolle&#8220; Entwurfsentscheidungen einzusetzen, also Variantengenerierung und parametrische Optimierung, um Architektinnen und Architekten für wesentlichere Urteile freizusetzen. Die These setzt voraus, dass professionelle Urteilskraft unabhängig von der Routine entsteht, die KI ersetzen soll. Das ist empirisch offen. Entscheidungskompetenz entwickelt sich häufig im Vollzug von Routinearbeit, nicht trotz ihr. De Graaf behauptet die Entlastung, ohne den Bildungsmechanismus zu ersetzen, den er abschaffen will. Diese Lücke bleibt im Buch unbenannt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Überzeugender ist das Kapitel zum Bestand. De Graaf formuliert: Abriss sei Verschwendung und ein gewaltsamer Akt für jene, die dort leben und die gebaut haben. In Deutschland regeln das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die DIN 276 den technischen Umgang mit dem Bestand. Was fehlt, ist kein Regelwerk, sondern ein politischer Konsens darüber, dass Nicht-Abreißen eine eigenständige architektonische Leistung darstellt, die entsprechend beauftragt und vergütet werden muss. Die HOAI in ihrer aktuellen Fassung bildet das nicht ab.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Als Gesamtbewertung: „Architecture Against Architecture&#8220; ist eine gut dokumentierte Bestandsaufnahme mit programmatischen Leerstellen. Die Diagnose stimmt in den meisten Punkten. Das Reformprogramm ist eine Liste von Wünschen ohne Mechanismus. Manifeste schulden keine Umsetzungspläne. Aber wer 14 Empfehlungen vorträgt und keine einzige mit einem Durchsetzungsweg verbindet, schreibt Literatur über eine Krise, kein Instrument gegen sie. Das ist kein Versagen. Es ist eine Entscheidung, die das Buch auf einen bestimmten Wirkungsradius begrenzt.</p>
<hr data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="rule" data-prosemirror-node-block="true" />
<p><strong>Reinier de Graaf: Architecture Against Architecture. A Manifesto</strong><br />
Verso Books, März 2026, 272 Seiten, Englisch</p>
<p>ISBN Hardcover: 978-1-804299-03-6 ISBN E-Book: 978-1-804299-06-7</p>
<p>Hardcover: ca. 25 Euro (Verlag direkt), ca. 27 USD (US) E-Book: ca. 10 USD (Kindle/Verso)</p>
<p><strong><a href="https://www.versobooks.com/products/3322-architecture-against-architecture" target="_blank" rel="noopener">versobooks.com</a></strong> (Verlag, inkl. kostenlosem E-Book beim Hardcover-Kauf)</p>
<p>Hinweis für deutschsprachige Leserinnen und Leser: Eine deutsche Übersetzung ist bislang nicht angekündigt. Das Buch ist ausschließlich auf Englisch erhältlich.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das stille Sterben des Berufswissens</title>
		<link>https://baukunst.art/das-stille-sterben-des-berufswissens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 14 Apr 2026 07:57:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Beruf]]></category>
		<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Top-Themen]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15777</guid>

					<description><![CDATA[20.000 Freischaffende scheiden bis 2035 aus. Mit ihnen geht jahrzehntelanges Bauwissen verloren. Die Kammern schauen zu. Ein Befund.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">baukunst.art  |   Berufspolitik / Meinung &amp; Kritik</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Warum das Ende freischaffender Architekturbüros auch das Ende ihrer Bautechnik bedeutet</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wenn Architekturbüros schließen, geht ihr Wissen verloren. Für immer. Die Kammern schauen zu.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Zwischen 2025 und 2035 werden im DACH-Raum schätzungsweise 24.000 bis 26.000 freischaffende Architekten ihre Büros schließen – ohne Nachfolge, ohne Archiv, ohne dass das in Jahrzehnten erarbeitete konstruktive und gestalterische Wissen irgendwo gesichert wird. Die Architektenkammern in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben dafür kein Programm. Kein einziges. Ein Befund – und eine Forderung.</em></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was verschwindet wirklich, wenn ein Architekturbüro schließt?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wenn ein Arzt in Rente geht, übernimmt ein Nachfolger die Praxis und die Patientenkartei. Wenn ein Anwalt aufhört, übernimmt ein Kollege die laufenden Mandate. Wenn ein Handwerksmeister sein Unternehmen schließt, endet die Firma – aber das handwerkliche Wissen lebt in den Gesellen weiter, die er ausgebildet hat.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wenn eine Architektin nach 35 Jahren Freiberuflichkeit ihr Büro schließt, verschwindet in den meisten Fällen alles. Die Planschränke werden entleert oder entsorgt. Die Festplatte mit den CAD-Dateien landet irgendwo. Die Detailbibliothek, die über Jahrzehnte gewachsen ist – Anschlussdetails, bauphysikalische Lösungen, erprobte Fassadenkonstruktionen, regionale Baukenntnisse – existiert nirgendwo sonst. Sie ist diese eine Person. Und jetzt ist sie weg.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wie groß ist das Problem – und warum kommt es jetzt?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Zahlen sind eindeutig. Laut BAK-Bundeskammerstatistik (Stand 1.1.2024) sind in Deutschland 53.268 Freischaffende in den Kammern eingetragen. Die BAK-Strukturbefragung 2024 zeigt: Das Durchschnittsalter dieser Selbstständigen liegt bei 55 Jahren – und der Anteil der über 60-Jährigen unter den Freischaffenden ist seit 2015 von 20 auf 30 Prozent gestiegen. Das sind rechnerisch rund 16.000 Menschen, die bereits heute im letzten aktiven Jahrzehnt ihrer Selbstständigkeit stehen. Bis 2035 werden – unter Einschluss der heute 57- bis 60-Jährigen – schätzungsweise 20.000 bis 22.000 freischaffende Architekten in Deutschland aus der Selbstständigkeit ausscheiden. Im DACH-Raum insgesamt sind es rund 24.000 bis 26.000.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Besondere an dieser Kohorte: Es handelt sich um die Gründergeneration der Bundesrepublik – Architektinnen und Architekten, die in den 1970er, 1980er und frühen 1990er Jahren ihre Büros gegründet haben. Sie haben nicht nur Gebäude entworfen. Sie haben einen Wissensbestand aufgebaut, der die Architekturpraxis des DACH-Raums bis heute trägt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Gleichzeitig zeigen die Strukturdaten: 89 Prozent der deutschen Architekturbüros haben weniger als 10 Mitarbeiterinnen, 35 Prozent sind Solo-Büros ohne Angestellte. Das bedeutet: In der überwältigenden Mehrheit der Fälle gibt es niemanden, dem dieses Wissen intern weitergegeben werden könnte. Es gibt keine Schülerin, keinen Gesellen, keinen Junior-Partner, der das Handwerk übernimmt. Es gibt nur den Inhaber – und den Abschluss.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Welche Dimensionen des Wissens stehen auf dem Spiel?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Wissensforschung unterscheidet zwischen explizitem und implizitem Wissen. Explizites Wissen ist dokumentierbar – es steht in Normen, Fachbüchern, Handbüchern. Implizites Wissen ist personengebunden, durch Erfahrung entstanden, schwer in Worte zu fassen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Dimension 1 – Das implizite Erfahrungswissen: nicht rettbar</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Netz aus Beziehungen zu Behördenmitarbeitern, zu Handwerkern, zu Stammauftraggebern: implizit. Die Kenntnis lokaler Boden- und Klimabedingungen, der regionalen Bautypologien, der stillen Eigenheiten von Bebauungsplänen: implizit. Das Gespür für den richtigen Materialeinsatz, das aus hundert Baustellenerfahrungen entstanden ist: implizit. Es stirbt mit dem Inhaber – das war schon immer so und wird so bleiben.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Dimension 2 – Das gezeichnete Detailwissen: prinzipiell rettbar, aber nicht gerettet</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Detailbibliothek eines Büros – Konstruktionsschnitte, Anschlusspunkte, bewährte Fassadenlösungen, Sonderdetails für spezifische bauphysikalische Aufgaben – liegt als Zeichnung vor. Sie ist materialisierbar, archivierbar, weiterzugeben. Das ist der entscheidende Unterschied zur Arztpraxis oder zur Kanzlei: In der Architektur könnte man diesen Wissenstypus retten. Man tut es nicht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Dimension 3 – Das gebäudebezogene Planwissen: rechtlich gesichert, praktisch gefährdet</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Grundrisse, Schnitte, Ausführungsdetails zu konkreten Gebäuden unterliegen Aufbewahrungsfristen – steuerlich zehn Jahre, haftungsrechtlich oft deutlich länger. Aber diese Pläne verbleiben im Büro, werden nicht übergeben, landen nach Ablauf der Fristen im Altpapier. Das Gebäude steht noch achtzig Jahre. Die Bestandspläne sind in zehn Jahren weg.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Warum ist das digitale Planarchiv besonders gefährdet?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Planarchiv auf Papier war greifbar, beständig, verständlich. Die Planschränke der 1970er und 1980er sind, sofern noch vorhanden, physisch zugänglich – und können im Notfall gescannt werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Planarchiv auf dem Computer ist eine andere Sache. Weit über 90 Prozent der umlaufenden CAD-Dateien liegen im proprietären DWG-Format des Marktführers Autodesk vor. Dieses Format ist nicht offen, nicht standardisiert, nicht langzeitstabil. Konvertierungsversuche in offene Formate erzeugen regelmäßig Informationsverluste. Und selbst wenn eine Festplatte gut erhalten ist – in zwanzig Jahren kann niemand mehr garantieren, dass die Datei noch lesbar ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In allen Denkmalämtern der Bundesrepublik fehlen bis heute verbindliche technische Standards für die Langzeitarchivierung digitaler Baudokumentationen. Für die freischaffenden Architekturbüros gibt es nicht einmal den Ansatz einer Empfehlung. Die Bayerische Architektenkammer weist in ihrer Rechtsauskunft darauf hin, dass Architekten aus Haftungsgründen nicht verpflichtet sind, CAD-Dateien in weiterbearbeitbaren Formaten herauszugeben. Im laufenden Betrieb schützt das den Architekten. Beim Büroabschluss bedeutet es: Das gezeichnete Wissen eines Berufslebens stirbt mit dem proprietären Format auf der Festplatte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was tun die Kammern – und was tun sie nicht?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektenkammern in Deutschland, Österreich und der Schweiz erfüllen einen klaren gesetzlichen Auftrag: die Baukultur zu fördern. Baukultur aber entsteht nicht nur durch neue Projekte. Sie wird auch durch das akkumulierte handwerkliche und gestalterische Wissen getragen, das sich in freischaffenden Büros über Jahrzehnte sedimentiert hat.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was tun die Kammern für diesen Wissenserhalt? Einzelne Landesarchitektenkammern betreiben Bürovermittlungsdienste, um Nachfolgeregelungen zu erleichtern. Die Architektenkammer Berlin hat in einem vom Bundesministerium für Wirtschaft geförderten Pilotprojekt eine Nachfolge-Plattform erprobt und eine Broschüre vorgelegt. Die Architektenkammer NRW unterhält das Baukunstarchiv NRW. Und damit endet die Liste.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Kein Programm zur Sicherung konstruktiven Detailwissens. Kein niedrigschwelliges Angebot für den normalen Freischaffenden, sein Planarchiv geordnet zu übergeben. Keine Initiative zur digitalen Langzeitarchivierung von CAD-Beständen. Keine Kooperation mit Architekturfakultäten, um das Erfahrungswissen der Babyboomer-Generation systematisch in die Lehre zu überführen. Nichts.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Baukunstarchiv der Akademie der Künste in Berlin, das Architekturmuseum der TUM, das Architekturzentrum Wien und das gta Archiv der ETH Zürich sind exzellente Institutionen – aber sie sammeln kanonische Architektennachlässe, keine baukonstruktiven Detailarchive des freischaffenden Mittelstands. Von den 53.268 Freischaffenden in Deutschland werden weniger als ein Prozent jemals Kontakt zu einer dieser Institutionen aufnehmen. Für die übrigen 99 Prozent gibt es nichts.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was verliert die nächste Generation?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Junge Architektinnen und Architekten lernen aus drei Quellen: Hochschule, eigene Erfahrung – und dem Wissen älterer Kolleginnen und Kollegen. Die Hochschule liefert Entwurfsbildung. Die eigene Erfahrung kommt mit den Jahren. Das Wissen erfahrener Büros war bisher der dritte Pfeiler – durch Anstellungsverhältnisse, durch Mentoring, durch informellen Austausch.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wenn in den nächsten zehn Jahren 20.000 Büros schließen, ohne dass dieses Wissen irgendwo gesichert wird, verliert dieser dritte Pfeiler seine Substanz. Die Generation, die mit BIM aufwächst und KI nutzt, wird bautechnische Detailentscheidungen zunehmend ohne das handwerkliche Fundament treffen, das nur aus jahrzehntelanger Praxis entstehen kann. Das ist kein Generationenproblem. Es ist ein Qualitätsproblem – für Planung, für Ausführung, für das gebaute Ergebnis.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der demografische Wandel trifft alle Branchen. In der Architektur hat er eine Besonderheit: Das Wissen dieser Branche ist zu einem erheblichen Teil zeichnerisch erfasst. Es wäre prinzipiell rettbar. Dass es trotzdem nicht gerettet wird, ist eine Entscheidung – keine Naturnotwendigkeit.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was wäre jetzt zu tun?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Antwort ist nicht komplex. Sie erfordert politischen Willen – und Kammerarbeit, die über Verwaltung und Interessenvertretung hinausgeht.</p>
<ol class="ak-ol" start="1" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="orderedList" data-prosemirror-node-block="true">
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<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Kammerprogramm Wissen sichern</strong></p>
</li>
</ol>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Analog zur Berliner Nachfolge-Plattform braucht es ein bundesweites, kammergefördertes Angebot, das ausscheidende Büroinhaber dabei unterstützt, ihre Detailbibliotheken zu dokumentieren und in zugänglicher Form zu hinterlassen – nicht für die Archive, sondern für den Berufsstand, für Hochschulen, für die Praxis.</p>
<ol class="ak-ol" start="2" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="orderedList" data-prosemirror-node-block="true">
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<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Offener Standard für die Büroarchivierung</strong></p>
</li>
</ol>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Bundesarchitektenkammer sollte gemeinsam mit dem BBSR einen verbindlichen Mindeststandard für die Archivierung von CAD-Beständen beim Büroabschluss entwickeln – ein herstellerunabhängiges Exportformat (PDF/A-3, IFC), das in 50 Jahren noch lesbar ist.</p>
<ol class="ak-ol" start="3" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="orderedList" data-prosemirror-node-block="true">
<li data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="listItem" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Öffnung der Archivlandschaft nach unten</strong></p>
</li>
</ol>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die bestehenden Architekturarchive müssen ihren Selektionsfokus erweitern. Es braucht eine ergänzende Struktur, die das konstruktive Alltagswissen freischaffender Büros sichert – nicht als museales Objekt, sondern als professionelle Ressource für den Berufsstand.</p>
<ol class="ak-ol" start="4" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="orderedList" data-prosemirror-node-block="true">
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<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Kooperationen zwischen Kammern und Hochschulen</strong></p>
</li>
</ol>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In strukturierten Programmen könnten ausscheidende Büroinhaber ihr Detailwissen in Lehrveranstaltungen, Workshops und dokumentierten Projektstudien weitergeben – als systematischen Teil ihrer Berufsbiografie, nicht als gelegentlichen Gastauftritt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Solange niemand das benennt, rückt es nicht auf die Agenda.</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Kammern sind auf die Begleitung aktiver Berufstätigkeit ausgelegt, nicht auf die Sicherung des Erbes beim Ausscheiden. Solange niemand das öffentlich benennt, bleibt es außerhalb der berufspolitischen Agenda. Solange es außerhalb der Agenda bleibt, geschieht nichts.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der demografische Wandel gibt dem Berufsstand ein Jahrzehnt. Dann ist es zu spät.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">■  Quellen</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">BAK – Bundesarchitektenkammer: Bundeskammerstatistik (Stand 1.1.2024), Strukturbefragung 2024 (Berichtsjahr 2023), <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://bak.de/" data-inline-card="" data-card-data="">http://bak.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Deutsches Architektenblatt: Architektenstatistik: Alter, Arbeitszeiten, Büros, Umsatz und Gehalt, Januar 2025, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://dabonline.de/" data-inline-card="" data-card-data="">http://dabonline.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architektenkammer Hessen (AKH): Kurzauswertung der BAK-Strukturbefragung 2024, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://akh.de/" data-inline-card="" data-card-data="">http://akh.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">ACE – Architects&#8216; Council of Europe: Sector Study 2024 (9. Ausgabe), <a href="http://ace-cae.eu/" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">ace-cae.eu</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">KfW Research: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2024, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://kfw.de/" data-inline-card="" data-card-data="">http://kfw.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">DIHK: Report Unternehmensnachfolge 2024, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://dihk.de/" data-inline-card="" data-card-data="">http://dihk.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bearing Point: Studie Wissensmanagement im Kundenservice 2024</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">EU-Kommission: Schaden durch ungesichertes Wissen, jährliche Schätzung</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Akademie der Künste Berlin: Baukunstarchiv, <a href="http://adk.de/" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">adk.de</a></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architekturmuseum TUM München: Sammlung und Archiv, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://architekturmuseum.de/" target="_blank" rel="noopener" data-inline-card="" data-card-data="">http://architekturmuseum.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architekturzentrum Wien (Az W): Vor- und Nachlässe, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://azw.at/" target="_blank" rel="noopener" data-inline-card="" data-card-data="">http://azw.at</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bayerische Architektenkammer: Rechtliche Hinweise zu Aufbewahrungsfristen, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://byak.de/" target="_blank" rel="noopener" data-inline-card="" data-card-data="">http://byak.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architektenkammer Berlin: Plattform Büronachfolge / Broschüre, <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="http://ak-berlin.de/" target="_blank" rel="noopener" data-inline-card="" data-card-data="">http://ak-berlin.de</a></span></span></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vereinigung der Landesdenkmalpfleger: Langzeitarchivierung digitaler Baudokumentation, Nr. 30</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">BAK-Bundeskammerstatistik: Freischaffende Architekten nach Fachrichtungen (PDF), Stand 1.1.2024</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Über das Schöne, das Büro und die Frage, was wirklich zählt</title>
		<link>https://baukunst.art/ueber-das-schoene-das-buero-und-die-frage-was-wirklich-zaehlt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2026 14:39:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Editorial]]></category>
		<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturbüro]]></category>
		<category><![CDATA[Baukultur]]></category>
		<category><![CDATA[GEG]]></category>
		<category><![CDATA[HOAI]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkei]]></category>
		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>
		<category><![CDATA[Resilienz]]></category>
		<category><![CDATA[Schönheit]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15678</guid>

					<description><![CDATA[Was hat Architektur mit dem Schönen, Wahren und Guten zu tun, und warum ist Psychologie im Büro keine Nebensache? Die Osterlektüre auf Baukunst.art.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Baukunst.art</strong>   |   Editorial   |   Ausgabe März 2026</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Liebe Kollegin, lieber Kollege</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Osterausgabe von Baukunst.art stellt eine Frage, die so alt ist wie das Bauen selbst: <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was hat Architektur mit dem Schönen, dem Wahren und dem Guten zu tun</strong> — und warum fällt die Antwort im Jahr 2026 so schwer?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ostern ist seit Jahrhunderten eine Zäsur. Die Zeitumstellung, die wenige Tage zuvor das Abendlicht zurückgebracht hat, markiert diesen Übergang mit fast mechanischer Klarheit: <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">eine Stunde wird geopfert für mehr Helligkeit.</strong> Ein kollektives Arrangement mit dem Licht. In der Architektur vollzieht sich gerade etwas Ähnliches, <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">nur ohne festgelegten Termin und ohne die Gewissheit, dass die verlorene Stunde je zurückkommt.</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Warum hat die Architektur das Schöne so leise verabschiedet?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die Trias des Wahren, Schönen und Guten, </strong>seit Platon das Fundament ästhetischer Reflexion, ist in der Gegenwartsarchitektur nicht programmatisch abgeschafft worden. Sie hat sich still verdrückt, <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Quartal für Quartal, Ausschreibung für Ausschreibung, Kostenkennwert für Kostenkennwert.</strong> Das ist die unbequeme Diagnose, die auf Baukunst.art dieser Tage gestellt wird.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bernd Eilert hat im Januar 2026 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Inventur dieser drei Ideale vorgelegt. Sein Befund trifft die Architektur mit besonderer Wucht: <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das Schöne hat den steilsten Absturz erfahren.</strong> In vier Jahrzehnten Berufspraxis lässt sich diese Erosion präzise beobachten. In den 1980er Jahren sprachen Bauherrinnen und Bauherren noch selbstverständlich von der Würde eines Gebäudes, von seiner Wirkung auf den Ort, von seiner Verantwortung gegenüber dem Stadtraum. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Heute liefert die erste Projektbesprechung Abschreibungszeiträume und Nutzungskostenprognosen.</strong> Was sich rechnen lässt, wird berechnet. Was sich nicht rechnen lässt, taucht im Protokoll nicht auf.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das Paradoxe daran: Das Schöne lässt sich rechnen, nur nicht im Monatsbericht.</strong> Schöne Gebäude werden länger genutzt, erzeugen Identifikation, reduzieren Vandalismus und erhöhen die Bereitschaft zur Pflege. Das Fachmagazin Dezeen hat in seiner Recherche &#8218;How long should a building last?&#8216; (Dezember 2025) belegt, was Architektinnen und Architekten längst wissen: Gebäude, die als schön empfunden werden, haben eine signifikant längere Nutzungsdauer als technisch optimierte, aber gleichgültige Bauten. Der erste Träger des britischen Stirling Prize, das Centenary Building der Universität Salford, wurde 2025 zum Abriss freigegeben. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Dreißig Jahre nach Fertigstellung.</strong> Ein preisgekröntes Gebäude, das niemand behalten wollte. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Diese Geschichte gehört in jedes Seminar, das Nachhaltigkeit ernst nimmt.</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das Wahre in der Architektur </strong>war einmal die Ehrlichkeit der Konstruktion, die Lesbarkeit des Materials, die Sichtbarkeit des Tragwerks. Mies van der Rohe nannte es Tektonik, John Ruskin die Wahrheit des Handwerks. Was zeigen Gebäude heute? <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Fassaden sind oftmals Verkleidungen geworden, </strong>Hüllen ohne Beziehung zur Konstruktion dahinter.Das Tragwerk verschwindet hinter Abhangdecken und Doppelböden, die Haustechnik übernimmt die Raumgeometrie. Das Ergebnis sind Gebäude, die man nicht lesen kann, weil sie oftmals nichts erzählen wollen außer ihrer eigenen Beliebigkeit.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Am schwersten wiegt der Verlust des Guten.</strong> Nicht im moralischen Sinn, sondern als Haltung: die Verantwortung gegenüber dem öffentlichen Raum, die Verpflichtung, mit dem Bauen die Welt ein wenig bewohnbarer zu hinterlassen. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das Gebäude als baukulturellen Ort </strong>hat das Gebäude als Finanzprodukt mit 15-jährigem Abschreibungszyklus weitgehend verdrängt. Wer billiger baut und früher abreißt, gewinnt die Ausschreibung. Wer teurer baut, aber 150 Jahre stehen bleibt, verliert sie. Jetzt leistet ausgerechnet die Klimakrise das, was Jahrzehnte Baukulturdiskussion nicht vermochten: <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Sie zwingt zur Langfristigkeit.</strong> Der Begriff &#8218;embodied carbon&#8216;, der im Baumaterial gebundene Kohlenstoff, hat eine neue Qualitätsdebatte ausgelöst, die über ästhetische Überzeugungen weit hinausgeht. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die Lebensdauer eines Gebäudes ist keine romantische Kategorie mehr. Sie ist eine Klimafrage.</strong> Und damit, auf Umwegen, wieder eine Frage des Guten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Was hat Psychologie mit Baukultur zu tun, und warum lohnt die Antwort gerade jetzt?</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es gibt eine Verbindung zwischen der philosophischen Frage nach dem Schönen und der praktischen Frage, wie Architektinnen und Architekten ihren Büroalltag führen. Sie verblüfft auf den ersten Blick und leuchtet auf den zweiten ein: <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wer anderen Räume baut, die bewohnenswert sind, braucht auch selbst bewohnenswerte innere Zustände. </strong>Resilienz, Urteilskraft, die Fähigkeit zu klarer Kommunikation unter Druck, das sind keine Softskills. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das sind Berufsvoraussetzungen.</strong> Der Lehrgang <strong><a href="https://baukunst.art/kurse/lehrgang-psychologie-gk-im-architekturbuero-1-2/">&#8218;Psychologie im Architekturbüro, Menschen verstehen&#8216;</a></strong>, den die Baukunst Akademie ab dem 8. April 2026 als vierteiligen Onlinekurs anbietet, setzt genau hier an.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das klingt nach Selbstoptimierung und ist doch etwas anderes. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wer versteht, wie Stress das Urteilsvermögen beeinträchtigt, trifft in Baubesprechungen bessere Entscheidungen.</strong> Wer die Grundbedürfnisse seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennt, führt ein Büro mit weniger Reibungsverlust. Wer die eigene Stimmungsdynamik kennt, weiß, wann ein Entwurf den zweiten Blick braucht und wann er fertig ist. <strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das sind keine Wohlfühlthemen.</strong> Das sind Werkzeuge für die tägliche Arbeit.</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]">Liebe Kollegin, lieber Kollege: Die Fragen, die diese Ausgabe stellt, haben keine schnellen Antworten. Das Schöne lässt sich nicht per Beschluss zurückholen, und Haltung entsteht in der Kontemplation. Diese Ausgabe bietet dafür reichlich Stoff zur Lektüre: vom <strong><a href="https://baukunst.art/mondstaub-als-baumaterial-gru-space-plant-das-erste-hotel-auf-dem-mond/">Mondhotel</a></strong> bis zum <strong><a href="https://baukunst.art/das-einfamilienhaus-auslaufmodell-oder-unterschaetzter-schluessel-zur-wohnungsfrage/">Einfamilienhaus</a></strong>, von einer <strong><a href="https://baukunst.art/madrid-im-maerz/">Reise nach Madrid</a> </strong>bis zur Frage, was <strong><a href="https://baukunst.art/das-wahre-schoene-und-gute-hat-die-architektur-ihre-seele-verkauft/">Architektur noch mit Wahrheit</a></strong> zu tun hat. Ostern ist ein guter Anlass, sich die Zeit zu nehmen, die solche Themen verdienen.</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Gute Lektüre und ein erholsames Osterfest.</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Herzlichst Ihr</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Stuart Stadler</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Einfamilienhaus: Auslaufmodell oder unterschätzter Schlüssel zur Wohnungsfrage?</title>
		<link>https://baukunst.art/das-einfamilienhaus-auslaufmodell-oder-unterschaetzter-schluessel-zur-wohnungsfrage/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Mar 2026 15:20:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Premium]]></category>
		<category><![CDATA[Einfamilienhaus]]></category>
		<category><![CDATA[Rhein-Main-Region]]></category>
		<category><![CDATA[Suburbia]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15650</guid>

					<description><![CDATA[Das Einfamilienhaus gilt in Frankfurt als überholt, zu flächenversiegelnd, zu teuer, zu gestrig. Und doch träumen 54 Prozent der Deutschen davon. Die Ausstellung „Suburbia" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt nimmt diesen Widerspruch ernst: Im 30-Minuten-Radius der Stadt stehen 256.000 Ein- und Zweifamilienhäuser. Sie sind gebaut, bewohnt und sanierungsbedürftig. Was also tun damit? Die Antwort überrascht.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das verachtete Häuschen: Warum das Einfamilienhaus doch eine Zukunft hat</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Einfamilienhaus ist im deutschen Planungsdiskurs zur Projektionsfläche geworden: zu groß, zu teuer, zu flächenversiegelnd, zu sehr nach gestern. Und dennoch träumen laut einer Studie des Immobilienfinanzierers Interhyp 54 Prozent der Deutschen von genau dieser Wohnform. Dieser Widerspruch zwischen politischer Abkehr und gesellschaftlicher Sehnsucht prägt die aktuelle Debatte im Rhein-Main-Gebiet mit besonderer Schärfe, und er ist produktiv, wenn man ihn ernst nimmt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Zahlen, die das Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt seiner Ausstellung „Suburbia&#8220; zugrunde legt, sind ernüchternd und aufschlussreich zugleich. Rund 49 Prozent aller Wohngebäude im Stadtgebiet Frankfurt sind Ein- und Zweifamilienhäuser, ein Wert, der deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt von 79 Prozent liegt. Im 30-Minuten-Radius des öffentlichen Nahverkehrs finden sich 256.000 solcher Gebäude. Sie stehen. Sie sind gebaut. Sie verbrauchen Fläche. Und sie werden, planungsrechtlich betrachtet, weitgehend ignoriert.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was bedeutet das für die Frankfurter Stadtplanung konkret?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In den jüngst beschlossenen Richtlinien zur lokalen Anwendung des sogenannten Bauturbos (§ 246e Baugesetzbuch) sind Einfamilienhäuser ausdrücklich von beschleunigten Genehmigungsverfahren ausgeschlossen. Neue Bebauungspläne in Frankfurt weisen nach § 9 Baugesetzbuch (BauGB) in der Regel nur noch Mehrfamilienhäuser aus. Das Signal ist eindeutig: Die Stadt will keine neuen Eigenheime. Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr nur acht neu errichtete Eigenheime im Stadtgebiet verkauft.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Zurückhaltung hat ihre Logik. Angesichts des knappen Baulandes, der Klimaziele und sozialer Gerechtigkeitsdebatten erscheint das freistehende Einfamilienhaus auf dem innerstädtischen Grundstück als suboptimale Ressourcennutzung. Die Frage ist jedoch, ob dieser Befund auch für den Umgang mit dem vorhandenen Bestand gilt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Genau hier setzt die Ausstellung „Suburbia&#8220; an, die vom 21. März bis zum 18. Oktober 2026 im Deutschen Architekturmuseum, Schaumainkai 43 in Frankfurt, zu sehen ist. In Kooperation mit der Technischen Universität München haben Studierende untersucht, wie der Umbau und die Erweiterung bestehender Eigenheime im Rhein-Main-Gebiet zur Lösung der Wohnungsfrage beitragen könnten. Die Ergebnisse sind bemerkenswert präzise: Im Schnitt lässt sich die Wohnfläche um 26 Prozent erweitern. Und basierend auf bundesweiten Studien schätzen die Forscherinnen und Forscher, dass rund 56.000 Eigentümerinnen und Eigentümer im Raum Frankfurt bereit wären, ihre Immobilien nach einem Umbau zu teilen, etwa durch Vermietung einer neu entstandenen Wohneinheit. Das Potenzial: rund 93.000 zusätzliche Wohnungen, fast 22.000 davon barrierearm.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Zahl verdient Aufmerksamkeit. Zum Vergleich: Das gesamte Frankfurter Neubauprogramm der letzten Jahre bewegt sich in deutlich bescheidenerem Rahmen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Welche planungsrechtlichen Instrumente ermöglichen den Umbau im Bestand?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hier liegt die eigentliche regionale Herausforderung. Die Hessische Bauordnung (HBO) in der Fassung von 2023 bietet grundsätzlich Spielräume für Aufstockungen und Anbauten im Bestand, insbesondere im Geltungsbereich von § 34 BauGB (unbeplanter Innenbereich), wo das Einfügen in die nähere Umgebung maßgeblich ist. Die Praxis zeigt jedoch, dass lokale Bauaufsichtsbehörden diese Spielräume sehr unterschiedlich auslegen. In manchen Umlandgemeinden des Rhein-Main-Gebiets bestehen restriktive Gestaltungssatzungen, die selbst energetisch motivierte Erweiterungen erschweren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Valerie Kronauer, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der TU München, bringt das Ziel auf den Punkt: „Wir wollen verhindern, dass ältere Häuser einfach abgerissen werden.&#8220; Die Erweiterung biete Eigentümerinnen und Eigentümern die Möglichkeit, eine anstehende energetische Sanierung nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) zu finanzieren. Entscheidend sei dabei, den Charakter der Siedlungen zu bewahren: „Wir wollen nicht, dass alles versiegelt wird.&#8220;</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Aussage trifft einen wunden Punkt. Der VHW, Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung, schätzt, dass in den nächsten 15 Jahren bundesweit rund 1,2 Millionen Einfamilienhäuser gebaut werden. Der Bestand wächst also weiter, unabhängig davon, ob Frankfurter Planerinnen und Planer das begrüßen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie mit dieser Realität umgegangen wird.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der historische Teil der Ausstellung, der ursprünglich aus Barcelona übernommen wurde, verdeutlicht, wie die Entwicklung von Verkehrswegen, zunächst auf der Schiene, dann auf der Straße, die Entstehung suburbaner Siedlungsstrukturen erst ermöglichte. Diese räumliche Geschichte ist keine amerikanische Eigenheit. Sie ist im Rhein-Main-Gebiet ebenso ablesbar wie in der Peripherie Münchens, Kölns oder Stuttgarts.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der zweite Ausstellungsteil, der anhand der Zeitschrift „Schöner Wohnen&#8220; die deutschen Wohnträume seit der Nachkriegszeit nachzeichnet, erinnert daran, dass das Einfamilienhaus auch ein kulturelles Sediment trägt. Rollenbilder, Einrichtungsideale und Konsumwelten aus den 1960er und 1970er Jahren lassen sich darin ablesen. Wer verstehen will, warum 54 Prozent der Bevölkerung diesen Traum noch immer träumen, kommt an dieser Geschichte nicht vorbei.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was die Ausstellung letztlich vorführt, ist kein Plädoyer für oder gegen das Einfamilienhaus, sondern eine Einladung zur Differenzierung. Das Suburbane ist keine planungsrechtliche Kategorie, die sich wegdefinieren lässt. Es ist gebaut, bewohnt, geliebt und sanierungsbedürftig. Die Aufgabe der nächsten Jahrzehnte liegt nicht im Neubau auf der grünen Wiese, sondern im klugen Umbau dessen, was bereits steht.</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Ausstellung „Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise&#8220;</strong></p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Ort:</strong> Deutsches Architekturmuseum (DAM), Schaumainkai 43, 60596 Frankfurt am Main</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Laufzeit:</strong> 21. März bis 2. August 2026</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Öffnungszeiten:</strong> Di, Do–So 11–18 Uhr, Mi 11–20 Uhr</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Kontakt:</strong> Tel. +49 (0)69 212 38844,</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Anreise (ÖPNV):</strong> U-Bahn: Linien 1–3, 8 (Schweizer Platz) oder 4, 5 (Willy-Brandt-Platz); Tram: 15, 16 (Schweizer-/Gartenstraße) oder 11, 12, 14 (Willy-Brandt-Platz)</p>
<p class="font-claude-response-body break-words whitespace-normal leading-[1.7]"><strong>Kooperationspartner:</strong> Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, TU München, Forschungsfeld wohnen+/-ausstellen am Mariann Steegmann Institut (Bremen) sowie die Wüstenrot Stiftung gemeinsam mit der HFT Stuttgart</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Bauen für die Ewigkeit? Über die Halbwertszeit des Architektonischen</title>
		<link>https://baukunst.art/bauen-fuer-die-ewigkeit-ueber-die-halbwertszeit-des-architektonischen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 24 Mar 2026 17:22:05 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Top-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Embodied Carbon]]></category>
		<category><![CDATA[Gebäudelebensdauer]]></category>
		<category><![CDATA[GEG]]></category>
		<category><![CDATA[Kreislaufwirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeit]]></category>
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					<description><![CDATA[Abriss nach einer Generation, Holzpavillons als Brennstoff, Stirling-Prize-Bauten im Abbruchcontainer: Die Kürze des Bauens ist längst kein Randphänomen mehr. Ein Kommentar.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []"> Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber Baukunst.art</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []">Gebaut und schon veraltet: Der kurze Atem der Gegenwartsarchitektur</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bauwerke sind keine Wegwerfprodukte. Diese Aussage klingt so selbstverständlich, dass man sie kaum aussprechen müsste, und doch beschreibt sie einen Widerspruch, der den gegenwärtigen Architekturdiskurs zunehmend bestimmt: Gebäude werden kürzer genutzt, früher abgerissen und schneller ersetzt als je zuvor in der Nachkriegsgeschichte des Bauens.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das britische Fachmagazin Dezeen hat im Dezember 2025 eine längere Recherche unter dem Titel „How long should a building last?&#8220; veröffentlicht, die diesen Widerspruch auf den Punkt bringt. Die Fakten sind ernüchternd: Die meisten Gewerbebauten werden mit einer kalkulierten Nutzungsdauer von 50 bis 60 Jahren entworfen, in der Praxis halten viele nicht einmal halb so lange. Als symptomatisches Beispiel nennt der Artikel den ersten Träger des britischen Stirling Prize, das Centenary Building der Universität Salford: Noch in diesem Jahr wurde der Abriss genehmigt, gerade einmal 30 Jahre nach der Fertigstellung. Ein Preis für Architektur, die drei Jahrzehnte später nicht mehr gebraucht wird. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Systemversagen.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Warum werden Gebäude so früh aufgegeben?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Antwort ist vielschichtig. In vier Jahrzehnten Berufspraxis habe ich erlebt, wie sich das Verhältnis zwischen Bauinvestition und Nutzungshorizont verschoben hat. In den 1980er Jahren sprachen Bauherrinnen und Bauherren noch selbstverständlich von Generationenprojekten. Heute denkt der gewerbliche Investor in Abschreibungszyklen von 15 bis 20 Jahren. Was danach kommt, ist planungstechnisch irrelevant, weil es wirtschaftlich nicht mehr interessiert. Das Gebäude als Finanzprodukt hat das Gebäude als baukulturelles Erbe längst überholt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hinzu kommt eine strukturelle Schwäche der Moderne: die Monofunktionalität. Städtische Stadien für Olympia und Fußball-Weltmeisterschaften werden heute bewusst als temporäre Strukturen geplant, was für diesen Sonderfall auch vertretbar ist. Problematisch wird es, wenn diese Denkweise auf das Alltagsbauen übertragen wird. Bürogebäude, die auf einen einzigen Nutzertyp zugeschnitten sind, Einzelhandelsbauten, deren Geometrie keine Umnutzung erlaubt, Schulen ohne Flexibilitätsreserven: All das produziert Gebäude mit vorgezogenem Verfallsdatum. Das Gegenteil von baulicher Weisheit.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nicht zufällig haben die großen Bauwerke der Geschichte überlebt, weil sie strukturell großzügig dimensioniert waren: massive Mauern, hohe Räume, neutrale Grundrisse. Der gotische Sakralbau lässt sich vom Gotteshaus zum Konzerthall umnutzen, weil seine Geometrie Spielraum lässt. Das durchoptimierte Bürogebäude der Jahrtausendwende hingegen ist nach 20 Jahren Technologiegeschichte buchstäblich überholt, weil seine Grundrissraster, seine Haustechnikschächte und seine Installationsebenen auf eine bestimmte Arbeitsorganisation zugeschnitten wurden, die es nicht mehr gibt.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was bedeutet verkörperter Kohlenstoff für die Lebensdauerdebatte?</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das wachsende Bewusstsein für die enormen Umweltkosten von Bauen und Abriss verstärkt den Druck, zu einer langlebigeren Architektur zurückzukehren. Der Begriff „embodied carbon&#8220;, auf Deutsch: der im Gebäude gebundene Kohlenstoff, ist in der Fachwelt angekommen, hat aber die Planungspraxis noch nicht grundlegend verändert. Dabei liegt die Rechnung auf der Hand: Wenn ein Gebäude in 30 Jahren abgerissen wird, amortisiert sich der erhebliche CO2-Aufwand seiner Herstellung nie. Das graue Energie-Budget ist schlicht verbraucht, ohne dass ein adäquater Nutzen dagegen steht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Expo-Beispiel aus Osaka, das Dezeen ebenfalls beleuchtet, zeigt die Grenzen gut gemeinter Intentionen. Der Grand Ring, das weltgrößte Holzgebäude, war als demontierbare Konstruktion konzipiert. Soweit, so nachhaltig. Doch nach Informationen des Dezeen-Autors soll das Gros der verwendeten 27.000 Kubikmeter Holz schlicht verbrannt werden, als Brennstoff, was der Architekt selbst als „das Schlimmste&#8220; bezeichnet, was man damit tun könnte. Der Kreislauf bleibt offen, das Material wird vernichtet. Die schöne Idee der Kreislaufwirtschaft scheitert an der logistischen Realität.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für die Planungspraxis folgt daraus ein unbequemer Auftrag: Nicht jedes Material eignet sich für jeden Zweck, nicht jede Bauform ist gleich klimaverträglich. Wer ernsthaft über Nachhaltigkeit spricht, muss auch ernsthaft über Dauerhaftigkeit sprechen. Die Lebensdauer eines Gebäudes ist kein ästhetisches Thema, sie ist ein ökologisches.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Für die Ewigkeit bauen, ohne an die Ewigkeit zu glauben</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">John Ruskin, der viktorianische Architekturkritiker, schrieb bekanntlich: „When we build, let us think that we build forever.&#8220; Dieser Satz klingt heute fast utopisch. Aber er enthält eine operative Wahrheit, die keine Romantik ist, sondern Handlungsanweisung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Eine der befragten Architektinnen formuliert es pragmatisch: Es gehe darum zu wissen, „wann man mit Tinte zeichnet und wann mit Bleistift&#8220;. Das trifft den Kern. Nicht alles muss für die Ewigkeit gebaut sein. Ein Ausstellungspavillon, ein temporäres Bürogebäude für eine Projektphase, ein Notfallbau: Hier ist Vergänglichkeit systemimmanent und legitim. Die moralische Frage stellt sich bei Wohngebäuden, Schulen, Krankenhäusern, Verwaltungsbauten. Bei der Infrastruktur des öffentlichen Lebens.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Genau hier aber regiert seit Jahrzehnten die Kostenkalkulation auf Basis des Tagespreises, nicht der Lebenszykluskosten. Wer billiger baut und früher abreißt, gewinnt die Ausschreibung. Wer teurer baut, aber 150 Jahre lang nicht abreißen muss, verliert sie. Das ist kein Marktversagen, das ist Politikversagen. Die öffentliche Hand, die bei Beschaffung und Förderprogrammen nicht konsequent auf Lebenszyklusbetrachtungen umstellt, trägt eine Mitverantwortung für die strukturelle Kurzlebigkeit des Baubestands.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Gute Architektur ist keine Frage des Stils, sie ist eine Frage der Haltung. Und zur Haltung gehört, nicht nur die Eröffnung zu denken, sondern das Ende. Ein Gebäude, das nach einer Generation nichts mehr wert ist, war von Anfang an zu wenig gedacht. Dass sich diese Einsicht ausgerechnet über die Klimakrise in die Planungsdebatte zurückarbeitet, ist eine der wenigen produktiven Nebenwirkungen des ökologischen Drucks.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vielleicht ist das der eigentliche Fortschritt: nicht das immer Neue, sondern das entschlossen Bleibende.</p>
<hr data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="rule" data-prosemirror-node-block="true" />
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Tom Pritzkers Rücktritt und die Frage, ob der bedeutendste Architekturpreis der Welt noch glaubwürdig ist.</title>
		<link>https://baukunst.art/tom-pritzkers-ruecktritt-und-die-frage-ob-der-bedeutendste-architekturpreis-der-welt-noch-glaubwuerdig-ist/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 22 Feb 2026 14:57:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Premium]]></category>
		<category><![CDATA[Berufspolitik Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Epstein-Skandal]]></category>
		<category><![CDATA[Pritzker-Preis]]></category>
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					<description><![CDATA[Der Pritzker Architecture Prize gilt als der Nobelpreis der Baukunst. Er steht für Humanismus, gesellschaftliche Verantwortung und das zivilisatorische Ideal der Architektur. Doch seit Tom Pritzker, Sohn der Preisstifter und jahrzehntelanger Repräsentant dieser Auszeichnung, wegen seiner Verbindungen zum verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein als Hyatt-Vorstandsvorsitzender zurückgetreten ist, stellt sich eine unbequeme Frage: Was ist ein Preis noch wert, wenn sein Name zum Problem wird?

]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Preis, drei Grundwerte und ein erschüttertes Fundament</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Auf der Rückseite der Pritzker-Medaille sind Vitruvs drei Grundbegriffe der Baukunst eingraviert: Festigkeit, Zweckmäßigkeit und Venustas, die Schönheit. Seit 1979 verleiht die Hyatt Foundation diesen Preis jährlich an Architektinnen und Architekten, die das zivilisatorische Ideal der Baukunst verkörpern. Am 16. Februar 2026 traten alle drei Tugenden gleichzeitig in Frage: Thomas J. Pritzker, 75, Sohn der Preisstifter Jay und Cindy Pritzker und seit mehr als zwei Jahrzehnten Vorstandsvorsitzender der Hyatt Hotels Corporation, gab seinen sofortigen Rücktritt bekannt. Auslöser war die Veröffentlichung von über drei Millionen Seiten interner Dokumente des US-Justizministeriums im Rahmen des sogenannten Epstein Files Transparency Act, den Präsident Donald Trump unterzeichnet hatte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In einem Brief an den Hyatt-Vorstand räumte Pritzker ein, er habe &#8222;ein schreckliches Urteilsvermögen bewiesen&#8220; und bedauere, sich nicht früher von Jeffrey Epstein distanziert zu haben. Die Freundschaft zwischen Pritzker und dem 2019 in Untersuchungshaft gestorbenen Sexualstraftäter Epstein überdauerte demnach sogar dessen Verurteilung im Jahr 2008. Jetzt droht der Schatten dieser Verbindung auf die nobelste Auszeichnung der Architektenwelt zu fallen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wenn der Preis seinen Namen trägt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Pritzker Architecture Prize ist keine neutrale Institution. Er ist eng mit einer Familie verbunden, deren Namen er trägt, und mit einer Stiftung, die von eben jener Familie finanziert und repräsentiert wird. Jahrelang war Tom Pritzker das öffentliche Gesicht dieses Preises. Er überreichte die Auszeichnung in feierlichen Zeremonien und stand Architektinnen und Architekten als Repräsentant eines humanistischen Ideals gegenüber. Nun belegen Dokumente des US-Justizministeriums, dass Pritzker und Epstein auch Mails über Einladungen zu Pritzker-Preis-Veranstaltungen austauschten, darunter zur Zeremonie 2012 in Peking für Preisträger Wang Shu.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders schwer wiegt die eidesstattliche Aussage von Virginia Roberts Giuffre, die 2025 im Alter von 41 Jahren starb. In einer Zeugenaussage aus dem Jahr 2016 im Rahmen einer Zivilklage gegen Ghislaine Maxwell benannte sie Pritzker als einen der Männer, an die sie als Minderjährige von Epstein vermittelt worden sei. Pritzker bestreitet das ausdrücklich. Er wurde bisher weder angeklagt noch ist er Gegenstand strafrechtlicher Ermittlungen. Die Unschuldsvermutung gilt. Dennoch lastet der Anfangsverdacht schwer auf einem Preis, dessen Satzung den absoluten Wert des Einzelnen und der Menschheit beschwört.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektenschaft schweigt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, kommt zu einem klaren Urteil: Der Preis sei &#8222;definitiv beschädigt&#8220;. Damit steht er weitgehend allein. Das American Institute of Architects schwieg auf Anfragen. Jury-Vorsitzender Alejandro Aravena (Pritzker-Preisträger 2016) schwieg. Anne Lacaton (Preisträgerin 2021) schwieg. Herzog und de Meuron (Preisträger 2001) ließen mitteilen, zu Anfragen dieser Art keine Stellung zu nehmen. Die Architektenwelt, die sich gern ihrer gesellschaftlichen Verantwortung rühmt, demonstriert in einer der bedeutendsten Krisen ihres wichtigsten Preises kollektives Schweigen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Einer weicht davon ab: Wolf Prix, Design Principal von Coop Himmelb(l)au. Das Preisgeld würde er noch akzeptieren, den Preis nicht. Immerhin. Wenn allerdings ein Berufsstand, der architektonische Verantwortung für gesellschaftliche Räume und soziale Infrastrukturen für sich beansprucht, in einem solchen Moment nur eine Stimme findet, wirft das grundlegende Fragen über Ethos und Haltung auf.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Strukturelle Verächtlichkeit: Der Preis und seine Kritik</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Pritzker-Preis ist nicht erst seit dem Epstein-Skandal umstritten. Kazys Varnelis von der Columbia-Universität beschreibt ihn als &#8222;elitäre, undemokratische Institution&#8220;, die von altem Geld und patriarchalischen Strukturen dominiert wird. Tatsächlich wurden unter 47 Preisträgern bisher nur sechs Frauen ausgezeichnet, trotz jahrzehntelanger Kritik an dieser Schieflage. Dass der erste Preisträger überhaupt, Philip Johnson, bekannt für seinen Ausspruch, er sei &#8222;eine Hure&#8220; und würde für jeden Auftraggeber bauen, diesen Preis 1979 erhielt, sagt einiges über den institutionellen Charakter der Auszeichnung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Frage der gesellschaftlichen Verantwortung ist in der Architektur selten so scharf gestellt worden wie jetzt. Architektur behauptet, Räume für das gute Leben zu schaffen, soziale Gerechtigkeit zu befördern, Gemeinschaft zu stärken. Ein Preis, der diesen Anspruch krönt, muss sich entsprechend verhalten. Die Stiftung hat bisher keine Antwort auf die dringende Frage gegeben, wie die Verleihung des Preises für 2026 weitergehen soll. Der Preisträger oder die Preisträgerin sollte eigentlich im März bekanntgegeben werden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was nun? Vier Szenarien für den Pritzker-Preis</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architektenwelt steht vor einer Entscheidung, die sie bisher vermeidet: Entweder wird der Preis in seiner bestehenden Form fortgeführt, das Schweigen als Normalzustand zementiert und das dröhnende Schweigen als Antwort akzeptiert. Oder der Berufsstand greift aktiv ein und fordert institutionelle Reformen: eine unabhängige, nichtkommerzielle Stiftung ohne Familienbindung, eine transparente Jury ohne Interessenkonflikte, ein Auswahlverfahren, das ökonomische Macht und architektonische Qualität trennt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein dritter Weg wäre die bewusste Abwertung des Pritzker-Preises durch die Branche selbst, indem künftige Preisträgerinnen und Preisträger die Auszeichnung ablehnen oder kommentieren, bis eine Reform erfolgt. Das erfordert Mut und ökonomische Unabhängigkeit, die nicht allen zur Verfügung stehen. Das vierte Szenario, die vollständige Einstellung des Preises, erscheint angesichts seiner globalen Sichtbarkeit unrealistisch, aber Varnelis&#8216; Forderung &#8222;It&#8217;s time to shut the Pritzker down&#8220; gewinnt an Resonanz.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Was bleibt, ist eine Branche, die beim Blick in den Spiegel entscheiden muss, ob sie das Schweigen als Komplizenschaft versteht oder als professionelle Neutralität. Beides hat Konsequenzen. Venustas, die Schönheit, benötigt ein sauberes Fundament.</em></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Arc de Trump: Warum Trumps geplanter 76-Meter-Triumphbogen in Washington mehr Propaganda als Architektur ist</title>
		<link>https://baukunst.art/arc-de-trump-warum-trumps-geplanter-76-meter-triumphbogen-in-washington-mehr-propaganda-als-architektur-ist/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 19 Feb 2026 11:20:08 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Monumentalarchitektur USA]]></category>
		<category><![CDATA[Triumphbogen Washington]]></category>
		<category><![CDATA[Trump-Architektur]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=15153</guid>

					<description><![CDATA[Ein 76 Meter hoher Triumphbogen mit Goldverzierungen in Washington: Was Trump als nationales Symbol plant, entlarvt sich als Architektur der Selbstbespiegelung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Der Bogen des Narziss – </strong>Wenn Größe der einzige Maßstab ist</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vierzig Jahre Berufserfahrung lehren einen Architekten vieles. Vor allem dies: Wer als erstes mit der Größe argumentiert, hat die Qualitätsdiskussion bereits verloren. Donald Trump hat im Februar 2026 auf dem Flug nach Florida gegenüber mitgereisten Journalistinnen und Journalisten seine Pläne für einen Triumphbogen in Washington D.C. konkretisiert. Die Botschaft war eindeutig: &#8218;Ich möchte, dass er der größte von allen ist. Wir sind die größte und mächtigste Nation.&#8216; Punkt. Kein Wort über Städtebau, Proportion oder Erinnerungskultur. Nur Größe.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der sogenannte Independence Arch soll nach einem Bericht der Washington Post 76 Meter hoch werden. Das entspricht umgerechnet exakt 250 Fuß, einem Fuß pro Jahr seit der Unabhängigkeitserklärung von 1776. Die Symbolik ist simpel, die Rechnung simpel, die Architektur, so sie denn je gebaut wird, wohl ebenfalls. Zum Vergleich: Das Weiße Haus misst rund 21 Meter. Das Lincoln Memorial kommt auf etwa 30 Meter. Der Pariser Arc de Triomphe, das erklärte Vorbild des US-Präsidenten, erreicht rund 50 Meter. Selbst das Monumento a la Revolución in Mexiko-Stadt, derzeit der höchste Triumphbogen der Welt, bleibt mit 67 Metern unter Trumps Planung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Ein Bauwerk kann noch so groß sein, wenn es keine Sprache spricht außer jener der Selbstgefälligkeit, bleibt es architektonisch stumm.</em></p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Gold, Ballsäle und die Mar-a-Lago-Ästhetik</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Trump hat auf seiner Plattform Truth Social bereits drei Entwürfe präsentiert. Einer davon zeichnet sich durch reichliche Goldverzierungen aus. Das überrascht nicht. Gold ist das Leitmotiv der Trump-Ästhetik: Das Oval Office wurde vergoldet, der neue Ballsaal auf dem Gelände des Weißen Hauses, für den ein historischer Anbau abgerissen wurde, soll denselben Stil aufgreifen. Das New York Magazine hat diesen Vorgang treffend beschrieben, wenn es schreibt, Trump verwandle das Weiße Haus in Mar-a-Lago. Das Privatanwesen des Präsidenten in Florida ist für ein Design bekannt, das weniger an demokratische Repräsentation als an die Empfangshallen mitteleuropäischer Kasinos erinnert.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Finanzierung des Triumphbogens soll privat erfolgen, aus nicht verwendeten Spendengeldern des 400 Millionen Dollar teuren Ballsaalprojekts, an dem unter anderem Google und Amazon beteiligt sind. Öffentliche Gelder werden offiziell nicht genannt. Eine staatliche Behörde, die traditionell über Bauvorhaben in Washington wacht, nämlich die Commission of Fine Arts, wurde vom Weißen Haus im Oktober 2025 ihrer Mitglieder entledigt. Ein Umstand, der in einem Rechtsstaat eigentlich alarmieren müsste.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Standort, Luftraum und historische Verantwortung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der geplante Standort liegt nahe des Memorial Circle, zwischen Lincoln Memorial und Arlington National Cemetery. Das Gelände wird vom National Park Service verwaltet. Jeder Eingriff dort ist politisch und rechtlich außerordentlich heikel. Was weniger diskutiert wird: Das Areal liegt unter einer Einflugschneise des Reagan National Airport. Im Januar 2025 starben bei einem Flugunglück über dem Potomac 67 Menschen. Die Frage, ob ein 76 Meter hohes Monument in diesem Korridor genehmigungsfähig wäre, ist ungeklärt. Bei der US-Luftfahrtbehörde FAA wurde bislang, laut CBS News, nichts eingereicht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architekturhistoriker Calder Loth warnte, das Bauwerk würde den Blick auf Arlington House verdecken und das historische Gebäude auf dem Nationalfriedhof wie ein Puppenhaus wirken lassen. John Haigh, Leiter des Architekturprogramms am Benedictine College, bezeichnete das Areal als einen &#8217;sehr ernsten Korridor&#8216;, in dem ein Monument dieser Dimension problematisch sei. Besonders aufschlussreich: Selbst Catesby Leigh, der Kunstkritiker, dessen Vorschlag aus dem Frühjahr 2025 für einen bescheidenen, temporären Bogen von etwa 18 Metern den Anstoß für Trumps Pläne gegeben hatte, distanzierte sich inzwischen von der geplanten Größenordnung. Ein Bogen dieses Formats gehöre nicht an diesen Standort, erklärte er der Washington Post.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Triumphbögen und ihre Geschichte: Was Architektur verschweigt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Washington besitzt tatsächlich keinen Triumphbogen. Unter Hauptstädten vergleichbarer Größe und historischer Bedeutung ist das eine Ausnahme. Manche Historikerinnen und Historiker haben das als Versäumnis bezeichnet. Andere sehen in dieser Zurückhaltung eine bewusste Entscheidung der amerikanischen Erinnerungskultur, die weniger auf Triumph als auf Mahnung setzt. Das Lincoln Memorial, das Vietnam Veterans Memorial, der Washington Monument: Sie alle erzählen von Größe und Last, nicht von ungebrochenem Triumph.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Triumphbögen entstanden in der römischen Antike als Auftragsarchitektur für Imperatoren. Konstantin der Große, Titus, Septimius Severus: Wer sich einen Triumphbogen baute, wollte Herrschaft in Stein gemeißelt sehen. Napoleon adaptierte die Form für den Arc de Triomphe, dessen Bau 1806 begann und erst 1836 abgeschlossen wurde. Er war Ausdruck nationalen Selbstbewusstseins nach den Revolutionskriegen, aber auch eines kollektiven Gedächtnisses. Trumps Version wirkt demgegenüber merkwürdig privat: ein Monument des Präsidenten, nicht der Nation.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Der Unterschied zwischen einem Monument und einem Denkmal liegt in der Frage, an wen es sich richtet: an die Nachwelt oder an den Auftraggeber.</em></p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zeitplan, Genehmigungen und die Realität des Bauens</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Trump erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal Politico, die Bauarbeiten könnten bereits in zwei Monaten beginnen. Ein Satz, der in der Baubranche für hilfloses Schulterzucken sorgt. Für ein Bauprojekt dieser Größenordnung müssten detaillierte Pläne ausgearbeitet, zahlreiche Behördengenehmigungen eingeholt, Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt und Grundstücksfragen geregelt werden, alles auf vom National Park Service verwaltetem Bundesgelände. Ein vom Präsidenten eingesetztes Komitee soll sich mit dem Projekt befassen. Wer im Komitee sitzt, welche Architekturexpertise dort versammelt ist, und nach welchen Kriterien entworfen wird: unbekannt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Geplant ist, das Bauwerk zum 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit im Juli 2026 fertigzustellen. Das sind etwa fünf Monate. Fünf Monate für ein 76 Meter hohes Monument in einem komplexen rechtlichen und stadtplanerischen Umfeld. Als Architekt mit vier Jahrzehnten Erfahrung in der Planung und Realisierung öffentlicher Bauten erlaube ich mir die nüchterne Einschätzung: Das ist nicht ambitioniert, das ist unrealistisch.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was dieser Bogen über die Gegenwart aussagt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architektur ist immer Ausdruck ihrer Zeit. Das gilt auch für das, was gebaut werden soll, aber möglicherweise nie gebaut wird. Trumps Triumphbogenpläne zeigen, wie eine bestimmte Politik Architektur instrumentalisiert: als Kulisse, als Behauptung, als Machtdemonstration in Beton und Gold. Das ist nicht neu. Diktatoren aller Couleur haben Architektur für sich arbeiten lassen. Albert Speer entwarf für Hitler eine Germania, die nie gebaut wurde, und die doch ihren ideologischen Zweck erfüllte, nämlich Größe zu imaginieren, Macht zu visualisieren, Einschüchterung zu projizieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Reaktion des Weißen Hauses auf die Kritik von Fachleuten ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Kommunikationsdirektor Steven Cheung schrieb auf Social Media, Expertinnen und Experten, die den Bogen zu groß fänden, seien &#8218;es gewohnt, mit kleinen Dingen zu leben&#8216;. Das ist kein architektonisches Argument. Es ist das Argument des Narziss, der jede sachliche Kritik als persönlichen Angriff deutet.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Washington verdient eine Diskussion über Erinnerungsarchitektur, über Maßstab, Funktion und Bedeutung öffentlicher Monumente im 21. Jahrhundert. Es verdient keine Skyline, die als Kulisse für eine Person entworfen wurde. Triumphbögen waren immer politische Architektur. Dieser hier ist es auf eine Weise, die weniger an Staatskunst erinnert als an die Logik des Immobilienentwicklers: größer, goldener, auffälliger. Das mag als Marketing funktionieren. Als Architektur taugt es wenig.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Digitaler Bauantrag 2026: Warum Baubehörden und Architekturbüros aus dem Justiz-Chaos in Niedersachsen lernen müssen</title>
		<link>https://baukunst.art/digitaler-bauantrag-2026-warum-baubehoerden-und-architekturbueros-aus-dem-justiz-chaos-in-niedersachsen-lernen-muessen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 11 Feb 2026 09:26:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Premium]]></category>
		<category><![CDATA[Digitaler Bauantrag]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung Bauwesen]]></category>
		<category><![CDATA[E-Akte Baubehörde]]></category>
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					<description><![CDATA[Niedersachsens Justiz versinkt im digitalen Chaos: Server kollabieren, 9.200 Nachrichten stauen sich, 51 Behörden stehen still. Was nach einem IT-Thriller klingt, ist bittere Realität seit Januar 2026. Und eine Warnung für Baubehörden und Architekturbüros, die ohne tragfähige Infrastruktur in die vollständige Digitalisierung gedrängt werden. Die Parallelen zur Globalisierung sind frappierend: Abhängigkeiten werden erst dann sichtbar, wenn es bereits zu spät ist.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Digitalisierungswahn in Baubehörden: Wenn der Fortschritt zum Risiko wird</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><em data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="em">Das Aktenchaos in Niedersachsens Justiz zeigt, was passiert, wenn Digitalisierung ohne Strategie auf starre Strukturen trifft. In den Baubehörden und Architekturbüros droht dasselbe Szenario.</em></p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Schneesturm als Stresstest</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Als Wintersturm Elli Anfang Januar 2026 über Niedersachsen fegte, brachte er nicht nur den Verkehr zum Erliegen. Er legte auch die digitale Infrastruktur der Landesjustiz lahm. Tausende Justizbedienstete arbeiteten plötzlich von zu Hause, die Server gingen in die Knie, 51 Behörden waren betroffen, 9.200 Nachrichten im elektronischen Rechtsverkehr steckten im Rückstau. Ausgerechnet wenige Tage nach der offiziellen Einführung der elektronischen Akte zum 1. Januar 2026 zeigte sich, wie fragil das System tatsächlich ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Vorfall offenbart ein Muster, das jedem Architekten und jeder Planerin bekannt vorkommen dürfte: Eine politisch gesetzte Frist, ein technisch unzureichend vorbereiteter Rollout und ein System, das beim ersten Praxistest versagt. Ob es möglicherweise sogar Revisionsgründe gab, weil Gerichte ohne vollständigen Aktenzugriff urteilen mussten, ist bis heute nicht restlos geklärt. Die CDU-Opposition macht den Ehrgeiz der niedersächsischen Justizministerin Kathrin Wahlmann verantwortlich, die wiederholt Warnungen aus dem Justizapparat ignoriert haben soll.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Eine Parallele, die Architektinnen und Architekten kennen sollten</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was in Niedersachsens Justiz geschah, ist kein isolierter Betriebsunfall. Es ist ein Menetekel für alle Bereiche der öffentlichen Verwaltung, in denen Digitalisierung verordnet wird, ohne die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Und kaum ein Bereich ist davon so unmittelbar betroffen wie das Bauwesen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Bundesregierung feiert, dass inzwischen die Hälfte aller Kommunen den digitalen Bauantrag anbietet. Bundesbauministerin Verena Hubertz erklärte im Sommer 2025 in Rostock optimistisch, das Zeitalter der Aktenberge gehe zu Ende. Dreizehn Bundesländer sind an das EfA-System angeschlossen. Doch hinter den Kulissen sieht die Realität anders aus. Prof. Joaquín Díaz von der TH Mittelhessen bringt es auf den Punkt: Die Ausstattung in den Verwaltungen müsse als unterirdisch bezeichnet werden. Im Vergleich der deutschen Branchen investiert die Bauwirtschaft fast am wenigsten in Digitalisierung. Und der erste Schritt bestehe ohnehin nur darin, von Papier auf PDF umzustellen, was den Prozess kaum beschleunige, wenn digital eingereichte Dokumente weiterhin ausgedruckt, mit handschriftlichen Anmerkungen versehen und wieder eingescannt würden.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Föderalismus als digitaler Flickenteppich</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die strukturellen Parallelen zwischen Justiz und Bauaufsicht sind frappierend. In der Justiz existieren drei verschiedene eAkten-Systeme nebeneinander mit unterschiedlichen Datenformaten und Schnittstellen. Im Bauwesen sieht es nicht besser aus: Bei rund 900 Bauaufsichtsbehörden in Deutschland gibt es kommunale Eigenentwicklungen, Landeslösungen und das EfA-Bundessystem, die selten miteinander kompatibel sind. Teilweise weichen die Prozesse sogar auf kommunaler Ebene vom eigenen Bundesland ab.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dieser digitale Flickenteppich erinnert an die Globalisierung, als zu wenig über Abhängigkeiten nachgedacht wurde. Nur dass es diesmal nicht um Lieferketten aus Fernost geht, sondern um die digitale Abhängigkeit von Servern, die bei einem Schneesturm kapitulieren, von Software, die zwischen Behörden nicht kommuniziert, und von Systemen, die eine einzige Fachkraft in einem Landesrechenzentrum versteht.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in Architekturbüros</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die PwC-Studie 2025 zur deutschen Bauindustrie zeichnet ein ernüchterndes Bild: 82 Prozent der Unternehmen benennen fehlendes fachliches Know-how als Hauptproblem bei der Umsetzung der Digitalisierung. Die Nachfrage nach digitalen Lösungen in Vergabeverfahren nimmt seit 2021 sogar ab, obwohl BIM bei öffentlichen Aufträgen seit 2022 Pflicht ist. Die Schere zwischen theoretischen Möglichkeiten und tatsächlichen Fähigkeiten geht seit Jahren weiter auf. Bei IoT-Lösungen attestieren 62 Prozent der Befragten großes Potenzial, aber nur zehn Prozent bringen entsprechende Kompetenzen mit.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das betrifft auch die Büros. Viele Architektinnen und Architekten erstellen ihre Planungen intern längst digital und modellbasiert. Aber sobald es um die Zusammenarbeit mit externen Beteiligten an gemeinsamen digitalen Modellen geht, fehlt die Kompetenz, wie Díaz beobachtet. Der BIM-basierte Bauantrag, der eigentlich die Qualität der eingereichten Unterlagen spürbar steigern könnte, bleibt in den meisten Kommunen Zukunftsmusik. Die reale Praxis heißt: PDF hochladen und warten.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Österreich und die Schweiz: Andere Wege, ähnliche Probleme</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Blick in die Nachbarländer zeigt, dass das Problem kein rein deutsches ist. In Österreich steckt die Digitalisierung der Bauverfahren laut dem Forschungsprojekt <a href="http://baubehoerde.at/" data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="link">baubehoerde.at</a> in einer starken Fragmentierung fest. Einreichung, Prüfung und Kommunikation mit Parteien weisen einen geringen Digitalisierungsgrad auf. Es fehlt weder an gutem Willen noch an einzelnen Initiativen, aber an einer übergreifenden Strategie. In der Schweiz gilt die BIM-Pflicht im öffentlichen Bereich zwar seit 2025, doch die Schweizer Baubetriebe geben bezeichnenderweise als Hauptmotivation nicht Kosten- oder Zeitersparnis an, sondern die Steigerung der Bauqualität. Das deutet darauf hin, dass der versprochene Effizienzgewinn bislang eher ein Versprechen geblieben ist.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ganz oder gar nicht reicht nicht als Strategie</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der ehemalige Hamburger Justizsenator Till Steffen hat für die Justiz formuliert, was ebenso für die Baubehörden gilt: Digitalisierung gelingt nur mit einem klaren Schnitt. Statt beides ein bisschen zu wollen, müsste die Devise lauten: ganz oder gar nicht. Das klingt überzeugend, ist aber in der Praxis gefährlich, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Denn genau das ist die Lehre aus Niedersachsen: Wer zu 100 Prozent auf Digitalisierung setzt, ohne die Infrastruktur, die Schulung und die Redundanz mitzudenken, riskiert den Totalausfall. Ein Architekturbüro, das ausschließlich cloudbasiert arbeitet und bei einem Serverausfall keinen Zugriff mehr auf laufende Projekte hat, steht genauso hilflos da wie ein Gericht ohne Akten. Eine Baubehörde, die nur noch digital kommuniziert, aber deren System bei Wartungsarbeiten tagelang offline geht, produziert Verzögerungen, die am Ende die Bauherrinnen und Bauherren bezahlen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Rund 300.000 Fachkräfte fehlen laut IG Bau im deutschen Bauwesen. Allein 2023 gingen 18.000 in den Ruhestand, nur 13.000 neue Ausbildungsverhältnisse begannen. Wer soll die digitale Transformation in den Büros und auf den Baustellen umsetzen, wenn das Personal nicht einmal für die analogen Aufgaben reicht?</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was jetzt geschehen muss</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Antwort kann nicht lauten, die Digitalisierung abzulehnen. Das wäre ebenso naiv wie die blinde Fortschrittsgläubigkeit, die gerade in Niedersachsen gescheitert ist. Die Antwort muss lauten: Digitalisierung mit Fallnetz. Das bedeutet hybride Systeme, die im Notfall funktionieren. Das bedeutet Investitionen in Schulung, bevor der Stichtag kommt. Das bedeutet bundesweite Standards statt föderaler Kleinstaaterei. Dänemark hat BIM im öffentlichen Bereich bereits im Jahr 2000 eingeführt und das IFC-Format 2013 verbindlich gemacht. Deutschland debattiert 2026 noch über PDF-Upload.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Justiz hat sich gerade ein weiteres Jahr Aufschub verschafft: Das Opt-out-Gesetz ermöglicht die Verschiebung des eAkten-Starts auf Januar 2027. Das ist kein Zeichen von Besonnenheit, sondern von Versagen. Für die Baubehörden gibt es kein vergleichbares Sicherheitsnetz. Wenn dort die Systeme abstürzen, stehen Genehmigungsverfahren still, Bauprojekte verzögern sich, Kosten explodieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nach vier Jahrzehnten in der Architektur bleibt die Erkenntnis: Fortschritt, der die Grundlagen ignoriert, ist kein Fortschritt. Ein Gebäude ohne tragfähiges Fundament stürzt ein, egal wie brillant der Entwurf ist. Für die Digitalisierung der Baubehörden und Architekturbüros gilt nichts anderes.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Vitruv Basilika Fano: Der Fund, der die Architekturgeschichte neu schreibt</title>
		<link>https://baukunst.art/vitruv-basilika-fano-der-fund-der-die-architekturgeschichte-neu-schreibt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 22 Jan 2026 13:23:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Top-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[antike Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Archäologie Italien]]></category>
		<category><![CDATA[Vitruv]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=14808</guid>

					<description><![CDATA[In Fano haben Archäologinnen und Archäologen die einzige bekannte Basilika des antiken Architekten Vitruv gefunden. Der Fund beendet eine 500 Jahre währende Suche.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vitruv Basilika in Fano entdeckt: Archäologische Sensation nach 500 Jahren Suche</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Mehr als zwei Jahrtausende lang existierte die Basilika des Vitruv ausschließlich in der Vorstellungswelt von Architektinnen und Architekten. Im fünften Buch seines epochalen Werkes De architectura beschrieb der römische Baumeister Marcus Vitruvius Pollio ein Gebäude, das er selbst in der Kolonie Fanum Fortunae errichtet hatte. Generationen von Gelehrten interpretierten diese Zeilen, zeichneten Rekonstruktionen, stritten über Proportionen. Doch niemand konnte belegen, ob das Bauwerk jemals so ausgesehen hatte, wie der Autor es schilderte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seit dem 19. Januar 2026 hat diese Unsicherheit ein Ende. Bei Arbeiten zur Neugestaltung der Piazza Andrea Costa in Fano stießen Ausgräberinnen und Ausgräber auf antike Strukturen, die exakt mit Vitruvs Beschreibungen übereinstimmen. Wie das italienische Kulturministerium in einer Pressekonferenz in der Mediateca Montanari bekanntgab, handelt es sich um das einzige Gebäude, das dem antiken Architekten mit Sicherheit zugeschrieben werden kann. Minister Alessandro Giuli, der per Videoschaltung teilnahm, erklärte: Fano sei das Herz der ältesten architektonischen Weisheit der westlichen Zivilisation. (Quelle: <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="https://cultura.gov.it/comunicato/28580" target="_blank" rel="noopener" data-inline-card="" data-card-data="">https://cultura.gov.it/comunicato/28580</a></span></span> )</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Präzision über die Jahrtausende</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die technischen Details des Fundes übertreffen alle Erwartungen. Die Basilika besitzt einen rechteckigen Grundriss mit umlaufendem Säulengang: acht Säulen an den Längsseiten, vier an den Kurzseiten. Die Säulen messen etwa fünf römische Fuß im Durchmesser, das entspricht 147 bis 150 Zentimetern. Ihre Höhe betrug circa 15 Meter. Sie waren an Pilaster und tragende Paraste angelehnt, die ein Obergeschoss stützten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die endgültige Bestätigung lieferte ein letzter Sondierungsgraben, der die fünfte Ecksäule freilegte. Damit konnte die genaue Position und Orientierung des Gebäudes zwischen den beiden Plätzen bestimmt werden. Die planimetrische Rekonstruktion auf Basis der vitruvianischen Beschreibung stimmte auf den Zentimeter genau mit dem Befund überein. Der regionale Denkmalpfleger Andrea Pessina, der die Soprintendenz für Archäologie, Schöne Künste und Landschaft von Ancona und Pesaro-Urbino leitet, sprach von einer außerordentlichen Bedeutung für die Forschungsgeschichte und die wissenschaftliche Gemeinschaft.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Vater der westlichen Baukunst</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wer versteht, warum dieser Fund die Fachwelt derart elektrisiert, muss sich die Bedeutung Vitruvs für die abendländische Architektur vergegenwärtigen. Seine Zehn Bücher über Architektur sind das einzige vollständig erhaltene Architekturtraktat der Antike. Darin formulierte er die berühmte Trias firmitas, utilitas, venustas: Festigkeit, Nützlichkeit, Schönheit. Diese drei Grundprinzipien prägten das Bauen von der Renaissance bis in die Gegenwart.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Basilika von Fano war das einzige Gebäude, das Vitruv in seinem Werk ausdrücklich als eigenes Werk erwähnte. Damit stellt sie eine einzigartige Verbindung zwischen Theorie und Praxis her. Der Theoretiker Vitruv blieb für die Nachwelt stets etwas abstrakt. Nun zeigt sich, dass er auch ein fähiger Praktiker war, dessen gebaute Realität seinen geschriebenen Ansprüchen standhielt.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Eine Forschungsgeschichte mit Vorläufern</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der aktuelle Fund steht nicht isoliert. Bereits 2022 kamen in der Via Vitruvio, unweit der Piazza Andrea Costa, imposante Mauerstrukturen und Fußböden aus edlen Marmorsorten zum Vorschein. Diese Funde deuteten auf öffentliche Gebäude von hohem Rang hin, ließen jedoch noch keine eindeutige Zuordnung zu. Erst die jüngsten Grabungen im Rahmen der mit PNRR-Mitteln finanzierten Platzumgestaltung brachten den Durchbruch.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Pessina betonte, dass die Entdeckung auch neue Perspektiven für bereits bekannte archäologische Zeugnisse eröffne. So könne nun etwa das Gebäude unter der Kirche Sant&#8217;Agostino neu interpretiert werden. Die Identifizierung der Basilika liefere einen entscheidenden Schlüssel, um Spuren, Strukturen und Zeugnisse der Vergangenheit klarer miteinander in Beziehung zu setzen.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Renaissance der Rekonstruktionen</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Geschichte der Suche nach Vitruvs Basilika ist selbst ein faszinierendes Kapitel der Architekturgeschichte. Seit der Wiederentdeckung von De architectura im 15. Jahrhundert versuchten Gelehrte, das beschriebene Bauwerk zeichnerisch zu rekonstruieren. Francesco di Giorgio, Fra Giocondo, Andrea Palladio, Sebastiano Serlio, Giovanni Poleni und sogar Raffael lieferten Interpretationen. Jeder las die lateinischen Zeilen anders, jeder zeichnete eine andere Basilika.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Palladio etwa übernahm die Maßverhältnisse aus Vitruvs Beschreibung für seine eigene Rekonstruktion von 1556. Er variierte jedoch Details nach eigenem Ermessen. Seine Zeichnungen beeinflussten wiederum Generationen von Architekten. Die Basilika von Vicenza, sein bekanntestes öffentliches Gebäude, trägt zwar den Namen einer antiken Bauform, folgt aber bereits anderen Prinzipien als das römische Vorbild.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nun lässt sich erstmals überprüfen, welche der zahllosen Rekonstruktionen der historischen Realität am nächsten kam. Das Vitruvianische Studienzentrum in Fano, das seit über 30 Jahren die Erforschung des antiken Baumeisters vorantreibt, dürfte in den kommenden Monaten Hochkonjunktur erleben.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Politische Dimension und regionale Bedeutung</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Pressekonferenz vom 19. Januar verdeutlichte auch die politische Tragweite der Entdeckung. Neben Minister Giuli waren der Präsident der Region Marken, Francesco Acquaroli, und der Bürgermeister von Fano, Luca Serfilippi, anwesend. Acquaroli sprach davon, dass der Fund die Wahrnehmung der Stadt Fano, der Region und des gesamten italienischen Kulturerbes verändere. Er kündigte an, die Entdeckung gemeinsam in einen Motor der Entwicklung für Stadt und Region zu verwandeln.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Bürgermeister Serfilippi betonte den identitätsstiftenden Charakter: Die Entdeckung gebe der Gemeinschaft ein Fragment ihrer historischen und kulturellen Identität von universellem Wert zurück. Nach Jahrhunderten des Wartens und Forschens habe sich das, was lange nur durch das geschriebene Wort überliefert worden sei, in eine konkrete, greifbare und teilbare Realität verwandelt.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Offene Fragen und kritische Perspektiven</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">So euphorisch die Reaktionen auch ausfallen: Einige kritische Anmerkungen erscheinen angebracht. Zunächst befinden sich die Ausgrabungen noch in einem frühen Stadium. Wie viel von der ursprünglichen Basilika tatsächlich erhalten ist, muss noch geklärt werden. Die gotischen Invasoren zerstörten Fano im Jahr 540 n. Chr. weitgehend. Die mittelalterliche und neuzeitliche Stadt wurde direkt über den römischen Ruinen errichtet.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zudem stellt sich die Frage, wie Fano mit diesem Erbe umgehen wird. Acquaroli sprach bereits vom wirtschaftlichen Wert und dem touristischen Potenzial. Die Gefahr besteht, dass die wissenschaftliche Erforschung hinter Vermarktungsinteressen zurücktritt. Eine sorgfältige Ausgrabung und Dokumentation benötigt Zeit und Ruhe, die im Zeitalter der sozialen Medien und des Overtourism knapp bemessen sein könnten.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Lehren für die Architekturausbildung</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für die Ausbildung von Architektinnen und Architekten bietet der Fund außergewöhnliche Chancen. Vitruv formulierte nicht nur ästhetische Prinzipien, sondern auch ein umfassendes Bildungsideal. Ein Architekt sollte nach seiner Vorstellung in zehn Wissensgebieten bewandert sein: Schriftkunde, Zeichnen, Geometrie, Arithmetik, Geschichte, Philosophie, Musik, Medizin, Jura und Astronomie. Nur wer alle diese Fächer beherrsche, erreiche den summum templum architecturae, den höchsten Tempel der Baukunst.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dieses Ideal einer umfassenden Bildung wirkt in einer Zeit der Spezialisierung beinahe utopisch. Doch gerade die Interdisziplinarität erlebt in der zeitgenössischen Architekturausbildung eine Renaissance. Nachhaltiges Bauen erfordert Kenntnisse in Materialwissenschaft, Klimatechnik, Soziologie und Ökonomie. Die Digitalisierung verlangt Kompetenzen in Programmierung und parametrischem Entwerfen. Vielleicht war Vitruv seiner Zeit näher als gedacht.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Fund in Fano könnte als Anlass dienen, die Geschichte der Architekturtheorie wieder stärker in die Curricula zu integrieren. Wer versteht, wie unterschiedlich dieselbe Textpassage über Jahrhunderte interpretiert wurde, entwickelt ein Gespür für die Relativität vermeintlicher Gewissheiten. Diese Kompetenz erscheint im Zeitalter von KI-generierten Entwürfen und parametrischer Optimierung wertvoller denn je.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ausblick</h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Archäologinnen und Archäologen werden in den kommenden Monaten und Jahren weiter graben. Jede freigelegte Schicht verspricht neue Erkenntnisse. Vielleicht finden sich Reste der Innenausstattung, Fragmente von Wandmalereien oder Inschriften, die weitere Fragen beantworten. Vielleicht widerlegen neue Funde auch Teile der bisherigen Interpretation.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Pessina sprach vom Beginn einer neuen Forschungsphase: bewusster, präziser, ambitionierter. Fano habe nun ein Werkzeug mehr, um der Welt seine Geschichte zu erzählen. Minister Giuli formulierte es noch emphatischer: Die Geschichte der Archäologie und der Forschung teile sich nun in ein Davor und ein Danach dieser Entdeckung.</p>
<hr data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="rule" data-prosemirror-node-block="true" />
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Quelle:</strong> Ministero della Cultura, Pressemitteilung vom 19. Januar 2026 <span class="inlineCardView-content-wrap inlineNodeView" data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="inlineCard" data-prosemirror-node-inline="true"><span class="card" aria-busy="true"><a href="https://cultura.gov.it/comunicato/28580" data-inline-card="" data-card-data="">https://cultura.gov.it/comunicato/28580</a></span></span></p>
<hr data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="rule" data-prosemirror-node-block="true" />
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Operation Klimalüge: Wie Trump ein Architekturjuwel zum Schweigen bringen will</title>
		<link>https://baukunst.art/operation-klimaluege-wie-trump-ein-architekturjuwel-zum-schweigen-bringen-will/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 21 Jan 2026 11:17:44 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[I.M. Pei Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaforschung]]></category>
		<category><![CDATA[NCAR Boulder]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=14791</guid>

					<description><![CDATA[Die Trump Regierung plant die Zerschlagung des National Center for Atmospheric Research. Mit ihm steht eines der bedeutendsten Architekturwerke I.M. Peis vor einer ungewissen Zukunft.
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>&nbsp;</p>
<h2>Trump Regierung will weltberühmtes Klimaforschungszentrum NCAR in Colorado schließen</h2>
<p>In Boulder, Colorado, thront auf einer Hochebene ein Gebäude, das sich nicht vor der Natur verbeugt, sondern mit ihr in Dialog tritt. Das Mesa Laboratory des National Center for Atmospheric Research (NCAR) verkörpert seit 1967 jene seltene Symbiose aus wissenschaftlicher Ambition und architektonischer Brillanz, die nur wenigen Bauwerken gelingt. Sein Schöpfer: der chinesisch amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei, der später mit der Glaspyramide des Louvre Weltruhm erlangen sollte.</p>
<p>Nun droht diesem architektonischen Meisterwerk das Aus. Mitte Dezember 2025 verkündete Russell Vought, Direktor des Weißen Hauses für Management und Haushalt, über die Plattform X die Zerschlagung des NCAR. Die Begründung liest sich wie ein Pamphlet aus einer anderen Zeit: Das Zentrum sei „eine der größten Quellen für Klima Alarmismus im Land”. Eine Formulierung, die nahezu wörtlich dem umstrittenen Projekt 2025 entstammt, dessen Mitautor Vought ist.</p>
<h2>Pei’s Rosebud am Fuße der Rocky Mountains</h2>
<p>Als I.M. Pei 1961 den Auftrag für das NCAR erhielt, war er noch kein international gefeierter Star. Er hatte sich mit urbanen Großprojekten einen Namen gemacht, doch die Aufgabe, ein Forschungslabor in die Wildnis Colorados zu setzen, stellte ihn vor völlig neue Herausforderungen. Pei fuhr von Albuquerque nach Boulder und besuchte auf seinem Weg die Cliff Dwellings der Ancestral Puebloans in Mesa Verde. Diese archaischen Felsenbehausungen wurden zur Inspiration für eines seiner persönlichsten Werke.</p>
<p>„Man kann mit der Größe der Rocky Mountains nicht konkurrieren”, erklärte Pei in seiner Einweihungsrede 1967. „Also versuchten wir, ein Gebäude zu schaffen, das keine konventionelle Maßstäblichkeit besitzt, wie jene monolithischen Strukturen der Klippenbewohner.” Der Architekt Leonard Segel, der Pei in den 1990er Jahren in seinem New Yorker Büro besuchte, berichtet, dass dort ein Modell des Mesa Laboratory prominent ausgestellt war. Das NCAR war, so Segel, „der Rosebud seiner Karriere”.</p>
<p>Die fünf Türme des Komplexes, ausgeführt in einem Beton, dessen Zuschlagstoff lokalen Sandstein enthält, spiegeln die rötlichen Töne der berühmten Flatirons wider. Pei ließ den Beton durch „Bush Hammering” aufrauen, eine Technik, die ihm jene raue Textur verleiht, die an gewachsenen Fels erinnert. Die charakteristischen „Crow’s Nests”, nur über Wendeltreppen erreichbare Büros auf den Dächern, boten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Orte der Kontemplation mit Blick über Boulder bis zu den schneebedeckten Gipfeln.</p>
<h2>Die politische Dimension der Zerstörung</h2>
<p>Die Ankündigung, NCAR zu zerschlagen, kam für die Wissenschaftsgemeinde wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei der Jahrestagung der American Geophysical Union in New Orleans verbreitete sich die Nachricht in Windeseile. Antonio Busalacchi, Präsident der University Corporation for Atmospheric Research (UCAR), die das NCAR verwaltet, sprach von einem Versuch, „die Freiheit wissenschaftlichen Denkens zu unterdrücken”.</p>
<p>Doch hinter dem ideologischen Vorwand verbirgt sich möglicherweise ein profanerer Beweggrund. Demokratische Abgeordnete aus Colorado vermuten Vergeltung. Gouverneur Jared Polis hatte sich geweigert, die ehemalige Wahlbeamtin Tina Peters aus dem Staatsgefängnis zu entlassen, obwohl Trump ihr eine Bundesbegnadigung ausgesprochen hatte. Peters verbüßt eine neunjährige Haftstrafe wegen illegaler Manipulation von Wahlmaschinen nach der Präsidentschaftswahl 2020. Da sie wegen eines Staatsdelikts verurteilt wurde, hat Trumps Begnadigung keine rechtliche Wirkung.</p>
<p>„Dies ist eindeutig sowohl vom Wunsch getrieben, Klimawissenschaftsprogramme im ganzen Land auszuhöhlen, als auch von dem Verlangen, Colorado speziell zu bestrafen”, erklärte der Abgeordnete Joe Neguse.</p>
<h2>Das architektonische Erbe auf der Kippe</h2>
<p>Die Klimawissenschaftlerin Kim Cobb von der Brown University formulierte es drastisch: „NCAR ist buchstäblich unser globales Mutterschiff. Jeder, der im Bereich Klima und Wetter arbeitet, ist durch seine Türen gegangen.” Katharine Hayhoe von der Texas Tech University fügte hinzu, dass die Zerschlagung des NCAR „wie ein Vorschlaghammer auf den Schlussstein ist, der unser wissenschaftliches Verständnis des Planeten zusammenhält”.</p>
<p>Aus architektonischer Sicht wiegt der drohende Verlust nicht minder schwer. Das Mesa Laboratory erhielt 1997 den AIA Colorado 25 Year Award und gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke der modernen Bewegung in den Vereinigten Staaten. Anders als Peis Werke in Denver, die der Stadtentwicklung zum Opfer fielen oder bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden, steht das NCAR bis heute unversehrt auf seiner Hochebene.</p>
<h2>Wissenschaft kennt keine Parteizugehörigkeit</h2>
<p>Die Ironie der Geschichte liegt in der Verwechslung von Wetter und Klima, die der Administration offenbar unterläuft. Vought kündigte an, „wichtige Aktivitäten wie Wetterforschung” würden an andere Einrichtungen verlagert. Doch wie der Klimaexperte Daniel Swain betont: „Die Wissenschaft hat zunehmend gezeigt, dass es keine saubere Trennung zwischen Wetter und Klima gibt. Es ist dieselbe Atmosphäre.”</p>
<p>Selbst Ryan Maue, der unter Trumps erster Amtszeit kurzzeitig eine führende Position bei der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) innehatte, kritisierte den Schritt scharf: „Wenn Sie glauben, dass KI und numerische Wettervorhersage für unsere Wirtschaft und nationale Sicherheit wichtig sind, dann ist NCAR in Boulder wahrscheinlich unsere beste Chance, global wettbewerbsfähig zu bleiben.”</p>
<h2>Ein Fazit in Beton gegossen</h2>
<p>I.M. Pei schuf mit dem Mesa Laboratory ein Gebäude, das die Demut des Menschen vor der Natur verkörpert und gleichzeitig den Anspruch formuliert, diese Natur zu verstehen. „Man dominiert sie nicht, man gesellt sich zu ihr”, lautete sein Credo. Fast sechzig Jahre später steht dieses Manifest der Aufklärung auf dem Spiel, nicht durch Naturgewalten, sondern durch politischen Vandalismus.</p>
<p>Die rötlichen Betontürme werden auch dann noch stehen, wenn die gegenwärtige Administration Geschichte sein wird. Die Frage ist nur, ob in ihnen noch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiten werden, die unser Klima erforschen, oder ob sie als leere Hüllen zurückbleiben, Mahnmale einer Zeit, in der Ideologie über Vernunft siegte.</p>
<p>Die Atmosphäre, so Swain, besitzt keinen Wählerausweis. Sie registriert nur die Fakten. Und diese Fakten zu ignorieren, ist letztlich gefährlicher als jeder Sturm, den NCAR je vorhergesagt hat.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Lego Smart Brick: Warum der programmierbare Baustein mehr Fragen aufwirft als beantwortet</title>
		<link>https://baukunst.art/lego-smart-brick-warum-der-programmierbare-baustein-mehr-fragen-aufwirft-als-beantwortet/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jan 2026 15:45:45 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Premium]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kindheit]]></category>
		<category><![CDATA[Lego]]></category>
		<category><![CDATA[Spielzeugdesign]]></category>
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					<description><![CDATA[Lego präsentiert den Smart Brick: einen programmierbaren Baustein mit Sensoren, Bluetooth und Mini-Computer im klassischen 2×4 Format. Die Marketingabteilung feiert ihn als Meilenstein, als Brücke zwischen analogem Spiel und digitaler Bildung. Doch wer genauer hinsieht, erkennt ein Paradox: Ausgerechnet das Spielzeug, das seinen Welterfolg der radikalen Einfachheit verdankt, wird nun mit Technik aufgeladen. Die Frage ist nicht, ob das geht. Die Frage ist, ob das sein muss.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Smart Brick von Lego: Ein Meilenstein oder der Anfang vom Ende des analogen Spiels?</h1>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Stein des Anstoßes</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Als Lego im Januar 2025 den Smart Brick präsentierte, überschlugen sich die Pressemitteilungen mit Superlativen. Ein programmierbarer, sensorbestückter Baustein, der das physische Spiel zur Eintrittspforte in die digitale Welt machen soll. Die Marketingabteilung spricht von einer Revolution, von einem Paradigmenwechsel, von der Zukunft des Spielens. Wer vier Jahrzehnte lang beobachtet hat, wie Spielzeughersteller ihre Produkte positionieren, kennt diesen Tonfall. Er verdient eine kritische Einordnung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der<a href="https://www.lego.com/de-at/smart-play" target="_blank" rel="noopener"><strong> Smart Brick</strong> i</a>st zunächst einmal das, was sein Name verspricht: ein klassischer Lego Stein im vertrauten 2×4 Noppen Format, in dessen Inneres die Ingenieurinnen und Ingenieure aus Billund einen Minicomputer gepackt haben. Sensoren erfassen Bewegung, Licht und Berührung. Eine Bluetooth Verbindung ermöglicht die Kommunikation mit Tablets und Smartphones. Kinder können über eine App einfache Programme schreiben, die den Stein zum Leuchten, Vibrieren oder Reagieren bringen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Frage der Notwendigkeit</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hier beginnt die architektonische Grundsatzfrage, die sich auf das Spielzeugdesign übertragen lässt: Braucht es diese technische Erweiterung, oder löst sie ein Problem, das niemand hatte? Lego hat seinen weltweiten Erfolg einem denkbar einfachen Prinzip zu verdanken. Der klassische Baustein ist ein offenes System. Er schreibt nichts vor, er ermöglicht alles. Ein Kind kann damit ein Haus bauen, ein Raumschiff, eine Fantasiemaschine oder einfach eine Mauer, die es anschließend genüsslich wieder einreißt. Diese radikale Offenheit ist das Geheimnis des Systems. Der Stein selbst ist dumm, und genau darin liegt seine Intelligenz. Der Smart Brick dreht dieses Verhältnis um. Plötzlich hat der Stein selbst Fähigkeiten. Er kann etwas, er weiß etwas, er reagiert auf seine Umgebung. Das Kind ist nicht mehr der alleinige Gestalter, sondern muss sich mit den einprogrammierten Möglichkeiten und Begrenzungen arrangieren. Der Stein wird vom passiven Material zum aktiven Mitspieler.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Parallelen zur Architektur</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In der Architektur kennen wir diese Entwicklung seit Jahren. Smart Homes, intelligente Gebäude, responsive Fassaden: Die Versprechen ähneln sich verblüffend. Immer geht es darum, dass Technik das Leben einfacher, komfortabler, effizienter machen soll. Und immer stellt sich nach einigen Jahren heraus, dass die Realität komplizierter ist als die Prospekte vermuten ließen. Ein Gebäude, das eigenständig Entscheidungen trifft, nimmt seinen Bewohnerinnen und Bewohnern etwas ab. Im besten Fall ist es lästige Routinearbeit. Im schlechteren Fall ist es Kontrolle, Wahlfreiheit, das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Wer schon einmal versucht hat, in einem vollautomatisierten Hotelzimmer das Licht manuell zu dimmen, kennt die Frustration, die entsteht, wenn Technik glaubt, besser zu wissen, was gut für uns ist.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Das pädagogische Versprechen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Lego argumentiert, der Smart Brick führe Kinder spielerisch an die Grundlagen des Programmierens heran. Computational Thinking, wie es in der Pädagogik heißt, sei eine Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts. Das stimmt natürlich. Und dennoch beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Denn die Frage ist nicht, ob Kinder programmieren lernen sollten. Die Frage ist, ob das analoge Spiel dafür instrumentalisiert werden muss. Lego war bisher ein Rückzugsraum, ein Ort, an dem Bildschirme keine Rolle spielten. Wo die Hand das wichtigste Werkzeug war und die Fantasie der einzige Prozessor. Wenn jetzt auch dieser Raum digitalisiert wird, wo bleiben dann die bildschirmfreien Zonen der Kindheit?</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Nachhaltigkeit im Blick</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein weiterer Aspekt verdient kritische Betrachtung: die Nachhaltigkeit. Klassische Lego Steine sind praktisch unzerstörbar. Sie werden vererbt, weitergegeben, funktionieren nach fünfzig Jahren noch genauso wie am ersten Tag. Der Smart Brick hingegen enthält Elektronik. Akkus, Chips, Sensoren, alles Komponenten mit begrenzter Lebensdauer. In zehn Jahren wird die App möglicherweise nicht mehr unterstützt. Die Bluetooth Version wird veraltet sein. Der Smart Brick wird zum teuren Sondermüll. Lego hat sich selbst ambitionierte Nachhaltigkeitsziele gesetzt. Bis 2030 sollen alle Produkte aus nachhaltigen Materialien bestehen. Wie passt ein Baustein mit eingebauter Obsoleszenz in diese Strategie?</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was Fritz Lang uns lehrt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es ist kein Zufall, dass parallel zur Vorstellung des Smart Brick Fritz Langs Meisterwerk Metropolis wieder Aufmerksamkeit erfährt. Der Film von 1927 imaginierte das Jahr 2026 und zeigt eine Welt, in der Technologie die Menschheit spaltet statt zu vereinen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter schuften unter der Erde an gewaltigen Maschinen, während die Elite in lichtdurchfluteten Wolkenkratzern residiert. Langs Vision war eine Warnung. Technologie ist nicht neutral. Sie formt Gesellschaften, schafft Gewinner und Verlierer, verändert die Art, wie wir leben, arbeiten und spielen. Der Smart Brick ist natürlich kein dystopisches Monster. Aber er ist Teil einer Entwicklung, die kritische Begleitung verdient.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Fazit mit Fragezeichen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ist der Smart Brick ein Meilenstein? Technisch sicherlich. Die Ingenieursleistung, einen funktionsfähigen Computer in einen klassischen Baustein zu integrieren, verdient Anerkennung. Aber ob er ein Meilenstein für das kindliche Spiel ist, darf bezweifelt werden. Die wertvollsten Spielzeuge sind oft die einfachsten. Ein Stock, ein Ball, ein Stapel Bauklötze. Nicht weil Kinder keine komplexen Dinge verstehen könnten, sondern weil Einfachheit Raum lässt. Raum für Fantasie, für eigene Regeln, für das Unvorhergesehene.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Smart Brick füllt diesen Raum mit Funktionen. Er macht das offene System ein Stück geschlossener. Er ersetzt das Können durch das Müssen. Vielleicht ist er tatsächlich die Zukunft des Spielens. Aber ob diese Zukunft wünschenswert ist, entscheiden nicht die Marketingabteilungen. Es entscheiden die Eltern, die kaufen oder nicht kaufen. Und die Kinder, die irgendwann vielleicht doch lieber zum alten, dummen, unendlich klugen Originalstein greifen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Nobelpreis für Architektur: Wer hätte ihn verdient?</title>
		<link>https://baukunst.art/architektur-nobelpreis-warum-alfred-nobel-die-baukunst-vergass/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2025 17:01:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltige Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Nobelpreis]]></category>
		<category><![CDATA[Pritzker-Preis]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Nobelpreise 2024 sind vergeben, Stockholm und Oslo haben gefeiert. Doch eine Disziplin bleibt seit 1901 außen vor: die Architektur. Wer käme in Frage?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1>Ein Testament und seine Lücken</h1>
<p style="font-weight: 400;">Als Alfred Nobel am 27. November 1895 in Paris sein Testament unterzeichnete, definierte er fünf Bereiche, in denen die Menschheit durch außergewöhnliche Leistungen vorangebracht werden könne: Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden. Die Architektur fand keine Erwähnung. Ob dies eine bewusste Entscheidung war oder schlicht dem Zeitgeist geschuldet, bleibt Gegenstand akademischer Debatten. Nobel selbst war Ingenieur und Chemiker, ein Pragmatiker, der Dynamit erfand und damit unbeabsichtigt sowohl die Bauindustrie revolutionierte als auch die Kriegsführung veränderte.</p>
<p style="font-weight: 400;">Die Ironie entgeht niemandem: Ohne Sprengstoff wären viele architektonische Großprojekte des 20. Jahrhunderts undenkbar gewesen, vom Panamakanal bis zu den Tunneln der Alpentransversalen. Doch die Disziplin, die diese Ingenieursleistungen in bewohnbare Räume übersetzt, blieb von der höchsten akademischen Auszeichnung ausgeschlossen.</p>
<h1>Der Pritzker als Ersatzhandlung</h1>
<p style="font-weight: 400;">Seit 1979 springt der Pritzker-Preis in diese Bresche. Von der Hyatt-Stiftung ins Leben gerufen, wird er regelmäßig als „Nobelpreis der Architektur“ bezeichnet, eine Formulierung, die gleichermaßen schmeichelhaft wie irreführend ist. Die 100.000 Dollar Preisgeld verblassen vor den elf Millionen schwedischen Kronen des echten Nobelpreises. Wichtiger noch: Während Nobel auf wissenschaftliche Durchbrüche zielte, würdigt der Pritzker ein Lebenswerk, das sich in gebauter Umwelt manifestiert.</p>
<p style="font-weight: 400;">2024 ging der Pritzker an den Japaner Riken Yamamoto, einen 78-jährigen Architekten, dessen Werk sich durch die Auflösung der Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum auszeichnet. Seine Wohnbauprojekte fördern nachbarschaftliche Begegnungen, seine öffentlichen Gebäude laden zum Verweilen ein. Japan stellt damit zum neunten Mal den Preisträger, mehr als jedes andere Land.</p>
<h1>Kandidatinnen und Kandidaten für eine Gedankenübung</h1>
<p style="font-weight: 400;">Würde es einen Nobelpreis für Architektur geben, wer käme in Betracht? Die Kriterien Nobels, wonach die Auszeichnung jenen gebührt, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben, bieten einen interessanten Maßstab. Anders als bei Physik oder Chemie lässt sich architektonischer Nutzen nicht in Formeln fassen. Er manifestiert sich in Lebensqualität, in sozialer Gerechtigkeit, in ökologischer Verantwortung.</p>
<p style="font-weight: 400;">Nach vierzig Jahren Berufserfahrung wage ich eine persönliche Einschätzung:</p>
<h2>Francis Kéré: Architektur als soziale Transformation</h2>
<p style="font-weight: 400;">Der Pritzker-Preisträger von 2022, Diébédo Francis Kéré, geboren in Burkina Faso und in Berlin ansässig, verkörpert vielleicht am deutlichsten, was Nobel mit „Nutzen für die Menschheit“ gemeint haben könnte. Seine Schulen und Gesundheitszentren in Westafrika entstehen unter aktiver Beteiligung der lokalen Gemeinschaften, aus regionalen Materialien, mit bioklimatischen Konzepten, die ohne Klimaanlagen auskommen. „Es ist nicht so, dass man arm ist und deshalb keine Qualität haben kann“, sagt Kéré. Diese Haltung transformiert nicht nur Dörfer, sondern stellt grundsätzliche Annahmen westlicher Architekturpraxis in Frage.</p>
<h2>Norman Foster: Technologie im Dienst der Gesellschaft</h2>
<p style="font-weight: 400;">Der mittlerweile 90-jährige britische Architekt Sir Norman Foster hat mit seinem Büro Foster + Partners die globale Architekturpraxis geprägt wie kaum ein anderer. Vom Reichstag in Berlin über den Apple Park in Cupertino bis zur geplanten Null-Emissions-Stadt Masdar in Abu Dhabi demonstrieren seine Projekte, dass High-Tech-Architektur und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sein müssen. Kritiker werfen ihm vor, zu sehr im Dienst des Großkapitals zu stehen. Doch wer die demokratische Transparenz der Berliner Parlamentskuppel erlebt hat, versteht, dass große Bauaufgaben auch gesellschaftliche Impulse setzen können.</p>
<h2>Renzo Piano: Der Humanist unter den Stararchitekten</h2>
<p style="font-weight: 400;">Der Italiener Renzo Piano, 1998 mit dem Pritzker ausgezeichnet, hat mit dem Centre Pompidou in Paris Architekturgeschichte geschrieben und sich seither konsequent der Humanisierung des Bauens gewidmet. Seine Museen, Konzerthallen und öffentlichen Räume zeichnen sich durch eine Sensibilität für Licht, Material und menschlichen Maßstab aus, die in der Welt der Stararchitektur selten geworden ist. Mit 87 Jahren arbeitet er unermüdlich weiter, aktuell an einem neuen Bahnhof für Mailand.</p>
<h2>Ken Yeang: Der Visionär des bioklimatischen Hochhauses</h2>
<p style="font-weight: 400;">Der malaysische Architekt Ken Yeang hat mit seinem Konzept des „bioklimatischen Wolkenkratzers“ einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Statt Hochhäuser als energiefressende Glasboxen zu konzipieren, integriert er Vegetation, natürliche Belüftung und passive Kühlung in vertikale Strukturen. Seine Idee der „Öko-Mimikry“, des Nachahmens natürlicher Systeme in der Architektur, gewinnt angesichts der Klimakrise täglich an Relevanz.</p>
<h2>Diller Scofidio + Renfro: Die Grenzgänger zwischen Kunst und Architektur</h2>
<p style="font-weight: 400;">Das New Yorker Studio Diller Scofidio + Renfro hat die Grenzen dessen, was Architektur sein kann, konsequent erweitert. Mit der High Line verwandelten Elizabeth Diller und Ricardo Scofidio eine stillgelegte Hochbahntrasse in einen der meistbesuchten öffentlichen Räume der Welt. The Shed, The Broad in Los Angeles und die jüngst eröffnete V&amp;A East Storehouse in London zeigen ihre Fähigkeit, Kulturbauten zu schaffen, die Institution und Stadt neu vernetzen. Nach dem Tod Ricardo Scofidios im März 2025 führt Elizabeth Diller das Büro weiter. Bei der Architekturbiennale Venedig 2025 wurde DS+R mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Ihr interdisziplinärer Ansatz, der Architektur, bildende Kunst und Performance verschmilzt, stellt die traditionellen Grenzen der Disziplin infrage.</p>
<h2>Herzog &amp; de Meuron: Die Alchemisten der Fassade</h2>
<p style="font-weight: 400;">Jacques Herzog und Pierre de Meuron, beide 1950 in Basel geboren, haben mit ihrem Büro Herzog &amp; de Meuron die Materialität der Architektur neu definiert. Seit dem Pritzker-Preis 2001 gilt das Schweizer Duo als Maßstab für architektonische Innovation. Die Tate Modern in London, das Olympiastadion „Vogelnest“ in Peking und die Elbphilharmonie in Hamburg zeigen ihre Fähigkeit, ikonische Bauten zu schaffen, die dennoch tief in ihrem Kontext verwurzelt sind. Mit rund 600 Mitarbeitenden weltweit zählt das Büro zu den einflussreichsten der Welt. Was Herzog &amp; de Meuron auszeichnet, ist ihr obsessives Interesse an der Gebäudehülle: Kupferbänder, bedruckte Glasfassaden, Gabionenwände. In einer Zeit der digitalen Beliebigkeit beharren sie auf der sinnlichen Erfahrung des Materials.</p>
<h2>Peter Zumthor: Der Meister der Atmosphäre</h2>
<p style="font-weight: 400;">Der Schweizer Peter Zumthor, Pritzker-Preisträger 2009, repräsentiert das genaue Gegenteil globaler Architekturpraxis. Mit einem Team von etwa fünfzehn Mitarbeitern arbeitet er seit Jahrzehnten im abgelegenen Haldenstein in Graubünden und lehnt mehr Aufträge ab, als er annimmt. Seine Therme Vals, das Kolumba Museum in Köln und die Bruder Klaus Feldkapelle gehören zu den am meisten verehrten Bauten der Gegenwart. „Architektur ist nicht Vehikel oder Symbol für Dinge, die nicht zu ihrem Wesen gehören“, schreibt Zumthor in seinem Buch „Architektur Denken“. In einer Gesellschaft, die das Unwesentliche feiert, könne Architektur Widerstand leisten. Zumthors Bauten beweisen diese These: Sie sind keine Spektakel, sondern Räume von fast sakraler Stille, in denen Licht, Material und menschlicher Körper in Dialog treten.</p>
<h1>Die eigentliche Frage</h1>
<p style="font-weight: 400;">Vielleicht ist das Fehlen eines Architektur-Nobelpreises jedoch kein Versäumnis, sondern eine heilsame Beschränkung. Die Naturwissenschaften streben nach objektiv überprüfbaren Erkenntnissen. Architektur hingegen verhandelt zwischen ästhetischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Ansprüchen, die sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen. Ein Schulbau in Burkina Faso und ein Museum in New York erfüllen derart unterschiedliche Funktionen, dass ein Vergleich fast unstatthaft erscheint.</p>
<p style="font-weight: 400;">Was die genannten Architektinnen und Architekten verbindet, ist weniger ein stilistisches Programm als eine ethische Haltung: die Überzeugung, dass Architektur mehr sein kann als gebaute Spekulation oder skulpturales Ego. Dass sie im besten Fall das Leben der Menschen verbessert, die sie nutzen, und nicht nur das Portfolio derjenigen, die sie finanzieren.</p>
<p style="font-weight: 400;">Alfred Nobel wollte diejenigen ehren, die der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. In einer Zeit, in der der Bausektor für etwa 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich ist und in der eine Milliarde Menschen in informellen Siedlungen leben, wäre ein Nobelpreis für Architektur vielleicht tatsächlich überfällig. Nicht als Krönung individueller Genialität, sondern als Anerkennung einer Disziplin, die über die Zukunft unserer Städte und damit über unser aller Lebensqualität entscheidet.</p>
<p style="font-weight: 400;">Bis dahin bleibt der Pritzker. Und die stille Gewissheit, dass die besten Gebäude ohnehin keine Preise brauchen, um zu wirken.</p>
<h1>Alternative Überschriften</h1>
<ol>
<li style="font-weight: 400;"><strong> Der Spiegel:</strong> Die vergessene Disziplin: Warum die Architektur keinen Nobelpreis bekommt und wer ihn verdient hätte</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> Bild-Zeitung:</strong> Diese Bau-Genies wären reif für den Nobelpreis!</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> Stern:</strong> Vom Dorf in Burkina Faso nach Stockholm: Die Architekten, die unsere Welt verändern</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> NZZ:</strong> Alfred Nobels Vermächtnis und die Frage nach architektonischer Exzellenz</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> Die Zeit:</strong> Bauen für die Menschheit: Eine Reflexion über verdiente Ehrungen und institutionelle Leerstellen</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> FAZ:</strong> Architektur zwischen Kunstanspruch und gesellschaftlicher Verantwortung: Wem gebührt die höchste Auszeichnung?</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> Frankfurter Rundschau:</strong> Vergessen von Nobel: Wie Architektur Klimakrise und soziale Ungleichheit bekämpfen könnte</li>
<li style="font-weight: 400;"><strong> TAZ:</strong> Kein Preis für den Beton-Wahnsinn? Warum der fehlende Architektur-Nobel ein Problem ist</li>
</ol>
<p style="font-weight: 400;">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Hongkongs Flammeninferno: Der Bambus brennt nicht, aber die Debatte lodert</title>
		<link>https://baukunst.art/hongkongs-flammeninferno-der-bambus-brennt-nicht-aber-die-debatte-lodert/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 11 Dec 2025 11:21:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Bambusgerüste]]></category>
		<category><![CDATA[Brandschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Hongkong]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=14519</guid>

					<description><![CDATA[Über 160 Tote, eine Jahrtausend alte Bautradition am Pranger und ein politisches System, das Kritik mit Verhaftung beantwortet: Wang Fuk Court entlarvt mehr als nur Baumängel.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wenn der Sündenbock aus Bambus ist</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Am 26. November 2025 verwandelte sich die Wohnanlage Wang Fuk Court im Hongkonger Bezirk Tai Po in ein Flammeninferno. Was als kleiner Brand an einem Gerüstnetz begann, erfasste binnen Stunden sieben von acht Hochhäusern und forderte mindestens 160 Menschenleben. Es ist die schlimmste Brandkatastrophe in der Geschichte der 7,5 Millionen Metropole seit 1948. Noch während die Feuerwehr löschte, hatte die von Peking eingesetzte Regierung bereits einen Schuldigen gefunden: die Bambusgerüste.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Verwaltungschef John Lee besuchte die Brandruinen und verkündete umgehend, Bambusgerüste müssten durch Metallkonstruktionen ersetzt werden. Das Bauentwicklungsbüro sprach von einem Fahrplan zur Abschaffung dieser Bautechnik. Die Ausbildung neuer Bambusgerüstbauer wurde eingestellt. Die Botschaft war unmissverständlich: Eine 2000 Jahre alte Handwerkstradition, seit 2017 als immaterielles Kulturerbe Hongkongs anerkannt, hatte ausgedient.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die unbequemen Fakten</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch wer die Ermittlungsergebnisse studiert, erkennt ein differenzierteres Bild. Die Hongkonger Sicherheitsbehörden stellten fest, dass sieben von zwanzig untersuchten Netzproben nicht den Flammschutzstandards entsprachen. Die grünen Kunststoffnetze, die das Gerüst umhüllten, stammten von einem festlandchinesischen Hersteller aus der Provinz Shandong und kosteten umgerechnet 30 Prozent weniger als zugelassenes Material. Der Bauingenieur und Aktivist Jason Poon dokumentierte in Videos, wie das Material schmolz und tropfte, genau so, wie es sich an der Fassade ereignet haben muss.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hinzu kamen brennbare Styroporplatten, die sämtliche Fenster blockierten und als Brandbeschleuniger wirkten. Die Feueralarme? Monatelang deaktiviert, damit Arbeiter bequemer ein und aus gehen konnten. Acht Hochhäuser wurden entgegen dem Widerstand der Eigentümerinnen und Eigentümer gleichzeitig eingerüstet, was die Abstände zwischen den Gebäuden minimierte. Ein Brandschutzexperte bezeichnete die Konstruktion als Autobahn für die Flammen. Die Bambusstangen selbst? Ein Großteil blieb intakt.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Bambus: Material mit System</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Aus baukonstruktiver Sicht besitzt Bambus bemerkenswerte Eigenschaften. Seine Außenschicht verfügt über eine natürliche Feuerresistenz, die erst bei starker Austrocknung nachlässt. In Hongkongs traditioneller Küche werden Reisgerichte in Bambusstäben über offenem Feuer zubereitet, ohne dass das Material verbrennt. Die Gerüstbauer, im lokalen Jargon Spinnen genannt, durchlaufen strenge Ausbildungen. Es existieren präzise Vorschriften zur Bambusdicke und zur Qualität der Nylonbänder.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die praktischen Vorteile sind evident: Bambus ist kostengünstiger als Stahl, ein nachwachsender Rohstoff, leichter zu transportieren und in den engen Gassen Hongkongs flexibler einsetzbar. Bei einem Einsturz verletzt das Material weniger schwer als Stahlkonstruktionen. 2500 registrierte Bambusgerüstbauer verdienen in Hongkong ihren Lebensunterhalt mit diesem Handwerk, das 80 Prozent aller Gerüste in der Stadt ausmacht. Die Technik der Bambus Theatergerüste ist als immaterielles Kulturerbe anerkannt.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Systemversagen statt Materialfehler</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Regina Ip, ehemalige Sicherheitsministerin Hongkongs und Beraterin des Verwaltungschefs, nannte die Fokussierung auf Bambus einen faulen Sündenbock, der von den eigentlichen Problemen ablenke. Ein handschriftlicher Zettel zwischen den Blumenbergen am Unglücksort brachte es auf den Punkt: Nicht das Bambusgerüst sollte überprüft werden, sondern das gesamte System.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dieses System umfasst eine Bauaufsicht, deren Richtlinien für feuerhemmende Netze keine Gesetzeskraft haben. Es umfasst Baufirmen, die bei 2300 nicht konformen Netzplatten etwa 115.000 Hongkong Dollar sparten, umgerechnet rund 15.000 US Dollar, etwa 100 Dollar pro Todesopfer. Es umfasst Behörden, die Beschwerden von Anwohnerinnen und Anwohnern über die Brandgefahr seit über einem Jahr ignorierten. Mittlerweile wurden 15 Personen wegen fahrlässiger Tötung verhaftet, darunter Berater, Auftragnehmer und Subunternehmer.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Identität unter Feuer</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Bambusgerüste sind mehr als Bautechnik. Sie sind ein Symbol der Eigenständigkeit Hongkongs, ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt, die sich als Sonderverwaltungszone vom chinesischen Festland unterscheidet. In Festlandchina wurden Bambusgerüste vor vier Jahren verboten, ein Schritt, der angesichts der chronischen Überproduktion von Stahl wenig überraschte. Bereits im Frühjahr 2025 hatte Hongkongs Regierung angekündigt, bei der Hälfte der öffentlichen Bauprojekte Metallgerüste zur Pflicht zu machen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Viele Hongkonger sehen in der Abschaffungsdebatte eine weitere Angleichung an festlandchinesische Normen. Die Frage, ob ausländische Arbeitskräfte die einheimischen Gerüstbauer ersetzen sollen, steht im Raum. Das chinesische Baugewerbe steckt in einer Auftragskrise und würde eine neue Nachfrage nach Metallgerüsten willkommen heißen.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Wenn Trauer kriminalisiert wird</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Student Miles Kwan startete eine Online Petition mit der Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung. Über 10.000 Menschen unterzeichneten binnen Stunden. Kwans Worte waren sachlich: Die Regierung solle Rechenschaft ablegen; sollte sie dies als heikel empfinden, wäre das eine maßlose Überreaktion. Stunden später wurde er verhaftet. Die Petition verschwand aus dem Netz. Der Vorwurf: versuchte Aufwiegelung im Zusammenhang mit dem Brand.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein Sprecher des von Peking eingesetzten Nationalen Sicherheitsbüros warnte: Jeder, der Hongkongs Regierung böswillig kritisiere und unter dem Deckmantel der Katastrophe Unruhe stiften wolle, werde streng bestraft. Das kurze Aufflackern einer zivilgesellschaftlichen Reaktion, Freiwillige, die Hilfsgüter sammelten, Menschen, die sich fragten warum, wurde erstickt.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Grenfell in Grün</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Parallelen zum Grenfell Tower Brand 2017 in London sind unübersehbar. Dort war es brennbare Fassadenverkleidung, hier sind es brennbare Netze. Dort wie hier starben Menschen in sozialen Wohnbauten, weil Kostenersparnis vor Sicherheit ging. Dort wie hier hatten Bewohnerinnen und Bewohner gewarnt. Die grünen Netze von Wang Fuk entsprechen dem Cladding von Grenfell: Materialien, die aus Kostengründen gewählt wurden und Wohnungen in Zunder verwandelten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In den Tagen nach der Katastrophe wurden überall in Hongkong die grünen Netze von Baugerüsten entfernt. Die Skelette der Bambuskonstruktionen standen nackt in der Stadt, ein stilles Eingeständnis, wie verbreitet die Verwendung von nicht konformem Material war. Die Behörden ordneten an, Netze an Hunderten von Baustellen zu prüfen, bevor sie wieder angebracht werden dürfen.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Fazit, das schmerzt</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wang Fuk Court ist keine Bambuskatastrophe. Es ist eine Katastrophe mangelhafter Bauaufsicht, korrupter Praktiken und eines Systems, das Kritik nicht duldet. Die Bambusgerüste zum Sündenbock zu machen, ist bequem, denn es lenkt von der Frage ab, warum Brandschutzvorschriften nicht durchgesetzt wurden, warum Behörden Beschwerden ignorierten, warum Menschen sterben mussten, weil jemand 30 Prozent bei Netzen sparen wollte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Abschaffung der Bambusgerüste wird keine Leben retten, wenn das System, das sie umgibt, korrupt bleibt. Ein Metallgerüst mit billigem Netz ist nicht sicherer als ein Bambusgerüst mit billigem Netz. Was Hongkong braucht, ist nicht weniger Tradition, sondern mehr Rechtsstaatlichkeit. Doch genau danach zu fragen, kann dort mittlerweile mit Gefängnis bestraft werden. Das ist die eigentliche Brandstiftung.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Standardisierung im Bau: Effizienz um welchen Preis</title>
		<link>https://baukunst.art/standardisierung-im-bau-effizienz-um-welchen-preis/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Nov 2025 13:57:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Premium]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Ortsidentität]]></category>
		<category><![CDATA[Standardisierung]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=14367</guid>

					<description><![CDATA[Schneller bauen, günstiger bauen, effizienter bauen: Die Bundeswehr plant 270 standardisierte Kasernen, Hessen präsentiert sein Musterfeuerwehrhaus. Das G-CAP-Modell funktioniert. Nur: Wenn Dörfer austauschbar werden und Gebäude nicht mehr ihre Geschichten erzählen, hört Heimat auf, Heimat zu sein. Ein Meinungsartikel darüber, warum Architektur nicht nur Funktion ist, sondern Gedächtnis, Erinnerung, Heimat. Und warum Effizienz nicht alles sein darf.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">STANDARDISIERUNG IM BAU: EFFIZIENZ UM WELCHEN PREIS?</h1>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Vom Fliessband zur Identitätskrise: Kritische Gedanken zu einer Standardisierungswelle</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Bundesverteidigungsministerium plant ab 2027 den Bau von 270 standardisierten Kompaniegebäuden. Das ist im militärischen Kontext überhaupt nicht zu kritisieren: Kasernen brauchen gleiche Räume, gleiche Abläufe, gleiche Rituale. Zwei Schlafstuben à 35 Quadratmetern für vier Soldatinnen oder Soldaten sind funktional völlig ausreichend. Verteidigungsminister Boris Pistorius spricht vom &#8222;Kasernenbau vom Fliessband&#8220; nach dem bewährten G-CAP-Modell (German Armed Forces Contractor Augmentation Program). Das funktioniert, ist nachgewiesen, und es ist schnell.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hessen hingegen hat im Oktober 2025 ein anderes Signal gesetzt. Das Musterfeuerwehrhaus Hessen, entwickelt in Zusammenarbeit zwischen dem Innenministerium, dem Büro Kölling Architekten BDA und vielen weiteren Akteuren, soll Kommunen bei der Planung helfen. Das ist eine klare Entscheidung, wo Standardisierung anfängt und wo sie aufhören sollte. Die Handlungsempfehlung bietet Musterraumprogramme und Grundrisse, kann aber an örtliche Gegebenheiten angepasst werden. Das ist intelligent, weil es Effizienz mit Verantwortung vereint.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch genau hier liegt der neuralgische Punkt der gesamten Debatte: Wo verläuft die Grenze zwischen hilfreicher Standardisierung und dem Ausverkauf der architektonischen Identität?</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">
DER KOMFORT DER VORGEGEBENHEIT</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Verstehen wir zuerst, warum Standardisierung so verlockend wirkt. Sie reduziert tatsächlich Planung, senkt Kosten und beschleunigt Genehmigungsprozesse. Kleinere und mittlere Kommunen müssen nicht mehr bei null anfangen, wenn sie ein Feuerwehrhaus bauen wollen. Das ist für Orte mit kleinen Haushalten wirklich bedeutsam. Die Unfallkasse Hessen, der Landesfeuerwehrverband und praktisch alle Beteiligten loben das Konzept, weil es funktioniert und entlastet.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ähnlich wirkt das Bundeswehr-Programm mit seinen geplanten rund 3,5 Milliarden Euro Gesamtvolumen. Das beschleunigt den personellen Aufwuchs der Truppe, der notwendig ist. Niemand wird die Notwendigkeit bestreiten. Und hier muss die Architektur sich unterordnen, ohne dass sie an schlechterer Qualität leiden würde.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ist die angenehme Seite: Effizienz funktioniert.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">
DOCH WAS BLEIBT VON DEN ORTEN?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hier wird es unangenehm. Im Schulbau entstehen landesweite Typenprogramme. Digitalisierung ermöglicht Serienlösungen für ganze Quartiere. Der Trend ist nicht zu leugnen, und er reicht weit. Das Kernproblem liegt nicht in der Lösung selbst, sondern in ihrer Überextension: Wenn wir jedes Projekt, jeden Ort, jede Kommune unter die Standardisierungswalze nehmen, dann sparen wir nicht nur Zeit und Geld. Wir sparen auch Haltung. Wir sparen auch Heimat.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Feuerwehrhaus war früher das Herz mancher Dörfer. Man plante gemeinsam, stritt über Fensterachsen, feierte Richtfest und Einweihung. Es war Ort der Gemeinschaft, Symbol, Stolz. Das ist kein kitschiger Nostalgiequatsch, sondern eine architekturbauliche und gesellschaftliche Realität der letzten Jahrzehnte. Das Gebäude erzählte eine Geschichte. Die Geschichte des Ortes.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Standardisierung sagt: Das brauchen wir alles nicht. Es kostet zu viel Zeit. Es ist zu teuer. Und die Rechnungen stimmen, sachlich betrachtet. Nur: Die Rechnungen rechnen nicht ein, dass Orte austauschbar werden. Dass das, was in Lüneburg wächst, genauso in Bludenz stehen könnte. Dass niemand mehr weiss, wer wir sind, wenn unsere Gebäude es nicht mehr erzählen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">DAS ARGUMENT DES DEMOGRAPHISCHEN WANDELS</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die kontextuelle Datei ist wichtig: Wir bauen tatsächlich zu wenig. Es gibt Phasen, da entsteht keine Kirche mehr, kein Rathaus, kein Platz. Der konstruierte Raum ist reduziert. Das ist die Situation, in der Standardisierung beginnt zu locken.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Für Pavillons und Übergangslösungen ist das sinnvoll. Die Demografie fordert kurzfristig viele zusätzliche Altenheime und Palliativkliniken. Diese können durchaus seriell gebaut werden, wenn man weiss, dass sie vielleicht nur 20 Jahre halten müssen. Das war früher als &#8222;Barackenbau&#8220; bekannt und ist in der unmittelbaren Nachkriegszeit völlig zu Recht praktiziert worden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Aber: Nicht alles ist eine Übergangslösung. Nicht alles ist ein Provisorium. Und wer unterscheidet noch, wann wir welche Strategie wählen?</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">
HEIMAT, DIE AUSTAUSCHBAR WIRD, IST KEINE HEIMAT MEHR</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Standardisierung kann helfen. Sie ordnet Prozesse, reduziert Fehler, schafft Verlässlichkeit. Aber sie darf nicht das Denken ersetzen. Das ist das Entscheidende.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was gleich aussieht, bleibt selten in Erinnerung. Das ist psychologisch erforscht und alltäglich erfahrbar. Standardisierte Zonen wirken austauschbar, emotionslos, identitätslos. Und wenn Heimat austauschbar wird, hört sie auf, Heimat zu sein.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architektur ist keine Nebensache. Sie ist Teil unseres Gedächtnisses. Sie prägt unbewusst, wie wir uns fühlen, wenn wir einen Ort betreten. Wenn Standardisierung überhand nimmt, wenn jedes Gebäude gleich aussieht, verliert der Raum seine Geschichte. Und mit ihm verlieren die Menschen, die darin leben, einen Teil ihrer Identität.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">
EIN PLÄDOYER FÜR DIFFERENZIERTHEIT</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das heisst nicht, dass ich gegen Standardisierung schlechthin argumentiere. Das G-CAP-Modell bei der Bundeswehr ist richtig. Das Musterfeuerwehrhaus Hessen, weil modular und anpassbar, ist intelligent konzipiert. Standardisierung in bestimmten Funktionsbereichen ist völlig angemessen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Aber es braucht Grenzen. Klare Grenzen. Kasernen dürfen gleich aussehen. Provisorische Unterkünfte auch. Gerade weil heute so wenig Identitätsstiftendes gebaut wird, trägt jedes neue Haus doppelte Verantwortung: für die Funktion und für die Erinnerung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das ist nicht rückwärtsgewandt. Das ist vorwärtsgewandt und erfordert Mut. Es bedeutet, dass wir beim Schulbau nicht einfach abschreiben dürfen, nur weil die Zahlen stimmen. Es bedeutet, dass Ortskerne nicht zu Verwaltungszonen werden dürfen. Es bedeutet, dass Architektinnen und Architekten wieder befähigt werden müssen, zu entscheiden, wann wir die Module nehmen und wann wir eigenständig denken.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vielleicht sollten wir neu darüber sprechen, was Standardisierung bedeuten darf und was sie niemals ersetzen sollte. Nicht aus Romantik, sondern aus Verantwortung. Nicht aus Widerstand gegen die Notwendigkeit, sondern aus einem zukunftsfähigen Verständnis dessen, was Architektur leistet.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vor vier Jahrzehnten bestand mein Beruf darin, Orte zu schaffen, die Menschen berührten. Ich hoffe, dass das nicht ganz in Vergessenheit gerät, während wir schneller und effizienter werden.</p>
<hr data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="rule" data-prosemirror-node-block="true" />
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>In Zeiten der Mobilmachung &#8211; Was ist eigentlich mit den alten Bunkern?</title>
		<link>https://baukunst.art/in-zeiten-der-mobilmachung-was-ist-eigentlich-mit-den-alten-bunkern/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 19 Nov 2025 11:05:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Bunker]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
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		<category><![CDATA[Zivilschutz]]></category>
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					<description><![CDATA[Deutschland hat ein Problem, das weniger sichtbar ist als früher, aber nicht weniger drängend: Die meterdicken Betonwände der Hochbunker stehen nach 80 Jahren immer noch da, rätselhaft, monumental, obsolet. Zuerst zweckentfremdet als Proberäume für Rockbands und Lofts für wohlhabende Investoren, nun plötzlich wieder interessant für einen Staat, der sich zum Krisenfall mobilisiert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Zeit der Luxus-Umnutzung ist vorbei</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es war eine elegante Lösung, die zwei Jahrzehnte lang Architekten, Investoren und Politiker gleichermaßen zufriedenstellte. Historische Bausubstanz bewahren, gleichzeitig dem Wohnungsmarkt entlasten, Kultur finanzieren. Der Bilker Bunker in Düsseldorf mit seinen Ausstellungsräumen und Eigentumswohnungen wirkte beinahe wie ein modernes Märchen: Geschichte und Gegenwart in perfekter Synthese. Der Lofthouse-Bunker in Oberhausen mit seinen bodentifen Fenstern, den Designeradaptionen und einer Millionen-Euro-Preisschrift schien den Beweis zu führen, dass auch massivste Kriegsrelikte zu glänzenden Objekten der Spätmoderne umgebaut werden können.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch diese Erzählung war ein bequemer Traum. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hat gemerkt, dass dieser Traum in einer neuen Wirklichkeit angesichts von Ukraine-Krieg und Drohnenschwärmen nicht mehr haltbar ist. Der Verkauf von Hochbunkern an private Investoren wurde ausgesetzt. Ein Paradigmenwechsel, der nicht nur Immobilienmarkt und Stadtentwicklung tangiert, sondern auch und vor allem die Frage nach unserer zivilschutztechnischen Realität neu stellt.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Zahlen, die schmerzen</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Fakten sind unbarmherzig: Im Jahr 2007 gab die Bundesregierung das Schutzraumkonzept auf. Niemand wollte in Friedenszeiten für Bunker bezahlen. Die Finanzierung der restlichen Schutzräume wurde eingestellt, die Rückabwicklung begann. Circa 477.000 Schutzplätze sind heute auf dem Papier noch vorhanden. In der Realität: Keine einzige öffentliche Schutzstelle ist funktionsfähig. Das erklärte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben freimütig auf Anfrage. Nach fast zwei Dekaden der Entkernung und Umgestaltung stehen die Bunker jetzt als Geister da: Architektonisch transformiert zu Luxuswohnungen, aber zivilschutztechnisch völlig unbrauchbar.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Kosten einer Reaktivierung? Martin Voss, Professor für Krisen- und Katastrophenforschung an der Freien Universität Berlin, gibt die ehrliche Antwort: mehr als 500 Milliarden Euro. Das wäre eine Summe, die alle aktuellen Sonderhaushalte in den Schatten stellt.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Gretchenfrage der Effektivität</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch noch vor der ökonomischen Frage stellt sich eine militärstrategische: Was nützen die Bunker überhaupt noch? Dies ist die zentrale Frage, die die öffentliche Debatte zu häufig umschiffer. Moderne Drohnenschwärme mit Kurzzeitwarnzeiten würden die meisten Bürger ohnehin nicht in die unterirdischen Schutzräume bringen. Ein Bunker, in dem sich mehrere hundert bis tausend Menschen dicht gedrängt in die Dunkelheit flüchten, könnte unter den Bedingungen moderner Kriegführung schnell selbst zum Ziel werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Anders ausgedrückt: Die alte Bunker-Logik funktioniert im Zeitalter vernetzter Drohnen und Hyperschallwaffen nicht mehr. Das ist eine unbequeme Wahrheit, zu der sich Planerinnen und Planer und politische Verantwortliche jedoch durchringen müssen.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was hätte sein können: Das Resilienzzentrum</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Martin Voss hat einen provozierenden Vorschlag: Statt die Bunker entweder vollständig zu privatisieren oder in ein kostspieliges Schutzraumkonzept zu investieren, könnte man ein Resilienzzentrum schaffen. Eine institutionelle Drehscheibe, die bestehende Bunker in multiplen Krisenszenarios neu rahmt. Sie könnten Orte sein, an denen Menschen in Stromausfällen Informationen bekommen, wo sie Kurbelradios finden, wo sie Trinkwasser tanken können. Nicht als Luftschutzräume wie 1944, sondern als kulturelle und soziale Anlaufstellen für Extremfälle.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Ein solches Konzept benötigte Koordination zwischen Bund und Ländern, zwischen Zivilschutz und Katastrophenschutz. Genau diese Koordination fehlt heute völlig. Ein Resilienzzentrum, schätzt Voss, würde zwischen 20 und 30 Millionen Euro kosten. Das sind Mittel, die durchaus aufgebracht werden könnten, wenn der politische Wille da wäre.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was die Nordländer richtig machen</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Finnland und Schweden werden oft genannt, wenn es um Zivilschutz geht. Sie haben eines gemeinsam: Diese Länder haben ihre Bunker nicht privatisiert. Sie haben ihre Bevölkerung niemals in den trügerischen Traum von permanentem Frieden versetzt. In Helsinki hat sogar die U-Bahn-Infrastruktur eine Wasserversorgung für den Ernstfall. Das ist keine Paranoia, das ist Realismus angesichts von 1.300 Kilometern geteilter Grenze mit Russland.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Deutschland hat diesen Realismus aufgegeben. Stattdessen wurde zwischen 2007 und 2022 eine gigantische Immobilien-Konversionsmaschine gebaut, die Kriegsreliquien in Penthäuser verwandelt hat. Das war architektonisch interessant. Strategisch war es fahrlässig.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die unbequeme Wahrheit</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die unbequeme Wahrheit ist: Wir als Architekten und Architektinnen, wir als Planende, wir als städtische Gemeinschaft haben es geschafft, eines unserer größten baulichen Vermächtnisse des 20. Jahrhunderts zu ruinieren. Nicht physisch zerstört, sondern funktional delegitimiert. Die Bunker stehen zwar noch, aber sie sind Ruinen einer anderen Epoche.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Hätte die Bundesregierung 2007 anders entschieden, hätte sie die Bunker in einem veränderten Ansatz bewahrt und gepflegt statt privatisiert und transformiert, wäre die heutige Situation eine ganz andere. Das ist nicht mehr zu ändern.</p>
<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ausblick: Umdefinition statt Rückkehr</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was wir brauchen, ist keine Rückkehr zur Bunker-Logik der 1950er Jahre. Was wir brauchen, ist eine intelligente Neudefinition. Einzelne Bunker könnten, wie in Oberhausen und Hamburg bewiesen, durchaus als hybride Orte weiterbestand haben, wenn sie mit einer neuen Funktion ausgestattet würden: als kulturelle Zentren und Krisenlokationen zugleich. Der sogenannte Musikbunker in Frankfurt zeigt, dass dies möglich ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Allerdings nur mit kommunalen Strukturen, die heute nicht existieren. Florian Ritter von der Branddirektion Frankfurt hat recht: Letzten Endes kommt man immer zu dem Punkt, dass jeder selbst vorsorgen muss. Das ist keine tröstliche Aussicht. Aber es ist ehrlich.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die Bunker stehen noch. Aber ihre Zeit ist vorbei.</strong></p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Das Instagram-Denkmal in den Bergen: Wenn Architektur zur Reklame wird</title>
		<link>https://baukunst.art/das-instagram-denkmal-in-den-bergen-wenn-architektur-zur-reklame-wird/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Oct 2025 10:09:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Alpenarchitektur]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturkritik]]></category>
		<category><![CDATA[Landschaftsschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Luxusbau]]></category>
		<category><![CDATA[Nachhaltigkeitskritik]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Alpen sind ins Instagram-Zeitalter eingezogen – und mit ihm eine Architektur der Spektakel, die sich weniger an Bewohnerinnen und Bewohnern als an Algorithmen orientiert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Loos-Verheißung und ihre Verfehlungen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Adolf Loos hätte sich erschüttert abgewendet. Als der österreichische Architekt 1913 seine Regeln für das Bauen in den Bergen formulierte, leitete ihn eine unbeirrbare Überzeugung: Nicht das Bauwerk sollte malerisch wirken, sondern die Natur. Der Mensch, der sich malerisch kleidet, ist kein Kunstwerk, sondern ein Hanswurst – so Loos, und derselbe Gedanke galt für Architektur. Über ein Jahrhundert später scheint diese Botschaft nur noch eine historische Fußnote zu sein.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Heute wetteifern Architekten darin, aus den letzten unverbauten Alpengrundsätzen Instagram-Ikonen zu schaffen. Das „Hub of Huts&#8220; in Südtirol mit seinen kopfüber hängenden Satteldachhäuschen ging tausendfach um die Welt – nicht weil es eine gelungene Architektur darstellt, sondern weil sein Bild jede Scrollgeschwindigkeit durchbricht. Die „Vertical Chalets&#8220; von Peter Pichler in Kitzbühel schweben auf Holzstümpfen über die Baumwipfel. Bert am Pogusch präsentiert sich als beleuchtete zylindrische Provokation. Alle diese Projekte eint ein merkwürdiges Missverständnis: Sie halten Aufmerksamkeit für Qualität und Sichtbarkeit für Schönheit.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Rhetorik der Überwindung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Raffinierte an dieser Entwicklung ist die sprachliche Ummantelung. Architektinnen und Architekten sprechen von „Grenzensetzung&#8220;, von „Evolution der Tradition&#8220;, von „Reinterpretation&#8220;, die „zwischen Anpassung und Neuinterpretation balanciert&#8220;. Diese Formulierungen klingen nach verantwortungsvoller Reflexion. Doch wer genau hinsieht, erkennt dahinter eine systematische Strategie zur Legitimation von Spektakel.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Peter Pichler erklärt, man müsse sich der Bergwelt unterordnen – und plant doch Chalets, die in Holz-Stützgerüsten schweben. Die Architekten von DMAA versichern, mit ihrem Projekt die Landschaft nicht zu zerstören, sondern sie zu „reparieren&#8220; – während ein futuristisches Haus im Hang sich versteckt und von Ferne unsichtbar werden soll. Diese Diskrepanzen zwischen Anspruch und Realität sind nicht zweitrangig. Sie offenbaren eine grundsätzliche Heuchelei: Man nimmt die Gesinnung traditioneller Bescheidenheit in den Mund, während man die Landschaft zum Schauplatz eigener Ambition macht.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Global Luxury Language und die Kapitalisierung der Stille</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Anita Aigner von der TU Wien hat es präzise diagnostiziert: Das alpine Bauen von heute ist an die fotografische Praxis gekoppelt. Nicht mehr die Landschaft ist das Motiv – sondern die aufmerksamkeitsheischende Architektur selbst. Die Namen dieser Projekte sind bezeichnend: „Elysion&#8220;, „Cloud P&#8220;, „Insel der Seligen&#8220;. Eine „Global Luxury Language&#8220; soll den Wunsch nach Veraußeralltäglichung anfeuern, so Weber zitierend.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was hier passiert, ist die Umwandlung von Landschaft in Kapital – genauer: die Umwandlung von Exklusivität in Preis. Die Villa Cloud P am Faaker See hat schon seit 2021 auf Käuferinnen und Käufer. Drei Wohnungen, die kleinste für 1,97 Millionen Euro. Das ist die eigentliche Architektur dieses Zeitalters: nicht das Gebäude, sondern der Marktwert. Jedes Projekt ist eine Rendite auf Beinen. Der Berg wird zur Büroimmobilie mit Aussicht.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Nachhaltigkeitsrhetorik als grüner Anstrich</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders perfide ist die Nachhaltigkeitslegende, die um viele dieser Projekte gesponnen wird. Ja, es gibt Wärmepumpen, Solaranlagen, grüne Dächer. Doch die fundamentale Unsustainabilität wird dadurch nicht gelöst: die bloße Existenz des Bauwerks auf einem Grundstück, das vorher unverbaut war. Das ist nicht repariert, sondern zerstört – nur eben mit schlechtem Gewissen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die tatsächlich nachhaltigen Ansätze, wie Steven Downs sie in der Haute-Savoie verfolgt – passive Häuser mit 700 Euro Heizkosten pro Jahr, aus recycelten Materialien – diese Projekte erhalten nie die hundertfache mediale Aufmerksamkeit. Sie sind nicht spektakulär genug. Sie benötigen keine Instagram-Drohnenaufnahmen. Sie lassen sich nicht in drei Sekunden erfassen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Gratwanderung als Ausrede</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Immer wieder hört man das Wort „Gratwanderung&#8220; – zwischen Tradition und Moderne, zwischen Anpassung und Innovation. Diese Metapher ist bequem. Sie deutet an, dass es eine Mitte gibt, dass alles eine Frage der Balance ist. Doch eine Gratwanderung kann auch scheitern. Und es lohnt sich zu fragen: Wessen Gratwanderung ist es? Nicht die der Bergbauerin oder des Bergbauern, die seit Generationen mit dieser Landschaft leben. Es ist die Gratwanderung des Architekten oder der Architektin zwischen kreativer Ambition und ethischem Anspruch.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Zu oft wird diese private Gratwanderung auf dem Rücken der Allgemeinheit ausgefochten – denn die Alpenlandschaft ist kein privates Atelier. Sie gehört allen. Ihre Zerstörung ist eine Form der Aneignung.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Gegenbewegung und die fehlende Kritik</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es ist rätselhaft, warum die architektonische Kritik so zahnlos ist. Die Fachmagazine preisen diese Projekte in großformatigen Bildstrecken. Die Architectinnen und Architekten werden zu Stars, ihre Gebäude zu Sehenswürdigkeiten. Selten wird grundsätzlich gefragt: Darf das sein? Sollte das sein? Was verlieren wir, wenn jedes letzte Grundstück in den Bergen zum Schauplatz von Architektur-Spektakeln wird?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es gibt gute Gegenentwürfe – nachhaltige Projekte, die respektvoll mit der Landschaft umgehen. Doch sie sind unterfinanziert, medial unsichtbar, wirtschaftlich unter Druck. Das System bevorzugt die Provokation, nicht die Demut. Es belohnt die Architektur, die sich selbst in den Mittelpunkt stellt, nicht jene, die sich unterordnet.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Was ist zu tun?</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Forderung nach einem Baustopp in den Alpen ist unrealistisch – und möglicherweise nicht einmal wünschenswert. Die Forderung nach echtem, nicht greenwashed, nachhaltigem Bauen ist hingegen notwendig. Sie erfordert die Bereitschaft zu ehrlicher, unglamouröser Architektur. Sie erfordert auch eine Veränderung der Anreizstrukturen: nicht Projekte fördern, die fotografierbar sind, sondern jene, die nachhaltig sind. Die Kammer sollte architektonische Hybris sanktionieren, nicht sie als Boldface-Titel zelebrieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Vor allem aber wäre es nötig, Loos wieder zu lesen. Nicht nostalgisch, nicht als historisches Relikt, sondern als Provokation für die Gegenwart: Das Bauwerk soll nicht malerisch sein. Die Natur ist malerisch genug. Wer das verneint, handelt nicht als Architekt oder Architektin, sondern als Hanswurst.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Die »Arc de Trump« und die Erosion demokratischer Architekturkultur</title>
		<link>https://baukunst.art/die-arc-de-trump-und-die-erosion-demokratischer-architekturkultur/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 25 Oct 2025 09:53:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Top-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Arc de Trump]]></category>
		<category><![CDATA[Autoritarismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ballroom]]></category>
		<category><![CDATA[Denkmalschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Klassizismus]]></category>
		<category><![CDATA[Macht und Ästhetik]]></category>
		<category><![CDATA[Trump-Architektur]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer in Washington 2026 unter einem Triumphbogen hindurchgeht, wandert durch die "Arc de Trump". Eine goldene Freiheitsstatue mit Flügeln bekrönt das Bauwerk – Kitsch als politische Philosophie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []">Triumphale Selbstinszenierung: Architektur als Machtdemonstration</h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true"><strong>Wer in Washington 2026 unter einem Triumphbogen hindurchgeht, wandert durch die &#8222;Arc de Trump&#8220;. Eine goldene Freiheitsstatue mit Flügeln bekrönt das Bauwerk – Kitsch als politische Philosophie.</strong></p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Der Kaiser ist nackt – auch wenn er Gold trägt</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es gibt Momente in der Architekturgeschichte, in denen der Verfall einer Kulturfähigkeit so offensichtlich wird, dass man sie dokumentieren muss wie einen Pathologen sein Präparat. Ein solcher Moment liegt vor. Nicht nur die Pläne für den geplanten Triumphbogen vor dem Lincoln Memorial, sondern die gesamte architektonische Strategie der gegenwärtigen US-Administration offenbaren ein fundamentales Missverständnis darüber, was Architektur in einer Demokratie sein sollte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die »Arc de Trump«, offiziell »Independence Arch« genannt, ist keine Feier der Unabhängigkeit. Sie ist die materialisierte Autobiografie eines Mannes, der – wie Trump selbst gegenüber einem Journalisten der CBS zugab – nach der Frage, für wen dieser Bogen gedacht sei, antwortete: »Me.« Vier Worte, die prägnanter ein Jahrhundert postmoderner Architekturtheorie zusammenfassen als alle akademischen Debatten es vermöchten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Erschreckende liegt nicht primär in der Geschmacklosigkeit – obwohl die goldene Statue mit Freiheitsstatuen-Bezügen und Siegesgöttin-Reminiszenzen tatsächlich das Kitsch-Kriterium unterbietet. Das Erschreckende liegt in der Zweckentleerung eines architektonischen Typus. Der Triumphbogen war ursprünglich ein römisches Monument der Macht: Er feierte militärische Siege und sollte zugleich dem Senat Tribut zollen. Selbst unter Napoleon – dem offensichtlichen Vorbild – wurde das Bauwerk einer gewissen ideologischen Camouflage unterzogen. Es sollte auch die Gefallenen ehren, nicht nur die Macht des Kaisers.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was Trump vorschlägt, ist die radikale Entkernung dieser Komplexität. Hier gibt es keine Ambivalenz, keine Spannung zwischen Individuum und Kollektiv. Es gibt nur: Trump. Und das ist genuinely autoritär – wobei der Begriff »Diktator-Chic« aus der Kritik von Kulturjournalistin Ulrike Knöfel genau diesen Sachverhalt beschreibt: nicht eine Diktatur per se, sondern deren Ästhetik als Stilmittel. Das ist oft gefährlicher, weil es normalisiert.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch es kommt noch schlimmer. Parallel zum Triumphbogen wird der Ballsaal im Weißen Haus realisiert – eine 200-Millionen-Dollar-Installation in Weiß, Gold und Marmor, die den kompletten historischen Ostflügel des Hauses zerstört. Hier zeigt sich das gesamte Programm: die Vernichtung demokratischer Raumtraditionen zugunsten einer neuen Ästhetik der Macht. Der Eastroom – historisch gebunden an die »Machtverteilung« – wird durch einen Ballsaal ersetzt, in den der Präsident 999 handverlesene Gäste einladen kann. Jedes Quadratmeter ist durchgestylt, jede Säule vergoldet – eine Hommage an die Ästhetik der Achtziger Jahre, wie Trump sie liebt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Finanzierung dieses Unterfangens erfolgt durch »patriotische Spender« – in Wirklichkeit durch Silicon-Valley-Magnaten, die Zugang zum Präsidenten erkaufen. Eine nicht-transparente Finanzierung für ein öffentliches Monument – ein Skandal, der in jeder echten Demokratie zu Impeachment-Verfahren führen würde. Stattdessen wird diskret gebaut, während regulatorische Lücken genutzt werden und Behörden während eines Shutdowns »zufällig« offline sind.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was bedeutet das für die Architekturkultur? Nach vier Jahrzehnten Berufserfahrung kann ich folgende Beobachtung treffen: Architektur ist nie politisch neutral, aber sie kann ethisch kompromittiert werden. Der Moment, in dem ein Architekt – und sei er noch so talentiert – sich dazu bereit erklärt, diese Projekte zu realisieren, kapituliert er vor dem Gedanken, dass Architektur eine gesellschaftliche Verantwortung hat. Nicolas Leo Charbonneau von Harrison Design hat mit seiner Mitarbeit eine Grenzlinie überschritten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Executive Order zum klassischen Baustil, das Trump erlassen hat, ist die nächste Eskalationsstufe: Es diktiert nicht nur Geschmack, es diktiert Ideologie. »Was Diktatoren tun«, sagte die US-Kongressabgeordnete Dina Titus zurecht in einem Dezeen-Interview. Die Kontrolle über die Ästhetik ist die Kontrolle über die Gesellschaft. Brutalistarchitektur wird als Subversiv behandelt, klassische Formen als Ausdruck von »amerikanischen Werten«. Hier offenbaren sich die Kontinuitäten zu Albert Speer, zu Mussolinis Architektur der Macht, zu Hitlers Bogenplanungen für Berlin.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Frage, die sich jede Architektin und jeder Architekt stellen muss, ist: Werde ich zum Werkzeug einer autoritären Ästhetik? Oder bewahre ich noch den kritischen Abstand zu dem, was gebaut wird? Es ist eine generationelle Frage. Die jungen Architektinnen und Architekten wachsen in einer Welt auf, in der solche Machtsymbole als »normal« präsentiert werden. Das ist die größte Gefahr – nicht die kitschige Ausführung, sondern die Normalisierung des Autoritären.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die »Arc de Trump« wird wahrscheinlich gebaut. Die Ballsäle werden wahrscheinlich fertiggestellt. Und ein Nachfolger – hoffentlich – wird diese Accessoires wieder entfernen. Aber die Bauten bleiben. Und sie werden, so leid es mir tut, zu sagen, die Architekturlandschaft des 21. Jahrhunderts prägen. Das ist nicht nur ein ästhetischer Verlust. Es ist ein moralischer.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Carlo Scarpa: Vom Außenseiter zur Ikone – Eine gesellschaftliche Neubewertung</title>
		<link>https://baukunst.art/carlo-scarpa-vom-aussenseiter-zur-ikone-eine-gesellschaftliche-neubewertung/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 23 Sep 2025 08:22:13 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Carlo Scarpa]]></category>
		<category><![CDATA[Partizipative Architektur]]></category>
		<category><![CDATA[Venezianische Moderne]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=13435</guid>

					<description><![CDATA[Carlo Scarpas Architektur erlebt eine Renaissance. Der venezianische Meister, einst umstritten und verkannt, wird heute als Pionier einer humanistischen Baukunst wiederentdeckt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die späte Rehabilitation eines Visionärs</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Carlo Scarpa war zeitlebens ein Paradoxon: Ein Architekt ohne formalen Abschluss, der die italienische Nachkriegsarchitektur revolutionierte. Seine Marginalisierung durch das akademische Establishment der 1950er und 60er Jahre erscheint heute als symptomatisch für eine Architekturszene, die sich in dogmatischen Grabenkämpfen zwischen Modernisten und Traditionalisten verlor. Während Architektinnen und Architekten seiner Generation um stilistische Reinheit rangen, schuf Scarpa eine zutiefst menschliche Architektur, die soziale Begegnungen choreografierte und kulturelle Teilhabe demokratisierte.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die aktuelle Wiederentdeckung Scarpas ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Sehnsucht nach Räumen, die mehr bieten als funktionale Effizienz. In Zeiten urbaner Verdichtung und sozialer Fragmentierung erscheinen seine sorgfältig komponierten Schwellenräume, seine meditativen Wasserbecken und seine taktilen Materialkollagen als Gegenentwurf zur Anonymität zeitgenössischer Stadtarchitektur.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Demokratisierung durch Details</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Scarpas revolutionärer Ansatz manifestiert sich besonders in seinen Museumsumbauten. Die Gipsoteca Canoviana in Possagno oder das Museo di Castelvecchio in Verona sind keine elitären Kunsttempel, sondern durchlässige Begegnungsräume. Durch geschickte Wegeführung, variierende Raumhöhen und überraschende Durchblicke schuf er eine Architektur der Inklusion. Besucherinnen und Besucher werden nicht durch monumentale Gesten eingeschüchtert, sondern durch subtile Details zum Verweilen eingeladen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Seine charakteristische Behandlung von Treppen – nie nur Erschließung, immer auch sozialer Raum – transformierte funktionale Notwendigkeiten in Orte der Begegnung. Die berühmte Treppe der Querini Stampalia Stiftung in Venedig etwa inszeniert das Aufsteigen als gemeinschaftliches Ritual, bei dem sich Blicke kreuzen und Gespräche entstehen. Diese partizipative Dimension seiner Architektur war ihrer Zeit weit voraus.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Handwerk als soziale Praxis</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Scarpas intensive Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkerinnen und Handwerkern – Steinmetzen aus Pove del Grappa, Glasbläsern aus Murano – war mehr als ästhetische Vorliebe. Sie repräsentierte ein alternatives Produktionsmodell, das regionale Identitäten stärkte und traditionelles Wissen bewahrte. In einer Zeit industrieller Standardisierung beharrte er auf der sozialen Dimension des Bauens als kollektiver kultureller Praxis.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Haltung gewinnt heute neue Relevanz. Angesichts globalisierter Bauindustrien und prekärer Arbeitsbedingungen auf Großbaustellen erscheint Scarpas Modell der engen Kollaboration zwischen Planenden und Ausführenden als zukunftsweisend. Seine Baustellen waren Orte des Wissenstransfers, wo akademische Theorie und handwerkliche Praxis in einen produktiven Dialog traten.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Venezianische Lektionen für zeitgenössische Städte</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Scarpas venezianische Projekte – von der Fondazione Querini Stampalia bis zum Negozio Olivetti – demonstrieren einen sensiblen Umgang mit historischem Bestand, der aktuelle Debatten um Nachverdichtung und Denkmalschutz bereichern könnte. Statt nostalgischer Rekonstruktion oder brutaler Überformung praktizierte er einen respektvollen Dialog zwischen Alt und Neu. Seine Interventionen artikulieren sich als eigenständige Zeitschicht, ohne die Integrität des Bestehenden zu negieren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Methodik bietet Antworten auf drängende urbanistische Fragen: Wie können wir gewachsene Stadtstrukturen transformieren, ohne ihre soziale DNA zu zerstören? Scarpas Architektur zeigt, dass behutsame Eingriffe kraftvoller wirken können als radikale Gesten. Seine Ergänzungen schaffen neue Nutzungsmöglichkeiten und soziale Räume, ohne gewachsene Nachbarschaften zu verdrängen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die politische Dimension des Poetischen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Kritik an Scarpa als apolitischem Ästheten greift zu kurz. Seine obsessive Detailarbeit war durchaus politisch: Sie beharrte auf der Würde des Alltäglichen und dem Recht auf ästhetische Erfahrung jenseits sozialer Schichten. Wenn er Monate damit verbrachte, die perfekte Türklinke zu entwerfen, ging es nicht um elitären Perfektionismus, sondern um die demokratische Überzeugung, dass alle Menschen qualitätvolle Räume verdienen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Haltung resoniert mit aktuellen Diskursen um räumliche Gerechtigkeit. Während sozialer Wohnungsbau oft unter dem Diktat der Kostenminimierung leidet, erinnert Scarpas Werk daran, dass ästhetische Qualität kein Luxus ist, sondern Grundrecht. Seine Architektur argumentiert implizit gegen die Zwei-Klassen-Gesellschaft des Bauens.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Renaissance eines humanistischen Architekturverständnisses</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die aktuelle Scarpa-Renaissance, manifestiert in Ausstellungen, Publikationen und Architekturtourismus zu seinen Bauten, signalisiert einen Paradigmenwechsel. Nach Jahrzehnten parametrischer Experimente und digitaler Virtuosität sehnt sich die Architekturszene nach haptischer Präsenz und emotionaler Resonanz. Junge Architektinnen und Architekten pilgern nach Verona und Venedig, um in Scarpas Räumen eine Alternative zur Bildschirmarchitektur zu erfahren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Doch die Gefahr der Mythifizierung ist real. Scarpa zum unantastbaren Genius zu stilisieren, würde seinem dialogischen Architekturverständnis widersprechen. Produktiver wäre es, seine Methoden kritisch zu adaptieren: die intensive Auseinandersetzung mit lokalen Kontexten, die Integration handwerklicher Intelligenz, die Choreografie sozialer Begegnungen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Conclusio: Lehren für die Gegenwart</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Carlo Scarpas Rehabilitation ist mehr als kunsthistorische Gerechtigkeit – sie ist Symptom einer gesellschaftlichen Neuorientierung. In einer Zeit, in der Architektur zunehmend als Spekulationsobjekt oder Instagram-Kulisse funktionalisiert wird, erinnert sein Werk an die soziale Verantwortung des Bauens. Seine Räume sind Gegenmodelle zur Vereinzelung digitaler Welten: Sie zwingen zur körperlichen Präsenz, zur sinnlichen Wahrnehmung, zur zwischenmenschlichen Begegnung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Wiederentdeckung Scarpas sollte jedoch nicht in nostalgischer Verklärung münden. Stattdessen gilt es, seine Prinzipien für zeitgenössische Herausforderungen zu übersetzen: Wie können partizipative Planungsprozesse von seiner Kollaborationspraxis lernen? Wie lässt sich seine Material-sensibilität mit Nachhaltigkeitsanforderungen verbinden? Wie können digitale Werkzeuge seine handwerkliche Präzision demokratisieren? Die Antworten auf diese Fragen werden zeigen, ob Scarpas Renaissance mehr ist als modische Nostalgie – nämlich Ausgangspunkt für eine neue, sozial engagierte Architekturpraxis.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="1 1 []">Biografischer Hintergrund</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Carlo Scarpa (1906-1978) war einer der eigenwilligsten Protagonisten der italienischen Architektur des 20. Jahrhunderts. Geboren in Venedig, absolvierte er 1926 sein Studium an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Venedig – allerdings nicht in Architektur, sondern in Architekturzeichnen. Dieser scheinbare Makel verfolgte ihn zeitlebens: Ohne formalen Architekturabschluss durfte er offiziell nur als &#8222;Professor für Architekturzeichnen&#8220; arbeiten und benötigte für jedes Bauprojekt die Unterschrift eines approbierten Architekten.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Der Fensterladen: Eine verlorene Kunst des Schattens?</title>
		<link>https://baukunst.art/der-fensterladen-eine-verlorene-kunst-des-schattens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Sep 2025 13:03:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Klimaarchitektur]]></category>
		<category><![CDATA[nachhaltiges Bauen]]></category>
		<category><![CDATA[Sonnenschutz]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=13427</guid>

					<description><![CDATA[ Mitteleuropa schwitzt sich durch den Klimawandel – und ignoriert dabei die simpelste Lösung, die seit Jahrhunderten funktioniert: außenliegende Fensterläden als natürliche Klimaregulierung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Der blinde Fleck der zeitgenössischen Architektur</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die mitteleuropäische Baukultur hat sich von einer fundamentalen Weisheit verabschiedet. Während in Triest, Verona oder Marseille Fensterläden selbstverständlich zur Fassade gehören, glaubt man nördlich der Alpen immer noch, mit innenliegenden Jalousien und energiefressenden Klimaanlagen die Hitze bekämpfen zu können. Ein fataler Irrtum, der sich jeden Sommer rächt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Physik ist eindeutig: Sonnenschutz funktioniert nur effektiv, wenn er die Wärme bereits vor der Glasscheibe abfängt. Fensterläden reduzieren die Aufheizung um bis zu 75 Prozent – innenliegende Systeme schaffen bestenfalls 25 Prozent. Diese Zahlen kenne ich nicht aus Lehrbüchern, sondern aus unzähligen Messungen in realisierten Projekten. Trotzdem dominieren in deutschen und österreichischen Neubauten glatte, schattenlose Glasfassaden, als hätten Architektinnen und Architekten kollektiv vergessen, dass die Sonne existiert.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das Märchen von der modernen Ästhetik</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Argumente gegen Fensterläden höre ich seit Jahren: zu altmodisch, zu wartungsintensiv, störend für die puristische Fassadengestaltung. Dabei offenbart sich hier ein erschreckender Mangel an gestalterischer Kreativität. Fensterläden sind keine nostalgischen Relikte, sondern hochfunktionale Bauelemente, die längst zeitgemäß interpretiert werden können. Schiebeläden aus perforiertem Metall, faltbare Lamellensysteme aus Holz oder textile Screens – die Möglichkeiten sind endlos.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders absurd wird die Diskussion, wenn Bauträgerinnen und Bauträger millionenteure Fassadenbegrünungen als Klimaschutz verkaufen, aber simple Klappläden als unzumutbar abtun. Eine vertikale Grünfassade kostet pro Quadratmeter das Zehnfache eines hochwertigen Fensterladens und benötigt jahrelange Pflege, bis sie wirksam beschattet. Die Prioritäten der Branche sind vollkommen verrutscht.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die vergessene Multifunktionalität</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Fensterläden können mehr als nur Schatten spenden. Sie regulieren Privatsphäre, reduzieren Straßenlärm, schützen vor Sturm und Hagel, verbessern die Sicherheit und ermöglichen nachts vollständige Verdunkelung. In meiner Praxis habe ich erlebt, wie Bewohnerinnen und Bewohner nach dem nachträglichen Einbau von Fensterläden ihre Schlafqualität dramatisch verbesserten und die Energiekosten um ein Drittel senkten.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die mediterrane Architektur macht es vor: Dort sind Fensterläden integraler Bestandteil des klimagerechten Bauens. Sie schaffen Zwischenzonen zwischen Innen und Außen, ermöglichen dosierte Belichtung und Belüftung. Ein Prinzip, das bereits die arabische Architektur mit ihren Mashrabiyas perfektionierte – hölzerne Gitterwerke, die Licht filtern, Luft zirkulieren lassen und gleichzeitig Privatsphäre wahren.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die Technologie-Verliebtheit als Irrweg</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Stattdessen setzen Planerinnen und Planer auf High-Tech-Lösungen: elektrochrome Gläser für 1.000 Euro pro Quadratmeter, automatisierte Raffstores mit anfälliger Sensorik, smarte Verschattungssysteme mit App-Steuerung. Nach zwei Jahrzehnten Beobachtung solcher Systeme kann ich sagen: Die Hälfte funktioniert nach fünf Jahren nicht mehr ordnungsgemäß. Ein simpler Fensterladen hingegen hält bei minimaler Wartung 50 Jahre und länger.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Diese Technologie-Fixierung offenbart ein grundsätzliches Missverständnis nachhaltiger Architektur. Nachhaltigkeit bedeutet nicht, möglichst viele technische Gadgets in ein Gebäude zu packen, sondern robuste, einfache Lösungen zu finden, die ohne Strom und Elektronik funktionieren. Ein Fensterladen ist passiver Sonnenschutz in Reinform – keine Energie, keine Steuerung, keine Ausfälle.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Das Versagen der Ausbildung</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Wurzel des Problems liegt bereits in der Architekturausbildung. Klimagerechtes Bauen wird als technisches Spezialgebiet behandelt, nicht als Grundprinzip jeden Entwurfs. Studierende lernen, spektakuläre Renderings zu produzieren, aber nicht, wie sich ein Gebäude im Hochsommer verhält. Sie können parametrische Fassaden programmieren, wissen aber nicht, warum in der Provence die Fenster nach Norden klein und nach Süden groß sind – immer mit tiefen Laibungen und Läden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In meinen Gastvorträgen stelle ich regelmäßig die Frage: Wer hat schon einmal in einem Raum mit funktionierenden Fensterläden gewohnt? Selten melden sich mehr als zehn Prozent. Wie sollen diese jungen Architektinnen und Architekten etwas entwerfen, dessen Qualität sie nie erlebt haben?</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die ökonomische Kurzsichtigkeit</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Hauptargument gegen außenliegenden Sonnenschutz sind immer die Kosten. Dabei rechnet niemand ehrlich: Ein hochwertiger Klappladen kostet etwa 400 Euro pro Quadratmeter Fensterfläche. Die Alternative – eine leistungsstarke Klimaanlage plus höhere Energiekosten über die Lebensdauer – liegt beim Dreifachen. Ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen Kosten durch Urban Heat Islands und Stromspitzen an Hitzetagen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders perfide: In Förderrichtlinien für energieeffizientes Bauen werden Fensterläden oft nicht als förderwürdig eingestuft, während technische Beschattungssysteme bezuschusst werden. Eine Politik, die Low-Tech bestraft und High-Tech belohnt – mit fatalen Folgen für Baukultur und Klima.</p>
<h3 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Zeit für eine Renaissance</strong></h3>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Es ist Zeit für eine Renaissance der Fensterläden – nicht als romantische Nostalgie, sondern als intelligente Antwort auf die Klimakrise. Moderne Interpretationen zeigen längst, wie sich traditionelle Funktion und zeitgenössische Ästhetik verbinden lassen. Perforierte Aluminiumläden des Architekten Jean Nouvel am Institut du Monde Arabe in Paris, die beweglichen Holzlamellen von Herzog &amp; de Meuron oder die textilen Screens von Lacaton &amp; Vassal beweisen: Außenliegender Sonnenschutz kann Architektur bereichern, nicht behindern.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Auch aus Berufserfahrung bin ich überzeugt: Die Zukunft gehört nicht den stromfressenden Glaspalästen mit Vollklimatisierung, sondern einer Architektur, die mit einfachen, robusten Mitteln auf das Klima reagiert. Fensterläden sind dabei kein Rückschritt, sondern ein Schritt nach vorn – zurück zu einer Baukultur, die Funktionalität und Nachhaltigkeit über kurzlebige Effekthascherei stellt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Meine Liebe zum hässlichen Beton – Bekenntnisse eines bekehrten Architekten</title>
		<link>https://baukunst.art/meine-liebe-zum-haesslichen-beton-bekenntnisse-eines-bekehrten-architekten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 22 Aug 2025 07:56:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Top-Themen]]></category>
		<category><![CDATA[Architekturerbe]]></category>
		<category><![CDATA[Brutalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Münchner Strafjustizzentrum]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=13045</guid>

					<description><![CDATA[Beton ist sexy geworden. Was jahrzehntelang als hässlich galt, erobert Instagram und die Herzen einer neuen Generation. Zeit für eine Neubewertung.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die unerwartete Renaissance des Rohen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Viele Jahre habe ich als Architekt gearbeitet, und fast genauso lange musste ich mir anhören, dass Betonbauten der 1960er und 70er Jahre &#8222;Schandflecke&#8220; seien. Heute fotografieren Hipster genau diese Gebäude für ihre Instagram-Accounts, und Architekturstudierende pilgern zu brutalistischen Ikonen wie andere zu Wallfahrtsorten. Was ist passiert?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Münchner Strafjustizzentrum steht exemplarisch für diese Zeitenwende. Der monumentale Betonkoloss von 1974, entworfen von Gunter Henn und Max Speidel, sollte eigentlich längst Geschichte sein. Stattdessen formiert sich eine breite Allianz aus Denkmalschützern und Denkmalschützerinnen, Architekturliebhabern und sogar ehemaligen Kritikerinnen, die für seinen Erhalt kämpfen. Die Ironie dabei: Ausgerechnet ein Gebäude, das Recht und Ordnung symbolisiert, wird zum Rebellionsobjekt einer neuen Architekturbewegung.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Vom Hassobjekt zur Ikone</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Brutalismus hat einen bemerkenswerten Imagewandel durchlaufen. Was in den 1980er und 90er Jahren als &#8222;unmenschlich&#8220; und &#8222;kalt&#8220; verschrien war, wird heute als &#8222;authentisch&#8220; und &#8222;ehrlich&#8220; gefeiert. Diese Neubewertung ist kein Zufall, sondern Resultat eines veränderten gesellschaftlichen Bewusstseins.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Generation, die heute den Brutalismus wiederentdeckt, ist mit glatten Glasfassaden und belanglosen Investorenarchitekturen aufgewachsen. In einer Welt der digitalen Oberflächlichkeit sehnen sich viele nach der rauen Materialität des Betons, nach Gebäuden, die eine klare Haltung ausdrücken. Der Brutalismus verspricht genau das: kompromisslose Architektur ohne kosmetische Verschönerung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Dabei ist die neue Liebe zum Beton durchaus selektiv. Während ikonische Bauten wie die Londoner Barbican Estate oder das Corbusierhaus in Berlin Kultstatus genießen, kämpfen weniger prominente Vertreter noch immer ums Überleben. Das Münchner Strafjustizzentrum gehört zu jenen Grenzfällen, bei denen sich entscheidet, ob unsere Gesellschaft bereit ist, auch die unbequemen Zeugen ihrer Baugeschichte zu bewahren.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Demokratie des Betons</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was viele Kritikerinnen und Kritiker übersehen: Der Brutalismus war in seiner Entstehungszeit ein zutiefst demokratisches Projekt. Die massiven Betonbauten entstanden nicht aus Größenwahn, sondern aus dem Wunsch, qualitätvolle öffentliche Räume für alle zu schaffen. Universitäten, Rathäuser, Kulturzentren – der Brutalismus baute für die Gemeinschaft, nicht für private Investoren.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Münchner Strafjustizzentrum verkörpert diese Philosophie auf eigenwillige Weise. Seine monumentale Erscheinung sollte die Bedeutung des Rechtsstaats unterstreichen, seine offenen Innenhöfe demokratische Transparenz symbolisieren. Dass diese Symbolik heute vielen fremd erscheint, sagt mehr über unsere Zeit aus als über die Architektur.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Nachhaltigkeit in Beton gegossen</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die aktuelle Klimadebatte verleiht der Brutalismus-Diskussion eine neue Dimension. Während überall von Nachhaltigkeit gesprochen wird, sollen intakte Betonbauten abgerissen werden – eine ökologische Absurdität. Die graue Energie, die in diesen Strukturen steckt, ist immens. Ein Abriss des Münchner Strafjustizzentrums würde nicht nur architektonisches Erbe vernichten, sondern auch Tonnen von CO2 freisetzen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Stattdessen sollten wir lernen, mit dem Bestand zu arbeiten. Brutalistische Bauten sind robust konstruiert und lassen sich hervorragend umnutzen. Das Londoner Southbank Centre oder die Tate Modern zeigen, wie erfolgreich solche Transformationen sein können. Warum nicht auch das Strafjustizzentrum neu denken? Als Kulturzentrum, als Start-up-Campus, als vertikale Stadt?</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Die Ästhetik des Widerstands</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die neue Begeisterung für den Brutalismus ist auch eine Form des ästhetischen Widerstands. In einer Zeit, in der Architektur zunehmend stromlinienförmig und marktkonform wird, steht der Brutalismus für Eigensinn und Charakterstärke. Diese Gebäude lassen sich nicht ignorieren, sie fordern Auseinandersetzung.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Besonders die junge Generation der Architektinnen und Architekten entdeckt im Brutalismus Qualitäten, die in der zeitgenössischen Architektur verloren gegangen sind: skulpturale Kraft, materieller Ausdruck, räumliche Komplexität. Nicht umsonst boomen Bücher über brutalistische Architektur, und Ausstellungen zum Thema ziehen Besucherscharen an.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true">Ein Plädoyer für Differenzierung</h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">In vielen Jahren der Auseinandersetzung mit Architektur habe ich gelernt: Nicht jedes Gebäude muss gefallen, aber jedes verdient eine faire Bewertung. Der Brutalismus polarisiert, und das ist gut so. Architektur soll nicht nur dekorieren, sondern auch provozieren, zum Nachdenken anregen, Position beziehen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Das Münchner Strafjustizzentrum mag keine Schönheit im klassischen Sinne sein. Aber es ist ein authentisches Dokument seiner Zeit, ein mutiges architektonisches Statement und ein nachhaltiger Baukörper. Sein Abriss wäre nicht nur ein Verlust für München, sondern ein Armutszeugnis für unseren Umgang mit architektonischem Erbe.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Brutalismus-Renaissance zeigt: Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und dieses Auge verändert sich mit der Zeit. Was heute als hässlich gilt, kann morgen als Meisterwerk gefeiert werden. Geben wir dem Grau eine Chance – es könnte uns überraschen.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Kammerspiele: Wie die Architekten-Lobby sich an Springer verkauft</title>
		<link>https://baukunst.art/kammerspiele-wie-die-architekten-lobby-sich-an-springer-verkauft/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 21 Aug 2025 09:35:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Meinung]]></category>
		<category><![CDATA[Premium]]></category>
		<category><![CDATA[Axel Springer]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesarchitektenkammer]]></category>
		<category><![CDATA[DAB]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsches Architektenblatt]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://baukunst.art/?p=13014</guid>

					<description><![CDATA[
Ein geheimer Deal, empörte Architektinnen, eine Petition und die Frage: Wie konnte die Bundesarchitektenkammer das Standesorgan aller deutschen Architekten ausgerechnet an den Springer-Konzern verscherbeln? Während die BAK-Führung von "Zukunftsfähigkeit" faselt, tobt in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung. Die Mitglieder wurden nicht gefragt, zahlen aber die Zeche. Nach vielen Jahren in der Architektur erlebe ich einen beispiellosen Verrat an der Baukultur – aber auch einen Berufsstand, der sich endlich wehrt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h1 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true" data-pm-slice="0 0 []"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Wenn Baukultur auf Boulevardjournalismus trifft: Die fatale Springer-Allianz der Bundesarchitektenkammer</strong></h1>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Bundesarchitektenkammer verkauft ihre publizistische Seele an Axel Springer &#8211; ein Verrat an den Werten der Baukultur, der die Architektinnen und Architekten vor vollendete Tatsachen stellt.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Der Sündenfall der Standesvertretung</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nach vielen Jahrzehnten in der Architektur habe ich vieles erlebt – schlechte Entwürfe, fragwürdige Bauherrenentscheidungen, politische Fehlsteuerungen. Doch was die Bundesarchitektenkammer (BAK) nun plant, übertrifft alles: Das Deutsche Architektenblatt (DAB), unser Standesorgan, soll ab 2026 von einer Springer-Tochter produziert werden. Ein Verlag, dessen Flaggschiffe BILD und WELT täglich den Pressekodex mit Füßen treten, soll künftig mit unseren Zwangsbeiträgen finanziert werden.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Architekturjournalistin Ursula Baus hat es auf LinkedIn treffend formuliert: Nach 37 Jahren in der Architekturpublizistik sei dies eine &#8222;Einbuchtung des Berufs in den Fängen der Springer-Presse&#8220;. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer vielleicht die Frage, wie es so weit kommen konnte.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die Mär von der redaktionellen Unabhängigkeit</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">BAK-Präsidentin Andrea Gebhard und Bundesgeschäftsführer Tillman Prinz verteidigen die Entscheidung mit geradezu rührender Naivität. Man sichere sich die redaktionelle Unabhängigkeit, Springer liefere nur die &#8222;Infrastruktur, nicht Haltung&#8220;. Wer so argumentiert, hat entweder die Medienlandschaft der letzten Jahrzehnte verschlafen oder hofft, dass die Mitglieder es tun.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Jeder Euro, der an Axel Springer Corporate Solutions (ASCS) fließt, stärkt einen Konzern, der systematisch Desinformation betreibt, Minderheiten diskriminiert und rechtspopulistische Narrative befeuert. Es spielt keine Rolle, ob ASCS als eigenständige Tochter agiert – das Geld landet im gleichen Konzern, der mit der BILD-Zeitung täglich demokratische Grundwerte untergräbt.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Stellenausschreibung für die neue Redaktionsleitung spricht Bände: Ein &#8222;einschlägiges&#8220; Studium genügt, Architekturexpertise ist nachrangig. Entwickelt werden soll primär die &#8222;Marke&#8220;, nicht der redaktionelle Inhalt. Die Redaktionsleitung kümmert sich um &#8222;Kunden&#8220; und &#8222;Bedürfnisse des Marktes&#8220;. Befristet auf ein Jahr. Das klingt nicht nach Baukultur, sondern nach Business.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Der demokratische Skandal</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Was mich besonders empört: Die Entscheidung wurde ohne jede Mitgliederbeteiligung getroffen. Zwangsmitglieder der Kammern werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Erst nach massiver Kritik äußert sich die BAK-Führung – und dann auch nur mit Durchhalteparolen und dem Verweis auf &#8222;lange interne Diskussionen&#8220;.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Architekt Christoph Manderscheid aus Tübingen bringt es auf den Punkt: &#8222;Ich will nicht, dass mit meinem Geld ein Verlag finanziell unterstützt wird, dessen sonstige Medien durchaus intensiv von Desinformation und Kampagnenjournalismus leben.&#8220; Er ist durch die Kammermitgliedschaft zur Beitragszahlung verpflichtet – eine demokratische Mitsprache bei der Verwendung dieser Gelder? Fehlanzeige.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die wirtschaftliche Ausrede</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die BAK argumentiert, die bisherige Kooperation mit der renommierten Handelsblatt Media Group sei &#8222;wirtschaftlich nicht mehr darstellbar&#8220; gewesen. Ein bemerkenswerter Einwand, bedenkt man die Zwangsbeiträge aller Architektinnen und Architekten. Hat man ernsthaft alle Alternativen geprüft? Warum nicht eine Genossenschaft gründen, eine Stiftung beauftragen oder – radikal gedacht – ins digitale Zeitalter wechseln?</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">André Nagel von Drees und Sommer stellt die richtige Frage: &#8222;Wozu brauchen wir in einer digitalisierten Welt noch ein gedrucktes DAB?&#8220; Bei vielen Kolleginnen und Kollegen landet das Heft ungelesen im Altpapier. Eine nachhaltige, digitale Lösung wäre nicht nur zeitgemäß, sondern könnte auch die vorgeschobenen wirtschaftlichen Zwänge auflösen.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die Graadwies-Initiative: David gegen Goliath</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Immerhin: Es regt sich Widerstand. Das norddeutsche Architekturbüro Graadwies hat eine Onlinepetition gestartet. &#8222;Die Meinungen, die der Axel-Springer-Verlag über seine Publikationen verbreitet, stehen diametral zu allen Werten, die wir Architektinnen und Architekten vertreten&#8220;, erklärt Architektin Leonie Kliemann. Eine mutige Initiative, die zeigt: Nicht alle lassen sich diese Entscheidung gefallen.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Petition fordert die sofortige Auflösung der Kooperation und eine transparente Neuausschreibung mit Fokus auf Unabhängigkeit, Baukultur und demokratische Werte. Knapp 300 Unterschriften sind ein Anfang – aber es braucht mehr. Viel mehr.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Die historische Lehre</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Wolfgang Bachmann erinnert auf LinkedIn an ein historisches Beispiel: Als der Ullstein-Verlag und damit die Bauwelt zu Axel Springer gehörten, wollte die Redaktion unter Ulrich Conrads dies &#8222;nicht aushalten&#8220;. Man trennte sich rechtzeitig. &#8222;Vorbildlich!&#8220;, kommentiert Bachmann. Eine Haltung, die der heutigen BAK-Führung offenbar abgeht.</p>
<h2 data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="heading" data-prosemirror-node-block="true"><strong data-prosemirror-content-type="mark" data-prosemirror-mark-name="strong">Fazit: Zeit für einen Aufstand der Anständigen</strong></h2>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Nach 40 Jahren in diesem Beruf sage ich: Diese Entscheidung ist ein Verrat an allem, wofür Architektur stehen sollte – Verantwortung, Nachhaltigkeit, demokratische Teilhabe, kulturelle Werte. Die BAK-Führung mag von &#8222;Aufbruch&#8220; und &#8222;neuen Mediengewässern&#8220; schwadronieren. In Wahrheit ist es ein Kotau vor einem Medienkonzern, der täglich beweist, dass ihm journalistische Ethik gleichgültig ist.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben. Es ist Zeit für einen Aufstand der Anständigen in unserer Zunft. Unterzeichnet die Petition, schreibt an eure Länderkammern, verweigert die Kooperation. Wenn wir als Berufsstand für Baukultur stehen wollen, dürfen wir nicht zulassen, dass unser Standesorgan in die Hände eines Konzerns fällt, der Kultur systematisch zerstört.</p>
<p data-prosemirror-content-type="node" data-prosemirror-node-name="paragraph" data-prosemirror-node-block="true">Die Alternative? Es gibt viele: Genossenschaften, Stiftungen, universitäre Kooperationen, digitale Eigen-Plattformen. Was es braucht, ist der Mut, neue Wege zu gehen – und der Anstand, alte Fehler nicht zu wiederholen.</p>
<h3><a href="https://weact.campact.de/petitions/nein-zum-schulterschluss-der-architektenkammer-mit-axel-springer?source=rawlink&amp;utm_medium=recommendation&amp;utm_source=rawlink&amp;share=281bd67d-236a-484f-8ca9-597f5fcd9732" target="_blank" rel="noopener">Hier geht es zur Onlinepetition</a></h3>
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