Baukunst - „Long Life, Loose Fit": Warum Haltbarkeit das eigentliche Nachhaltigkeitskriterium ist
Ein hundert Jahre altes Lagerhaus, weiter genutzt: Dauerhaftigkeit entsteht aus Robustheit, Anpassbarkeit und trennbarer Fügung (Symbolbild)

„Long Life, Loose Fit“: Warum Haltbarkeit das eigentliche Nachhaltigkeitskriterium ist

01.07.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art   |   Meinung   |   Juli 2026

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Nachhaltig ist, was bleibt, nicht was posiert

Das nachhaltigste Gebäude ist jenes, das am längsten genutzt wird; jede andere Kennzahl im nachhaltigen Bauen ist dieser einen nachgeordnet. Die These klingt schlicht, doch sie ordnet die aktuelle Debatte um Zirkularität und Wiederverwendung neu. Wenn Dauer das Ziel ist, dann muss eine Konstruktion nicht in erster Linie recycelbar aussehen, sondern lange halten und, mindestens ebenso wichtig, lange passen. Der Satz des amerikanischen Architekten Carl Elefante, das nachhaltigste Gebäude sei das bereits gebaute, meint genau das: Jedes zusätzliche Standjahr streckt die graue Energie über eine längere Nutzung, und in der Ökobilanz nach DIN EN 15978 sinkt der jährliche Treibhausgasanteil pro Quadratmeter mit jedem Jahr, das ein Bauwerk länger dient.

Warum werden Gebäude tatsächlich abgerissen?

Nicht das Tragwerk gibt den Ausschlag, sondern die Nutzung. Die wenigsten Gebäude verschwinden, weil ihre Substanz versagt; sie verschwinden, weil sich der Grundriss nicht mehr an neue Anforderungen anpassen lässt. Diese funktionale Obsoleszenz, nicht die statische, ist die eigentliche Abrissursache. Ein massiv errichtetes Haus, das keine Umnutzung zulässt, steht am Ende ebenso vor dem Bagger wie ein schwaches. Der britische Architekt Alex Gordon fasste das bereits 1972 in die Formel „Long Life, Loose Fit, Low Energy“, langes Leben, lockere Passform, niedriger Energieverbrauch. Stewart Brand hat die Idee später präzisiert: Ein Gebäude besteht aus Schichten sehr unterschiedlicher Lebensdauer, das Tragwerk währt Jahrhunderte, die Haustechnik nur Jahre. Wer diese Schichten unlösbar verbindet, verkürzt die Lebensdauer des Ganzen auf jene seines kurzlebigsten Teils.

Daraus folgt eine Definition von Haltbarkeit, die über Materialwerte hinausgeht. Dauerhaftigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel dreier Eigenschaften: der Robustheit der Substanz, der Anpassungsfähigkeit des Raums (grosszügige lichte Höhen, nutzungsoffene Spannweiten, redundante Erschliessung) und der Reparierbarkeit der einzelnen Bauteile. Fehlt eine davon, bleibt Langlebigkeit Behauptung.

Ist Demontierbarkeit ein Widerspruch zur Dauerhaftigkeit?

Der verbreitete Reflex, Wiederverwendung und Dauer gegeneinander auszuspielen, verfehlt den Punkt. Reversible, sortenrein trennbare Fügung ist kein Gegenteil von Haltbarkeit, sie kann ihr dienen. Ein Bauteil, das sich zerstörungsfrei ausbauen, warten und wieder einsetzen lässt, überlebt jene Umbauten, an denen ein verklebtes, verschäumtes oder einbetoniertes Bauteil zu Abfall wird. Trennbarkeit verlängert also potenziell die Lebensdauer, statt sie zu bedrohen.

Der berechtigte Kern der Kritik, wie sie etwa der Frankfurter Architekt Stefan Forster gegen die Preisvergabe des Deutschen Architekturmuseums (DAM) vorgebracht hat, trifft deshalb nicht die Trennbarkeit selbst, sondern ihre Verkehrung in eine Geste. Wo die Ästhetik der Wiederverwendung zum Selbstzweck wird und Fügungen hervorbringt, die fragil wirken und schwer zu unterhalten sind, verwechselt sie das Mittel mit dem Ziel. Ein Provisorium, das Dauerhaftigkeit nur zitiert, ist keine. Bezeichnend ist, dass das preisgekrönte Berliner Projekt, die Erweiterung des ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik, in diesem Streit eher auf der Seite der Dauer steht: Es verlängert das Leben eines alten Güterbahnhofs und ist damit gelebter Bestandserhalt. Umstritten sind nicht der Umbau, sondern die experimentellen Demontage-Projekte, die unter demselben Etikett laufen.

Was folgt daraus für den Entwurf?

Der Anspruch auf Haltbarkeit gehört zurück ins Zentrum des Entwurfs, allerdings richtig verstanden. Robustheit allein genügt nicht, denn sie sichert die Substanz, aber nicht die Nutzbarkeit; Trennbarkeit allein genügt ebenso wenig, denn sie erleichtert den Rückbau, ohne für sich schon Dauer zu schaffen. Zusammen ergeben sie eine Baukultur, die Langlebigkeit konstruktiv verankert: nutzungsoffene Strukturen, die Wohnen, Arbeiten und Gemeinbedarf über Jahrzehnte aufnehmen können, sortenrein getrennte Schichten und dokumentierte Bauteile, etwa über einen Gebäuderessourcenpass.

Der Ordnungsrahmen trägt diese Richtung bereits ansatzweise mit. Die Kostenermittlung nach DIN 276 verschiebt sich zu den Lebenszykluskosten, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) honoriert das Bauen im Bestand über den Umbauzuschlag nach § 6 HOAI, das Gebäudeenergiegesetz (GEG) verlangt langfristig gedachte Effizienz, und der neue Gebäudetyp E soll den Bestandsumbau von überzogenen Standards entlasten. Der DAM Preis 2026 weist damit in die richtige Richtung, sofern er als Plädoyer für Dauer gelesen wird und nicht als Feier des Vorläufigen. Nachhaltigkeit misst sich nicht an der Sichtbarkeit des Recyclings, sondern an der Zahl der Jahre, die ein Gebäude sinnvoll genutzt wird. Wer lange bauen will, muss robust, anpassbar und trennbar zugleich denken.

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