
baukunst.art | Meinung & Kritik | Mai 2026
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Wer keinen Nachfolger zulässt, hat schon verloren
Patrik Schumacher gibt zu Protokoll, er sei „nicht glücklich“ mit dem Tempo, in dem sich der Parametrismus durchsetze. Achtzehn Jahre nach der Proklamation auf der Architekturbiennale Venedig 2008 ist das ein bemerkenswertes Eingeständnis. Es offenbart weniger eine Lage als eine Haltung.
Was sagt Schumacher im Dezeen-Interview?
Im Mai 2026 erklärt Schumacher gegenüber dem Online-Magazin Dezeen, der Parametrismus sei zwar „hinreichend etabliert“, aber eben nicht universell. Verantwortlich für die Stagnation seien zwei Faktoren: die globale Finanzkrise von 2008, die er rückblickend als Wendepunkt erkennt, und der Rückzug führender Architekturschulen aus dem digitalen Entwerfen. Den Stil selbst hält Schumacher weiterhin für alternativlos. „Ich erwarte keinen anderen Stil, es sei denn, es kommt zu einer weiteren zivilisatorischen Transformation.“
Ein Architekt, der das Ende der Stilgeschichte vom eigenen Schreibtisch aus verkündet. Das ist die eigentliche Pointe des Interviews.
Warum stagniert der Parametrismus seit 2008?
Schumacher schiebt die Verantwortung auf externe Faktoren: Krise, Lehre, Konjunktur. Bequemer geht es nicht. Eine andere Lesart wäre, dass der Stil nie die Universalität besessen hat, die ihm zugeschrieben wurde. Parametrische Werkzeuge haben sich tatsächlich durchgesetzt, in der Tragwerksplanung, in der Fassadenoptimierung, im Holzbau, in der Vorfertigung, in der Klimasimulation. Aber die Werkzeuge sind nicht der Stil. Der Stil ist das Bild, das Schumacher aus den Werkzeugen ableitet: die endlose Kurve, die fließende Oberfläche, die Geste der Glätte.
Genau dieses Bild hat sich erschöpft. Nicht weil die Welt nicht reif dafür wäre, sondern weil sich die Welt davon abgewandt hat. Das ist ein Unterschied, der Schumacher entgeht.
Welche Kritik formulieren Spencer und Altınışık?
Dezeen lässt im Rahmen seiner Parametricism-Serie auch Gegenstimmen zu Wort kommen. Der Theoretiker Douglas Spencer hält fest, das Verhältnis von Architektur und Kapitalismus, auf dem der Parametrismus aufbaute, sei längst aufgekündigt. Die türkische Architektin Melike Altınışık, ehemals Mitarbeiterin bei Zaha Hadid Architects, formuliert es freundlicher: Der Parametrismus habe das Denken einer ganzen Generation geprägt, sei aber als Universalstil ein Missverständnis. „Rechnerische Werkzeuge mögen universell werden. Die Architektur sollte es nicht.“
Das ist die entscheidende Differenz. Werkzeuge globalisieren sich. Baukunst nicht. Wer beides verwechselt, verkauft Software als Weltentwurf.
Wo liegt die theoretische Schwäche des Parametrismus?
Der Parametrismus ist als Stilbegriff von Anfang an ein Anachronismus. Er greift auf eine Denkfigur des 19. Jahrhunderts zurück: Architektur als ein System aus Stilen, das sich historisch ablöst. Modernismus folgt auf Historismus, Postmoderne folgt auf Modernismus, Parametrismus folgt auf Postmoderne. Diese Reihung war schon bei Sigfried Giedion fragwürdig. Sie ist heute schlicht falsch.
Walter Benjamin hat in den Passagen-Werken gezeigt, dass Stile nie reine Form sind, sondern Verdichtungen einer sozialen und ökonomischen Lage. Verschiebt sich die Lage, verschwindet auch der Stil, der aus ihr hervorgegangen ist. Paul Valéry hat es schärfer formuliert: „Ce qui n’est pas forme n’existe pas.“ Was als Form keinen Halt findet, hat keine Existenz. Beides gilt auch umgekehrt. Was nur Form ist und nicht Welt, hat keine Dauer.
Der Parametrismus ist Form ohne Welt. Er bezieht sich auf Werkzeuge, nicht auf Verhältnisse. Er gestaltet Oberflächen, keine Programme. Er liefert Bilder, keine Räume. Hier liegt der wirkliche Grund seines Stillstands, nicht in der Finanzkrise und nicht in den Lehrplänen der Architekturschulen.
Was bleibt vom Parametrismus?
Erstaunlich viel und erstaunlich wenig zugleich. Erstaunlich viel im Bereich der Methode: Parametrische Entwurfslogik ist Alltag geworden, von der Tragwerksoptimierung bis zur Energiesimulation. Niemand entwirft heute ein größeres Projekt ohne computergestützte Variantenstudien. In diesem Sinne hat Schumacher gewonnen. Nur merkt er es nicht, weil er den Erfolg nicht in den Werkzeugen sehen will, sondern im Bild.
Erstaunlich wenig im Bereich der Stilgeschichte. Die Heydar-Aliyev-Halle in Baku bleibt ein Solitär. Das Yokohama Port Terminal von Foreign Office Architects, das Schumacher selbst als erstes „reifes Werk“ des Parametrismus bezeichnet, ist heute eher Erinnerungsort als Impulsgeber. Die Liste der ikonischen Bauten verlängert sich nicht im erhofften Takt. Was nachkommt, sind Wiederholungen.
Wie steht es um den Stilbegriff im Jahr 2026?
Vielleicht ist die wichtigste Lehre aus Schumachers Unzufriedenheit, dass der Stilbegriff selbst überholt ist. Wer im Jahr 2026 noch in universellen Stilen denkt, hat die Diskussion der letzten dreißig Jahre verpasst. Architektur ist heute regional, klimatisch, sozial und ökonomisch determiniert. Sie kennt keine universellen Stile, sondern situative Antworten. Das Holzhochhaus in Skellefteå, der Lehmbau in Marokko, die Genossenschaftsbauten in Wien sprechen unterschiedliche Sprachen, weil sie unterschiedliche Probleme lösen.
Schumachers Vision eines universellen Stils ist in dieser Welt nicht erstrebenswert, sondern bedrohlich. Sie reduziert Baukunst auf ein Markenzeichen. Sie macht aus Vielfalt eine Filiale. Dass der Parametrismus dieser Vision bislang nicht entsprochen hat, ist kein Versagen. Es ist der einzige Trost, den dieses Interview bereithält.
Welche Transformation ist gemeint?
Schumacher sagt, er erwarte keine neue Stilbewegung, es sei denn, eine zivilisatorische Transformation finde statt. Genau diese Transformation ist längst im Gang. Klimakrise, Ressourcenknappheit, demografischer Wandel, geopolitische Verschiebungen, die Krise der eigenen Profession. Sie verändern Architektur fundamental, ohne sich um Stile zu scheren. Wer in dieser Lage am Universalanspruch festhält, redet nicht über die Zukunft. Er redet über sich selbst.

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