
baukunst.art  |  Gesellschaft  |  Ausgabe Juni 2026
Die Schwammstadt
Eine Schwammstadt ist ein stadtplanerisches Leitbild, das Niederschlag dort zurückhält, speichert und verdunsten lässt, wo er fällt, statt ihn so schnell wie möglich in die Kanalisation abzuleiten. Hinter dem Begriff, fachlich auch wassersensible oder wasserbewusste Stadtentwicklung genannt, steht eine einfache Einsicht: Eine versiegelte Stadt aus Asphalt und Beton kann Regenwasser weder aufnehmen noch halten, und genau das wird ihr bei Wolkenbrüchen wie bei Hitzewellen zum Verhängnis.
Was macht eine Stadt zum Schwamm?
Das Prinzip kehrt die Logik der klassischen Stadtentwässerung um. Statt Regen über Rohre möglichst rasch abzuführen, wird er an der Oberfläche gehalten und langsam abgegeben. Versiegelte Flächen werden aufgebrochen, Grün- und Wasserflächen, Feuchtgebiete und Überflutungsräume nehmen das Wasser auf, anstatt es sofort in Kanal und Vorfluter zu leiten. Das technische Repertoire ist mittlerweile gut erprobt: durchlässige Beläge, begrünte Dächer, Mulden-Rigolen-Systeme, Baumrigolen und Rückhaltebecken bilden zusammen die sogenannte blau-grüne Infrastruktur. In Deutschland regelt unter anderem das Arbeitsblatt DWA-A 138 der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) Planung und Bau solcher Versickerungsanlagen; Deutschlands erste danach geplante Baumrigole entstand in den Gärten der Welt in Berlin.
Der Doppelnutzen ist entscheidend. Zurückgehaltenes Wasser entlastet nicht nur die Kanäle bei Starkregen, es steht in Trockenphasen den Stadtbäumen zur Verfügung und kühlt die Umgebung durch Verdunstung. Versiegelte Innenstädte können sich um bis zu zehn Grad über das Umland aufheizen; Bäume wirken dagegen über Beschattung und Verdunstung wie eine natürliche Klimaanlage. Wasserbewusste Stadt und hitzeangepasste Stadt sind damit zwei Seiten derselben Aufgabe.
Warum gewinnt das Konzept im DACH-Raum gerade jetzt an Dringlichkeit?
Weil die Extreme häufiger und teurer werden. Im September 2024 brachte eine sogenannte Vb-Wetterlage Rekordregen über Mitteleuropa; am schwersten betroffen waren Niederösterreich und Wien, wo der Wienfluss Werte mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von deutlich mehr als hundert Jahren erreichte und ganz Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt wurde. Pro Grad Erwärmung kann die Luft rund sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen, was solche Ereignisse statistisch wahrscheinlicher macht. Dass dabei Grenzen bestehen, verschweigt die Fachwelt nicht: Flutkatastrophen wie 2021 an Ahr und Erft kann auch eine Schwammstadt nicht verhindern, ihre Folgen mit baulichen und naturbasierten Maßnahmen aber abmildern. Gegen den alltäglicheren urbanen Starkregen, der Kanäle überlastet und Keller flutet, ist sie die wirksamste Vorsorge.
Wo steht die Umsetzung in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
In Deutschland ist das Leitbild politisch verankert: Die Nationale Wasserstrategie der Bundesregierung (2023) führt die Schwammstadt als Weg zu einer klimaangepassten Flächennutzung, das Umweltbundesamt (UBA) behandelt sie als Dachkonzept klimaresilienter Stadtentwicklung. In der Praxis arbeitet etwa die Berliner Regenwasseragentur an wassersensiblen Quartieren wie den Buckower Feldern in Neukölln. Zugleich bremst die Wirklichkeit: Von einem flächendeckenden Trend kann nach Auffassung der DWA noch nicht gesprochen werden, finanzielle, rechtliche und institutionelle Hürden bremsen die Verbreitung. Der Rückhalt in der Bevölkerung ist da, laut einer Civey-Umfrage im Auftrag der DWA (2025) befürwortet eine große Mehrheit das Konzept, knapp die Hälfte hält die eigene Kommune aber für unzureichend auf Überflutungen vorbereitet.
Österreich hat eine eigene Spezialität entwickelt. Das aus Skandinavien stammende „Schwammstadt-Prinzip für Stadtbäume“ wurde von Stefan Schmidt an die österreichischen Verhältnisse angepasst und über einen Arbeitskreis der Österreichischen Gesellschaft für Landschaftsarchitektur (ÖGLA) verbreitet. In Wien kam es zuerst am Johann-Nepomuk-Vogl-Platz (2020) und in der Seestadt aspern (2021) zum Einsatz, wo unter Straßen und Gehwegen eine grobkörnige, wasserspeichernde Schicht den Wurzelraum erweitert. Hintergrund ist die ernüchternde Lebenserwartung von Stadtbäumen, die in verdichteten Lagen oft nicht älter als zwanzig bis dreißig Jahre werden. In der Schweiz verfolgen Städte denselben Grundgedanken über Versickerung, Retention und Begrünung; die kantonalen Energie- und Gewässervorgaben rücken den Umgang mit Regenwasser zunehmend in den Vordergrund.
Den international meistzitierten Beleg liefert weiterhin Kopenhagen. Nach dem Wolkenbruch von 2011 baute die Stadt Straßen so um, dass sie im Ernstfall wie flache Kanäle Wasser zu Parks und Plätzen leiten; der zugehörige Wolkenbruchplan (Skybrudsplan) ist mit rund 1,8 Milliarden Euro veranschlagt. Die eigentliche Lehre daraus ist weniger das Budget als die Haltung: Wasser wird nicht mehr nur entsorgt, sondern als Ressource und Gestaltungselement begriffen. Eine Schwammstadt entsteht nicht durch ein einzelnes Becken, sondern erst im Zusammenspiel von Stadtplanung, Baurecht, Infrastruktur und dem Bewusstsein der Bewohnerinnen und Bewohner.

Kühldächer: Warum heller Anstrich Städte wirksamer kühlt als Stadtgrün

Sichtbar, nicht entdeckt: Warum das Aussenbild eines Architekturbüros gestaltet werden muss

