Baukunst - Wenn ein Starchitekt das Starsystem angreift
Das Manifest aus dem Glashaus © Verso Books

Wenn ein Starchitekt das Starsystem angreift

16.04.2026
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Stuart Rupert

baukunst.art / MEINUNG & KRITIK /

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Der Mann, der sein eigenes Büro anklagt und trotzdem bleibt

„Architecture Against Architecture: A Manifesto“ von Reinier de Graaf ist der bislang direkteste Versuch eines Insiders, die strukturellen Pathologien der Architekturbranche in ein Reformprogramm zu übersetzen. De Graaf, Partner bei OMA seit über 30 Jahren, legt damit sein viertes Buch vor, erschienen 2026 bei Verso. Das Grundargument: Die Profession befindet sich im Krieg mit der Gegenwart, die einzig ehrliche Antwort darauf sei Abrüstung und ziviler Ungehorsam.

Die 14 Empfehlungen sind auf zwei Hälften verteilt: sieben Kapitel über Architektinnen und Architekten als Berufsstand, sieben über Architektur als Disziplin. Die Forderungen reichen von Gewerkschaftsgründung und kollektivem Bürobesitz über obligatorischen Renteneintritt mit 67 Jahren bis zum Moratorium auf Neubau und Verzicht auf Urheberrechte an Gebäuden. Das ist mehr Agenda als die meisten Architekturbücher produzieren.

Warum kommt diese Kritik ausgerechnet aus dem Zentrum der Macht?

De Graaf hat sich bewusst nicht als Außenseiter positioniert. Er bezeichnet das Buch als „workers‘ manifesto“, als Plädoyer dafür, Architektur als Arbeit zu verstehen statt als Berufung. Der Kultus des genialen Einzelnen, der vom leeren Blatt zum fertigen Entwurf schreitet, sei eine Fiktion. Wer ein Großbüro kennt, weiß das. Trotzdem hält die Branche an dieser Erzählung fest, weil sie den Marktwert des Namens erhöht und die Verhandlungsposition gegenüber dem Auftraggeber stärkt. Das ist kein Zufall, sondern ein Geschäftsmodell, das de Graaf von innen beschreibt und von innen nicht aufzulösen bereit ist: Er plant, weiter bei OMA zu arbeiten.

Das ist keine Kritik an der Person. Es ist eine strukturelle Beobachtung. Wer ein System als pathologisch beschreibt und darin verbleibt, muss erklären, welche Wirkung das Buch innerhalb dieser Struktur entfalten soll. De Graaf gibt darauf keine Antwort. Das schwächt nicht die Diagnose, aber es begrenzt das Manifest.

Besonders präzise ist seine Analyse der Pritzker-Ökonomie. Der Preis befeuert jene feudale Verehrung des Einzelnen, die er für strukturell schädlich hält. Auf die Frage, ob er einen Kollegen für die Annahme verurteilen würde, antwortet de Graaf im Dezeen-Interview: nein. Das ist konsequent, weil er Sanktionierung ablehnt. Es ist auch das ehrlichste Eingeständnis der Grenzen eines Manifests, das auf freiwilliger Einsicht basiert.

Was bleibt von der Architektur, wenn die KI übernimmt?

De Graaf schlägt vor, künstliche Intelligenz für „frivolle“ Entwurfsentscheidungen einzusetzen, also Variantengenerierung und parametrische Optimierung, um Architektinnen und Architekten für wesentlichere Urteile freizusetzen. Die These setzt voraus, dass professionelle Urteilskraft unabhängig von der Routine entsteht, die KI ersetzen soll. Das ist empirisch offen. Entscheidungskompetenz entwickelt sich häufig im Vollzug von Routinearbeit, nicht trotz ihr. De Graaf behauptet die Entlastung, ohne den Bildungsmechanismus zu ersetzen, den er abschaffen will. Diese Lücke bleibt im Buch unbenannt.

Überzeugender ist das Kapitel zum Bestand. De Graaf formuliert: Abriss sei Verschwendung und ein gewaltsamer Akt für jene, die dort leben und die gebaut haben. In Deutschland regeln das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und die DIN 276 den technischen Umgang mit dem Bestand. Was fehlt, ist kein Regelwerk, sondern ein politischer Konsens darüber, dass Nicht-Abreißen eine eigenständige architektonische Leistung darstellt, die entsprechend beauftragt und vergütet werden muss. Die HOAI in ihrer aktuellen Fassung bildet das nicht ab.

Als Gesamtbewertung: „Architecture Against Architecture“ ist eine gut dokumentierte Bestandsaufnahme mit programmatischen Leerstellen. Die Diagnose stimmt in den meisten Punkten. Das Reformprogramm ist eine Liste von Wünschen ohne Mechanismus. Manifeste schulden keine Umsetzungspläne. Aber wer 14 Empfehlungen vorträgt und keine einzige mit einem Durchsetzungsweg verbindet, schreibt Literatur über eine Krise, kein Instrument gegen sie. Das ist kein Versagen. Es ist eine Entscheidung, die das Buch auf einen bestimmten Wirkungsradius begrenzt.


Reinier de Graaf: Architecture Against Architecture. A Manifesto
Verso Books, März 2026, 272 Seiten, Englisch

ISBN Hardcover: 978-1-804299-03-6 ISBN E-Book: 978-1-804299-06-7

Hardcover: ca. 25 Euro (Verlag direkt), ca. 27 USD (US) E-Book: ca. 10 USD (Kindle/Verso)

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Hinweis für deutschsprachige Leserinnen und Leser: Eine deutsche Übersetzung ist bislang nicht angekündigt. Das Buch ist ausschließlich auf Englisch erhältlich.