
baukunst.art | INNOVATION | September 2026
Weißer Wasserstoff: Warum 5,6 Billionen Tonnen kein Bauprogramm sind
Geologischer Wasserstoff, im Marketing „weißer Wasserstoff“ genannt, ist molekularer Wasserstoff, der in der Erdkruste laufend neu entsteht, überwiegend durch Serpentinisierung eisenhaltiger Gesteine und durch Radiolyse von Porenwasser. Die Ressource ist real und geochemisch gut belegt. Die Schlussfolgerungen, die daraus derzeit für den Gebäudesektor gezogen werden, sind es nicht.
Die Zahl, die den Diskurs trägt, stammt vom United States Geological Survey (USGS). Geoffrey S. Ellis und Sarah E. Gelman modellierten im Dezember 2024 in der Fachzeitschrift Science Advances einen wahrscheinlichsten Wert von rund 5,6 Billionen Tonnen Wasserstoff im Untergrund. Bereits zwei Prozent davon würden den für ein Netto-Null-Szenario projizierten Weltbedarf etwa 200 Jahre decken. Zitiert wird meist genau diese Hälfte des Befunds. Die andere Hälfte steht in derselben Veröffentlichung: Der weitaus größte Teil dieses Wasserstoffs dürfte praktisch nicht förderbar sein, und die Bandbreite des Modells erstreckt sich über sieben Größenordnungen. Eine Abschätzung, deren Unsicherheit den Faktor zehn Millionen umfasst, ist ein Forschungsauftrag und keine Reserve.
Was haben Feenkreise mit Energiepolitik zu tun?
Den jüngsten Aufmerksamkeitsschub lieferte die Geologie. Martin P. J. Schöpfer vom Institut für Geologie der Universität Wien veröffentlichte im September 2025 gemeinsam mit Christine Detournay und Gábor Tari in der Fachzeitschrift Geology (Band 53, Heft 9, Seiten 712 bis 716) ein mechanisches Modell für sogenannte subzirkuläre Senken, jene kreisrunden vegetationsfreien Vertiefungen, die in Russland, Brasilien, Australien und den USA über wasserstoffführenden Formationen auftreten. Steigt Wasserstoff aus der Tiefe in wassergesättigte Sedimente, verdrängt er das Porenwasser und hebt die Oberfläche an, das Sediment geht auf wie ein Soufflé. Versiegt der Gasstrom, fällt der Druck, das Material kompaktiert, die Senke bleibt zurück. In den Simulationen korrelieren Durchmesser und Absenktiefe mit Gasdruck und Tiefe der Quelle. Damit ließe sich aus der Geometrie an der Oberfläche auf die Tiefe eines Reservoirs schließen, bevor gebohrt wird.
Zwei Einordnungen gehören dazu, die in der Berichterstattung regelmäßig fehlen. Erstens stammt die Arbeit nicht aus einem industriefernen Umfeld: Der Energiekonzern OMV finanzierte sie, und Ko-Autor Gábor Tari ist Group Chief Geologist der OMV-Sparte Exploration und Produktion. Das entwertet die Methode nicht, erklärt aber die Richtung der Fragestellung, denn der praktische Nutzen des Modells liegt in der Verbilligung von Exploration. Zweitens sind die berühmten Feenkreise im namibischen Grasland ein anderes Phänomen; die Ökologie erklärt sie überwiegend über Termiten und über Selbstorganisation der Vegetation bei Wasserkonkurrenz. Die Begriffsgleichheit erzeugt eine Suggestion, die die Daten nicht hergeben. Ein Oberflächenindiz ist zudem kein Lagerstättennachweis, sondern bestenfalls ein Hinweis darauf, wo sich eine Bohrung lohnen könnte.
Warum gibt es weltweit nur eine einzige fördernde Quelle?
Wirtschaftlich gefördert wird geologischer Wasserstoff bislang an genau einem Ort: in Bourakébougou in Mali, seit 2012, mit einer Reinheit von über 95 Prozent. Die Quelle versorgt ein Dorf mit rund 1.500 Einwohnerinnen und Einwohnern mit Strom, und der Betreiber Hydroma berichtet, dass der Lagerstättendruck nach elf Jahren gestiegen statt gefallen sei. Das ist geologisch bemerkenswert. Es bleibt zugleich eine Größenordnung, die ein Dorf beschreibt und keinen Industriestandort.
Alles Weitere ist Exploration, und die publizierten Mengen sind Hochrechnungen, keine Messwerte. Ein Forschungsteam um Jacques Pironon und Philippe de Donato vom Labor GeoRessources der Université de Lorraine und des Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) extrapolierte 2023 aus Messungen in einer einzelnen Altbohrung im lothringischen Folschviller ein Vorkommen von 46 Millionen Tonnen, bezogen auf das gesamte Becken bis zu 260 Millionen Tonnen; das Unternehmen Française de l’Énergie strebt eine Förderung ab 2027 oder 2028 an. In Südaustralien traf Gold Hydrogen auf der Yorke-Halbinsel nach Unternehmensangaben auf 97 Prozent reinen Wasserstoff. In Saskatchewan meldet MAX Power seit Juli 2026 ein kommerzielles Validierungsprogramm auf dem Lawson-Komplex mit bis zu 28,6 Prozent Wasserstoff im Bohrgas. Sämtliche dieser Angaben stammen aus Unternehmensmitteilungen. Keines der Projekte hat bislang belegt, was allein zählt, nämlich eine stabile Förderrate über Jahre.
Der physikalische Grund für diese Zurückhaltung ist banal und hartnäckig. Wasserstoff ist das kleinste Molekül überhaupt. Er diffundiert durch Deckschichten, an denen Methan zuverlässig hängen bleibt, und er wird unterwegs von Mikroorganismen verstoffwechselt, die daraus Methan machen. Ob es überhaupt genügend geologische Fallen gibt, in denen sich Wasserstoff über lange Zeiträume in abbauwürdiger Menge sammelt, ist die offene Kernfrage der gesamten Branche. Sie ist nicht beantwortet. Bezeichnenderweise sprechen Ellis und Gelman von Ressourcen und nicht von Reserven. In der Rohstoffwirtschaft trennt dieser Unterschied alles: Ressourcen sind vermutete Mengen im Untergrund, Reserven sind nachgewiesen und mit heutiger Technik wirtschaftlich gewinnbar. Geologischer Wasserstoff hat bis heute keine Reservenposition.
Was bedeutet das für die Planung von Gebäuden?
An dieser Stelle wird aus einer geologischen Debatte ein baupraktisches Problem. Der Befund wandert im politischen Raum vom Bergbau in die Heizungstechnik, und dort richtet er Schaden an. Das Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), von Bundestag und Bundesrat am 10. Juli 2026 beschlossen und am 28. Juli 2026 im Bundesgesetzblatt verkündet, ersetzt das Gebäudeenergiegesetz (GEG) und streicht die Pflicht zu 65 Prozent erneuerbarer Energie bei neuen Heizungen nach § 71 Abs. 1 GEG. An ihre Stelle tritt die sogenannte Bio-Treppe mit 10 Prozent klimafreundlicher Brennstoffe ab 2029, 15 Prozent ab 2030, 30 Prozent ab 2035 und 60 Prozent ab 2040, flankiert von einer Grüngasquote für Inverkehrbringer, die 2028 bei einem Prozent beginnt. Deren konkrete Ausgestaltung steht bis zum 1. Dezember 2026 noch aus. Schon das H2-ready-Privileg nach § 71k GEG war in der Praxis jene Erfüllungsoption mit den geringsten unmittelbaren Konsequenzen für Bauherrschaften.
Hier liegt die Pointe, die in der Debatte konsequent übersehen wird. Anrechenbar ist nach derzeitigem Stand grüner Wasserstoff, also solcher aus erneuerbarem Strom. Geologischer Wasserstoff ist kein grüner Wasserstoff. Er stammt aus einer Bohrung, nicht aus einem Elektrolyseur, und er erfüllt die einschlägigen Herkunftsdefinitionen bislang nicht. Wer die Funde in Lothringen oder Mali als Begründung dafür anführt, eine Gasheizung einzubauen, argumentiert also mit einem Brennstoff, der die eigene Erfüllungsoption gar nicht bedient. Ob und wie geologischer Wasserstoff künftig eingeordnet wird, ist eine offene regulatorische Frage, keine bestehende Rechtslage.
Die Evidenz spricht dagegen, und zwar ungewöhnlich eindeutig. Jan Rosenow vom Environmental Change Institute der University of Oxford wertete 2024 in der Fachzeitschrift Cell Reports Sustainability 54 unabhängige Studien zur Gebäudebeheizung mit Wasserstoff aus. Keine einzige davon sieht darin eine tragende Rolle. Der Grund ist thermodynamisch und nicht ideologisch: Eine Wärmepumpe liefert aus einer Kilowattstunde Strom drei bis vier Kilowattstunden Wärme, während der Umweg über Erzeugung, Verdichtung, Transport und Verbrennung von Wasserstoff den größten Teil der eingesetzten Energie vernichtet. Wasserstoff aus dem Untergrund verändert an dieser Kette genau einen Punkt, nämlich die Erzeugungskosten. Alle übrigen Verluste bleiben.
Auch die Infrastruktur zeigt, wohin die Reise tatsächlich geht. Die Bundesnetzagentur genehmigte am 22. Oktober 2024 das Wasserstoff-Kernnetz mit 9.040 Kilometern Länge und 18,9 Milliarden Euro Investitionsvolumen bis 2032, davon rund 60 Prozent umgestellte Erdgasleitungen. Dieses Netz verbindet Stahlwerke, Raffinerien und Chemiestandorte. Es endet nicht im Reihenhausgebiet, und es wird dort auch nicht enden.
Wo der Fund tatsächlich zählt
Nichts davon spricht gegen die Forschung. Sollten sich auch nur einige der explorierten Felder als produzierbar erweisen, wäre das erheblich, weil geologischer Wasserstoff die Ökonomie von Stahlerzeugung, Ammoniaksynthese und Raffinerieprozessen verändern könnte, ohne den enormen Strombedarf der Elektrolyse. Das ist ein industriepolitisch bedeutender Vorgang und für die graue Energie von Baustoffen mittelbar relevant, denn primärer Stahl und Zement hängen an genau diesen Prozessen.
Für die Entwurfsebene folgt daraus nichts. Der Fund unter Lothringen ist kein Argument, einen Gasanschluss zu behalten, und ein Kreismuster in der brasilianischen Savanne ersetzt keine kommunale Wärmeplanung. Die eigentliche Gefahr dieser Meldungen liegt nicht in ihrem wissenschaftlichen Gehalt, sondern in ihrer politischen Verwendbarkeit: Sie liefern eine Begründung, Entscheidungen zu vertagen, deren Alternativen längst marktreif sind. Innovation lässt sich auch dadurch simulieren, dass man auf eine bessere Zukunft wartet, statt die verfügbare Gegenwart zu bauen.

Die Rückkehr der guten Geschichte. Narrative als Instrument der Planung

Das Wasserstoff-Märchen aus dem Untergrund

