Baukunst - Longevity in der Architektur
Der Kohlenstoff im Holz bleibt nur so lange gespeichert, wie das Gebäude steht © Planungswelt

Longevity in der Baukunst

08.09.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  | MEINUNG & KRITIK | September 2026

Holz oder Beton? Die Frage lenkt vom eigentlichen Problem ab

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Longevity in der Baukunst bezeichnet die Fähigkeit eines Gebäudes, über Generationen hinweg genutzt, umgenutzt und instand gehalten zu werden. Sie ist die wirksamste Stellschraube der Herstellungsemissionen und zugleich die einzige, die in keine Klimakennzahl eingeht. Das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundes rechnet mit 50 Jahren, das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG) legt in seinen Bilanzierungsregeln vom 19. Juli 2024 denselben Zeitraum fest, der OI3-Leitfaden des Österreichischen Instituts für Bauen und Ökologie schreibt in der Version 5.0 von 2023 maximal 50 Jahre vor. Auch Anhang III der Richtlinie (EU) 2024/1275 setzt für das Lebenszyklus-Treibhauspotenzial 50 Jahre an. Ein Bauwerk, das für 120 Jahre entworfen wird, kann diesen Vorzug in keiner dieser Bilanzen ausweisen.

Wie groß ist der Zeithebel wirklich?

Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) beziffert in ihrer Benchmarkstudie von 2021 die Treibhausgasemissionen der Gebäudekonstruktion im Mittel auf 8,7 Kilogramm CO2-Äquivalent je Quadratmeter und Jahr, bezogen auf Herstellung, Errichtung, Austausch und Entsorgung über 50 Jahre. In dieser Zahl steckt eine unausgesprochene Annahme: Sie unterstellt, dass nach 50 Jahren wieder gebaut wird.

Über einen festen Horizont von hundert Jahren wird daraus ein belastbarer Vergleich. Zwei aufeinanderfolgende Gebäude verursachen rund 870 Kilogramm CO2-Äquivalent je Quadratmeter, weil die Herstellung zweimal anfällt. Ein einziges Gebäude, das hundert Jahre trägt, verursacht rund 495: Die Herstellung fällt einmal an, die Austauschzyklen für Fassade und Technik laufen dagegen etwa doppelt so oft. Das sind 43 Prozent weniger. Rechnet man zehn bis fünfzehn Prozent zusätzliche Herstellungsemissionen für lichte Höhe, Lastreserven und trennbare Schichten ein, liegt der Break-even bei rund sechzig Nutzungsjahren. Der Materialhebel liegt in derselben Größenordnung: Zwischen dem günstigsten Sechstel der untersuchten Gebäude mit 6,5 und dem schlechtesten Zehntel mit 11,9 Kilogramm liegen 45 Prozent. Zeit und Material konkurrieren also nicht, sie multiplizieren sich. Nur wird der eine Faktor gemessen und der andere nicht.

Ein Einwand bleibt und ist ernst zu nehmen. Die Herstellungsemissionen fallen heute an, in dem Jahrzehnt, das über das Restbudget entscheidet; der vermiedene Ersatzneubau fällt nach 2075 an, wenn Zement und Stahl vermutlich sauberer sind. Wer Emissionen nach ihrem Zeitpunkt gewichtet, muss diesen Nutzen abzinsen, und der Break-even wandert auf rund achtzig Jahre. Genau deshalb ist der Bestand dem langlebigen Neubau nicht gleichrangig, sondern vorgeordnet: Er spart sofort, was der Neubau erst in achtzig Jahren spart.

Was ist am Kohlenstoffspeicher Holz tatsächlich dran?

Die Speicherwirkung von Holz ist real, ihre bilanzielle Bewertung jedoch unschärfer, als der Fachdiskurs nahelegt. Eine Übersichtsarbeit von Endrit Hoxha, Alexander Passer und weiteren, 2020 in der Zeitschrift Buildings & Cities erschienen, vergleicht die gebräuchlichen Bilanzierungsmethoden für biogenen Kohlenstoff: Je nach Methode weichen die Ergebnisse auf Gebäudeebene um rund 16 Prozent voneinander ab, auf Bauteilebene um 35 bis 200 Prozent. Für ein neungeschossiges Holzwohnhaus in Graz liefert der dynamische Ansatz 26,67 statt 20,7 Kilogramm je Quadratmeter und Jahr. Diese 29 Prozent gelten allerdings für ein einzelnes Gebäude ohne mineralisches Vergleichsobjekt. Sie sagen nichts darüber, ob Holz gegenüber Beton vorne liegt, sondern nur, wie weit derselbe Bau je nach Rechenverfahren auseinanderliegt. Hinzu kommt, dass die europäische Regel dem Holz ohnehin keinen dauerhaften Bonus zugesteht: Nach DIN EN 15804+A2 ergibt biogener Kohlenstoff über den vollen Lebenszyklus netto null.

Zur Größenordnung: Eine Arbeit von Lisa Kaufmann und weiteren am Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien, 2024 in den Environmental Research Letters erschienen, beziffert den in sämtlichen Materialbeständen der Gesellschaft aktiv gespeicherten Kohlenstoff auf etwa vier Prozent jener Menge, die der Atmosphäre bis 2100 entzogen werden müsste. Das ist allerdings ein Maßstab, an dem jede Einzelmaßnahme scheitert. Umgekehrt kommt eine aus dem Waldfonds geförderte Untersuchung der Technischen Universität Wien vom März 2026 zu dem Ergebnis, dass Holz- und Holzhybridbauweisen im Geschosswohnbau das Treibhauspotenzial gegenüber vergleichbaren Stahlbetonbauten um bis zu 50 Prozent senken können.

Damit kein Missverständnis entsteht: Der Zeithebel spielt nicht gegen Holz, er spielt mit ihm. Skelettbauweisen mit lösbaren Fügungen, großen Spannweiten und geringem Eigengewicht erfüllen die Umnutzungskriterien besser als jede Ortbetondecke mit einbetonierten Leitungen.

Warum zahlt Dauerhaftigkeit nicht auf die Klimakennzahl ein?

Die Bewertungssysteme kennen Umnutzungsfähigkeit durchaus. Das BNB bepunktet im Kriterium 3.2.3 lichte Raumhöhen ab drei Metern, Nutzlastreserven über fünf Kilonewton je Quadratmeter, Gebäudetiefen unter 11,50 Metern und revisierbare Leitungsführungen; die DGNB führt Anpassungsfähigkeit in ECO2.4 und zirkuläres Bauen in TEC1.6. Nur zahlt diese Währung nicht auf jene eine Zahl ein, die ab 2028 im Energieausweis steht. Der Grund ist eine Konvention, nicht die Norm: DIN EN 15978 weist die Herstellungsemissionen der Module A1 bis A3 als einmalige Größe aus, erst die nationalen Bewertungssysteme verteilen sie über den Bezugszeitraum. Wie starr das ist, zeigt ein Detail: Für die Austauschzyklen verweist das QNG verbindlich auf die BBSR-Tabelle „Nutzungsdauern von Bauteilen“ in der Fassung vom 24. Februar 2017, obwohl neu erhobene Fassungen bis März 2026 vorliegen. Ab dem 1. Januar 2028 verlangt Artikel 7 Absatz 2 der Richtlinie (EU) 2024/1275 für Neubauten über 1.000 Quadratmeter, ab 2030 für alle, die Offenlegung des Lebenszyklus-Treibhauspotenzials im Energieausweis. Eine Kennzahl, die Dauerhaftigkeit nicht abbilden kann, wird sie auch nicht erzeugen.

Woran Gebäude tatsächlich sterben

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat im Mai 2025 eine von Charlotte Dorn und Jens Otto an der Technischen Universität Dresden erarbeitete Auswertung vorgelegt. Zwischen 2007 und 2021 wurden jährlich knapp 12.000 Gebäude abgebrochen; von den Wohngebäuden, die zwischen 2016 und 2021 abgingen, erreichten 17,3 Prozent nicht einmal 42 Jahre. Häufigster Abbruchgrund ist mit 53,4 Prozent die Errichtung eines neuen Wohngebäudes an gleicher Stelle. Das ist keine bauliche, sondern eine Bodenpreisentscheidung, und sie fällt auch gegen intakte Bauten. Tragwerksversagen kommt vor, aber als Ausnahme: Spannungsrisskorrosion an vergütetem Spannstahl der sechziger Jahre, Chloridschäden in Parkbauten, vor allem aber Asbest und polychlorierte Biphenyle, an denen nicht die Statik scheitert, sondern die Sanierungskostenrechnung.

Der Rest ist Ökonomie. Ein seit 2023 fertiggestelltes Wohngebäude ist nach § 7 Absatz 4 des Einkommensteuergesetzes in 33 Jahren abgeschrieben, institutionelle Eigentümerinnen und Eigentümer halten sieben bis zehn Jahre, und das Bauordnungsrecht stellt den Abriss vielfach genehmigungsfrei, den Umbau nicht. Der Entwurf entscheidet deshalb nicht darüber, ob ein Gebäude erhalten wird, sondern nur darüber, ob es erhalten werden kann. Was übrig bleibt, weist das Umweltbundesamt für 2022 mit 207,9 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle einschließlich Bodenaushub aus, rund 61 Prozent des deutschen Abfallaufkommens.

Was folgt daraus für den Entwurf?

Zuerst der zweite Rettungsweg. Das häufigste harte Hindernis bei der Umnutzung von Büro zu Wohnen ist nicht die Raumhöhe, sondern die Erschließung: notwendige Treppenräume, Nutzungseinheiten mit eigenem Rettungsweg, Schachtquerschnitte für eine nachträgliche Entrauchung. Kerne und Schächte gehören nach der anspruchsvollsten denkbaren Nutzung dimensioniert, nicht nach der ersten.

Dann die Lastreserve, und zwar beziffert. Nach DIN EN 1991-1-1 mit Nationalem Anhang liegt Wohnen bei 1,5 bis 2,0, Büro bei 2,0, Versammlung bei 3,0 bis 5,0 Kilonewton je Quadratmeter. Wer heute auf 5,0 auslegt, hält Büro, Verkauf, Bibliothek und Versammlung gleichzeitig offen. Fundament- und Stützenreserven für eine spätere Aufstockung sind die einzigen, die sich praktisch nie nachrüsten lassen.

Drittens die Erneuerbarkeit der Hülle, denn die Fassade dominiert den Austauschanteil der Ökobilanz. Mechanisch gefügt und sortenrein trennbar bleibt sie erneuerbar; geklebt und verbundstoffgebunden erzwingt sie beim nächsten Zyklus einen Eingriff ins Tragwerk. Langlebigkeit ist nur dann klimapositiv, wenn die kurzlebigen Schichten austauschbar sind. Sonst wird sie zur Emissionsgarantie über hundert Jahre.

Das Honorarrecht trägt diesen Aufwand bereits: Nach § 4 Absatz 3 der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure ist die mitzuverarbeitende Bausubstanz zu ermitteln und in Textform zu vereinbaren, nach § 6 Absatz 2 gilt ab durchschnittlichem Schwierigkeitsgrad ein Umbauzuschlag von 20 Prozent. Die Muster-Umbauordnung, die die Bundesarchitektenkammer am 19. Mai 2023 vorlegte, wurde als solche nirgends übernommen, ihr Anliegen inzwischen mehrfach: Hamburg seit Januar 2026, Nordrhein-Westfalen mit dem BauCode NRW seit September 2026, Bayern mit einem Kabinettsbeschluss vom Juni 2026.

Aus vierzig Berufsjahren bleibt eine Beobachtung. Die Gebäude, die überdauern, sind selten die technisch avanciertesten, sondern die, die jemand behalten wollte. Eine Halle aus dem 19. Jahrhundert wird zur Markthalle, zum Büro, zum Konzertsaal, weil Proportion, Licht und Robustheit jede dieser Nutzungen tragen. Ein Verwaltungsbau der siebziger Jahre mit zu geringer Höhe und zu enger Stütze wird nach vierzig Jahren entsorgt.

Baukunst ist eben nicht nur eine optische Qualität. Sie ist die Eigenschaft, die einem Bauwerk seine zweite, dritte und vierte Nutzung offenhält, und damit die einzige Form der Kohlenstoffspeicherung, die ein Gebäude verlässlich leistet. Der beste Baustoff ist das Gebäude, das bereits steht. Der zweitbeste ist das, welches so entworfen wird, dass es in hundert Jahren noch niemand abreißen will.

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