Baukunst - Digitaler Zwilling gegen Starkregen: Wie sich Alpengemeinden auf das Extremwetter vorbereiten
Nasse Straße, gesättigte Wiesen: Alpengemeinden planen zunehmend gegen den Starkregen. Symbolbild, KI-generiert (Midjourney)

Alpines Bauen in Salzburg: Der digitale Zwilling kennt den Starkregen, der Bauschutt sucht noch seinen Weg

30.09.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art  | Salzburg | September 2026

 Wie sich Alpengemeinden auf das Extremwetter vorbereiten

Alpines Bauen bezeichnet das Planen und Bauen unter den besonderen Bedingungen des Gebirgsraums: steile Topografie, knappe Siedlungsflächen, Naturgefahren und ein Klima, das sich hier rund doppelt so schnell erwärmt wie im globalen Mittel. Genau diesen Bedingungen widmet sich das Fachsymposium „Brennpunkt Alpines Bauen 2026“, zu dem die Innovation Salzburg GmbH am 8. Oktober 2026 ins WIFI Salzburg am Julius-Raab-Platz lädt. Das Motto „Zukunft Bauen und Planen: klimafit, digital und zirkulär“ klingt nach dem üblichen Dreiklang. Das Programm zeigt jedoch, dass die Werkzeuge längst existieren. Der Engpass liegt woanders, nämlich in den Rathäusern kleiner Gemeinden und in einem Rechtsrahmen, der Kreislaufwirtschaft verlangt, ohne sie wirtschaftlich attraktiv zu machen.

Warum braucht der Alpenraum ein eigenes Bauforum?

Wer in Innsbruck, Bischofshofen oder Berchtesgaden baut, plant mit anderen Parametern als in der Münchner Schotterebene. Wildbäche, Hangwasser und Lawinenstriche begrenzen das Bauland, Grundstücke sind teuer und selten eben, und die Mehrzahl der Kommunen ist klein. Das Land Salzburg zählt 119 Gemeinden, viele davon mit wenigen tausend Einwohnerinnen und Einwohnern und einem Bauamt, das aus zwei oder drei Personen besteht. Zugleich kennt der Alpenraum eine Bautradition, die Ressourcen stets knapp kalkulierte: Holzbau, wiederverwendete Balken, Material vom Hang.

Das Symposium „Brennpunkt Alpines Bauen“ findet seit mehr als zehn Jahren statt, anfangs getragen von der Zukunftsagentur Bau, heute von Innovation Salzburg im Verbund mit Partnern aus Bayern. Zu ihnen zählen das Förderprogramm Interreg Bayern-Österreich, die Technische Universität München (TUM), Bayern Innovativ, die Fachhochschule Salzburg sowie die Kammer der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker für Oberösterreich und Salzburg; die Initiative Architektur Salzburg tritt als Kooperationspartnerin auf. Die Konstellation ist bemerkenswert, weil sie die Staatsgrenze an der Saalach als das behandelt, was sie planerisch ist: eine Verwaltungslinie quer durch einen gemeinsamen Naturraum.

Was kann ein digitaler Zwilling für eine Gemeinde leisten?

Der erste Programmblock kreist um Klimaanpassung, und sein Kern ist das Interreg-Projekt Twin4Clim. Es läuft von Januar 2025 bis Januar 2028, geleitet von der Forschungsgruppe iSPACE der Research Studios Austria gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Geoinformatik der TUM, Bayern Innovativ und Innovation Salzburg. Caroline Atzl (iSPACE) und Marija Knezevic (TUM) stellen das Vorhaben vor. Twin4Clim entwickelt urbane digitale Zwillinge, also dreidimensionale Datenmodelle einer Gemeinde, in denen sich Gebäude, Gelände, Kanalnetz und Grünflächen verknüpfen und simulieren lassen. Pilotgemeinden sind St. Martin bei Lofer im Pinzgau, Kirchanschöring im Landkreis Traunstein und die Stadt Salzburg.

Die Leitfrage ist konkret: Wie viel Nachverdichtung verträgt ein Ortsteil, wenn der nächste Starkregen kommt? Ein digitaler Zwilling funktioniert dabei wie ein Flugsimulator für den Bebauungsplan. Er zeigt, wohin Oberflächenwasser fließt, wenn eine Wiese versiegelt wird, und welche Baumpflanzung eine Hitzeinsel entschärft, bevor der Gemeinderat entscheidet. Rechtlich trifft das Werkzeug auf zwei unterschiedliche Systeme. In Salzburg verankert das Salzburger Raumordnungsgesetz 2009 (ROG 2009) die Planung im Räumlichen Entwicklungskonzept, im Flächenwidmungsplan und im Bebauungsplan; die Gefahrenzonenpläne der Wildbach- und Lawinenverbauung stützen sich auf § 11 Forstgesetz 1975. In Bayern verpflichtet § 1 Abs. 5 Baugesetzbuch (BauGB) die Bauleitplanung auf Klimaschutz und Klimaanpassung, § 1a Abs. 5 BauGB konkretisiert diesen Auftrag. Twin4Clim setzt mit dem Rahmenwerk Smart District Data Infrastructure (SDDI) auf gemeinsame Datenstandards, damit Ergebnisse diesseits und jenseits der Grenze vergleichbar bleiben.

Ergänzend sprechen Daniel Heidenthaler (FH Salzburg) über Gebäude als Energiespeicher, Max Reisinger (Klimabündnis Oberösterreich) über praxistaugliche Werkzeuge für Gemeinden und Oliver Konrad über das Klimainformationssystem der Stadt Graz. Hier liegt der kritische Punkt des gesamten Ansatzes. Ein digitaler Zwilling ist nur so gut wie seine Daten und nur so wirksam wie das Personal, das ihn pflegt. Wo Kanalkataster lückenhaft sind und niemand im Bauamt Zeit für Modellpflege hat, droht Scheingenauigkeit in bunten Farben. Die Frage nach dauerhaftem Betrieb, Datenhoheit und Kosten nach Projektende 2028 gehört deshalb auf die Bühne, nicht in die Fußnote.

Wie kommt das Baumaterial zurück in den Kreislauf?

Der zweite Block widmet sich Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft, und er ist bewusst praxisnah besetzt. Erich Kotroczo (Cloud NYNE GmbH) spricht über digitale Bestandsdaten, die Grundlage jedes Rückbaus, der mehr sein soll als Abriss. Florian Hinterholzer und Christoph Eder widmen sich dem Recycling von Wärmedämmverbundsystemen, jenem Fassadenaufbau aus verklebtem Dämmstoff, Armierung und Putz, der seit den 1970er Jahren millionenfach verbaut wurde und sich kaum sortenrein trennen lässt. Stefan Steinlechner berichtet über Baustellenrecycling bei Wienerberger, Thomas Moosbrugger über Holzbau-Recycling bei der Rubner Holding aus Südtirol.

Der österreichische Rechtsrahmen ist dabei strenger als oft angenommen. Die Recycling-Baustoffverordnung (RBV) verlangt in den §§ 4 bis 6 vor Abbruch eine Schad- und Störstofferkundung, einen geordneten Rückbau und die Trennung der Abfälle. Ab 750 Tonnen Bau- und Abbruchabfällen ist eine orientierende Erkundung nach ÖNORM B 3151 Pflicht, ab 3.500 Kubikmetern Brutto-Rauminhalt eine umfassende nach ÖNORM EN ISO 16000-32. In Deutschland regelt seit dem 1. August 2023 die Ersatzbaustoffverordnung (EBV) den Einsatz mineralischer Recyclingbaustoffe. Beide Systeme ordnen den Abfall, machen den Wiedereinsatz aber noch nicht zum wirtschaftlichen Normalfall. Primärrohstoffe bleiben billig, Zwischenlager fehlen, und Haftungsfragen schrecken Planerinnen und Bauherren ab.

Aus Sicht der Baukultur gehört an den Anfang dieser Kette ohnehin eine andere Frage: ob überhaupt abgerissen werden muss. Die graue Energie eines bestehenden Gebäudes ist verbraucht, sie amortisiert sich nur durch Weiternutzung. Recycling ist die zweitbeste Lösung, Bestandserhalt die erste. Das Vorjahressymposium an der FH Salzburg hatte diesen Gedanken um eine kulturelle Dimension erweitert; im Rückblick von Bayern Innovativ heißt es: „Nachhaltiges Bauen ist nicht nur technisches Engineering, es ist auch Kultur, Gestaltung und Identität.“ Im Programm 2026 kommt diese gestalterische Perspektive auffällig kurz. Architektinnen und Architekten stehen nicht auf der Rednerliste.

Was bedeutet das für Planende diesseits der Grenze?

Für bayerische Büros ist das Symposium mehr als ein Blick ins Nachbarland. Kirchanschöring liegt im Landkreis Traunstein, die Ergebnisse von Twin4Clim sollen ausdrücklich auf weitere Gemeinden übertragbar sein, und die Bayerische Bauordnung (BayBO) kennt vergleichbare Herausforderungen beim Bauen am Hang. Wer in Oberbayern Bebauungspläne vorbereitet, wird Klimaanpassung künftig nicht mehr allein mit Gutachten, sondern mit simulierbaren Modellen begründen müssen. Wer im Bestand plant, wird Rückbaukonzepte und Materialpässe früher in die Leistungsphasen einbinden.

Das Symposium ist kostenfrei und richtet sich an Gemeinden, Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette, Forschungseinrichtungen sowie Architektinnen und Ingenieure. Nach den beiden Blöcken folgen von 18 bis 19 Uhr Diskussion und Networking. Ob aus diesem Austausch mehr entsteht als ein weiterer Werkzeugkasten, hängt davon ab, ob Politik und Verwaltung die Instrumente dauerhaft finanzieren. Der Alpenraum hat die Daten, die Tradition und die Forschung. Was ihm fehlt, ist die Selbstverständlichkeit, beides zusammenzudenken: das Wasser, das den Hang herunterkommt, und das Material, das im Tal auf der Deponie landet.

Leserinfo

Veranstaltung

Fachsymposium „Brennpunkt Alpines Bauen 2026“, Motto „Zukunft Bauen und Planen: klimafit, digital und zirkulär“ https://www.innovation-salzburg.at/veranstaltung/fachsymposium-brennpunkt-alpines-bauen-2026/

Datum und Zeit

Donnerstag, 8. Oktober 2026, 14 bis 19 Uhr (Block A 14.15 bis 15.45 Uhr, Block B 16.30 bis 18 Uhr, anschließend Diskussion und Networking)

Ort

WIFI Salzburg, Julius-Raab-Platz 2, 5027 Salzburg

Veranstalter

Innovation Salzburg GmbH, im Rahmen von Interreg Bayern-Österreich; Kooperationspartnerin Initiative Architektur Salzburg

Eintritt

Kostenfrei, Anmeldung über das Online-Formular auf http://innovation-salzburg.at erforderlich

Zielgruppe

Gemeinden, Planerinnen und Planer, Unternehmen der Bauwirtschaft, Forschung, Studierende

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