
baukunst.art | Inspiration | September 2026
Wer bespielt den Deutschen Pavillon 2027?
Seit dem 19. August 2026 steht fest, wer den Deutschen Pavillon auf der 20. Internationalen Architekturausstellung in Venedig bespielt. Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen benannte ein Team um KAWAHARA KRAUSE ARCHITECTS aus Hamburg, gemeinsam mit Andres Lepik, Kunsthistoriker und Inhaber der Professur für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis an der Technischen Universität München, sowie Olga Cobuscean von der Leibniz Universität Hannover. Eine neunköpfige Fachkommission unter Vorsitz von Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums, entschied im offenen Verfahren, das das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ausgelobt hatte.
Der Titel des Beitrags lautet „CONVIVERE – Ein Repertoire des Zusammenlebens“. Er benennt kein Bauwerk, keine Technologie und keine Krise, sondern eine Tätigkeit. Convivere heißt zusammenleben, wörtlich: miteinander leben. Was das räumlich bedeutet, verhandelt die Ausstellung an Orten, die in Grundrissen meist namenlos bleiben, weil sie als Verkehrsfläche gelten: Türschwelle, Treppenhaus, Laubengang, Hof, Terrasse, Waschküche, Gemeinschaftsraum. Bundesbauministerin Verena Hubertz benennt die politische Lesart deutlich: „‚CONVIVERE‘ zeigt keine spektakulären architektonischen Gesten, sondern bewusste planerische Entscheidungen für die Übergangsräume.“
Warum ausgerechnet Schwellenräume?
Weil dort die Architektur entscheidet, ob Nachbarschaft entsteht oder nur Nebeneinander. Ein Treppenhaus mit einem Fenster auf dem Podest und einer Nische, die zwei Menschen stehen lässt, produziert Gespräche. Ein Treppenhaus als brandschutzoptimierter Schacht mit Bewegungsmelder produziert Schweigen. Beide erfüllen die Norm. Nur eines erfüllt einen Zweck, der sich nicht bemessen lässt.
Diese Zwischenzonen haben eine eigene Materialästhetik, und sie ist selten repräsentativ: abgeschliffener Terrazzo mit dem matten Glanz jahrzehntelanger Benutzung, ein Handlauf aus Eichenholz, den Handflächen dunkel poliert haben, kühler Zementestrich im Hof, das Klacken einer Haustür, die zu schwer ist, um leise zu sein. Licht fällt hier anders ein als in der Wohnung: seitlich, gestreut, oft zufällig. Wer Architektur als Kunst der Atmosphäre versteht, findet im Laubengang mehr Substanz als in mancher Fassade, die für die Renderkamera entstand.
Das Kuratorium sammelt für das angekündigte Repertoire Beispiele aus der Breite des deutschen Wohnungsbaus, vom konventionellen Mehrfamilienhaus über Genossenschaften bis zum Studierendenwohnheim. Studierende der Technischen Universität München erarbeiten unter Benedikt Boucsein gemeinsam mit drei weiteren Hochschulen Dokumentationen und Visualisierungen. Das Format erinnert an einen Musterkatalog, allerdings an einen, der nicht Produkte auflistet, sondern Entwurfsentscheidungen.
Der Begriff Repertoire ist dabei klug gewählt. Er stammt aus dem Theater und meint keinen Kanon, sondern einen Vorrat an Stücken, die je nach Besetzung neu kombiniert werden. Für den Wohnungsbau heißt das: keine Ideallösung für Gemeinschaft, sondern erprobte Figuren, die sich an Ort, Bauherrschaft und Budget anpassen lassen. Das schützt vor dem Missverständnis, Zusammenleben ließe sich per Grundriss verordnen. Räume schaffen Gelegenheiten, mehr nicht.
Wie verhält sich der Beitrag zum Motto der Biennale?
Wang Shu und Lu Wenyu, künstlerische Leitung der Ausstellung 2027, haben ihr Thema „Do Architecture – For the possibility of coexistence facing a real reality“ genannt. Das Gründerpaar des Amateur Architecture Studio arbeitet seit Jahrzehnten mit wiederverwendeten Ziegeln, lokalem Handwerk und einer Bauweise, die ihre eigene Zeit sichtbar altern lässt. Wang Shu erhielt 2012 den Pritzker-Preis, ohne je den internationalen Stilkatalog bedient zu haben.
CONVIVERE liest sich wie eine Übersetzung dieses Mottos ins Deutsche, und darin liegt zugleich die Stärke und das Risiko des Beitrags. Er trifft die Frage der Gesamtausstellung exakt. Er läuft aber auch Gefahr, sie lediglich zu bestätigen. Nationale Pavillons entfalten ihre Wirkung traditionell dann, wenn sie das Thema mit einer eigenen Widerborstigkeit beantworten, nicht wenn sie es illustrieren. Die Fachkommission formuliert ihre Erwartung auffällig vorsichtig: Sie verspreche sich von CONVIVERE einen „Beitrag zur Auseinandersetzung um das künftige Miteinander“. Das klingt nach Diskussionsbeitrag, nicht nach architektonischer Behauptung. In Venedig ersetzen Diskursinstallationen regelmäßig das Bauen.
Was macht das mit diesem Gebäude?
Der Deutsche Pavillon ist der denkbar unpassendste Ort für eine Ausstellung über Konvivialität, und genau das macht die Aufgabe interessant. Daniele Donghi errichtete das Haus 1909 als Bayerischen Pavillon für die Münchner Secession. 1938 riss man es ab und baute es nach Ernst Haigers Entwurf neu: eine achsiale, überhohe Halle mit strengem Portikus, die bis heute jede Bespielung dominiert. Das Haus kennt keine Schwelle, es kennt einen Auftritt. Es kennt keine Nische, es kennt eine Mittelachse. Kuratorinnen und Kuratoren arbeiten deshalb regelmäßig gegen das Gebäude an: 2014 setzte „Bungalow Germania“ den Bonner Kanzlerbungalow in die Halle, 2023 füllte „Open for Maintenance“ sie mit Restmaterialien der vorangegangenen Kunstbiennale.
Ein Repertoire des Zusammenlebens in dieses Gebäude einzuschreiben, verlangt entweder ein sehr genaues Gegenmodell oder eine sehr genaue Aneignung. Kawahara Tatsuya und Ellen Kristina Krause bringen dafür die passende Erfahrung mit. Ihr Büro gründeten sie 2007 in Tokio und verlegten es später nach Hamburg; ihre Arbeiten sind überwiegend kleinmaßstäblich und präzise gefügt. Beide haben bei Shigeru Ban gearbeitet, einem Architekten, der aus Papprohren Gemeinschaftsräume für Katastrophengebiete baut. Das ist eine gute Schule für den Umgang mit Pathos. Kawahara lehrt seit 2026 als Professor an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart.
Welche Kritik ist angebracht?
Der halböffentliche Raum ist in der Fachdebatte gut beleumundet und in der Baupraxis die erste Streichposition. Jeder Quadratmeter Laubengang, jede Sitznische im Hof, jeder Gemeinschaftsraum erscheint in der Wirtschaftlichkeitsberechnung als Fläche ohne Ertrag. Solange Baukosten und Grundstückspreise die Grundrisse diktieren, bleibt das Repertoire ein Angebot an jene, die es sich leisten können, meist Genossenschaften und geförderte Projekte mit langem Atem.
Hinzu kommt eine Verklärungsgefahr. Schwellenräume sind nicht nur Orte der Begegnung, sondern auch der Konflikte: um abgestellte Fahrräder, um Rauch im Hof, um Lautstärke, um Zuständigkeit für den Putzplan. Eine Ausstellung, die das Treppenhaus zur Bühne der Gemeinschaft erklärt und die Reibung ausblendet, produziert Sozialkitsch. Die Qualität von CONVIVERE wird sich daran entscheiden, ob das Kuratorium auch die gescheiterten Beispiele zeigt.
Wo liegt der Nachhaltigkeitsgewinn?
In der Suffizienz. Die Wohnfläche je Einwohnerin und Einwohner lag Ende 2025 bei 49,5 Quadratmetern, zehn Jahre zuvor waren es 46,2. Die Haushalte schrumpfen, die Flächen wachsen. Geteilte Räume sind die einzige Strategie, die Wohnqualität erhöht und Fläche einspart, statt beides gegeneinander auszuspielen. Ein Gästezimmer, das zwölf Parteien gemeinsam nutzen, ersetzt zwölf ungenutzte Gästezimmer. Das ist keine ästhetische Frage, wird aber nur dann angenommen, wenn die Räume schön genug sind, um benutzt zu werden. Hier trifft ökologische Notwendigkeit auf Entwurfshandwerk.
Der Vorgängerbeitrag, „Stresstest“ von Elisabeth Endres, Gabriele Kiefer, Daniele Santucci und Nicola Borgmann, machte 2025 die Überhitzung der Stadt körperlich erfahrbar. 2027 wechselt die Temperatur das Register: von der thermischen zur sozialen. Ob sich die soziale Wärme eines Hinterhofs ausstellen lässt, ohne sie zu simulieren, ist die eigentliche kuratorische Frage. Die 20. Architekturbiennale läuft vom 8. Mai bis zum 21. November 2027, die Preview am 6. und 7. Mai. Bis dahin bleibt Zeit, das Repertoire zu schärfen. Und ein Treppenhaus zu finden, das die Ausstellung überflüssig macht, weil es alles schon zeigt.
Kuratorium
KAWAHARA KRAUSE ARCHITECTS: https://kawahara-krause.com/
Kawahara Tatsuya (Mitgliedsprofil Akademie der Künste): https://www.akademie-der-kuenste.de/die-akademie/mitglieder/tatsuya-kawahara/
Staatliche Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Architektur: https://www.abk-stuttgart.de/studienangebot/architektur/
Andres Lepik, Professur für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis: https://www.arc.ed.tum.de/en/agp/professorship/team/andres-lepik/
Architekturmuseum der TUM: https://www.arc.ed.tum.de/en/agp/architekturmuseum-der-tum/
Olga Cobuscean, Institut für Entwerfen und Städtebau, LUH: https://www.staedtebau.uni-hannover.de/staedtebauliches-entwerfen/team/olga-cobuscean
Benedikt Boucsein, Professur für Urban Design, TUM: https://www.professoren.tum.de/en/boucsein-benedikt

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