Baukunst - Licht als Werkstoff
Sabine Marcelis, Mirage, 2021. Drei getönte Glasscheiben in der Wüste: Im Spiegelbild verschmelzen Düne, Himmel und Farbe zu einer zweiten, gefilterten Landschaft. © Rami Mansour

Licht als Werkstoff

05.10.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Design | Ausstellung

Wo einst Joghurt abgefüllt wurde, glüht heute das Harz

Sabine Marcelis im Museum für Gestaltung Zürich: Die erste Museumsausstellung der Rotterdamer Designerin trifft im Toni-Areal auf eine Architektur, die selbst von Verwandlung erzählt.

Ein Haus aus Milch und Beton

Wer das Toni-Areal in Zürich-West betritt, betritt zunächst eine Infrastruktur. Der Koloss an der Pfingstweidstrasse wurde 1977 als Milchverarbeitungsbetrieb eröffnet, damals der größte Europas, ausgelegt auf bis zu eine Million Liter Milch am Tag. Hier entstand das Joghurt im Glas, das Generationen von Schweizer Haushalten kannten. Nach gut zwei Jahrzehnten war die Anlage überdimensioniert; 1999 endete die Produktion. Zurück blieb ein Industriebau von enormer Tiefe, gebaut für Tankwagen, Abfüllstraßen und Kühlräume, nicht für Menschen.

Dass ausgerechnet dieser Bau heute eine der ambitioniertesten Bildungs- und Kulturmaschinen der Schweiz beherbergt, verdankt sich dem Zürcher Büro EM2N. Mathias Müller und Daniel Niggli gewannen 2005/06 den Wettbewerb und bauten die Molkerei zwischen 2011 und 2014 für die Zürcher Hochschule der Künste und zwei Departemente der ZHAW um. Rund 108 000 Quadratmeter Nutzfläche, mehr als 1400 Räume, ein auf den Bestand gesetztes Wohnhochhaus: Der Maßstab bleibt industriell. EM2N haben das nicht kaschiert, sondern zum Prinzip erklärt. Sichtbare Tragstruktur, offengelegte Leitungen und eine bewusst neutrale Materialpalette halten die Herkunft präsent. Das Konzept trägt den Titel „Stadt im Haus“: Eine Kaskade aus Treppen und Hallen bildet das innere Rückgrat, um fünf Lichthöfe gruppieren sich Ateliers, Studios und Säle wie Quartiere. Die ehemalige Lastwagenrampe, über die einst die Milch angeliefert wurde, ist zum öffentlichen Boulevard geworden, an dem Konzertsaal, Kino, Jazzclub und Ausstellungsräume liegen.

Hier unterhält das Museum für Gestaltung Zürich einen seiner drei Standorte, neben dem Stammhaus an der Ausstellungsstrasse und dem Pavillon Le Corbusier. Im Toni-Areal lagert auch die Sammlung: über 580 000 Objekte, die größte Sammlung zur Designkultur der Schweiz. Ausstellung, Archiv und Lehre arbeiten hier unter einem Dach. Für eine Designerin, die ihr Werk als fortlaufende Materialforschung begreift, ist das kein neutraler Ort.

Harz, Glas und gelenktes Licht

Ab dem 30. Oktober 2026 zeigt das Museum mit „Sabine Marcelis: Light and Color“ die erste Museumsausstellung der niederländisch-neuseeländischen Designerin. Marcelis, Jahrgang 1985, schloss 2011 an der Design Academy Eindhoven ab und gründete im selben Jahr ihr Studio, das heute im Rotterdamer Hafen arbeitet. Ihr Werkzeug ist selten das Ornament und fast nie die komplizierte Form. Es sind Würfel, Säulen, Scheiben, Ringe. Die Komplexität liegt im Material: gegossenes Harz, Glas, Naturstein, Spiegel. Marcelis führt Licht so in diese Körper hinein, dass sie von innen zu glühen scheinen, und lässt Farbe nicht auf der Oberfläche sitzen, sondern im Volumen.

Die Candy Cubes von 2014 zeigen das Prinzip in seiner reinsten Gestalt. Massive Harzblöcke in Apricot, Rosa und Flieder, an den Kanten heller, im Kern gesättigter, wirken wie verfestigtes Licht. Als Hocker funktionieren sie nebenbei auch. Verwandt sind die Totem Lights, vertikale Säulen aus Harz und Licht, oder die Hue Mirrors, deren Farbverläufe das Spiegelbild tönen. Die Grenze zwischen Möbel, Leuchte und Installation interessiert Marcelis erkennbar wenig. Ihr Werk reicht vom Unikat über das Serienprodukt für Industriepartner bis zur kulturellen Rauminstallation, ohne dass eine dieser Kategorien die anderen ausschließen müsste.

Kein Archiv, sondern Werkstatt

Die Ausstellung vereint Arbeiten aus fünfzehn Jahren, darunter frühe Schlüsselwerke wie Tall Stripe, die Werkgruppe der Candy Cubes und Sunbeam Capture, eine gemeinsam mit dem Künstler Boris Acket realisierte Installation: Ein scharf gebündelter Lichtstrahl fällt in ein rundes Wasserbecken und bricht sich dort in Gold, Türkis und Weiß. Hinzu kommen Leuchten, Möbel und Spiegel sowie eine neue, eigens für Zürich entwickelte Rauminstallation.

Marcelis selbst wehrt sich gegen die naheliegende Lesart einer Werkschau. „Diese Ausstellung sollte kein Archiv vergangener Projekte sein, sondern vielmehr zeigen, wie ich arbeite und wie wir in meinem Studio mit Licht, Material und Farbe umgehen und diese spielerisch erforschen“, sagt sie. Entsprechend breiten Raum erhalten Materialstudien und Experimente: Harzmuster, Farbversuche, Testgüsse. Gerade diese Samples verraten, wie viel Verwerfung hinter der scheinbar mühelosen Präzision der fertigen Objekte steckt. Im Toni-Areal, wo nebenan Studierende an eigenen Versuchsreihen arbeiten, gewinnt diese Offenlegung des Prozesses eine eigene Pointe.

Unendlichkeit im Spiegelraum

Kuratiert von Damian Fopp, entfaltet sich die Schau als Parcours aus offenen und verdichteten Situationen. Zwei immersive Räume markieren die Höhepunkte. Ein mit IKEA Schweiz realisierter Lichttunnel, bestückt mit Leuchten aus der gemeinsamen Kollektion VARMBLIXT, vervielfacht sich durch Spiegelungen ins scheinbar Endlose. Eine bemerkenswerte Konstellation: Ein Produkt des schwedischen Möbelkonzerns wird im Museum zum Baustein einer Raumerfahrung, die auf genau jene Aura zielt, die man dem Serienprodukt gemeinhin abspricht.

Die zweite Installation, Mathmos Lava Columns, arbeitet mit raumhohen Lavalampen, die Marcelis für den britischen Hersteller Mathmos entworfen hat. Zwischen verspiegelten Wänden steigen und sinken die Wachsformationen vom Boden bis zur Decke; Licht und Bewegung lösen die Raumgrenzen auf. Dass ausgerechnet die Lavalampe, Inbegriff des Wohnzimmerkitschs der Sechzigerjahre, hier zur architektonischen Säule wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Marcelis scheint sie zu genießen.

Szenografie als Fortsetzung des Werks

Die Ausstellungsgestaltung stammt vom Studio Sabine Marcelis selbst. Sie greift geometrische Motive aus dem eigenen Formenvokabular auf und übersetzt sie in eine reduzierte, materialbasierte Szenografie mit präzise gesetzten Lichtakzenten. Das ist folgerichtig, denn bei Marcelis ist der Raum nie bloß Hintergrund. Ihre Arbeiten brauchen ihn als Resonanzkörper; Farbe, so formuliert es das Museum, „erscheint nicht als Oberfläche, sondern wirkt im Raum und verändert dessen Wahrnehmung“.

In der rohen, großmaßstäblichen Struktur der ehemaligen Molkerei trifft diese Haltung auf ein architektonisches Gegenüber, das selbst von Transformation handelt. Wo einst Milch in Stahltanks gekühlt, homogenisiert und abgefüllt wurde, wird nun Licht in Harz gefangen. Beide Vorgänge drehen sich, auf sehr unterschiedliche Weise, um die Veredelung eines flüchtigen Stoffes.

Programmatisch fügt sich die Ausstellung in die Reihe monografischer Schauen, mit denen das Museum für Gestaltung Zürich einflussreiche Positionen der Gegenwart würdigt: Jasper Morrison 2016, Formafantasma 2022, Tatiana Bilbao 2024. Begleitend erscheint bei Apartamento Publishing die Publikation „Making a Show“. Das Museum beschreibt Marcelis’ Entwürfe als sensorische Erlebnisse, bei denen Wahrnehmung selbst zur Funktion wird. Im Toni-Areal lässt sich prüfen, wie weit diese These trägt. Die Indizien sprechen für sie.

Leserinformation

Sabine Marcelis: Light and Color

Museum für Gestaltung Zürich, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, 8005 Zürich

30. Oktober 2026 bis 4. April 2027 (laut Medienmitteilung)

Vernissage Donnerstag, 29. Oktober 2026, 19 Uhr, mit Übersetzung in Gebärdensprache (DSGS)

Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 20 Uhr, donnerstags ab 17 Uhr freier Eintritt

Toni-Areal, ehemalige Toni-Molkerei (eröffnet 1977, Produktion bis 1999)

Umbau: EM2N Architekten, Zürich; Wettbewerb 2005/06, Umbau 2011 bis 2014, Eröffnung September 2014

Nutzung: Zürcher Hochschule der Künste, zwei ZHAW-Departemente, Museum, Kultur, Wohnen

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