
baukunst.art  |  Unterwegs  |  Ausgabe Juni 2026
Was bleibt, wenn nichts mehr neu gebaut wird? Ein Grazer Labor sucht Antworten
Umbaukultur bezeichnet eine Planungspraxis, die den Bestand als Ressource versteht und Erhaltung, Reparatur sowie Wiederverwendung systematisch über den Neubau stellt. Genau dieses Verständnis rückt das Haus der Architektur (HDA) in Graz zwischen 30. Mai und 31. Juli 2026 in den Mittelpunkt. Unter dem Titel „Stadtabdrücke – Landabläufe“ verwandeln die Architekturkollektive asphalt und circa. den Ausstellungsraum an der Mariahilferstraße in ein offenes Labor, das den Umgang mit dem Vorhandenen zum Programm erhebt. Statt einer fertigen Schau zeigt das HDA einen Diskurs im Entstehen, der über Wochen wächst und sich aus Feldrecherchen, studentischen Arbeiten und einem dichten Begleitprogramm speist.
Warum richtet ein Architekturlabor den Blick auf Bauhöfe und Restflächen?
Das Kollektiv asphalt untersucht kommunale Bauhöfe und Abfallsammelstellen im ländlichen Raum der Steiermark. Diese niederschwelligen, öffentlich zugänglichen Infrastrukturen gelten selten als architektonisch bedeutsam, doch sie organisieren die Materialflüsse einer ganzen Region. Im Labor entstehen kartografische Mappings, die räumliche Strukturen vergleichbar machen und als eigene Typologie lesbar werden lassen. Multimediale Porträts halten fest, was sich zwischen Lagerhalle, Containerreihe und Sortierfläche an Routinen verdichtet. Aufbauend auf dem Projekt „Umbauhof“, zu dem Ende Mai 2026 ein Band im Birkhäuser Verlag erscheint, treten die atmosphärischen Eigenheiten dieser Orte hervor: das Improvisierte, das Roh-Baustellenhafte und zugleich hochgradig Organisierte. Sichtbar wird so eine Praxis der Wiederverwendung, die Bauteile nicht entsorgt, sondern für den nächsten Bauzyklus bereithält.
Das Kollektiv circa. wendet sich den oft übersehenen Räumen der Stadt zu, jenen Übergängen, Restflächen und Orten des Selbstverständlichen, die es als „infraordinär“ beschreibt. Beobachtung, Analyse und Darstellung dieser Strukturen versteht circa. als Akt der Anerkennung, als Grundlage für Pflege und Weiterbau. Aus Workshops an ausgewählten Grazer Orten, getragen vom Institut für Architekturtechnologie und vom Institut für Gebäudelehre der Technischen Universität Graz, entsteht ein fortlaufender Atlas der Erinnerungen und transformierten Strukturen. Plan, Text, Zeichnung, Fotografie sowie Sieb- und Prägedruck dienen dabei als Mittel der Übersetzung urbaner Situationen. Architekturstudentinnen und Architekturstudenten errichten Mockups aus geernteten Materialien und bauen erste Exponate, sodass Forschung, Lehre und öffentliche Vermittlung im selben Raum sichtbar werden. Zwischen Abdruck, Archiv und Ausstellung entsteht ein Raum, in dem Stadt gelesen und weitergedacht wird.
Beide Zugänge ergänzen sich: asphalt liest das Land, circa. die Stadt. Gemeinsam zeichnen sie ein vielschichtiges Bild einer gelebten Umbau- und Reparaturkultur, in der das Bestehende nicht als Mangel, sondern als Ausgangspunkt erscheint. Dass keine abgeschlossene Ausstellung gezeigt wird, sondern ein wachsendes Labor, ist dabei Methode und nicht Verlegenheit; das Format spiegelt eine Praxis, die mit dem rechnet, was schon da ist. So entsteht aus Beobachtung Haltung und aus Haltung ein übertragbares Modell.
Welche rechtlichen Hürden stehen der Wiederverwendung im Weg?
Wer Bauteile wiederverwenden möchte, stößt in Österreich rasch auf das Abfallrecht. Sobald ein Bauteil ausgebaut wird, gilt es nach dem Abfallwirtschaftsgesetz 2002 (AWG 2002) zunächst als Abfall; erst mit Erreichen des Abfallendes darf es wieder als Produkt in Verkehr gebracht werden. Die Recycling-Baustoffverordnung (BGBl. II Nr. 181/2015) regelt für mineralische Baustoffe die Bedingungen zulässiger Wiederverwertung und schreibt vor Abbrucharbeiten eine verpflichtende Schad- und Störstofferkundung vor. Für die Praxis heißt das: Wiederverwendung ist kein Selbstläufer, sondern verlangt Nachweise, Dokumentation und ein frühzeitiges Rückbaukonzept, das den späteren Materialweg schon bei der Planung mitdenkt.
Hinzu kommt die Frage der Bauprodukte. Die neue EU-Bauproduktenverordnung (Verordnung (EU) 2024/3110) nimmt erstmals wiederverwendete Produkte ausdrücklich in den Blick und schafft einen Rahmen für deren Bewertung und Kennzeichnung. Auf Landesebene bleibt das Steiermärkische Baugesetz (Stmk. BauG) maßgeblich, sobald ein Bestand umgebaut statt abgerissen wird; Standsicherheit, Brandschutz und Barrierefreiheit, etwa nach ÖNORM B 1600, sind auch beim Weiterbauen einzuhalten. Steht ein Objekt unter dem Schutz des Denkmalschutzgesetzes (DMSG), tritt die Bewilligung des Bundesdenkmalamtes hinzu. Das Grazer Labor macht diese Regelungsschichten sichtbar, ohne sie zu verklären oder zu vereinfachen. Für planende Büros verschiebt sich damit der Aufwand nach vorn: Wer Wiederverwendung will, dokumentiert früher und genauer.
Spürbar wird hier eine Lücke zwischen Anspruch und Vollzug. Die europäische Kreislaufwirtschaft, vom Neuen Europäischen Bauhaus bis zum Circular Economy Action Plan, fordert Wiederverwendung; das nationale Ordnungsrecht behandelt ausgebaute Bauteile aber weiterhin überwiegend als Abfall. Wer die graue Energie eines Tragwerks erhält, statt es zu entsorgen, spart Emissionen, die kein Neubau je zurückgewinnt. Pre-Demolition-Audits und digitale Materialkataster könnten die Lücke schließen, doch sie sind weder flächendeckend etabliert noch durchgängig vorgeschrieben. Wer wie asphalt Bauhöfe als Knotenpunkte der Wiederverwendung porträtiert, benennt damit auch einen regulatorischen Handlungsbedarf, den die Davos-Erklärung zur Baukultur seit 2018 anmahnt.
Was bedeutet das Labor für die Planungskultur in der Steiermark?
Eine erfolgreiche Bauwende entscheidet sich nicht allein an neuen Technologien, sondern am Umgang mit dem Vorhandenen, an bestehenden Infrastrukturen, Routinen und materiellen Kreisläufen. „Stadtabdrücke – Landabläufe“ liest Stadt und Land als Archive und als Ressourcen, aus denen eine Architektur des Weiterbauens schöpfen kann. Gerade im ländlichen Raum, wo demografischer Wandel und Leerstand zusammentreffen, gewinnt diese Haltung an Gewicht: Der kommunale Bauhof wird zum stillen Akteur einer regionalen Ressourcenwirtschaft. Ein Begleitprogramm aus Studierendenworkshops, offenen Werkstätten ohne Voranmeldung sowie Werkstattgesprächen und einer Buchvorstellung am 19. Juni 2026 überführt die Haltung in konkrete Praxis. Auch Landesentwicklung und örtliche Raumordnung profitieren, wenn Kommunen ihre Materialbestände kennen und gezielt steuern.
Dass die Kammer der Ziviltechnikerinnen und Ziviltechniker für Steiermark und Kärnten, das Land Steiermark und die Technische Universität Graz das Format mittragen, verweist auf eine regionale Allianz, die Umbaukultur nicht als Nische, sondern als Kern künftiger Planung begreift. Hervorgegangen ist das Projekt aus dem HDA-Open-Call 2025, also aus einem offenen Auswahlverfahren statt aus einer Auftragsvergabe. Übertragbar ist der Ansatz allemal: Bauhöfe und Restflächen gibt es in jeder Region, ihre Potenziale bleiben meist ungenutzt. Wer sie als Materiallager und als Wissensspeicher begreift, gewinnt für die Bauwende mehr, als jede Neubauförderung verspricht. Die Steiermark könnte so zum Referenzfall werden, wie Regionen ihre eigene Substanz produktiv halten.
Leserinformation
Haus der Architektur Graz, Labor und Ausstellung
| Ausstellung | „Stadtabdrücke – Landabläufe“, Labor und Ausstellung der Architekturkollektive asphalt und circa. |
| Laufzeit | 30. Mai bis 31. Juli 2026 |
| Eröffnung / Kick-off | Samstag, 30. Mai 2026, 19 Uhr, im Rahmen des HDA-Sommerfests (Architekturtagefest) |
| Ort | HDA, Haus der Architektur, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz, Österreich |
| Öffnungszeiten | Ausstellung: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr
Büro: Montag bis Freitag, 11 bis 17 Uhr |
| Begleitprogramm | Feldrecherche Alltagsinfrastrukturen: 16. bis 17. April 2026
Aufbau der Ausstellung mit Studierenden der TU Graz: 2. bis 3. Juni 2026 Studierendenworkshops: 8. bis 9. Juni und 15. bis 16. Juni 2026 Open Workshops (keine Voranmeldung): 10. bis 11. Juni und 17. bis 18. Juni 2026 Werkstattgespräche, Midissage und Buchvorstellung: 19. Juni 2026, 18 Uhr |
| Eintritt | Zu den Eintrittskonditionen macht das HDA auf der Programmseite keine Angaben; aktuelle Tarife bitte vorab erfragen. Der Kulturpass „Hunger auf Kunst & Kultur Steiermark“ wird als Partner geführt. |
| Barrierefreiheit | Zur barrierefreien Zugänglichkeit liegen keine ausdrücklichen Angaben vor. Ob die Räume stufenlos und gemäß ÖNORM B 1600 erschlossen sind, sollte vor dem Besuch direkt beim Haus geprüft werden. |
| Anreise | Das HDA liegt zentral am linken Murufer nahe dem Kunsthaus Graz. Die Anreise ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln der Graz Linien möglich; Haltestelle und Tarife bitte tagesaktuell prüfen. |
| Kontakt | Telefon: +43 316 323 500
E-Mail: office@hda-graz.at |
| Web und Newsletter | hda-graz.at; die Newsletter-Anmeldung erfolgt über das HDA. |
Alle Angaben nach dem HDA, Stand der Programmseite. Änderungen vorbehalten.

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