
baukunst.art | Praxis / Österreich | September 2026
Die Macht der Auftraggebenden: Warum Österreich seine Bauherrinnen und Bauherren feiert
Aus 132 Einreichungen hat die ZV 23 Projekte für den Bauherr:innenpreis 2026 nominiert. Was sie verbindet, ist nicht der Stil, sondern die Haltung ihrer Bauherrschaft.
In Österreich gibt es seit 1967 einen Architekturpreis, der nicht in erster Linie Architektinnen und Architekten ehrt, sondern jene, die Architektur überhaupt erst möglich machen. Der Bauherr:innenpreis der Zentralvereinigung der Architekt:innen Österreichs (ZV) zeichnet Auftraggeberinnen und Auftraggeber aus, die gemeinsam mit ihren Planenden Außergewöhnliches realisiert haben. Für die Ausgabe 2026 stehen die Nominierungen fest: 23 Projekte aus 132 Einreichungen, verteilt über alle neun Bundesländer. Über die Preise entscheidet eine Hauptjury mit Katharina Benjamin aus Leipzig, Sonja Hohengasser aus Spittal an der Drau und Lukas Imhof aus Zürich. Verliehen werden die Preise am 23. Oktober in der Helmut List Halle in Graz.
Wie kommt ein Projekt auf die Liste?
Das Verfahren ist zweistufig und deutlich aufwendiger als bei den meisten Architekturpreisen. In der ersten Stufe besuchen 27 Nominierungsjurorinnen und Nominierungsjuroren die eingereichten Projekte vor Ort, drei für jedes Bundesland, alle ehrenamtlich. Jedes Land darf höchstens drei Bauten in die Endrunde schicken. Erst danach entscheidet die dreiköpfige Hauptjury über die Preise. Bewertet werden architektonische Qualität, innovative Ansätze und der Beitrag zum Lebensumfeld, ausdrücklich aber auch die Intensität der Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft und Planung. Zugelassen waren Projekte, die in den vergangenen drei Jahren entstanden sind.
Die Resonanz wächst. 2025 gingen 112 Einreichungen ein, 24 Projekte wurden nominiert, sieben ausgezeichnet. In diesem Jahr sind es rund 20 Einreichungen mehr. Bemerkenswert ist der Aufwand dahinter: Bevor überhaupt nominiert wird, haben Fachleute jedes eingereichte Projekt vor Ort gesehen. Wo viele Award-Formate nach Renderings und Portfoliomappen urteilen, zählt hier, wie ein Gebäude im Alltag funktioniert.
Wer baut hier eigentlich?
Die Bandbreite zeigt sich bei den Bauaufgaben ebenso wie bei den Bauherrschaften. Im burgenländischen Güssing hat die landeseigene PEB Projektentwicklung Burgenland GmbH einen Schulcampus für Volksschule, Allgemeine Sonderschule und Zentralmusikschule errichtet. Der Entwurf von Pichler & Traupmann ging aus einem Wettbewerb hervor. Eine zweigeschossige Halle mit Bibliothek und Sitzstufen dient als Aula und Bühne, großzügige Terrassen vor den Klassenräumen werden zum Unterricht im Freien genutzt. Fertiggestellt wurde der Campus im August 2024, eröffnet im Oktober, investiert wurden rund 17 Millionen Euro.
Am anderen Ende des Spektrums steht Lehm Ton Erde in Schlins. Hier ist der Lehmbaupionier Martin Rauch mit seinem Unternehmen Bauherr, Planer und Produzent zugleich. An die 2021 errichtete Werkhalle, in der vorgefertigte Stampflehmwände entstehen, schließt seit 2026 ein dreigeschossiges Bürogebäude aus tragendem Stampflehm an, rund 680 Quadratmeter groß und über sechs Jahre entwickelt. Planung, Produktion, Werkstatt und Forschung liegen nun unter einem Dach. Das Ensemble ist Firmensitz und gebautes Argument für das eigene Material in einem.
In der Wiener Donaustadt haben die Bauträger migra und BWS-Gruppe mit AllesWirdGut und Gerner Gerner Plus die „Rote Emma“ realisiert: 360 geförderte Wohnungen in Holz-Hybrid-Bauweise aus industriell vorgefertigten Modulen, dazu 44 Einheiten des Frauenwohnprojekts ro*sa, ein Kindergarten, Gemeinschaftsräume und Urban Farming auf den Dächern. Elf Organisationen sind im Quartier untergebracht. Investiert wurden rund 90 Millionen Euro, davon 35 Millionen Euro Förderung der Stadt Wien.
Und dann ist da die Villa Beer, das 1931 von Josef Frank und Oskar Wlach errichtete Wohnhaus in Hietzing. Die Villa Beer Foundation um Lothar Trierenberg hat das Haus für fünf Millionen Euro erworben und für rund zehn Millionen Euro instand setzen lassen. Stadt Wien und Bundesdenkmalamt beteiligten sich mit Förderungen. Seit März 2026 ist das Haus öffentlich zugänglich, als Ausstellungsort, Archiv und Gästehaus für Forschende. Das Motto „Berühren erlaubt!“ beschreibt eine Haltung, die ein Baudenkmal nicht einfriert, sondern nutzbar macht.
Dazwischen liegen ein Rathausquartier in Hohenems, eine Kinderkrippe in Gabersdorf, eine Aufbahrungsstube mit Widum im Tiroler Bergdorf Mathon, ein Konzertsaal in Prein an der Rax, ein Weingut in Röschitz, zwei Bauernhöfe und eine erweiterte Kulturbackstube in Innsbruck. Das Spektrum der Bauherrschaften reicht vom Landesunternehmen über gemeinnützige Bauträger und Stiftungen bis zu privaten Betrieben.
Was macht eine gute Bauherrschaft aus?
Liest man die 23 Projekte nebeneinander, zeichnen sich drei Eigenschaften ab. Die erste ist die Wahl eines Verfahrens, das Qualität überhaupt hervorbringen kann. Güssing ist das Ergebnis eines Wettbewerbs. In Deutschland verpflichtet § 78 Absatz 2 VgV öffentliche Auftraggeber oberhalb der EU-Schwellenwerte, bei Aufgaben im Hoch-, Städte- und Brückenbau sowie in der Landschafts- und Freiraumplanung zu prüfen, ob ein Planungswettbewerb durchgeführt werden soll, und diese Entscheidung zu dokumentieren. Eine Prüfpflicht baut noch kein gutes Haus. Sie zwingt aber dazu, die Entscheidung bewusst zu treffen und zu begründen, und genau darin liegt der Kern guter Bauherrschaft.
Die zweite Eigenschaft ist Ausdauer über den Moment der Auftragsvergabe hinaus. Wenn Sanierungskosten doppelt so hoch ausfallen wie der Kaufpreis, wie bei der Villa Beer, oder wenn eine alte Hofstelle saniert und wiederaufgebaut wird, wie in Schleedorf, dann trägt nicht der Entwurf das Projekt, sondern die Bauherrschaft, die an ihm festhält.
Die dritte ist ein Verständnis des Bauens als Beitrag zum Gemeinwesen. Ein Wohnquartier, das einen Kindergarten, ein Frauenwohnprojekt und Erwachsenenbildung aufnimmt, ein Ensemble aus Widum und Aufbahrungsstube in einem Tiroler Bergdorf, dem dieselbe Sorgfalt gilt wie einem Rathaus: Solche Entscheidungen fallen lange vor dem ersten Strich im Plan. Die ZV bringt es selbst auf den Punkt, wenn sie Baukultur als Kultur der Bauherrschaft beschreibt.
Warum lohnt der Blick aus Deutschland nach Österreich?
Auch Deutschland kennt einen Bauherrenpreis. Der Deutsche Bauherrenpreis von GdW, BDA und Deutschem Städtetag wird seit 1986 ausgelobt und wurde im Juni 2026, im 40. Jahr seines Bestehens, in Berlin verliehen: 176 Einreichungen, 30 Nominierungen, fünf Preise und drei Sonderpreise. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Wohnungsbau und auf dem Nachweis, dass hohe Qualität und tragbare Kosten zusammengehen. Der österreichische Preis setzt breiter an. Er stellt eine Aufbahrungsstube neben eine Sportarena und behandelt die Bauherrschaft ausdrücklich als kulturellen Akteur.
Für Architektinnen und Architekten in Deutschland ist das mehr als eine Randnotiz. Wie unser Beitrag zur Konjunktur der Planungsbüros gezeigt hat, ist der durchschnittliche Auftragsbestand der Architekturbüros von 11,5 auf 10,0 Monate gesunken, und öffentliche Planungsausschreibungen gingen 2025 um rund 5 Prozent zurück. Umso wichtiger wird die Frage, wer Aufträge vergibt und wie. Gute Bauherrinnen und Bauherren entstehen nicht von selbst. Sie brauchen Beispiele, an denen sie sich messen können, und öffentliche Anerkennung, wenn sie mehr riskieren als das Minimum.
Was bleibt bis zum 23. Oktober?
Wie viele Preise die Hauptjury vergibt, entscheidet sie selbst. Schon die Nominierung ist eine Auszeichnung, und die Projekte werden anschließend in der Wanderausstellung „BHP Unterwegs“ gezeigt. Wer mit Auftraggeberinnen und Auftraggebern über Verfahren, Budgets und Ambitionen spricht, findet in der Liste der 23 ein handfestes Argument: Baukultur ist kein Zufallsprodukt gelungener Entwürfe. Sie beginnt mit der Entscheidung, gut bauen zu wollen.
Weitere Informationen:
● ZV: Bauherr:innenpreis 2026: https://zv-architekten.at/bauherrenpreis/bauherr-innenpreis-2026

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