Baukunst - Das Haus, das gehen konnte und blieb
Villa Ker Ar Bruck in Morgat: geprägte, verzinkte Eisentafeln, Schieferdach mit Dachreiter. Rostspuren an den Stößen. © Alexander Ottersbach

Das Haus, das gehen konnte und blieb

29.09.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  | Gesellschaft | September 2026

Das Haus aus dem Baukasten: Die Villa Ker Ar Bruck in Morgat

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Ein Haus aus Blechtafeln, ohne Fundament, zerlegbar: Die Villa Ker Ar Bruck in der Bretagne zeigt, wie früh Rückbaubarkeit gedacht wurde.

Ein zerlegbares Haus ist ein Gebäude, dessen Tragwerk und Hülle aus normierten, lösbar verbundenen Bauteilen bestehen, sodass es abgebaut, transportiert und an anderer Stelle wieder errichtet werden kann. Eines der wenigen in Frankreich bis heute bewohnten Beispiele steht in der Rue Myrdhine in Morgat, einem Ortsteil von Crozon im Département Finistère: die Villa Ker Ar Bruck, im Ort „Maison de Fer“ oder „Villa Eiffel“ genannt. Sie ist über 130 Jahre alt und formuliert bereits, was heute unter den Stichworten Rückbaubarkeit und Kreislaufwirtschaft verhandelt wird.

Was unterscheidet das Danly-System von anderen Eisenhäusern?

Vorgefertigte Häuser aus Eisen waren im späten 19. Jahrhundert keine Neuheit; schon um 1850 verschifften britische Hersteller zerlegbare Eisenhäuser nach Australien und Kalifornien. Neu war das System des belgischen Bergbauingenieurs Joseph Danly (1839 bis 1899). Gemeinsam mit seinem Bruder Louis übernahm er 1863 eine Schmiede in Aiseau bei Charleroi, die zunächst Eisenbahnmaterial fertigte. Nach dem Tod des Bruders 1883 nutzte Danly die vorhandenen Stanz- und Verzinkungswerkstätten für ein neues Produkt: Häuser aus gepresstem Blech. Im Juli 1885 erhielt er sein erstes Patent, 1887 folgte ein verbessertes System mit schmiedeeisernem Rahmen, das auch größere und mehrgeschossige Bauten erlaubte.

Das Prinzip ist einfach und klug. Ein Skelett aus Schmiedeeisen, verbunden über gusseiserne Knoten, trägt dünne, verzinkte und geprägte Blechtafeln. Sie sitzen innen und außen am Rahmen, dazwischen bleibt ein Hohlraum, durch den Luft zirkuliert. Fundamente braucht das Haus nicht; es ruht auf Eisenprofilen am Boden. Gedacht war das System für den Kongo-Freistaat, wo Danly 1891 die erste Kirche von Boma lieferte. Danach verbreitete es sich in afrikanischen Kolonien und in Lateinamerika, von Chile und Peru bis Mexiko. Erhalten sind unter anderem die Casa de Ferro in Maputo (1892) und die Casa de Fierro in Iquitos (1890). Das Unternehmen bestand bis 1906.

Wie kam ein Tropenhaus an die bretonische Küste?

Morgat entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert zum Badeort, und mit den Sommergästen kamen die Villen. Wer Ker Ar Bruck entworfen hat, beantworten die Quellen unterschiedlich. Die Base Mérimée des französischen Kulturministeriums schreibt den Entwurf Armand Peugeot zu, im Rahmen der Entwicklung des Badeorts. Die französische Wikipedia nennt das Verfahren von Joseph Danly und die Gesellschaft Richard et Cie, die Peugeot 1884 mit Louis Richard gegründet hatte. Nach dem Dossier des Inventaire général du patrimoine culturel der Région Bretagne überzeugte Peugeot den Pariser Rentier Maurice Desmaret, das Haus zu kaufen. Auch die Datierung schwankt: Die Base Mérimée nennt 1889, das regionale Inventar 1894 als Jahr der Aufstellung.

Um die Herkunft ranken sich Legenden. Nach einer Überlieferung, die das Inventar wiedergibt, wurde das Haus von einer amerikanischen Firma konzipiert und 1889 auf der Pariser Weltausstellung im Pavillon von Chicago gezeigt. Der Name „Villa Eiffel“ verdankt sich allein dieser Nähe zur Ausstellung. Das Inventar stellt nüchtern fest, die Geschichte des Hauses habe „rien à voir avec celle de Gustave Eiffel“.

Die Villa ist eingeschossig mit ausgebautem Dach, der Grundriss L-förmig: ein Hauptflügel zum Strand, zwei Nebenflügel. Außen bilden weiß gestrichene, verzinkte Eisenplatten die Fassade, innen sind die Wände mit Holz und Gips verkleidet. In den 1950er und 1960er Jahren kamen eine Veranda und ein Keller hinzu. Seit dem 26. Januar 2004 sind Fassaden und Dächer als Monument historique klassiert (Base Mérimée, PA29000041). Das Haus ist in Privatbesitz und bewohnt.

Was lehrt ein Haus, das sich abbauen lässt?

Stewart Brands Modell der Shearing Layers unterscheidet die Schichten eines Gebäudes nach ihrer Lebensdauer, unter anderem Struktur, Hülle, Haustechnik und Raumaufteilung. Konventionelle Massivbauten verkleben diese Schichten. Das Danly-System trennt sie, lange bevor es dafür eine Theorie gab. Rahmen und Tafeln sind mechanisch gefügt, jede Platte ist austauschbar, und das Haus ist nicht an seinen Ort gebunden.

Wie belastbar dieses Versprechen ist, zeigt die Maison de Fer in Poissy bei Paris. Die Forges d’Hautmont errichteten sie 1896 nach Danlys Verfahren. Der Sturm von 1999 zerstörte das Haus, 2016 wurde es zerlegt und 2020 im Parc Meissonier wieder aufgebaut. Knapp 30 Prozent der originalen Bleche ließen sich wiederverwenden. Das ist weniger, als die Idee der Demontierbarkeit verspricht, und mehr, als ein Massivbau nach einer Zerstörung je erlauben würde. Korrosion bleibt die Schwachstelle: Verzinktes Eisen an der Atlantikküste verlangt Pflege, sonst frisst das Salz die Kreislaufidee.

Heute ist dieser Gedanke normiert. DIN EN 15978 bilanziert in Modul D die Vorteile und Belastungen außerhalb der Systemgrenze, also Wiederverwendung und Recycling. Das Kreislaufwirtschaftsgesetz stellt in § 6 KrWG die Vermeidung an die Spitze der Abfallhierarchie; ein zerlegtes und wieder aufgebautes Haus wird gar nicht erst zu Abfall. Danlys Häuser erfüllen diese Logik ohne Vorsatz, aus reiner Transportnotwendigkeit: Was in Kisten nach Boma oder Iquitos reisen muss, lässt sich auch wieder auseinandernehmen.

Warum wirkt ein Eisenhaus aus dem 19. Jahrhundert heute so modern?

Die Verwandtschaft reicht bis zu Jean Prouvés Maison Tropicale von 1949, ebenfalls für Afrika entwickelt, Jahrzehnte später zerlegt, zurückgeholt und versteigert. Beide Systeme teilen die Einsicht, dass Vorfertigung nicht Gleichförmigkeit bedeuten muss. Ker Ar Bruck sieht nicht nach Baracke aus, sondern nach Sommerhaus mit bürgerlichem Anspruch.

Zugleich ist die Villa ein Dokument kolonialer Logistik. Das Danly-System entstand, um Verwaltungsbauten, Kirchen und Unterkünfte in den Kongo zu verschiffen und dort mit wenigen Fachkräften zu montieren. Dass ein Haus dieser Bauart als Feriensitz eines Pariser Rentiers an der bretonischen Küste endete, gehört zur Ironie seiner Geschichte.

Für Planerinnen und Planer liegt die Lehre nicht im Material, sondern in der Fügung. Lösbare Verbindungen, normierte Formate und getrennte Schichten schaffen Bauteile mit einem zweiten Leben. Ker Ar Bruck hat dieses zweite Leben nie gebraucht; das Haus steht seit über 130 Jahren am selben Platz. Darin liegt die schönste Pointe: Das zerlegbare Haus bewies seine Qualität, indem es blieb.

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