Baukunst - Beton gegen den Krieg von gestern
Paul Virilios „Bunkerarchäologie" erscheint neu und trifft auf ein Land, das wieder Schutzräume sucht © Sophie Virilio

Beton gegen den Krieg von gestern

28.09.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  | BUCHKRITIK | September 2026

Virilios „Bunkerarchäologie“ erscheint neu und trifft auf ein Land, das wieder Schutzräume sucht

Fünfzig Jahre nach der Erstausgabe erscheint Paul Virilios „Bunkerarchäologie“ wieder auf Deutsch. Der Band ist kein nostalgisches Fotobuch, sondern die Urszene einer Theorie, die den Krieg als Frage der Geschwindigkeit beschreibt. Und er hat eine Leerstelle, die man 2026 nicht mehr überlesen kann.

Was hat Virilio an der Küste gesucht?

Im Sommer 1958 steht ein sechsundzwanzigjähriger gelernter Glasmaler bei Saint-Guénolé in der Bretagne vor einem Betonklotz im Sand. Paul Virilio, in Nantes aufgewachsen, hat als Kind 1943 die Bombardierung der Stadt erlebt: Krieg als plötzlichen Verlust von Raum, als Auflösung dessen, was fest schien. Der Bunker im Dünensand ist das Gegenbild dazu. Er ist übrig geblieben.

Aus dieser Begegnung wird eine Feldforschung über mehr als ein Jahrzehnt. Die Aufnahmen des Bandes entstehen im Wesentlichen zwischen 1958 und 1965, die gesamte Kampagne reicht bis 1969. Virilio fährt die französische Atlantikküste ab, fotografiert, misst, zeichnet, ordnet. Er sucht die Bauwerke des Atlantikwalls nicht als Historiker auf, sondern als jemand, der wissen will, welche Form eine Gesellschaft hervorbringt, die sich vollständig auf Verteidigung stellt. Manche Anlagen besucht er mehrfach, über Jahre hinweg, und beobachtet, wie das Meer sie kippt und verschiebt.

Das Ergebnis ist zunächst eine Ausstellung im Pariser Musée des Arts décoratifs, ausgerichtet vom Centre de Création Industrielle, das 1977 im Centre Pompidou aufging. Sie läuft vom 10. Dezember 1975 bis zum 29. Februar 1976, der begleitende Band erscheint 1975. Die deutsche Übersetzung von Bernd Wilczek folgt 1992 bei Hanser in München, 2011 legte der Wiener Passagen Verlag sie im Taschenformat neu auf. Was bisher fehlte, war eine Ausgabe, die die Fotografien ernst nimmt.

Warum nennt er das Archäologie?

Der Titel ist keine Koketterie. Virilio behandelt Bauten, die zu Beginn seiner Untersuchung kaum fünfzehn Jahre alt sind, mit dem Instrumentarium der Altertumsforschung: Typologie, Fundkontext, Vergleich, Bestandsaufnahme. Er stellt den Betonwerken die ägyptische Mastaba gegenüber, die etruskische Grabkammer, aztekische Bauten. Nicht um zu ästhetisieren, sondern um eine These zu prüfen: dass diese Bauten funktional Grabkammern sind, in denen Lebende auf Zeit untergebracht wurden.

Das ist der methodische Kern des Buches. Virilio behandelt militärische Zweckbauten als Kulturdenkmäler einer Zivilisation, die in ihnen ihr Verhältnis zu Tod, Raum und Sichtbarkeit ausdrückt, ohne es zu wollen. Der Ingenieur des Regelbaus hat keine Formabsicht. Genau deshalb ist die entstandene Form aussagekräftig.

Was ist am Bunker architektonisch bemerkenswert?

Virilios Beobachtungen sind bauliche Beobachtungen, und sie sind präzise. Der Bunker hat keine gesonderte Gründung. Er ist ein monolithischer Guss, ein einziges Stück Beton, das im Boden liegt wie ein Schiff im Wasser. Sein Schwerpunkt liegt tief. Er kann sich neigen, absacken, wandern, ohne zu brechen. Genau das dokumentieren die Aufnahmen: Werke, die sich in den Sand legen, schräg stehen, halb versunken sind, ohne ihre Integrität zu verlieren.

Dazu kommt die Anthropomorphie, die Virilio immer wieder anspricht. Die niedrigen Räume zwingen den Körper in eine gebückte Haltung. Sehschlitze und Panzerkuppeln formen einen Kopf. Die Öffnungen sind Sinnesorgane, keine Fenster. Der Bunker ist kein Behälter für Menschen, er ist ein Ersatzkörper.

Die Fotografien tragen diese These. Schwarzweiß, meist frontal, das Objekt im leeren Landschaftsraum, kein Mensch, kein Maßstab. Das nimmt den Bauten die Größe und gibt ihnen Gewicht. Sie stehen da wie Skulpturen, die niemand aufgestellt hat.

Was hat der Bunker mit Virilios späterer Theorie zu tun?

Alles. Wer Virilio nur als Theoretiker der Geschwindigkeit kennt, findet hier den Ausgangspunkt. Der Atlantikwall war die letzte konsequente Anwendung eines Denkens in Linien: eine befestigte Küste von Nordnorwegen bis zur spanischen Grenze, über 5.000 Kilometer, im großen Maßstab ab 1942 gebaut. Allein für die niederländische, belgische und französische Küste waren bis Mai 1943 rund 15.000 schwere Werke vorgesehen, fertig wurden etwa 6.000. Die Linie war nie durchgehend. Sie war eine Reihe von Stützpunkten mit einer Propagandafassade davor.

Im Juni 1944 setzten die Alliierten ihren Schwerpunkt in der Normandie, und dort war die Küstenverteidigung binnen Stunden bis weniger Tage überwunden. Einzelne Stützpunkte hielten länger, die Radarstation Douvres bis zum 17. Juni, die Festung Cherbourg bis Ende des Monats. Als Sperre aber hatte der Wall an dem Tag aufgehört zu existieren, an dem er ernsthaft geprüft wurde.

Für Virilio ist das der historische Bruch. Die Befestigung, die den Raum kontrollieren sollte, wird durch Geschwindigkeit obsolet. Was folgt, ist die Dromologie: die Einsicht, dass Macht nicht mehr über Territorium, sondern über Tempo organisiert wird, und dass Wahrnehmung, Waffe und Bild zusammenfallen. Der Bunker ist bei Virilio das letzte Monument des Ortes, bevor der Krieg in die Übertragung wandert. Das Schlusskapitel, das Virilio „Ästhetik des Verschwindens“ nennt, liefert dazu das Bild: Werke, die von Erosion und Sturmflut verschoben und zersetzt werden, während der Krieg, den sie abwehren sollten, längst woanders stattfindet. Fünf Jahre später wird daraus ein eigener Buchtitel.

Wer die Kirche Sainte-Bernadette du Banlay in Nevers kennt, die Virilio von 1963 bis 1966 mit Claude Parent baute, sieht die Verbindung sofort. Der bunkerhafte Betonkörper mit der geneigten Bodenebene ist die direkte Übersetzung der Küstenfahrten in gebaute Form.

Was leistet die Neuausgabe?

Der Band von Spector Books und den Éditions du Centre Pompidou ist eine Wiedervorlage, keine Neudeutung. Herausgegeben von Florian Ebner, Sophie Virilio und Jan Wenzel, gestaltet von Helmut Völter und Ina Kwon, erscheint er gleichzeitig auf Deutsch, Französisch und Englisch. Der deutsche Band übernimmt Wilczeks Übersetzung von 1992 und hält sich an das Original: dieselben Texte, dieselben Bilder in derselben Reihenfolge und Platzierung, 212 Seiten mit 102 Schwarzweißabbildungen. Einziger neuer Text ist ein Vorwort von Sophie Virilio.

Der entscheidende Unterschied liegt im Druck. Virilios Negative sind hier in einer Qualität reproduziert, die die alten Ausgaben nicht hatten: Betonoberflächen mit Schalungsspuren, Kiesnester, Rostfahnen, die feine Abstufung zwischen Himmel und nasser Sandfläche. Fadenheftung, Hardcover, ein Format von 22 mal 26 Zentimetern, das den Aufnahmen Raum gibt. Für 42 Euro ist das ein angemessen gemachtes Buch, und es macht aus einem Text, der bisher als Taschenbuch zirkulierte, wieder das Fotobuch, das er von Anfang an war.

Wer eine kommentierte Edition mit historischer Einordnung erwartet, sollte die Erwartung anpassen. Außer dem Vorwort der Tochter gibt es keinen Apparat. Der Band setzt vollständig auf das Original.

Wo liegt die blinde Stelle des Buches?

Genau dort, wo der Beton herkommt. Der Atlantikwall wurde von der Organisation Todt errichtet. Auf den Baustellen arbeiteten mehrere Hunderttausend Menschen, Schätzungen reichen bis zu einer halben Million: bezahlte Kräfte, dienstverpflichtete Franzosen, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter aus halb Europa. Virilio widmet Albert Speer ein eigenes Kapitel, er kennt die Bauverwaltung, er kennt die Normierung in über sechshundert genehmigten Regelbautypen. Aber die Menschen, die diese Werke gegossen haben, treten in seinem Text kaum auf.

Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern eine Konsequenz der Methode. Wer ein Bauwerk archäologisch behandelt, entfernt es aus seiner Entstehungszeit und stellt es in eine lange Reihe von Monumenten. Der Bunker wird dabei zum Objekt, das für sich selbst spricht, und verliert seine Baugeschichte. Bei Virilio führt das an einigen Stellen zu einer Bewunderung des Materials, die den Zweck der Bauten aus dem Blick geraten lässt. Man kann das seiner Zeit zuschreiben, dem Jahr 1975 und der französischen Auseinandersetzung mit der Besatzung. Man muss es beim Lesen trotzdem mitdenken, und die Neuausgabe hätte es benennen können.

Warum liest sich das 2026 anders?

Weil der Schutzraum zurück ist. In Deutschland sind noch 579 öffentliche Schutzräume mit rund 478.000 Plätzen Zivilschutzzwecken gewidmet, von denen die Bundesregierung im Juli 2026 feststellte, dass sie weder funktions- noch einsatzbereit sind. Bis zur Aufgabe des Schutzbaukonzepts 2007 waren es rund 2.000 Anlagen mit etwa 1,6 Millionen Plätzen. Seit Sommer 2024 arbeiten Bund und Länder an einem nationalen Schutzraumkonzept, das auf Tiefgaragen, U-Bahnhöfe und Keller öffentlicher Gebäude setzt, also auf Umnutzung statt Neubau. Veröffentlicht ist es bis heute nicht. Im Mai 2026 hat das Kabinett ein Zivilschutzpaket beschlossen, das bis 2029 rund zehn Milliarden Euro und ein Kataster aller öffentlichen Zufluchtsräume vorsieht.

Damit wird der Bunker wieder zur Bauaufgabe, und Virilios Buch wird von der historischen Studie zum Kommentar auf die Gegenwart. Seine zentrale Beobachtung gilt weiter: Befestigung ist immer eine Antwort auf den Krieg von gestern. Der Atlantikwall war gegen Landung und Artillerie gebaut und scheiterte an Beweglichkeit. Ein Schutzraumkonzept, das die Bedrohungsvorstellung des 20. Jahrhunderts fortschreibt, trifft auf Drohnen, Marschflugkörper und Angriffe auf Netze und Leitungen, die den Schutzraum als Ort schlicht umgehen.

Wer heute über Zivilschutz plant, findet in diesem Buch kein Konzept, aber die schärfste verfügbare Beschreibung dessen, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihre Angst in Beton übersetzt.

Für wen lohnt sich das Buch?

Für alle, die mit Bestand, Denkmalpflege und Konversion zu tun haben, weil Virilio zeigt, wie man ein widersprüchliches Bauerbe untersucht, ohne es sofort zu bewerten. Für Fotografen und Herausgeber, weil hier eine Bildserie und ein Text sich gegenseitig tragen, statt sich zu illustrieren. Und für alle, die Architekturtheorie nicht als Disziplin, sondern als Werkzeug verstehen. Der Band ist schmal, in wenigen Stunden zu lesen und danach jahrelang präsent.

Paul Virilio: „Bunkerarchäologie“. Aus dem Französischen von Bernd Wilczek. Herausgegeben von Florian Ebner, Sophie Virilio und Jan Wenzel. Spector Books und Éditions du Centre Pompidou, Leipzig/Paris 2025. 212 S., 102 Abb., geb., 42,00 Euro. ISBN 978-3-95905-735-6.

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