Baukunst - Kälte unter der Altstadt: München baut sein Fernkältenetz aus
Unter dem Pflaster: So könnte eine Kältezentrale mit Eisspeichern im Untergrund einer Altstadt aussehen. Symbolbild, KI-generiert (Midjourney)

Kälte unter der Altstadt: München baut sein Fernkältenetz aus

28.09.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art  | REGIONALES / BAYERN | September 2026

Die Stadt als Kühlschrank: Münchens stilles Infrastrukturprojekt

Unter der Münchner Altstadt fließt Kälte statt Wärme. Die Stadtwerke bauen ihr Fernkältenetz aus, mit Verspätung. Wer profitiert, wer bleibt außen vor?

Fernkälte ist die zentrale Erzeugung von Kaltwasser, das über ein geschlossenes Rohrnetz zu angeschlossenen Gebäuden fließt und dort eigene Kältemaschinen, Rückkühlwerke und Kältemittel überflüssig macht. München verfügt nach Angaben von ZDFheute mit rund 24 Kilometern Leitungslänge über das größte Fernkältenetz Deutschlands, und die Stadtwerke München (SWM) bauen es derzeit Richtung Süden aus. Oberbürgermeister Dominik Krause (Bündnis 90/Die Grünen) formulierte im Juli 2026 den Anspruch knapp: „Wir müssen noch schneller vorankommen als bisher.“ Neben der kommunalen Wärmeplanung kündigte er auch eine Kälteplanung für die Landeshauptstadt an.

Wie funktioniert die Münchner Fernkälte?

Das Prinzip gleicht der Fernwärme mit umgekehrtem Vorzeichen. Die SWM betreiben unter der Altstadt Kältezentralen im Untergeschoss des Stachus-Bauwerks, in der Herzogspitalstraße und am Odeonsplatz. Am Stachus nutzen sie das Wasser des Westlichen Stadtgrabenbachs, eines der Münchner Stadtbäche. Diese Kanäle entstanden im Mittelalter aus Seitenarmen der Isar, trieben Mühlen, Sägen und Hammerwerke an und wurden bis in die 1960er Jahre größtenteils trockengelegt oder überdeckt. Das Bachwasser kühlt über Wärmetauscher einen getrennten Kreislauf; die Vorlauftemperatur liegt laut SWM zwischen 6 und 10 Grad Celsius. Eisspeicher, die nachts gefrieren und nachmittags abschmelzen, decken die Lastspitzen.

Der Bach allein trägt das System nicht. Nach der Stadtratsvorlage des Referats für Arbeit und Wirtschaft von 2018 stammt nur rund ein Viertel der Leistung aus freier Kühlung mit Flusswasser, etwa 35 Prozent aus Absorptionskältemaschinen, die mit Fernwärme betrieben werden, und rund 40 Prozent aus elektrischen Kompressionskältemaschinen. Eine Präsentation der SWM beziffert den erneuerbaren Anteil der Erzeugung auf 25,5 Prozent. Das Innenstadtnetz versorgt demnach 122 Liegenschaften mit 84 Megawatt Anschlussleistung. Parallel betreiben die Stadtwerke acht kleinere Grundwasserkältenetze, darunter seit 2004 das Netz für das Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) der BMW Group, das nach SWM-Angaben jährlich rund zehn Millionen Kilowattstunden Strom einspart.

Zu den Kunden der Altstadt zählen die Fünf Höfe mit der Kunsthalle München, die Hofstatt und das Hotel Bayerischer Hof. Dimitrios Ladas, technischer Gebäudemanager der Fünf Höfe, bringt den Nutzen auf eine Zeile: „Wir benötigen keine eigenen Rückkühlwerke mehr auf dem Dach.“

Was leistet die neue Zentrale am Energiestandort Süd?

Herzstück des Ausbaus ist eine Fernkältezentrale am Energiestandort Süd in Sendling, wo nach SWM-Angaben seit 2021 auch Deutschlands größte Geothermieanlage rund 60 Megawatt Wärme liefert. Im Endausbau soll die Zentrale rund 35 Megawatt Kälteleistung bereitstellen, rechnerisch genug für rund 100 Bürogebäude. Gekühlt wird mit Wasser aus dem Isarwerkkanal, mit Absorptionstechnik auf Basis von Fernwärme und künftig mit sommerlichen Überschüssen aus der Tiefengeothermie. Eine Transportleitung von fünf bis sechs Kilometern führt durch Isarvorstadt und Ludwigsvorstadt in die Innenstadt und war 2024 laut SWM weitgehend verlegt. Der technische SWM-Geschäftsführer Helge-Uwe Braun begründete das Projekt 2022 damit, dass durch die zentrale Erzeugung „wertvolle Ressourcen geschont“ würden.

Ein Blick auf den Zeitplan lohnt dennoch. Die Stadtratsvorlage von 2018 sah erste Kundenanschlüsse zwischen 2019 und 2022 vor, die Ankündigung von 2022 nannte das Jahresende 2023 und sprach von der größten Fernkältezentrale Europas. Im SWM-Magazin von 2024 ist nur noch von der größten Deutschlands die Rede, die Fertigstellung ist nun für etwa 2028 vorgesehen. Bis dahin überbrücken provisorische Kälteanlagen, die erste Ausbaustufe liefert rund 13 Megawatt. Aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) wurde ein Projektvolumen von 3,28 Millionen Euro bewilligt, das zur Hälfte die EU, zu zehn Prozent der Freistaat Bayern und zu 40 Prozent die Landeshauptstadt tragen; Gesamtkosten nennen die Quellen nicht. Im Norden soll eine weitere Zentrale folgen, um Technologieunternehmen und deren Rechenzentren zu versorgen.

Warum profitiert vor allem die Innenstadt?

Fernkälte rechnet sich dort, wo viele Abnehmer mit hohem Bedarf auf engem Raum sitzen. Die SWM nennen eine wirtschaftliche Untergrenze von etwa 100 Kilowatt Kälteleistung je Anschluss; Bürohäuser, Kaufhäuser, Hotels, Kliniken und Rechenzentren erreichen diesen Wert mühelos, ein typisches Mehrfamilienhaus in Giesing oder Neuperlach nicht. Das Netz folgt damit der Logik einer Straßenbahn: Es fährt dort, wo die Fahrgäste dicht stehen. Für Mieterinnen in Dachgeschossen, Rentner in unsanierten Altbauten und Familien in Hochhäusern der Nachkriegszeit, die die Sommerhitze am stärksten spüren, bleibt das System vorerst Zukunftsmusik. Hier helfen eher Verschattung, Nachtlüftung, Speichermasse und reversible Wärmepumpen, also das Repertoire des sommerlichen Wärmeschutzes nach DIN 4108-2.

Die Ausbaurichtung verrät einen strukturellen Vorteil Münchens: Stadtbäche, ein ergiebiges Grundwasser in der Münchner Schotterebene und ein dichtes Fernwärmenetz als Antrieb für Absorptionskälte. Städte ohne diese Voraussetzungen müssen stärker auf strombetriebene Großkältemaschinen setzen. Hamburg versorgt die City Nord seit 1968 aus einem zentralen Fernkältewerk, Wien und Paris zählen laut ZDFheute zu den europäischen Vorreitern. Übertragbar ist daher weniger die Technik im Detail als der Ansatz, Kälte als kommunale Infrastruktur zu planen und nicht als Summe privater Einzelgeräte.

Was bedeutet der Ausbau für Architektinnen und Architekten?

Für die Planung verändert ein Fernkälteanschluss mehr als die Haustechnik. Entfallen Rückkühlwerke, werden Dachflächen frei für Photovoltaik, Begrünung oder Nutzung; Lärmkonflikte nach der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA Lärm) entschärfen sich, und Kältemittel, deren Einsatz die EU-Fluorgase-Verordnung (EU) 2024/573 schrittweise weiter beschränkt, verschwinden aus dem Gebäude. An Baudenkmälern und im Ensemble Altstadt, wo Außengeräte einer Erlaubnis nach Art. 6 Bayerisches Denkmalschutzgesetz (BayDSchG) bedürfen, ist das ein handfestes Argument. Laut SWM sinkt der Stromverbrauch gegenüber dezentralen Klimaanlagen um 50 bis 70 Prozent.

Praktisch verlangt ein Anschluss frühe Abstimmung. Statt einer Kältezentrale mit Verdichtern braucht das Gebäude eine kompakte Übergabestation mit Wärmetauscher, eine Hausanschlusstrasse und ein hydraulisch passendes Kaltwassersystem, denn das Netz verlangt eine Rücklauftemperatur von mindestens 16 Grad Celsius. Diese Parameter gehören in die Vorplanung, also in Leistungsphase 2 nach § 34 und § 55 Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI), damit Planerinnen, Haustechniker und Tragwerksplanerinnen Deckenhöhen, Kühldecken und Technikflächen darauf abstimmen. Wer erst in der Ausführungsplanung an die Versorgung denkt, verschenkt den Flächengewinn, der den Anschluss für Bauherrinnen und Bauherren wirtschaftlich attraktiv macht.

Kritisch bleibt der Blick auf die Gesamtbilanz. Jede Kühlung, auch die effizienteste, behandelt ein Symptom. Glasfassaden ohne außenliegenden Sonnenschutz, fehlende Speichermasse und versiegelte Innenhöfe erzeugen jene Lasten, die das Netz anschließend abführt. Eine Kälteplanung gewinnt deshalb an Gewicht, wenn sie mit Bebauungsplänen verzahnt wird, die nach § 9 Abs. 1 Nr. 12 und 13 Baugesetzbuch (BauGB) Versorgungsflächen und Leitungstrassen sichern, sowie mit dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) und der Wärmeplanung.

Ein Netz für heißere Sommer

Münchens Fernkälte ist ein Stück unsichtbarer Baukultur: Sie arbeitet unter dem Pflaster, entlastet Dächer und Fassaden und nutzt ein Wassersystem, das die Stadt seit dem Mittelalter prägt. Die Verzögerung am Energiestandort Süd zeigt allerdings, wie zäh Infrastrukturprojekte im Bestand vorankommen, und der hohe Anteil strombetriebener Kälte mahnt zu nüchterner Kommunikation. Solange das Netz an der Grenze der dichten Innenstadt endet, bleibt es ein Angebot für Gewerbe und Verwaltung. Ob die angekündigte Kälteplanung auch Quartiere mit Wohnungsbau erreicht, entscheidet darüber, ob aus einem Vorzeigeprojekt eine Antwort auf die Hitze der kommenden Jahrzehnte wird.

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