
Innsbruck im Würgegriff: Wenn zwei Ausstellungen die Wohnungskrise sezieren
Von Baracken, Betongold und der Ohnmacht der Politik
Innsbruck hält einen zweifelhaften Rekord: Keine österreichische Landeshauptstadt verlangt höhere Preise für Wohnraum. Mit durchschnittlich 7.900 Euro pro Quadratmeter für Eigentumswohnungen übertrifft die Tiroler Metropole selbst Wien und Salzburg. In der Gemeinde Reith müsste ein Durchschnittsverdiener 29 Jahre lang arbeiten, nur um ein 500 Quadratmeter großes Grundstück zu erwerben. Dass ausgerechnet hier, unter dem Goldenen Dachl, zwei Ausstellungen das Thema Wohnungsnot aufgreifen, erscheint da fast zwingend.
Im aut. architektur und tirol läuft noch bis Ende Februar 2026 die Schau „geld . macht . raum – über die ökonomie des wohnens“. Parallel dazu zeigte das Stadtmuseum Innsbruck bis Anfang Januar „Suche Wohnung! Von der Baracke zum Leerstand“. Beide Ausstellungen nähern sich demselben Problemfeld aus unterschiedlichen Richtungen und schaffen es gemeinsam, ein erschreckendes Panorama städtischer Wohnpolitik zu zeichnen.
Historische Tiefenbohrung im Stadtmuseum
Das Kuratorenduo Renate Ursprunger und Niko Hofinger wagt im Stadtmuseum einen Blick, der über hundert Jahre zurückreicht. Nach dem Ersten Weltkrieg eskalierte die Wohnungsnot in Innsbruck dramatisch. Ehemalige Angestellte der k.u.k. Südbahn, aus Norditalien ausgewiesen, fanden zwar Arbeit bei der Bundesbahn, doch keine Bleibe. Familien hausten in ausrangierten Viehwaggons oder in den Holzbaracken des ehemaligen NS-Arbeitserziehungslagers Reichenau. Zehn Schilling Miete pro Monat für einen Verschlag ohne Kanalanschluss, mit Ziehbrunnen und Plumpsklo.
Die Ausstellung dokumentiert diese prekären Verhältnisse mit Fotografien und Zeitzeugenberichten. Was zunächst wie eine historische Aufarbeitung wirkt, entpuppt sich rasch als Kommentar zur Gegenwart. Im Innsbrucker Gemeinderat wurde bereits 1922 über ähnliche Themen gestritten wie 2022, stellt Hofinger trocken fest. Eine Sammlung von Wahlplakaten aus mehreren Jahrzehnten belegt: Leistbares Wohnen war Dauerbrenner aller Parteien, doch nennenswerte Ergebnisse blieben aus.
Die interaktive Schau konfrontiert Besucherinnen und Besucher auch mit dem heiklen Thema Leerstand. Die Kuratoren berichten von zögerlichen städtischen Ämtern, die aktuelle Zahlen nur widerwillig herausrückten. Dabei verfügt Innsbruck im österreichischen Vergleich über erstaunlich gute Erfassungsdaten: Von mehr als 60 Prozent der Wohnungen lässt sich feststellen, ob sie tatsächlich bewohnt sind.
Das aut wagt den politischen Frontalangriff
Während das Stadtmuseum die historische Dimension auslotet, wählt das aut einen dezidiert politischen Zugang. aut-Chef Arno Ritter bezeichnet „geld . macht . raum“ als seine bisher politischste Ausstellung. Die Schau entstand anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von DOWAS, dem Durchgangsort für Wohnungs- und Arbeitssuchende, der seit 1975 obdachlose Jugendliche und sozial ausgegrenzte junge Erwachsene mit Notwohnungen versorgt.
Ritter spart nicht mit Kritik an der hiesigen Wohnpolitik. Es habe in Innsbruck in der jüngeren Vergangenheit eine Stadtregierung mit einer Frau an der Spitze gegeben, die den Neoliberalismus in die Stadt gebracht habe, sagt er und meint damit Alt-Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer von der Wahlliste „Für Innsbruck“. Umstrittene Bauprojekte aus ihrer Ära tauchen auch in den ausgestellten Medienberichten auf.
Die Ausstellung rollt mit Statistiken, Rechercheergebnissen und Studien ein gesellschaftliches Konfliktfeld auf, das weit über Tirol hinausweist. Wohnraum als Kapitalanlage, die sogenannte Logik des freien Marktes, stetig steigende Preise: Die Wohnraumkrise ist längst eine der großen sozialen Fragen unserer Zeit. Das zeigt sich in unzähligen europäischen Städten, aber auch in New York, wo der Sozialist Zohran Mamdani mit dem Versprechen von leistbarem Wohnen die Bürgermeisterwahl gewonnen hat.
Kunst als ironischer Kommentar
Zwischen den Infografiken und Zeitungsausschnitten setzen künstlerische Arbeiten pointierte Akzente. Roland Maurmairs Installation „Singlehit / Garçonnière“ aus dem Jahr 2021 bringt die Situation ironisch auf den Punkt: Ein riesiges Vogelnest, aus dem eine Fernsehantenne ragt, bietet sich als Wohnform an. Der 1975 in Innsbruck geborene Künstler, bekannt für seine Arbeiten im Spannungsfeld von Natur und Urbanität, verkehrt hier die Verhältnisse: Während er in anderen Arbeiten Vögeln menschliche Infrastruktur anbietet, offeriert er hier den Menschen spielerisch Vogelarchitektur.
Auch die Fotoarbeit „Kapital schafft“ von Julius C. Schreiner sowie Videoarbeiten von Anita Witek ergänzen die Ausstellung um kritische künstlerische Perspektiven. Im öffentlichen Raum sorgte bis vor wenigen Wochen eine Installation des Architekturkollektivs Columbosnext für Aufmerksamkeit: Eine gelb gestrichene Stahlkonstruktion, die die Silhouette eines Wohnhauses formte, stand auf einem seit Jahren brachliegenden Grundstück an der Uni-Kreuzung. Sie symbolisierte, was fehlt. Die Brache bleibt.
Strukturelle Ursachen, fehlende Lösungen
Die alpine Lage zwischen Nordkette und Mittelgebirge begrenzt das Bauland natürlich. Doch strukturelle Faktoren verschärfen die Situation: Die Niedrigzinsphase bis 2021 heizte den Markt an, internationale Investoren entdeckten die Alpenstadt, Kurzzeitvermietungen an Touristen entziehen dem Markt Wohnraum. Die Stadt Innsbruck vergibt zwar rund 17.200 Wohnungen über den Magistrat, doch der überhitzte Privatmarkt diktiert das Preisniveau.
Beide Ausstellungen liefern keine einfachen Antworten. Eine Patentlösung gibt es nicht, schreibt das aut in einer Medienmitteilung. Doch sie schaffen Bewusstsein und laden zur Auseinandersetzung ein. Die Forderung liegt in der Luft: Boden und Wohnraum müssen der Marktlogik entrissen werden. Wohnen ist ein zentrales Grundbedürfnis, Grund und Boden sind keine klassische Ware, da sie nicht produzier- und vermehrbar sind, schreibt Arno Ritter.
Das Symposium „Wohnen Morgen“, Anfang des Jahres von aut und Land Tirol organisiert, versuchte innovative Ansätze zu diskutieren. Das größte Stadtentwicklungsprojekt Innsbrucks, die Campagne Reichenau, soll bis 2030 rund 1.000 Wohnungen entstehen lassen. Doch solange der Budgetentwurf für 2026 den Verkauf städtischer Wohnungen vorsieht, bleiben Zweifel an der politischen Ernsthaftigkeit.
Die Wohnungsnot als Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse
Was beide Ausstellungen letztlich zeigen: Die Wohnungsfrage ist keine technische Herausforderung, die sich durch geschickte Planung lösen ließe. Sie ist Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse und politischer Prioritäten. Dass ausgerechnet in der Stadt des Goldenen Dachls Menschen kein Dach über dem Kopf finden, ist keine Ironie des Schicksals, sondern Ergebnis von Entscheidungen. Die Politik wäre gefragt, mutige Schritte zu setzen. Die Ausstellungen in Innsbruck dokumentieren, dass sie es bisher nicht getan hat.

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