Baukunst - Der Pavillon als Kläranlage Eine Architektur, die ihre eigene Logik unterläuft
Pavilion of Austria Seaworld Venice” © Andrea Avezzù - Courtesy: La Biennale di Venezia

Der Pavillon als Kläranlage: Eine Architektur, die ihre eigene Logik unterläuft

11.05.2026
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Redaktion.baukunst.art

Baukunst.art | Inspiration /Biennale di Venezia  | Mai 2026
Veröffentlichungsdatum: 11. Mai 2026
Lesezeit: ca. 7 Minuten

Architektur als Stoffwechsel: der österreichische Beitrag in Venedig

In den Giardini steht ein Pavillon, der seine Form gegen sich selbst wendet. Der österreichische Bau, 1934 nach Plänen von Josef Hoffmann und Robert Kramreiter errichtet, 1984 von Hans Hollein restauriert, denkmalgeschützt, präsentiert sich gewöhnlich als kühles, helles Kabinett. Klare Achsen, getragene Symmetrie, eine Architektur, die das Ausgestellte rahmt. Florentina Holzinger und ihre Kuratorin Nora-Swantje Almes haben dieses Verhältnis umgekehrt. Unter dem Titel „Seaworld Venice“ verwandelt sich der Pavillon in eine Apparatur, die ihn buchstäblich verzehrt. Die Architektur dient nicht mehr als Bühne. Sie ist Substrat geworden, Filter, Tank, Reservoir. Wer eintritt, bewegt sich nicht durch eine Ausstellung, sondern durch die Eingeweide eines Organismus.

Die Idee ist gleichermaßen einfach und konsequent. Zwei mobile Toiletten am Eingang sammeln den Urin der Besucherinnen und Besucher. Diese Flüssigkeit zirkuliert durch ein System aus Becken, Schläuchen und Pumpen, das der Tidenrhythmik der venezianischen Lagune nachgebildet ist. In den Tanks halten sich nackte Performerinnen auf, deren Lebensraum die Ausscheidungen anderer bilden. Der Pavillon ist Vergnügungspark, Sakralbau und Klärwerk in einem.

Wasser als Material und Metapher

Wasser bildet den Stoff dieser Arbeit auf jeder Ebene. Es trägt, hebt, dringt ein, verdampft, riecht. Es ist Lebensgrundlage und Bedrohung in einer Stadt, die sich seit Jahrhunderten gegen das Adriatische Meer behauptet und seit Jahrzehnten gegen es verliert. Holzinger nimmt diese doppelte Bewegung ernst. Ihr Pavillon zeigt eine Zukunft, in der das Festland verschwunden ist, in der Mensch und Technik so verflochten sind, dass ein einziger Steuerungsfehler das System zum Kippen bringt. Eine Performerin hängt kopfüber in einer großen Bronzeglocke und schlägt sie als Klangkörper. Auf einer Wetterfahne balancieren Akteurinnen, ein Jetski zieht Kreise und zitiert das touristische Treiben, das Venedig zugleich nährt und auszehrt.

Diese Bilder wirken sinnlich, aber nicht dekorativ. Sie funktionieren, weil sie sich an konkretem Material abarbeiten. Bronze, Stahl, Wasser, Kunststoff, Haut. Der Materialkanon entstammt nicht der Galerie, sondern der Werft, der Sanitärtechnik, dem Stuntwesen. Genau hier verschiebt sich die Ästhetik des Pavillons. Das Sakrale entsteht nicht aus Dekor, sondern aus der Würde technischer Notwendigkeit. Die Glocke läutet nicht symbolisch. Sie läutet, weil eine Performerin sie zum Klingen bringt.

Eine andere Linie der österreichischen Kunstgeschichte

Holzinger, geboren 1986 in Wien, kommt aus dem Tanz, aus dem Theater, aus einem Genre, das mit den klassischen Galeriekategorien lange wenig zu tun hatte. Ihre Stücke „Tanz“ (2019), „Ophelia’s Got Talent“ (2022) und die Oper „Sancta“, deren Stuttgarter Aufführungen 2024 achtzehn Zuschauerinnen und Zuschauer in ärztliche Behandlung brachten, haben ihren Ruf als Künstlerin eines extremen, körperlich präzisen Bühnenrealismus begründet. Mit „Seaworld Venice“ greift sie nun in die Codes des Kunstbetriebs ein, ohne ihre Mittel zu ändern. Der Pavillon wird zur Bühne, auf der sieben Monate lang gespielt wird. Performerinnen halten den Raum durchgehend bespielt, von der Eröffnung am 9. Mai bis zum Schluss am 22. November.

Almes verortet die Arbeit in einer doppelten Tradition. Einerseits in der Linie des Wiener Aktionismus der 1960er und 1970er Jahre, andererseits in der feministischen Body Art. Diese Verortung ist nicht harmlos. Der Aktionismus war eine zutiefst männlich dominierte Bewegung, deren ikonische Bilder oft auf Kosten weiblicher Körper entstanden sind. Holzinger wendet die Werkzeuge dieser Tradition gegen sie selbst. Die Verletzung wird zur Dramaturgie, der Schock zum Eintritt, das Spektakel zum Lockmittel für das, was darunter liegt.

Der Pavillon als Versuchsanordnung

Aus architektonischer Sicht ist die radikalste Geste in „Seaworld Venice“ nicht die Performance, sondern der Eingriff in das Gebäude selbst. Ein denkmalgeschützter Pavillon, der mit einer fest installierten Sanitärinfrastruktur überzogen wird, mit Pumpen, Schläuchen, Tanks und einer funktionierenden Kläranlage, das ist ein Vorgang, den klassische Ausstellungsarchitektur kaum kennt. Die Grenze zwischen Bauwerk und Werkzeug verschwimmt. Der Pavillon wird Maschine, ohne aufzuhören, Architektur zu sein.

Diese Verschmelzung trägt einen Gedanken, der weit über die Biennale hinausweist. Sobald Architektur als Klimainfrastruktur ernst genommen wird, hört sie auf, bloßer Behälter zu sein. Sie wird Teil des Stoffwechsels, den sie organisiert. Holzinger inszeniert diese Pointe in einer Stadt, die diese Logik täglich vorlebt. Venedig ist seit Jahrhunderten weniger Stadt auf dem Wasser als Stadt aus Wasser, ein Verbund aus Pfählen, Kanälen, Schleusen, Pumpen. „Seaworld Venice“ macht diese verborgene Infrastruktur sichtbar. Die Sanitärtechnik tritt aus dem Untergrund in den Schauraum.

Was bleibt vom nationalen Modell

In einer Biennale, die in diesem Jahr von der Kontroverse um den russischen Pavillon, vom Rückzug Irans und von Protesten gegen die Wiederzulassung russischer Kunst überschattet wird, stellt sich die Frage nach dem nationalen Pavillon-Modell mit besonderer Schärfe. Der österreichische Beitrag liefert eine Antwort, die nicht institutionspolitisch argumentiert, sondern materiell. Der Pavillon Österreichs handelt nicht von Österreich. Er handelt von einer Stadt, einem Element, einer möglichen Zukunft. Er nutzt seine Trägerstruktur, ohne sich von ihr definieren zu lassen.

Genau darin liegt die ästhetische Kraft der Arbeit. „Seaworld Venice“ verwandelt die Symbolik des Pavillons in eine Frage. Wer trägt diesen Raum? Wessen Körper hält ihn am Leben? Wessen Ausscheidungen halten das System in Bewegung? Die Antworten bleiben unbequem. Das Werk wirkt nicht durch Polemik, sondern durch die Konsequenz seiner Anordnung. Die Glocke schlägt, das Wasser fließt, der Jetski zieht seine Kreise, und der Pavillon, der dies alles trägt, ist selbst Teil des Kreislaufs geworden.

In Venedig, einer Stadt, die ihre Schönheit immer schon mit ihrer Verletzlichkeit erkauft hat, schlägt diese Arbeit eine seltene Balance. Sie ist Spektakel und Stille. Sie ist Schock und Sakralität. Sie ist Kunst und Gebrauchsanweisung. Vor allem aber ist sie eine Architekturform, die ihre eigene Substanz zur Verhandlung stellt. Das macht sie zu einem der bemerkenswertesten Pavillons dieser Biennale.

Leserinformation

Titel: Seaworld Venice Künstlerin: Florentina Holzinger (geboren 1986 in Wien) Kuratorin: Nora-Swantje Almes Kommissar: Sektion Kunst und Kultur des Bundesministeriums für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport, Republik Österreich Standort: Österreichischer Pavillon, Giardini della Biennale, Venedig Pavillon-Architektur: Josef Hoffmann und Robert Kramreiter, 1934, restauriert 1984 durch Hans Hollein, denkmalgeschützt Laufzeit: 9. Mai bis 22. November 2026 Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 9.5. bis 30.9. von 11 bis 19 Uhr, 1.10. bis 22.11. von 10 bis 18 Uhr Webseite: http://seaworldvenice.at