Baukunst - Autarkes Solarleuchtsystem reduziert Lichtverschmutzung am Fahrradweg
Licht im Dunkeln: Wie zwei Münchner Designer die Naturschutzbürokratie ausbremst © Main-Light

Autarkes Solarleuchtsystem reduziert Lichtverschmutzung am Fahrradweg

20.02.2026
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Ignatz Wrobel

Main Light: Wenn Solarfolie den Fahrradweg erleuchtet

Licht als Waffe und als Versprechen

Jede Nacht sterben in Deutschland rund 1,2 Milliarden Insekten, angezogen von künstlichen Lichtquellen. Nachtaktive Vögel verlieren die Orientierung, fliegen gegen beleuchtete Hochhäuser. Zugvögel weichen von ihren Routen ab. Pflanzen geraten aus dem Takt. Und der Mensch schläft schlechter, weil sein Koerper ohne ausreichende Dunkelheit das Hormon Melatonin nicht in genügender Menge produziert. Zwischen 2011 und 2022 wurde der Nachthimmel über Europa jaehrlich um 6,5 Prozent heller, registrierte das GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung. Lichtverschmutzung ist längst kein marginales Problem mehr. Sie ist eine stille Umweltkatastrophe.

Gleichzeitig ist Dunkelheit gefährlich. Wer bewegt sich schon gerne nachts auf einem unbeleuchteten Radweg entlang des Mains? Genau dieses Spannungsfeld haben Tobias Trübenbacher und Andreas Lang, zwei Produktdesigner aus München, beide unter dreißig Jahren, zum Ausgangspunkt ihres Projekts Main Light gemacht. Ihr Ansatz ist so simpel wie überzeu­gend: Licht, das nur dann leuchtet, wenn es wirklich gebraucht wird.

Organische Photovoltaik trifft auf insektenfreundliche LED

Das technologische Herzstück von Main Light sind die farbigen Solarfolien des Kitzinger Unternehmens ASCA. Die ASCA-Folie basiert auf organischer Photovoltaik (OPV): Sie ist leicht, flexibel und semitransparent. Damit unterscheidet sie sich fundamental von herkömmlichen Silizium-Solarmodulen, die schwer, starr und in der Regel ausgesprochen unelegant sind. Die OPV-Folie hingegen fügt sich harmonisch in das gestalterische Konzept ein, spannt bunte, zeitgenössische Muster auf und spendet tagsüber sogar Schatten.

Die gesammelte Solarenergie wird in Akkus gespeichert und nachts abgerufen. Jedes Modul ist vollständig autark: Es benötigt keine Stromleitungen, die sonst aufwendig im Erdreich verlegt werden müssten. Das reduziert nicht nur die Baukosten erheblich, sondern macht das System auch flexibel einsetzbar. An der Beleuchtung selbst ist der Südtiroler Spezialist ewo beteiligt, der auf innovative LED-Lichttechnik ausgerichtet ist.

Das eigentliche Kunststück ist die Sensorsteuerung: Ein Infrarotdetektor unterscheidet zwischen kleinen Tieren wie Füchsen und Menschen. Passiert ein Fahrradfahrer oder eine Fußgängerin die Anlage, leuchtet die LED auf. Bleibt die Umgebung ruhig, dimmt das System auf zehn Prozent Helligkeit. Zudem ist das Lichtspektrum warmweiß und insektenfreundlich gestaltet. All das geschieht ohne zentrale Steuereinheit, dezentral, ohne aufwendige Infrastruktur.

World Design Capital 2026: Mehr als ein Aushängeschild

Main Light entstand im Rahmen der World Design Capital 2026 Frankfurt/Rhein-Main, die die Metropolregion vom 6. Mai bis zum 30. Oktober 2026 zur globalen Bühne für designgetriebene Stadtentwicklung macht. Das Programm der WDC 2026 setzt auf demokratische Teilhabe an Gestaltungsprozessen und begreift Design als Treiber urbaner Veränderung. Main Light passt programmatisch wie ein Schlüssel ins Schloss: Das Projekt verbindet technologische Innovation, ökologische Verantwortung und soziale Zugänglichkeit.

Das Designerduo plant, die Installation am Fahrradweg zwischen Frankfurt und Offenbach durch zahlreiche Workshops, Vorträge und Informationstafeln zu begleiten. Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker sowie Anwohnerinnen und Anwohner sollen eingeladen werden, Fachleute aus Planung und Wissenschaft ebenso. Das WDC-Team hat Trübenbacher bereits mit einem lokalen Radfahrprojekt und einer Mobilitätsinitiative zusammengebracht. Weitere Kooperationen, unter anderem mit dem Radraum Offenbach, sind geplant.

Die Bürokratie als stärkste Naturschutzbehörde

Eigentlich sollte Main Light am 6. Mai 2026 auf dem Fahrradweg zwischen Offenbach und Frankfurt präsentiert werden. Ein Teilabschnitt des rund sechs Kilometer langen Weges jedoch führt durch eine Naturschutzzone. Und dort sperrten sich die Behörden. Ausgerechnet ein Projekt, das Lichtverschmutzung minimiert, insektenfreundliche Technologie einsetzt und auf jede fossile Infrastruktur verzichtet, scheitert an der Naturschutzverwaltung. Das ist bitter. Und symptomatisch für ein Land, das seine besten Nachhaltigkeitsideen gerne selbst ausbremst.

Trübenbacher und Lang ließen sich davon nicht entmutigen. Sie wichen auf eine Freifläche an der Weseler Werft auf der gegenüberliegenden Mainseite aus und präsentieren ihr Konzept dort. Ob das Pilotprojekt nach Oktober 2026 weiterläuft, bleibt offen. Tobias Trübenbacher formulierte es unverblümt: Ihre Arbeit sei kein Sprint, sondern ein Langstreckenlauf. Das klingt nach Geduld. Es ist vor allem Realismus.

Papilio und Main Light: ein konsequentes Werk

Main Light ist kein Einzelprojekt. Es steht in direkter Linie zum Vorgänger Papilio, den Trübenbacher während seines Bachelorstudiums an der Universität der Künste Berlin entwickelt hat. Papilio verfolgt dasselbe Grundprinzip, speist seine LED-Leuchte aber aus Windenergie statt aus Sonnenenergie. Das erste Einsatzgebiet ist das Internationale Viertel in der dänischen Stadt Esbjerg, die bis 2030 klimaneutral werden will. Weltweit haben bereits Städte Interesse bekundet, auch Guam.

In Deutschland hingegen stockt es. Dabei wäre der Bedarf enorm. Millionen von Kilometern Straßen und Radwege sind noch immer auf herkömmliche, energieintensive und lichtverschmutzende Beleuchtung angewiesen. Dezentrale, autarke Systeme wie Main Light oder Papilio könnten das schrittweise ändern, ohne dass Kommunen teure Leitungsinfrastruktur finanzieren müssten. Die Investitionskosten für autarke Einheiten amortisieren sich langfristig. Der ökologische Mehrwert ist unmittelbar.

Was dieses Projekt für die Architektur bedeutet

Aus architektonischer Perspektive stellt Main Light eine wichtige Frage: Was ist öffentlicher Raum? Lange galt Beleuchtung als reine Infrastruktur, als technischer Nebenaspekt der Verkehrsplanung. Main Light behandelt Licht als gestalterisches Element, das ökologische, soziale und ästhetische Ziele gleichzeitig verfolgt. Die bunten OPV-Folien erzeugen tagsüber ein einladendes, farbenfrohes Bild. Nachts reduzieren sie die Helligkeit auf das Nötigste. Das ist konsequent nachhaltiges Entwerfen.

Architekturschaffende und Stadtplanende sollten genau hinschauen. Gebäudeintegrierte Photovoltaik in Form organischer Folien ist ein wachsendes Feld. ASCA-Folien lassen sich nicht nur auf Leuchtsäulen spannen, sie sind auch für Fassaden, Glasflächen und Dachabdeckungen geeignet. Der ästhetische Mehrwert gegenüber herkömmlichen blauen Solarmodulen ist erheblich. Und die Möglichkeit, Solarenergie ohne massiven Eingriff in die bestehende Bausubstanz zu erzeugen, öffnet neue Planungsspielräume.

Kritisch zu fragen bleibt, wie leistungsfähig organische Photovoltaik bei wechselhaftem mitteleuropäischem Wetter ist, wie langlebig die Folien über mehrere Jahrzehnte wirklich sind und welche Recyclingpfade für die Materialien am Ende des Produktlebens existieren. Diese Fragen müssen Hersteller wie ASCA transparent beantworten, bevor aus Pilotprojekten kommunale Standards werden. Das Potenzial ist zweifellos da. Die Serienreife braucht noch Zeit.