Baukunst - Wenn Häuser können, was Bilder fordern
Vom weißen Würfel zur ewigen Baustelle. Eine Saison als Architekturlehre.

Wenn Häuser können, was Bilder fordern

18.05.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Editorial | Mai 2026
Lesezeit 12 Minuten

Was Baukunst kann. Sechs Museumsbauten und ein Großprojekt im Vergleich

Sechs Ausstellungen zwischen Wien, Zürich und der deutschen Museumslandschaft machen sichtbar, was Architektur leistet. Eine siebte, das Pergamonmuseum, zeigt, was sie kostet.

Es ist Zufall, aber er trägt. Wer im Mai 2026 zwischen Hamburg und Duisburg, zwischen Kassel und Remagen, zwischen Frankfurt und Köln pendelt, kann an einem einzigen Wochenende erleben, was sonst nur in der Theorie behauptet wird. Dass ein Museum nicht Behälter ist, sondern Gesprächspartner. Dass Architektur und Werk einander erst etwas abgewinnen müssen, bevor eine Ausstellung tatsächlich stattfindet. Und dass die deutsche Museumslandschaft in diesem Frühjahr eine bemerkenswerte Reibung produziert.

In sechs Häusern laufen gleichzeitig Schauen, die ihr jeweiliges Gebäude unter Druck setzen. Yayoi Kusamas Polka Dots treffen im Museum Ludwig auf das 10,80-Meter-Raster von Busmann und Haberer. Die Wiener Malerin Maria Lassnig hängt in Hamburg neben Edvard Munch, gerahmt von Oswald Mathias Ungers‘ weißem Würfel und kuratiert in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich. Anish Kapoor stellt seine spiegelnden Skulpturen in den Sichtbetonschalen Manfred Lehmbrucks aus. Günther Uecker, in seiner letzten Schau, steht im Arp Museum zwischen dem klassizistischen Bahnhof Rolandseck und Richard Meiers Purismus auf der Rheinhöhe. In Kassel zeigt Hessen Kassel Heritage Rembrandts Markenwerdung in einem Schloss, das selbst Marke war. Und im Frankfurter Städel hängt Monets Étretat unter den 195 runden Oberlichtern der unterirdischen Gartenhalle von schneider+schumacher.

Sechs Häuser, sechs Epochen, sechs kuratorische Antworten auf dieselbe Frage. Und einmal sogar eine echte DACH-Klammer: Hamburg zeigt Lassnig aus der Wiener Stiftung neben Munch aus Oslo, konzipiert mit Zürich. Was wie ein deutsches Frühjahr aussieht, ist tatsächlich ein deutschsprachiges.

Was unterscheidet einen Behälter von einem Resonanzraum?

Diese Frage ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, ob ein Museum Baukunst ist oder Infrastruktur. Wer Ungers‘ Galerie der Gegenwart durchquert und vor Lassnigs „Mit einem Tiger schlafen“ steht, erfährt etwas, das in keinem Lehrbuch über Museumsbau steht. Die Strenge des Hauses behauptet sich nicht gegen das Bild, sie verlangt vom Bild eine Antwort. Wer in Duisburg von der eingegrabenen Lehmbruck-Halle in die stützenfreie Glashalle wechselt und dort Kapoors S-Kurven sieht, erlebt zwei gegensätzliche Raumkonzepte als gleichberechtigte Stimmen. Die Architektur nimmt sich nicht zurück, sie spricht mit.

Genau das ist die Pointe des Mai-Programms. Häuser, die in der Architekturkritik oft als zu streng (Ungers), zu eigenwillig (Busmann und Haberer), zu introvertiert (Lehmbruck) oder zu purem Manifest (Meier) beschrieben werden, erweisen sich in dieser Saison als robuster, als ihre Kritiker behaupten. Sie tragen Werke, die ihre ästhetischen Voraussetzungen in Frage stellen, und gehen dabei nicht unter. Im Gegenteil. Sie werden lesbar.

Was zeigt das Pergamonmuseum, das die anderen nicht zeigen?

Während sechs Häuser im Frühjahr 2026 vorführen, wie Architektur und Werk miteinander sprechen, hebt ein siebtes die Frage auf eine andere Ebene. Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel ist seit Oktober 2023 vollständig geschlossen. Die Sanierung läuft bis 2037. Vierundzwanzig Jahre für ein Haus, das in seinen besten Jahren zu den meistbesuchten Museen Deutschlands gehörte. Eineinhalb Milliarden Euro vom Bund. Ein Bauabschnitt im Dezember 2025 fertig, der nächste begonnen, der dritte ohne belastbares Datum.

Die Frage ist hier nicht mehr, wie ein Haus ausstellt. Sondern ob es überhaupt noch ausstellt, bevor eine ganze Architektenkarriere zu Ende geht. Wer 2013 als Berufseinsteiger den ersten Spatenstein miterlebt hat, kann zur vollständigen Wiedereröffnung im Vorruhestand stehen. Das ist keine Anekdote, sondern eine baukulturelle Diagnose. Wo das einzelne Haus in Hamburg, Köln oder Duisburg sein Profil schärft, verliert das Großprojekt in Berlin den Begriff des Provisoriums.

Vielleicht ist genau das die Lehre des Mai 2026. Museumsbau gelingt nicht in der Größe, sondern in der Schärfe.

Was lohnt sich zu sehen?

Wer einen Tag hat, fährt nach Köln und Duisburg. Zwei Häuser der 1980er Jahre, zwei Skulpturen-Positionen, eine Stunde Bahnfahrt. Kusama gegen Kapoor, Sheddach gegen Sichtbeton. Wer ein Wochenende hat, kombiniert Kassel und Frankfurt. Klassizismus und unterirdische Lichthalle, Rembrandt und Monet, der Vergleich zweier Inszenierungskulturen inklusive. Wer die lange Strecke wählt, nimmt Hamburg und Rolandseck. Ungers‘ Würfel und Meiers Tunnel als Eckpunkte einer westdeutschen Museumsgeschichte.

Für Leserinnen und Leser in Österreich und der Schweiz ist die Hamburger Schau ohnehin der direkteste Anker. Sie ist eine Kooperation des Kunsthauses Zürich, sie zeigt eine Wiener Malerin, sie ist die einzige Station, die das DACH-Spektrum in einer einzigen Ausstellung zusammenbindet.

Bleibt der Hinweis auf Berlin. Wer die Mschattafassade sehen will, muss noch elf Jahre warten.