Baukunst - Der Schweizer Pavillion: Das unerledigte Geschäft des Zusammenlebens
Pavilion of SWITZERLAND The Unfinished Business of  Living Together © Oliver C. Haas

Der Schweizer Pavillion: Das unerledigte Geschäft des Zusammenlebens

02.06.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Biennale | Mai 2026

Schweizer Pavillon, Biennale Venedig 2026

61. Internationale Kunstausstellung, „In Minor Keys“, 9. Mai bis 22. November 2026

Ein Pavillon aus Backstein und Erinnerung

Rechter Hand, gleich nach dem Haupteingang zu den Giardini, steht der erste Bau, den die Biennale nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt errichten liess. Bruno Giacometti, jüngster Bruder Albertos und in Zürich tätig, entwarf den Schweizer Pavillon 1951 und 1952 als feingliedrige Anordnung asymmetrischer Volumen. Unverputztes Backsteinmauerwerk, ein baumbestandener Innenhof, ein shedüberdachter Saal für die Malerei, ein Skulpturensaal unter hauchdünnem Tonnendach, dazu ein Natursteinboden alla veneziana. Carlo Scarpa, der wenig später den benachbarten venezolanischen Pavillon plante, führte einen geradezu liebevollen Dialog mit diesem Bau; bis heute teilen sich die beiden als einzige eine gemeinsame Mauer.

In diese siebzig Jahre alte Architektur zieht 2026 ein Projekt ein, das nichts weniger verhandelt als die Frage, wer in einer Gesellschaft sprechen darf und wer gehört wird.

„The Unfinished Business of Living Together“

Erstmals bestimmte Pro Helvetia den Schweizer Beitrag über einen offenen Wettbewerb. Aus 140 eingereichten Projekten wählte die Jury eine sechsköpfige Gruppe: Gianmaria Andreetta, Luca Beeler, Nina Wakeford, Miriam Laura Leonardi, Lithic Alliance und Yul Tomatala. Das Konzept geht auf die Kuratierenden Andreetta und Beeler sowie die Künstlerin Wakeford zurück, künstlerisch entwickelt hat es die gesamte Gruppe.

Ihr Titel klingt nach offener Rechnung, und genau so ist er gemeint. „The Unfinished Business of Living Together“ begreift das Zusammenleben nicht als gelösten Zustand, sondern als fortlaufende Aushandlung. Bemühungen um gesellschaftlichen Wandel, so die These, konkurrieren noch immer mit etablierten Normen und mit institutionalisierten Systemen des Schweigens. Der Pavillon wird damit weniger zur Bühne fertiger Werke als zum Resonanzraum, in dem Stimmen, Perspektiven und Räume neu verteilt werden.

Eine Fernsehdebatte als Resonanzraum

Als historischen Ausgangspunkt wählt die Gruppe ein scheinbar randständiges Dokument: eine „Telearena“ des Schweizer Fernsehens von 1978, in der Fragen der sexuellen Orientierung kontrovers, mitunter schroff verhandelt wurden. Homosexualität dient hier nicht als Thema im engeren Sinn, sondern als historisch präzises Vergrösserungsglas. An ihm lässt sich studieren, wie soziale Normen festlegen, wessen Rede als legitim gilt.

Von dort spannt das Projekt einen weiten Bogen: zu staatlichen Sicherheitsinteressen, die Überwachung rechtfertigen, zu Moralpaniken rund um die Kernfamilie, zu jenen wiederkehrenden Mustern, in denen Andersartigkeit zur Bedrohung der gesellschaftlichen Ordnung erklärt wird. Ein Archiv von 1978 wird so zur Gegenwartsdiagnose, ohne den Zeigefinger zu heben. Die Gruppe formuliert das als Frage, die sich die Besucherinnen und Besucher selbst stellen sollen: Wann und wo passiert das hier eigentlich, und welche Autorität besitzt dieses Archiv?

Polyphonie statt Solostimme

Auffällig ist die Konstruktion des Beitrags selbst. Sechs Beteiligte aus der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz sowie aus London, verschiedene Generationen, unterschiedliche Praxen von Skulptur über Performance bis zur kollektiven Recherche. Das Ergebnis ist kein Werk mit Urheberschaft, sondern eine Versuchsanordnung, in der mehrere Stimmen nebeneinander bestehen, ohne sich zu einer einzigen zu glätten.

Das passt zur Formensprache der Schau, die sich abzeichnet: weniger die monumentale Geste, mehr das Gefüge aus Fragment, Ton und Bewegung. Giacomettis abwechselnd offene und nach innen gewandte Räume kommen einer solchen Dramaturgie entgegen. Wo das Tonnendach das Licht filtert und der Innenhof die Lagune ahnen lässt, entsteht beinahe von selbst jene Abfolge aus Verdichtung und Weite, die ein vielstimmiges Projekt benötigt.

Im Zeichen einer Abwesenheit

Über der gesamten 61. Kunstbiennale liegt das Motto „In Minor Keys“, entworfen von Koyo Kouoh. Die kamerunisch-schweizerische Kuratorin, in Douala geboren, im Aargau aufgewachsen, zuletzt Direktorin des Zeitz MOCAA in Kapstadt, hätte als erste Frau vom afrikanischen Kontinent die Schau leiten sollen. Sie starb im Mai 2025 unerwartet in Basel. Die Biennale führt ihr Projekt mit Unterstützung der Familie und des Teams posthum aus.

Kouohs Programm ist eine Einladung, einen Gang zurückzuschalten und auf die leisen Tonarten zu hören, auf das Emotionale, Sinnliche, Beziehungshafte. Der Schweizer Beitrag fügt sich darin ein, ohne in Sanftheit zu verfallen. Eine leise Tonart kann auch ein Verhör von 1978 sein, das nachhallt. Dass eine Kuratorin mit tiefen Schweizer Wurzeln das Vorzeichen setzt, unter dem dieser Pavillon nun erklingt, ist eine jener Fügungen, die das Programm fast überdeutlich kommentieren.

Schöne Mauern, offene Fragen

Bleibt eine kritische Notiz, die der Beitrag selbst nahelegt. Die Architekturbiennale 2025 erinnerte mit dem Kollektiv Annexe daran, dass kein einziger Länderpavillon der Giardini von einer Architektin gebaut wurde. Ein Projekt, das Ausgrenzung und das Recht zu sprechen verhandelt, agiert also in einem Gehäuse, dessen Entstehungsgeschichte exakt jene Hierarchien spiegelt, die es befragt. Darin liegt keine Schwäche, sondern eine produktive Reibung. Die Mauern aus Sichtbackstein sind schön, und sie sind nicht unschuldig.

Genau diese Spannung macht den Beitrag interessant. Er sucht das Atmosphärische nicht als Beruhigung, sondern als Methode. Wo andere Pavillons Haltung behaupten, organisiert dieser ein Zuhören. Ob daraus mehr wird als ein elegant inszeniertes Unbehagen, entscheidet sich erst vor Ort, zwischen dem 9. Mai und dem 22. November 2026. Das unerledigte Geschäft, so viel ist sicher, bleibt vorerst unerledigt. Vermutlich ist das die ehrlichste Antwort, die ein Pavillon geben kann.

Leserinformation

Beitrag: „The Unfinished Business of Living Together“

Kunstschaffende: Gianmaria Andreetta (Lugano/Berlin), Luca Beeler (Zürich), Nina Wakeford (London), Miriam Laura Leonardi (Zürich), Lithic Alliance (Zürich/Brüssel), Yul Tomatala (Genf)

Auftraggeberin: Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia (Katharina Brandl, Sandi Paucic, Rachele Giudici Legittimo); Direktion: Philippe Bischof

Auswahl: erstmals über offenen Wettbewerb, 140 eingereichte Projekte

Pavillon: Schweizer Pavillon, Giardini, erbaut 1951/52 von Bruno Giacometti (1907 bis 2012)

Rahmen: 61. Internationale Kunstausstellung „In Minor Keys“, kuratiert von Koyo Kouoh (1967 bis 2025), posthum realisiert

Laufzeit: 9. Mai bis 22. November 2026

Links: http://prohelvetia.ch , http://labiennale.org

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