Baukunst - Das Licht, das nicht kühlt
Rilkes wahrsagendes Licht und die Julimittagssonne © Symbolbild

Das Licht, das nicht kühlt

15.07.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  | Inspiration | Juli 2026

Ein Maler starb in den Bergen, weil er das Licht sehen wollte. Was seine Bilder über unsere überhitzten Wohnungen erzählen

Eine Retrospektive im Pariser Musée Marmottan Monet zeigt Giovanni Segantini als Maler eines Lichts, das nichts beschönigt. Für die Architektur der Hitzesommer ist das eine unbequeme Lehre.

Ein Licht, das jede Täuschung ausschloss

Rainer Maria Rilke fand für Segantinis Berglandschaften eine Formel, die sich nicht abnutzt. Er sprach von einem „hellen, wahrsagenden Licht, das jede Täuschung ausschloß; jede Erscheinung, in dieses Licht gehalten, erschien in ihrem wahren Wert“. Wer bis zum 16. August durch die Pariser Ausstellung „Je veux voir mes montagnes“ geht, versteht, was gemeint ist. Segantini trägt die Farbe nicht in Punkten auf wie die Neoimpressionisten, sondern in langen, feinen Fäden, deren Zwischenräume komplementäre Töne füllen. Aus der Nähe flimmert die Fläche, aus der Distanz steht sie still. Das Licht in diesen Bildern ist keine Stimmung, die über die Dinge gelegt wird. Es ist eine physikalische Größe, die sie hervorbringt, aufzehrt und wieder freigibt.

Genau diese Unterscheidung hat die Architektur der vergangenen sechzig Jahre nur halbherzig vollzogen. Licht gilt im Entwurf als Atmosphäre, als Qualität, als das Weiche im Programm. Auf der Baustelle ist es Energie. Ein Quadratmeter Dreifachverglasung nach Süden lässt an einem klaren Julitag eine Strahlungsleistung passieren, die einem kleinen Heizlüfter entspricht. Der Unterschied zwischen dem Licht, von dem Architektinnen und Architekten sprechen, und dem Licht, das durch ihre Fenster fällt, ist der Unterschied zwischen einer Stimmung und einer Rechnung.

Elektrische Ventilatoren zur Erzeugung der Frische

Segantini selbst hat diese Grenze überschritten, und zwar auf eine Weise, die heute fast schon prophetisch wirkt. Für die Pariser Weltausstellung 1900 plante er ein begehbares Panorama, eine steinerne Rotunde mit einem Rundumbild von 360 Grad. Malerei allein sollte dabei nicht genügen. „Wir werden elektrische Ventilatoren haben zur Erzeugung der Frische, verschiedene berechnete Anordnungen von Licht und Schatten, hydraulische Einrichtungen und akustische Werke“, kündigte er an, damit der Besucher glaube, „als befände er sich wirklich auf unseren Bergen“. Die Fassade der Rotunde war als Werbefläche für die schweizerische Tourismusindustrie vorgesehen. Das Projekt scheiterte an der Finanzierung.

Es lohnt sich, diesen Fußnotenapparat der Kunstgeschichte einen Moment ernst zu nehmen. Ein Maler, dessen Bilder ihre Kraft aus der Unbestechlichkeit des Höhenlichts beziehen, entwirft eine Maschine, die alpine Kühle künstlich herstellt, und finanziert sie über Fremdenverkehrswerbung. Die Ahnenreihe der Klimaanlage beginnt nicht bei Willis Carrier, sie beginnt bei Leuten, die ein Gefühl verkaufen wollten. Und sie endet vorläufig bei den Glastürmen der Innenstädte, deren Bewohnerinnen und Bewohner im Sommer hinter unbeweglichen Scheiben sitzen, auf eine Landschaft blicken, die sie nicht spüren, und deren Frische aus dem Kanal kommt.

Die stille Enteignung der Fassade

Bis ins zwanzigste Jahrhundert war die Fassade das Instrument, mit dem ein Haus sein Verhältnis zur Sonne aushandelte. Die tiefen Laibungen des mediterranen Massivbaus, die Loggien Oberitaliens, der Erker, die Jalousie, das Vordach: lauter Werkzeuge, mit denen Licht dosiert und Wärme abgewiesen wurde, ohne dass ein Kilowatt floss. Der Bauernhof, den Segantini in „All’ovile“ malt, führt das vor. Der Stall nimmt das Licht durch eine schmale Öffnung, der Rest ist Masse, Schatten und Zeit. Man kann darin eine Idylle sehen. Man kann darin auch eine Konstruktionsanweisung erkennen.

Die klassische Moderne wusste das noch. Le Corbusiers brise-soleil in Marseille und Chandigarh war kein ornamentaler Einfall, sondern die Einsicht, dass sich ein Fenster in Indien anders verhält als in Paris. Bei Luis Barragán trifft Licht auf pigmentierte Masse und wird zur Temperatur. Peter Zumthor hat in Vals gezeigt, dass ein Stein, der Kühle speichert, mehr Atmosphäre erzeugt als jede Lichtplanung mit Katalog. Was danach kam, war die stille Enteignung der Fassade: Sie wurde zur Membran, dann zur Vitrine, und ihre klimatische Aufgabe wanderte in die Haustechnik. Der Preis dafür steht in den Betriebskostenabrechnungen und inzwischen auch in den Temperaturstatistiken.

41,8 Grad

Der 27. Juni 2026 hat die Debatte aus dem Konjunktiv geholt. In Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt maß der Deutsche Wetterdienst 41,8 Grad, den höchsten je in Deutschland registrierten Wert. An 46 Stationen in elf Bundesländern wurde die 40-Grad-Marke erreicht oder überschritten. Der DWD nennt die Hitzewelle, die vielerorts am 18. Juni begann, historisch, weil es eine derart lange und intensive Periode so früh im Sommer noch nie gab. Anfang Juli folgte die nächste. Wer in diesen Wochen in einem Dachgeschoss unter unbeschatteten Gauben gesessen hat, braucht keine Grafik.

Das Fach hat die Antworten längst, sie sind nur unbeliebt, weil sie nichts kosten und deshalb niemanden reich machen. Außenliegender, beweglicher Sonnenschutz schlägt jede innenliegende Lösung um den Faktor drei bis vier. Speichermasse, die tagsüber Wärme aufnimmt und nachts über geöffnete Fenster abgibt, ersetzt in weiten Teilen Mitteleuropas die Kältemaschine. Fensterflächenanteile jenseits von sechzig Prozent sind nach Süden und Westen ein Rechenproblem, kein Entwurfsargument. Der Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes nach DIN 4108-2 kennt all das. Er wird oft am Ende der Planung geführt, wenn die Kubatur längst feststeht, und dient dann dem Beweis, dass richtig ist, was ohnehin gebaut werden soll. Bäume, um es beiläufig zu erwähnen, verschatten zuverlässig und kühlen zusätzlich durch Verdunstung. Sie tauchen in keiner Kostengruppe der DIN 276 als Klimatechnik auf.

Warm und kalt zugleich

In Paris hängt „Ave Maria bei der Überfahrt“ von 1886, ein Bild, das der Schriftsteller Michael Krüger treffend „warm und kalt zugleich“ genannt hat. Im letzten Sonnenlicht treibt ein mit Schafen beladenes Boot über den See, der Fährmann sitzt tatenlos in sich versunken, und im verzerrten Spiegelbild im Wasser zerlegt Segantini die friedliche Idylle in ihre Bestandteile. Man sieht nicht, wohin das Boot steuert.

Für ein Fach, das seine Häuser gern in goldenes Abendlicht rendert und die Julimittagssonne der Simulation überlässt, ist das ein präzises Sinnbild. Segantinis Licht schmeichelt nicht, es misst. Es zeigt die Dinge in ihrem wahren Wert, und dieser Wert ist im Sommer 2026 in Grad Celsius ablesbar. Die gute Nachricht: Ein Gebäude, das Licht ernst nimmt, statt es zu inszenieren, wird selten hässlich. Die Loggia, die Laibung, der Baum vor dem Fenster und die schwere Wand haben nie schlecht ausgesehen. Sie waren nur nie das, wofür man sie hielt, nämlich Dekoration.

Leserinformation

„Je veux voir mes montagnes“. Giovanni Segantini (1858 bis 1899)

Ort: Musée Marmottan Monet, 2 rue Louis Boilly, 75016 Paris

Laufzeit: 29. April bis 16. August 2026

Kuratorinnen: Gabriella Belli und Diana Segantini

Umfang: Rund 60 Gemälde, Pastelle und Zeichnungen; ergänzend vier Arbeiten von Anselm Kiefer (1988 bis 2025) unter dem Titel „Voglio vedere le mie montagne“

Katalog: 33 Euro

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