Baukunst - Stein gewordenes Gedächtnis: Was der Drohnentreffer auf Kiews Höhlenkloster über Erinnerung verrät
Putins Drohne trifft Kiews heiligstes Kloster, schon die Nazis sprengten es © Depositphotos_378511972_S

Stein gewordenes Gedächtnis: Was der Drohnentreffer auf Kiews Höhlenkloster über Erinnerung verrät

16.06.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Gesellschaft | Juni 2026

Dreimal zerstört, zweimal auferstanden: Was der Drohnentreffer auf Kiews Höhlenkloster bedeutet

Vergangenheitsbewältigung bezeichnet den gesellschaftlichen Prozess, in dem ein Gemeinwesen sich seiner Geschichte stellt, sie bewertet und Folgerungen für die Gegenwart zieht; in der gebauten Umwelt wird dieser Prozess unausweichlich sichtbar, weil jedes Bauwerk, jedes Denkmal und jeder Stadtgrundriss eine Entscheidung darüber enthält, welche Erinnerung fortbesteht und welche getilgt wird. In den frühen Morgenstunden des 15. Juni 2026 verdichtete sich diese abstrakte Einsicht zu einem konkreten Bild. Bei einem massiven russischen Luftangriff auf Kiew geriet das Dach der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Kiewer Höhlenkloster in Brand; ukrainischen Angaben zufolge traf eine Drohne des Typs Shahed das Bauwerk. Das Höhlenkloster, gegründet 1051, steht seit 1990 auf der Welterbeliste der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO). Russland bestritt den gezielten Angriff und schob den Brand einer westlichen Abwehrrakete zu.

Warum ist gerade diese Kathedrale ein Brennglas der Geschichte?

Die getroffene Kirche ist selbst ein Palimpsest der Vergangenheitsbewältigung. Die Kathedrale wurde 1073 in der Epoche der Kiewer Rus im byzantinischen Stil errichtet und galt lange als der wichtigste Sakralbau der Region. Am 3. November 1941 sprengten die deutschen Besatzer das Bauwerk; Reichskommissar Erich Koch begründete dies damit, unterworfene Völker sollten keine identitätsstiftenden Kultstätten behalten, die ihr Streben nach Unabhängigkeit stärkten. Über die Urheberschaft wird bis heute gestritten, da orthodoxe Augenzeugen die Sprengung sowjetischen Saboteuren zuschrieben. Von 1998 bis 2000 wurde die Kirche in möglichst originaler Form wieder errichtet und zählt damit zu den vielen wiedergeborenen Gotteshäusern in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion.

Damit kondensiert ein einziges Gebäude die gesamte Tragödie osteuropäischer Geschichtspolitik: erbaut im Gründungsmythos der Kiewer Rus, den sowohl Moskau als auch Kyjiw für sich beanspruchen, getilgt von einer totalitären Besatzungsmacht, nach der Unabhängigkeit als Akt nationaler Selbstvergewisserung rekonstruiert und nun erneut von einem Aggressor beschädigt, der dieselbe Ursprungsgeschichte reklamiert. Russische Stimmen merkten umgehend an, das Brennende sei lediglich eine Rekonstruktion an historischem Ort, kein Original. Diese Unterscheidung mag bauhistorisch zutreffen, verfehlt jedoch den Kern: Der ideelle Wert eines Wiederaufbaus liegt nicht in der Materialechtheit, sondern in der bewussten Entscheidung einer Gesellschaft, das Zerstörte zurückzuholen.

Was bedeutet Wiederaufbau im laufenden Krieg?

Der Schaden in Kiew ist Teil einer flächendeckenden Zerstörung. Die vierte Schadens- und Bedarfsbewertung (Rapid Damage and Needs Assessment, RDNA4) von Weltbank, ukrainischer Regierung, Europäischer Kommission und Vereinten Nationen vom 25. Februar 2025 beziffert den Wiederaufbaubedarf auf 524 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre, beinahe das Dreifache des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts von 2024. Allein in der Region Charkiw wurden bis Anfang 2025 über 80.000 zivile und industrielle Gebäude beschädigt oder zerstört.

Wer in dieser Lage plant, entscheidet über Erinnerung. Die Norman Foster Foundation arbeitet seit 2022 an einem Konzept-Masterplan für Charkiw, angestoßen durch Bürgermeister Ihor Terechow im April 2022 beim Forum der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Vereinten Nationen in Genf. Das Leitprinzip der Geberseite lautet „Build Back Better“, also energieeffizienter als zuvor. Hier entzündet sich die alte Grundfrage jeder Nachkriegsstadt: originalgetreue Rekonstruktion oder Aufbruch in eine neue Form. Der Wettbewerb für den Charkiwer Freiheitsplatz, dessen Verwaltungsgebäude am 1. März 2022 von einer Rakete getroffen wurde, verweist ausdrücklich auf den wiederaufgebauten Berliner Reichstag, also auf ein Gebäude, das seine Wunden zeigt statt sie zu kaschieren.

Wann wird Wiederaufbau zur Geschichtsfälschung?

Die Gegenprobe liefert das besetzte Mariupol. Das dortige Dramatheater wurde am 16. März 2022 durch russische Fliegerbomben zerstört, obwohl Hunderte Schutzsuchende das Wort „Kinder“ in großen Lettern davor angebracht hatten. Beim russischen Wiederaufbau wurden die Kellerräume zubetoniert, in denen die meisten Opfer ausgeharrt hatten; Ende Dezember 2025 folgte eine landesweit übertragene Eröffnungsgala mit dem russischen Märchen „Die scharlachrote Blume“. Hier dient die sanierte Fassade nicht der Erinnerung, sondern ihrer Auslöschung.

Selbst die ukrainische Seite kennt die Versuchung der Geschichtsglättung. Nach den Entkommunisierungsgesetzen von 2015 wurden bis Ende 2016 mehr als 50.000 Strassen umbenannt und 2.389 Denkmäler entfernt; seit 2022 erfasst diese Logik auch Vorzeigebauten der Sowjetmoderne. Die Tilgung des aufgezwungenen Erbes und die propagandistische Übermalung des Verbrechens markieren die beiden ethischen Extreme, zwischen denen jede Wiederaufbaupolitik ihren Ort finden muss.

Schützt das Völkerrecht die gebaute Erinnerung?

Der rechtliche Rahmen ist vorhanden, doch stumpf. Das historische Zentrum von Odessa steht seit Januar 2023 zugleich auf der Welterbeliste und auf der Liste des gefährdeten Welterbes der UNESCO; dennoch wurde die 1794 gegründete Verklärungskathedrale am 23. Juli 2023 durch russischen Beschuss schwer beschädigt. Die vorsätzliche Zerstörung von Kulturstätten kann einem Kriegsverbrechen gleichkommen, wie es die Resolution 2347 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen von 2017 anerkennt; auch die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954 verpflichtet die Staaten zur Schonung. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot verglich den Treffer auf das Höhlenkloster mit einer Bombardierung der Pariser Kathedrale Notre-Dame.

Die brennende Kuppel über Kiew bündelt somit alles, was Architektur als Vergangenheitsbewältigung bedeutet. Ein Bauwerk, dreimal von Gewalt heimgesucht und zweimal aus dem Willen zur Erinnerung wieder aufgerichtet, beweist, dass Wiederaufbau kein technischer, sondern ein zutiefst politischer Akt ist.

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