Baukunst - Die Stadt für sechzehn Tage
Der Blick nach oben lohnt sich: Die bemalten Stoffbahnen verdecken ein Tragwerk, das nicht für die Ewigkeit gebaut ist, sondern für die Wiederholung.

Die Stadt für sechzehn Tage

30.09.2026
 | 
 | 
Stuart Stadler

Liebe Kollegin, lieber Kollege,

ein Festzelt auf dem Oktoberfest ist ein Gebäude, das von Anfang an für sein Ende geplant wird. Über den Bierbänken spannt sich ein Tragwerk aus Stahl und Holz. Es überdacht Tausende Menschen, trägt Hopfenkränze und führt Kilometer an Kabeln. Nach dem Fest bauen es die Zeltbauer wieder ab, sie reißen es nicht ab.

Das Oktoberfest dauert in diesem Jahr vom 19. September bis zum 4. Oktober, also sechzehn Tage. Für diese sechzehn Tage entsteht auf der Theresienwiese eine Stadt auf Zeit. Sie hat Straßen und Plätze, Küchen, Strom- und Wasserversorgung und vierzehn große Festzelte. Das größte, das Hofbräu-Festzelt, fasst knapp zehntausend Gäste. Zur Halbzeit meldete die Landeshauptstadt München 3,8 Millionen Besucherinnen und Besucher. [Nach dem 4. Oktober: Endbilanz einsetzen.]

Seit wann baut München für die Wiesn eine Stadt auf Zeit?

Seit mehr als zwei Jahrhunderten. Am 17. Oktober 1810 feierte München die Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese mit einem Pferderennen vor den Toren der Stadt. Die Wiese trägt seitdem den Namen der Braut. 1818 kam das erste Karussell hinzu, später kleine Bierbuden. Die Zahl der Gäste wuchs schneller als die Buden.

1898 errichtete der Wirt Georg Lang die erste große Festhalle, seine „Bierburg“ mit 6000 Plätzen. Damit begann eine Bautypologie, die es so nur hier gibt: die Halle, die jedes Jahr neu entsteht. Die Konstruktionen wurden größer und technisch anspruchsvoller. Am Prinzip hat sich nichts geändert. Das Paulaner-Festzelt etwa kommt heute mit einem freitragenden Dach ohne Stützen im Innenraum aus und wird trotzdem jedes Jahr ab- und wieder aufgebaut.

Was lernt die Architektur von einem Festzelt?

Sie lernt Gelassenheit in einer Frage, die die Branche derzeit mit großem Vokabular verhandelt. Zirkuläres Bauen, Urban Mining, Design for Disassembly: Die Begriffe füllen Tagungsprogramme und Förderrichtlinien. Auf der Theresienwiese ist das Prinzip seit Generationen Alltag.

Ein Festzelt funktioniert wie ein Bausatz. Beim Hofbräu-Festzelt etwa bleiben die Bodendielen über mehrere Jahre im Einsatz. Die besten und neuen Bretter wandern an die am stärksten beanspruchten Stellen, die älteren dorthin, wo weniger Last ankommt. Das ist Materialwirtschaft im Wortsinn, ohne Zertifikat und ohne Bilanzierungsprogramm.

Der Aufbau der großen Zelte beginnt im Sommer und zieht sich über viele Wochen, der Abbau dauert etwa halb so lang. Danach ist die Theresienwiese wieder leer.

Warum wird ein Festzelt nicht abgerissen, sondern abgebaut?

Weil das Baurecht es so vorsieht. Die Zelte sind Fliegende Bauten nach Art. 72 der Bayerischen Bauordnung (BayBO), also Anlagen, die geeignet und bestimmt sind, wiederholt aufgestellt und zerlegt zu werden. Diese Bestimmung prägt jede Entscheidung: den Knotenpunkt, das Maß der Bauteile, die Frage, was die Planerin verschraubt und was der Planer verklebt. Die Fügung ist lösbar, weil sie gelöst werden muss.

Beim gewöhnlichen Gebäude gilt das Gegenteil. Es entsteht für die Dauer, und gerade deshalb denkt kaum jemand über sein Ende nach. Verbundwerkstoffe, verklebte Schichten und vergossene Anschlüsse sparen im Betrieb Zeit und Geld. Beim Rückbau hinterlassen sie ein Problem, das eine spätere Generation erbt. Die Lehre liegt nicht im Bautyp, sondern in der Haltung: Wer das Zerlegen mitplant, plant anders.

Wo stößt das Vorbild an seine Grenzen?

Wer die Wiesn zum Musterfall erklärt, sollte auch ihre Kehrseite nennen. Ein Festzelt muss weder Wärme- noch Schallschutz auf dem Niveau eines Dauerbaus leisten. Seine Leichtigkeit verdankt es auch diesem Umstand. Nicht alles ist lösbar gefügt: Die Betonböden in Küchen und Schänken des Hofbräu-Festzelts entfernen die Zeltbauer nach jedem Fest. Hinzu kommen Transporte, Lagerflächen und die Energie für Auf- und Abbau.

Auch der Betrieb ist kein Kreislauf im strengen Sinn. Zur Halbzeit 2026 meldete die Landeshauptstadt München 38 Tonnen Abfall vom Festgelände, bei einem Stromverbrauch von rund 1,15 Millionen Kilowattstunden. Der Strom stammt nach Angaben der Stadt vollständig aus erneuerbaren Quellen. Das Festzelt ist also kein fertiges Modell, sondern ein Hinweis darauf, wo die Lösung liegt: in der Fügung, nicht im Material allein.

Wie viel Leere verträgt eine wachsende Stadt?

Mehr, als der Wohnungsmarkt vermuten lässt. Die Theresienwiese umfasst 42 Hektar und ist damit eine der größten unbebauten Flächen im Zentrum Münchens. Den größten Teil des Jahres liegt sie schlicht offen da. In einer Stadt, in der jeder Quadratmeter unter Verwertungsdruck steht, wirkt das beinahe verschwenderisch.

Tatsächlich ist diese Leere die Voraussetzung dafür, dass hier jedes Jahr etwas entstehen kann. Eine Fläche, die niemand festgelegt hat, bleibt verfügbar: für die Wiesn und das Frühlingsfest, für Radfahrerinnen und Radfahrer, Drachen und Spaziergänge dazwischen. Seit 2004 sperrt die Stadt das Gelände während Auf- und Abbau, die offene Zeit ist also kürzer als das Kalenderjahr. Nicht alles, was unbebaut ist, ist ungenutzt. Manches ist Reserve.

Was bedeutet das für die Praxis der Büros?

Es bedeutet, das Ende eines Bauwerks schon am Anfang auf den Zeichentisch zu legen. Dazu braucht es keine neue Technologie. Es genügt, bei jedem Detail die Frage zu stellen, wie es sich wieder lösen lässt: geschraubt statt geklebt, sortenrein statt verbunden, zugänglich statt vergossen. Wer diese Frage in der Entwurfsplanung stellt, beantwortet sie mit wenig Aufwand. In der Ausführungsplanung wird sie teuer, beim Rückbau ist sie zu spät gestellt. In fünfzig Jahren werden Kolleginnen und Kollegen die Gebäude zurücknehmen, die heute entstehen. Das Festzelt zeigt jedes Jahr, dass das sauber gelingen kann, wenn es jemand gewollt hat.

Auch die Wiesnwirtinnen und Wiesnwirte bewerben sich übrigens jedes Jahr neu um ihren Platz. Wer im eigenen Büro an der Akquise arbeiten möchte, findet dazu ab dem 8. Oktober den Lehrgang „Bauherren gewinnen“ der Baukunst Akademie. Ab dem 3. November folgt „Rechtlich sicher“ mit Vertragsgestaltung, Leistungsphasen nach § 34 HOAI und Haftungsfragen. Beide Lehrgänge finden online statt, jeweils von 17 bis 18.30 Uhr, und finanzieren zugleich die unabhängige Arbeit an diesem Magazin.

Die Zelte stehen noch bis zum 4. Oktober. Wer hingeht, dem empfehle ich einen Blick nach oben.

Mit kollegialen Grüßen

Stuart Stadler

Mehr zum Thema:

Longevty in der Baukunst –
Das Haus, das gehen konnte und blieb

Ihnen liegt die Initiative Baukunst am Herzen?baukunst.art ist frei zugänglich und soll es bleiben.
(opens in a new tab)
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
0 Repliken
Meistbewertet
Neueste Älteste