
baukunst.art | UNTERWEGS | Oktober 2026
Der Dom aus dem Bausatz. Wie LEGO Barcelona eine Entscheidung abnimmt
Ein Architekturmodell ist keine Verkleinerung, sondern eine Behauptung über einen Zustand; das neue LEGO-Set der Sagrada Família behauptet einen Endzustand, über dessen entscheidenden Teil, Vorplatz und Zugang der Hauptfassade, Barcelona noch verhandelt. Ab dem 1. November 2026 verkauft die LEGO Gruppe das Set 21065 für 749,99 Euro. Mit 12.060 Teilen ist es nach Angaben des Herstellers, gemessen an der Teilezahl, das größte Set, das LEGO je veröffentlicht hat; das fertige Modell ist 62 Zentimeter hoch.
Die Bauanleitung folgt der realen Baugeschichte, von Apsis und Krypta über Geburts- und Passionsfassade bis zu den sechs zentralen Türmen. Am Ende stehen, so die Pressemitteilung vom 4. Juni 2026, die Ostsakristei und die Glòria-Fassade. Was vor dieser Fassade entstehen soll, existiert in Barcelona bislang vor allem als Konflikt.
Was ist an der Sagrada Família 2026 tatsächlich fertig?
Fertig ist die Silhouette. Am 20. Februar 2026 setzte die Fundació Junta Constructora del Temple Expiatori de la Sagrada Família das letzte Stück des Kreuzes auf den Jesusturm; am 10. Juni, dem hundertsten Todestag Antoni Gaudís, segnete Papst Leo XIV. den 172,5 Meter hohen Turm. Damit ist die Basilika die höchste Kirche der Welt.
Nicht fertig ist die Hauptfassade. Für die Glòria-Fassade am Carrer de Mallorca hat das Ajuntament de Barcelona bislang nur die vier Glockentürme genehmigt; die Entscheidung im Wettbewerb für das Skulpturenprogramm hat die Junta Constructora vertagt. Im März 2026 kündigte Junta-Präsident Esteve Camps an, den aufragenden Baukörper ohne Störungen in etwa zehn Jahren abzuschließen, ausdrücklich ohne die Brücke über den Carrer de Mallorca und die künstlerische Ausgestaltung. Wer das Set im November aufbaut, hat die Glòria-Fassade also mindestens ein Jahrzehnt früher im Regal, als Barcelona sie auf der Straße sieht.
Wer bezahlt den Vorplatz, den das Modell voraussetzt?
Nach Darstellung der Junta Constructora geht die monumentale Freitreppe vor der Glòria-Fassade auf Gaudís ursprüngliches Projekt zurück. Der Pla General Metropolità (PGM) von 1976 übersetzte diese Idee in Planungsrecht: Zwei Blöcke des Eixample zwischen Mallorca, Aragó, Sardenya und Marina wurden für eine 60 Meter breite Achse zur Avinguda Diagonal reserviert. Seit fünfzig Jahren leben die Menschen in diesen Häusern mit einem planungsrechtlichen Vorbehalt, ohne zu wissen, ob, wann und zu welchen Bedingungen er vollzogen wird.
Die alte Planung betraf nach Angaben der Stadträtin Rosa Suriñach von Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) mehr als 1.000 Wohnungen. Den Kompromiss hat Jordi Valls, vierter stellvertretender Bürgermeister und Stadtrat für den Bezirk Eixample, bis Juli 2026 in getrennten Gesprächen mit Junta Constructora und Nachbarschaft ausgelotet. Nach Recherchen der Zeitung Ara betrifft er 194 Wohnungen und sieht Abrisse nur in einem L-förmigen Teil des Blocks zwischen Mallorca und València vor, darunter das umstrittene Wohnhaus von Núñez y Navarro sowie mehrere Läden. Die Betroffenen sollen zwischen Entschädigung und einer Wohnung in einem Neubau wählen können, der auf einem Grundstück entstehen soll, das die Sagrada Família 2019 im Nachbarblock erworben hat. Der zweite Block bliebe stehen, Gaudís Sichtachse zur Diagonal entfiele. Ältere Schätzungen von 150 bis 200 Millionen Euro, über die Ara im Juni berichtete, galten der größeren Variante. Wer die Kosten trägt, ist offen.
Unterschrieben ist nichts. Am 9. Oktober beschwerte sich die Plattform der Betroffenen schriftlich über das Schweigen der Stadt; am 20. Oktober erklärte Valls im Urbanismusausschuss, ohne Einigung gebe es auch keine Grundsatzeinigung. Neu sei immerhin, dass alle Seiten akzeptierten, dass die Basilika den Carrer de Mallorca überspannt. Eine Änderung des PGM ist nach Einschätzung von Ara vor den Kommunalwahlen im Mai 2027 nicht mehr zu schaffen.
Warum ist ein Spielzeugmodell für die Stadtplanung relevant?
Weil Bilder Fakten schaffen, bevor Verfahren es tun. Das Wissen über die Sagrada Família steckt seit jeher in Modellen: Nach dem Brand von Gaudís Werkstatt 1936 suchten frühere Mitarbeiter ab 1940 nach Fragmenten der Gipsmodelle und Pläne. Das Legoset setzt diese Tradition fort, allerdings in umgekehrter Richtung. Es dient nicht dem Bau, sondern popularisiert ein Endbild.
Henri Lefebvre hat das Recht auf Stadt als Recht beschrieben, an der Produktion des städtischen Raums teilzuhaben, nicht nur an seinem Gebrauch. In Barcelona wird dieser Raum gerade doppelt produziert: rechtlich im Ausschuss, symbolisch im Wohnzimmerregal. Die 194 Haushalte am Carrer de Mallorca kommen darin nicht vor, weil Modelle Objekte abbilden, keine Nachbarschaften. Das ist kein Vorwurf an den Designer, sondern eine Eigenschaft des Mediums.
Was sagt der Erfolg des Monuments über seine Nachbarschaft?
Laut Jahresbericht 2025 der Junta Constructora besuchten 4.877.567 Menschen die Basilika; die Einnahmen von 134,5 Millionen Euro stammen zu 96,9 Prozent aus Besuchsbeiträgen. Der Aktionsplan des Bezirks Eixample für die Sagrada Família als Raum mit hohem Besucheraufkommen (2024 bis 2027) schätzt 18 bis 22 Millionen Besuche jährlich in Basilika und Umfeld, rund 50.000 am Tag. Gebaut wurde ausschließlich mit privaten Mitteln, bis 2019 gestützt auf einen nie erneuerten Antrag Gaudís von 1885 bei der damals eigenständigen Gemeinde Sant Martí de Provençals. Dann erst erteilte das Ajuntament eine reguläre Baugenehmigung, gegen Gebühren von 4,63 Millionen Euro und die Zusage, über zehn Jahre 36 Millionen Euro in Nahverkehr, Straßenraum und Pflege des Umfelds zu investieren.
Das Legoset verlängert dieses Geschäftsmodell in den Konsum. Die Pressemitteilung von LEGO nennt weder Lizenzbedingungen noch Erlösanteile. Für einen Bauherrn, der von Anwohnerinnen und Anwohnern Wohnraum verlangt, wäre diese Transparenz kein Detail.
Was lehrt der Fall für unvollendete Großprojekte?
Drei Befunde reichen über Barcelona hinaus. Erstens: Planungsrechtliche Vorbehalte ohne Zeithorizont sind sozial teuer. Setzt in Deutschland ein Bebauungsplan ein privates Grundstück etwa als Verkehrsfläche fest, sind Eigentümerinnen und Eigentümer nach § 40 Baugesetzbuch (BauGB) für Vermögensnachteile zu entschädigen; ist ihnen das Behalten wirtschaftlich nicht mehr zuzumuten, können sie die Übernahme verlangen. Nach § 180 BauGB soll die Gemeinde nachteilige Folgen für die Bewohnerinnen und Bewohner mit ihnen erörtern und in einem Sozialplan festhalten; führt ein Dritter die Maßnahme durch, kann sie ihm Aufgabe oder Kosten auferlegen. Übertragbar sind diese Instrumente nicht, ein PGM-Vorbehalt ist kein Bebauungsplan. Sie zeigen aber, worauf es ankommt: Das Risiko des Wartens darf nicht allein bei den Bewohnerinnen und Bewohnern liegen.
Zweitens: Der Bauherr eines Monuments ist zugleich Akteur auf dem Wohnungsmarkt. Dass die Junta ein Grundstück für Ersatzwohnungen vorhält, ist der konstruktivste Schritt des gesamten Verfahrens. Drittens: Das Endbild sollte nicht vor dem Verfahren feststehen.
Die Sagrada Família stand über 140 Jahre für Geduld. Das Set mit 12.060 Teilen erzählt vom Ende. In der Wirklichkeit entscheidet sich dieses Ende nicht an der Spitze des Jesusturms, sondern auf Straßenniveau, am Carrer de Mallorca, Haus für Haus.
Leserinfo: LEGO Architecture Sagrada Família (21065)
Das Set besteht aus 12.060 Teilen und ist für Erwachsene ab 18 Jahren ausgewiesen. Aufgebaut misst das Modell rund 62 Zentimeter in der Höhe, 47 in der Breite und 39 in der Tiefe. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 749,99 Euro. Seit dem 4. Juni 2026 lässt sich das Set vorbestellen, Verkaufsstart und Versand sind ab dem 1. November 2026. Erhältlich ist es bei LEGO.com, in LEGO Stores und im Fachhandel; LEGO.com begrenzt die Bestellung auf drei Sets pro Haushalt. Wer am Bonusprogramm LEGO Insiders teilnimmt, erhält beim Kauf über LEGO 5.625 Punkte. Die Bauanleitung gibt es auch digital in der App LEGO Builder, die den Baufortschritt speichert.
Den Preis habe ich als UVP angegeben. Im Handel liegt das Set teils darunter, das ändert sich aber laufend, deshalb steht es nicht in der Box.
Quellen:

Licht als Werkstoff

Wie Architekturbüros in KI-Suchsystemen sichtbar werden

