Baukunst - Hitler kniet bei Mies: Wie Maurizio Cattelan die Neue Nationalgalerie zur Kirche umbaut
Maurizio Cattelan, Neue Nationalgalerie, 2026 © Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker

Hitler kniet bei Mies: Wie Maurizio Cattelan die Neue Nationalgalerie zur Kirche umbaut

25.10.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Regionales / Berlin | Oktober 2026

Tauben unter Mies’ Decke: Wie Maurizio Cattelan die Neue Nationalgalerie zur Kirche macht

Brandenburger Tor aus Lindenholz, Tausende Tauben an der Decke, ein Trommler auf dem Dach: Cattelan bespielt Mies van der Rohes Glashalle wie eine Kathedrale.

„NIGHT“ ist die erste große Einzelausstellung des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan in Deutschland, die vom 10. September 2026 bis zum 7. März 2027 in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu sehen ist und Ludwig Mies van der Rohes Glashalle vorübergehend in einen Kirchenraum verwandelt. Anlass ist der Preis der Nationalgalerie 2026, den die FREUNDE der Nationalgalerie im Jahr 2000 ins Leben riefen und der nun erstmals in die Glashalle zieht. Kuratiert haben Lisa Botti, Kuratorin der Neuen Nationalgalerie, und Direktor Klaus Biesenbach, in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler; der Eintritt kostet 16 Euro, ermäßigt 8 Euro. Cattelan behandelt den Bau dabei nicht als Hülle, sondern als Material.

Der 1960 in Padua geborene Cattelan gilt seit den frühen 1990er Jahren als Provokateur des Kunstbetriebs. Seine an die Wand geklebte Banane „Comedian“ (2019) machte ihn weit über die Kunstwelt hinaus bekannt. In Berlin kehrt er an einen Ort seiner Biografie zurück: 2006 kuratierte er die 4. Berlin Biennale mit. Der Künstlerschreck kommt also nicht als Fremder, sondern als alter Bekannter mit Hausschlüssel.

Was zeigt Cattelan in der Glashalle der Neuen Nationalgalerie?

Den Auftakt bildet „Purgatory“ (2026), eine verkleinerte Nachbildung des Brandenburger Tors aus Lindenholz, durch die Besucherinnen und Besucher die Halle betreten. Aus dem Stadtraum gelöst, wird das Wahrzeichen zur Schwelle; die Kritikerin Carla Huttenloher (http://art-in-berlin.de ) liest „Fegefeuer“ als Verweis auf die Teilung, als das Tor im Sperrgebiet lag. Dahinter öffnet sich eine Blickachse. Am Boden liegen die neun marmornen, in Leichentücher gehüllten Körper von „All“ (2007), dann kniet „Him“ (2001), eine kindgroße Figur im grauen Anzug, die sich erst im Profil als Adolf Hitler zu erkennen gibt. Fluchtpunkt ist „Dawn“ (2007), eine weibliche Figur in einer Transportkiste, die auf der Höhe eines Kreuzes von der Decke hängt.

Am stählernen Trägerrost der Decke reihen sich Tausende präparierte Tauben, Titel „People“ (2026), laut der Kunstzeitschrift Finestre sull’Arte die Neufassung einer Arbeit, die Cattelan 1997 in Venedig zeigte. Auf dem Dach sitzt „Never“ (2003), die animatronische Figur nach dem Trommler aus Günter Grass’ Roman „Die Blechtrommel“, die die Staatlichen Museen zu Berlin unter dem Titel „Untitled“ führen. Auf der Terrasse liegt „Scar“ (2026), ein gusseiserner Kanaldeckel mit den Titeln aller gezeigten Arbeiten. Dazu kommen ältere Werke wie „Novecento“ (1997), „Charlie Don’t Surf“ (1997) und „La Rivoluzione Siamo Noi“ (2000). Cattelan beschreibt seinen Ansatz unmissverständlich: „Eine Kirche ist eine wunderbare Erfindung, weil sie dem Unsichtbaren Gestalt verleiht.“ Warum „Him“ nach 25 Jahren noch trägt, begründete ein Kurator der Ausstellung gegenüber Euronews so: Die Figur zeige ein Bild des Bösen und lasse dessen Bedeutung zugleich offen.

Was bedeutet die Inszenierung für ein Baudenkmal von Weltrang?

Die Neue Nationalgalerie, 1965 bis 1968 errichtet und laut Stiftung Preußischer Kulturbesitz der einzige Bau, den Mies van der Rohe nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland realisierte, steht seit 1995 auf der Denkmalliste des Landes Berlin. § 11 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 des Denkmalschutzgesetzes Berlin (DSchG Bln) bindet Veränderungen des Erscheinungsbildes eines Denkmals an eine Genehmigung der zuständigen Denkmalbehörde; Satz 2 bezieht Zubehör und Ausstattung ausdrücklich ein. Ob eine befristete Ausstellung darunter fällt oder als bestimmungsgemäße Nutzung eines Museums gilt, beantwortet das Gesetz nicht ausdrücklich. Eine Figur auf dem Dach und Tausende Tierpräparate am Trägerrost machen die Frage jedenfalls anschaulich: Reversible Kunst prägt hier für ein halbes Jahr das Erscheinungsbild eines Denkmals.

Die Sensibilität hat einen konkreten Hintergrund. Von 2015 bis 2021 setzte David Chipperfield Architects das Haus grundlegend instand; die Kosten bezifferte die Deutsche Presse-Agentur (dpa) 2021 auf rund 140 Millionen Euro. Das Büro bezeichnete die Maßnahme ausdrücklich als respektvolle Reparatur, nicht als Neuinterpretation: Betonsanierung, neue Verglasung, Ertüchtigung von Stahldach und Haustechnik. Eine Sanierung, die nach Angaben der Staatlichen Museen jedes Baudetail erfasste, setzt den Maßstab auch für temporäre Eingriffe: Wer hier ausstellt, braucht eine Montageplanung mit der Sorgfalt einer Restaurierung.

Hier liegt zugleich die interessanteste architektonische These der Schau. Mies’ stützenfreier Raum unter dem quadratischen Stahldach ist in seiner Logik richtungslos, ein universeller Raum ohne Hierarchie. Cattelan zwingt ihm eine Achse auf, ein Langhaus mit Portal und Altarzone, und befragt damit den säkularen Tempel der Moderne auf seine kultischen Wurzeln. Neu ist die Beobachtung nicht: Die Halle war von Anfang an eher Schrein als Ausstellungsfläche, ein Ort, der klassischen Hängungen widersteht, weil er kaum Wände besitzt.

Die Ausstellung fällt zudem in eine angespannte Phase für das gesamte Kulturforum. Unmittelbar neben der Neuen Nationalgalerie baut die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Museum „berlin modern“ nach Entwurf von Herzog & de Meuron, die Erweiterung für die Kunst des 20. Jahrhunderts. Nach Feuchtigkeitsschäden im Rohbau rechnet die Stiftung laut http://ingenieur.de (Juni 2026) mit einer Fertigstellung frühestens Mitte 2030 und Kosten von rund 507 Millionen Euro. Bis dahin bleibt Mies’ Glashalle die einzige Bühne der Nationalgalerie am Kulturforum für Großformate wie diese.

Wie überzeugend ist „NIGHT“ als Antwort auf den Ort?

Die Kritik ist geteilt. Die britische Zeitschrift „ArtReview“ empfand die pseudosakrale Anordnung als steif und luftleer und vermisste die atmosphärische Dichte vergleichbarer Rauminstallationen, etwa von Robert Gober. Das Portal Artcollectornews dagegen sieht in der Schau eine gelungene Neuordnung von Macht, Erinnerung und Museum. Die sakrale Inszenierung wirkt mitunter überdeutlich, das Kreuzzitat von „Dawn“ lässt wenig Spielraum. Am stärksten ist die Schau dort, wo sie den Stadtraum einbezieht: das Brandenburger Tor als begehbares Modell, die Tauben, die man draußen übersieht und drinnen nicht mehr übersehen kann, der Trommler über der Potsdamer Straße.

Bemerkenswert ist auch die institutionelle Verschiebung. Bislang präsentierte der Preis der Nationalgalerie mehrere nominierte Künstlerinnen und Künstler in einer gemeinsamen Ausstellung. Zum 25-jährigen Bestehen haben die FREUNDE der Nationalgalerie das Format umgestellt: Eine Einzelausstellung würdigt nun eine international maßstabsetzende Position, deren Werk in Berlin noch nicht umfassend zu sehen war. BMW fördert die Schau. Offen bleibt, welche Bühne die Nationalgalerie künftig Positionen bietet, die noch keinen Weltnamen tragen.

Für die Berliner Baukultur zeigt die Schau dennoch etwas Übertragbares. Denkmalgeschützte Ikonen der Nachkriegsmoderne bleiben nur lebendig, wenn Institutionen sie nutzen, bespielen und auch herausfordern. Das aus der Erklärung von Davos 2018 hervorgegangene Davos Baukultur Quality System nennt Kontext und Genius loci ausdrücklich als Kriterien hoher Baukultur. Cattelan arbeitet mit beidem: Er holt die Stadtgeschichte in die Halle und liest den Geist des Ortes als sakral, reversibel, befristet und mit erheblichem Risiko für den Ruf aller Beteiligten. Die schönste Pointe liefert der Trommler auf dem Dach. Ausgerechnet ein Kind, das nicht erwachsen werden wollte, erinnert die erwachsenste Architektur Berlins daran, dass sie auch Bühne sein darf.

Leserinfo

Ausstellung

Maurizio Cattelan. NIGHT · Preis der Nationalgalerie 2026

Laufzeit

10. September 2026 bis 7. März 2027

Ort

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin

Öffnungszeiten

Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr; Donnerstag 10 bis 20 Uhr; Montag geschlossen

Feiertage

24. und 31. Dezember geschlossen; 25. und 26. Dezember 10 bis 18 Uhr; 1. Januar 12 bis 18 Uhr

Eintritt

Ausstellungsticket 16 Euro, ermäßigt 8 Euro; Museumsticket für alle Ausstellungen der Neuen Nationalgalerie 20 Euro, ermäßigt 10 Euro; Tickets online unter http://shop.smb.museum

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