Baukunst - Architekten gehen auf die Straße, Baukultur zum Anfassen in Berlin
Tschüss Elfenbeinturm: Baukultur, wo sie hingehört, auf der Straße (Symbolbild)

Architekten gehen auf die Straße, Baukultur zum Anfassen in Berlin

12.06.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Regionales | Berlin | Juni 2026

Raus aus der Blase: Wie Berlin Baukultur auf den Bürgersteig holt

Ein Bürgersteig-Salon ist ein offenes Gesprächsformat, das die Vermittlung von Baukultur aus dem geschlossenen Fachzirkel auf die Straße verlegt und bewusst das Gespräch mit Passantinnen und Passanten sucht. Am 2. Juli 2026 lädt die Architektur Galerie Berlin gemeinsam mit der Bundesstiftung Baukultur zur zweiten Auflage unter dem Titel „Raus aus der Blase“ ein. Die Veranstaltung gehört zum Format „Baukulturtreff“ und versteht sich als praktischer Versuch, vom Reden ins Handeln zu kommen. Begrüßt wird das Publikum von Ulrich Müller, dem Leiter der Architektur Galerie Berlin, und von Reiner Nagel, der die Bundesstiftung Baukultur seit Mai 2013 als Vorstandsvorsitzender führt.

Der Anlass ist alles andere als nebensächlich. Im Baugesetzbuch (BauGB) ist Baukultur längst kodifiziert. Nach § 1 Absatz 6 Nummer 5 BauGB sind die Belange der Baukultur, des Denkmalschutzes und die Gestaltung des Orts- und Landschaftsbildes bei der Aufstellung von Bauleitplänen zu berücksichtigen. Die gebaute Umwelt ist damit keine private Geschmacksfrage, sondern ein abwägungsrelevantes öffentliches Gut. Zwischen diesem Anspruch und der gesellschaftlichen Wahrnehmung klafft jedoch eine Lücke, die das Berliner Format genau adressiert.

Warum erreicht die gesetzliche Öffentlichkeitsbeteiligung so wenige Menschen?

Das Baugesetzbuch schreibt Beteiligung ausdrücklich vor. § 3 Absatz 1 BauGB regelt die frühzeitige Unterrichtung der Öffentlichkeit über die Ziele einer Planung, § 3 Absatz 2 BauGB die förmliche Auslegung des Planentwurfs samt Möglichkeit zur Stellungnahme. In der Praxis bleibt diese Beteiligung häufig formal. Bekanntmachungen im Amtsblatt, Akteneinsicht zu Bürozeiten und juristisch verdichtete Begründungen erreichen vor allem jene, die ohnehin mit Planungsrecht vertraut sind. Wer keine Vorbildung mitbringt, scheitert selten am Interesse, meist an der Form.

Genau hier setzt der Bürgersteig-Salon an. Statt das Publikum in einen Saal zu bitten, sucht das Format den öffentlichen Raum auf, in dem Stadt tatsächlich erlebt wird. Die niedrige Schwelle ist Programm. Ein Tisch auf dem Gehweg lädt anders ein als ein Auslegungsverfahren. Übertragbar ist diese Beobachtung auf nahezu jede Kommune, denn das Beteiligungsdefizit ist kein Berliner Sonderfall, sondern ein bundesweites Muster. Architektinnen und Stadtplaner kennen die Folge: Vorhaben, die formal beteiligt wurden, lösen bei der Fertigstellung dennoch Überraschung und Widerstand aus.

Der Reiz liegt im Verzicht auf Hierarchie. Während das förmliche Verfahren feste Rollen verteilt, mischt der Salon Fachleute und Laien. Begriffe wie Nachverdichtung, graue Energie oder Umbaukultur werden dort nicht vorausgesetzt, sondern im Gespräch erklärt. So entsteht Übersetzungsarbeit, die das Planungsrecht zwar verlangt, in der Auslegungspraxis aber kaum leistet.

Das Format ist erprobt. Bereits 2024 fand die Auftaktveranstaltung als Gemeinschaftsprojekt der Architektur Galerie Berlin mit der Bundesstiftung Baukultur statt und brachte Engagierte aus Bildung, Aktivismus und Verwaltung zusammen. Der „Bürgersteig-Salon“ verlegt die Diskussion bewusst vor die Tür der Galerie, damit auch Nichtfachleute und zufällig Vorbeikommende einbezogen werden. Die Methode ist denkbar einfach und gerade darin überzeugend: ein offener Ort, ein klarer Anlass, kurze Wege zwischen Fachwissen und Alltagserfahrung.

Berlin verfügt über vergleichsweise ausdifferenzierte Instrumente der Baukulturpflege. Das Baukollegium Berlin, angesiedelt bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, berät stadtbildprägende Vorhaben und tagt seit Jahren öffentlich. Die gestalterische Grundnorm liefert § 10 der Bauordnung für Berlin (BauO Bln): Bauliche Anlagen müssen nach Form, Maßstab und Material so gestaltet sein, dass sie das Straßen-, Orts- oder Landschaftsbild nicht verunstalten. Solche Vorschriften sichern eine Untergrenze, sie erzeugen jedoch noch kein gesellschaftliches Bewusstsein für Qualität. Dieses Bewusstsein muss vermittelt werden, und die Vermittlung ist die eigentliche Leerstelle.

Was bedeutet das Format für die Berliner Planungskultur?

Die Teilnehmenden der zweiten Auflage spiegeln die Breite der Akteurslandschaft. Mit dabei sind Leon Beck von Architects4Future, Angelika Hinterbrandner an der Schnittstelle von Architektur, Politik und Kommunikation, Robert Koerdt von der Max-Bill-Schule, Kristin Lazarova von der Urbanen Liga, Judith Rädlein von Urbaneo, Anne Schmedding von der Stiftung Berliner Leben, Florian Tienes von AG.URBAN und Jessica Waldera von Kleine Baumeister. Die Moderation übernehmen Leonie Ederer von der Bundesstiftung Baukultur und Amina Ghisu von der Deutschen BauZeitschrift (DBZ). Diese Mischung aus Aktivismus, Bildung, Wissenschaft und Verwaltung kommt in förmlichen Verfahren selten an einem Tisch zusammen.

Der Zeitpunkt ist klug gewählt. 2026 begeht die Bundesstiftung Baukultur ihr zwanzigjähriges Bestehen; gegründet wurde sie 2006 durch das Gesetz über die Errichtung einer Bundesstiftung Baukultur mit Sitz in Potsdam. Wenige Wochen vor dem Salon, am 11. Juni 2026, stellte die Stiftung beim Konvent der Baukultur ihren siebten Baukulturbericht 2026/27 unter dem Titel „Gestalten, Prozesse, Bauen, Zusammenhalt“ vor und übergab ihn an Bundesbauministerin Verena Hubertz. Der Bericht rückt die frühe Projektphase, die sogenannte Phase Null, sowie die Beteiligung der Zivilgesellschaft ins Zentrum. Der Bürgersteig-Salon erprobt diese bundesweite Programmatik im konkreten Berliner Maßstab.

Übertragbar ist der Ansatz auf andere Regionen, weil nahezu jedes Bundesland inzwischen vergleichbare Strukturen kennt. Gestaltungsbeiräte sind vielerorts kommunal fest etabliert, in einzelnen Ländern auch landesrechtlich verankert; sie sichern fachliche Qualität, bleiben für die breite Öffentlichkeit aber oft unsichtbar. Ein niedrigschwelliges Gesprächsformat kann diese Gremienarbeit ergänzen, ohne sie zu ersetzen, und das Verständnis für planerische Abwägung in die Quartiere tragen. Gerade kleinere Städte und ländliche Räume, in denen Personal und Sichtbarkeit knapp sind, könnten von dieser Übersetzungsleistung profitieren.

Kritisch bleibt zu fragen, ob ein einzelner Abend strukturelle Defizite ausgleichen kann. Ein Gespräch auf dem Gehweg ersetzt keine reformierte Beteiligungspraxis, und die Reichweite solcher Formate bleibt begrenzt. Die europäische Davoser Erklärung von 2018 hat eine hohe Baukultur als gemeinschaftliche Aufgabe definiert; sie einzulösen verlangt mehr als symbolische Gesten. Der eigentliche Hebel läge in einer Beteiligung, die § 3 BauGB nicht nur erfüllt, sondern verständlich macht: in Klartext statt Amtsdeutsch, in aufsuchender statt abwartender Kommunikation, in kontinuierlicher statt punktueller Ansprache.

Dennoch liegt der Wert des Formats gerade in seiner Bescheidenheit. Es nimmt den Begriff der Öffentlichkeit wörtlich und trägt ihn dorthin, wo Stadt entsteht und benutzt wird. Für die Berliner Planungskultur ist das ein realistischer und übertragbarer Beitrag. Nicht die große Geste verändert die Wahrnehmung von Baukultur, sondern die Summe vieler kleiner Gespräche, die aus Betroffenen Beteiligte machen. Wenn aus dem Salon eine Reihe und aus der Reihe eine Haltung wird, ist viel gewonnen, in Berlin und weit darüber hinaus.

Leserinformation

Veranstaltung „Raus aus der Blase“, 2. Bürgersteig-Salon (Format „Baukulturtreff“)
Termin Donnerstag, 2. Juli 2026, 18 Uhr
Ort Architektur Galerie Berlin, Karl-Marx-Allee 96, 10243 Berlin (Friedrichshain)
Veranstalter Architektur Galerie Berlin in Kooperation mit der Bundesstiftung Baukultur
Eintritt frei
Anreise U5 Weberwiese (rund 200 Meter); Nachtbus N5; weitere Linien am Strausberger Platz
Barrierefreiheit Der Salon findet ebenerdig auf dem Bürgersteig vor der Galerie statt und ist damit stufenlos erreichbar (Maßstab DIN 18040-1 für öffentlich zugängliche Gebäude). Für besondere Bedarfe empfiehlt sich eine kurze Voranfrage bei der Galerie.
Information architekturgalerieberlin.de, Telefon (030) 788 974 31

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