Baukunst - Architektouren 2026: 199 offene Türen und ein Prädikat, das die Planungspraxis prüft
Dreißig Jahre Architektouren: Bayern macht Planungsqualität verhandelbar

Architektouren 2026: 199 offene Türen und ein Prädikat, das die Planungspraxis prüft

12.06.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Regionales | Bayern | Juni 2026

Was 199 offene Türen über die Zukunft des Bauens verraten

Die Architektouren sind das größte Format zur Baukulturvermittlung in Bayern, bei dem realisierte Bauten, Innenräume, Freiräume und stadtplanerische Lösungen an einem festen Wochenende im Juni öffentlich zugänglich werden. Im Jahr 2026 feiert dieses Format der Bayerischen Architektenkammer (ByAK) sein dreißigjähriges Bestehen. Am 27. und 28. Juni öffnen 199 Projekte aus ganz Bayern ihre Türen. Die Auswahl traf ein unabhängiger Beirat, nicht die Bauherrschaft und kein Marketingbüro. Diese kuratierte Strenge unterscheidet die Veranstaltung von einem gewöhnlichen Tag der offenen Tür.

Was 1996 als ambitioniertes Vermittlungsprojekt begann, hat sich zur bedeutendsten baukulturellen Veranstaltung des Freistaats entwickelt. Drei Jahrzehnte Kontinuität sind in einem Feld, das von Baukonjunkturen und Förderzyklen abhängt, keine Selbstverständlichkeit. Sie verweisen auf einen institutionellen Auftrag, der über das einzelne Jubiläum hinausreicht und der das Format von einer reinen Leistungsschau unterscheidet.

Warum ist die Vermittlung von Baukultur ein gesetzlicher Auftrag?

Die Förderung der Baukultur gehört nach Art. 2 des Bayerischen Baukammerngesetzes (BauKaG) zu den gesetzlichen Aufgaben der Architektenkammer. Anders als ein privates Festival erfüllen die Architektouren damit einen öffentlich-rechtlichen Auftrag: Sie machen planerische Qualität nicht nur sichtbar, sondern verhandelbar. Wer ein Projekt besucht, trifft auf die Architektinnen und Architekten, auf die Bauherrschaft und auf die Nutzerinnen und Nutzer zugleich.

Dieser Dreiklang ist methodisch bemerkenswert. Architektur entsteht in den Leistungsphasen der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI), von der Grundlagenermittlung bis zur Objektüberwachung. Für die Öffentlichkeit bleibt dieser Prozess meist unsichtbar; wahrgenommen wird allein das fertige Ergebnis. Die Architektouren öffnen diese Blackbox, indem sie das Gebäude mit den Stimmen seiner Beteiligten zusammenführen. Wer erfahren möchte, warum ein Grundriss so und nicht anders ausfällt, erhält die Antwort an der Quelle statt aus dem Prospekt.

Hinzu kommt eine berufspolitische Dimension. Das öffentliche Bild der Architektinnen und Architekten schwankt zwischen Künstlerfigur und Kostenverursacher; selten wird der Beruf als koordinierende Treuhandfunktion wahrgenommen, die zwischen Bauherrschaft, Behörden und ausführenden Gewerken vermittelt. Indem die Architektouren das Gespräch an den realisierten Bau verlagern, korrigieren sie dieses Zerrbild. Wer hört, wie eine Planerin eine knappe Budgetvorgabe in einen tragfähigen Entwurf übersetzt hat, versteht den Wert der Leistungsphasen besser als jede Imagekampagne. Vermittlung wird so zur Nachwuchs- und Akzeptanzfrage zugleich.

Für eine überregionale Leserschaft ist das Modell anschlussfähig. Vergleichbare Reihen bestehen in anderen Bundesländern, vom bundesweiten Tag der Architektur der Bundesarchitektenkammer (BAK) bis zu landesspezifischen Veranstaltungen. Bayern unterscheidet sich durch die feste Verzahnung mit einem Prädikat, das ökologische Kriterien benennbar und damit überprüfbar macht.

Was bedeutet das Prädikat KlimaKulturKompetenz für die Planungspraxis?

Das Prädikat KlimaKulturKompetenz bewertet fünf Nachhaltigkeitskriterien: Energieeffizienz, Klimaanpassung, Flächensparen, Barrierefreiheit und weitere Aspekte der Nachhaltigkeit. Jedes dieser Kriterien lässt sich auf einen konkreten Rechtsrahmen zurückführen, was das Prädikat von einem reinen Werbesiegel abhebt und an die geltende Normenlage bindet.

Energieeffizienz misst sich am Gebäudeenergiegesetz (GEG), dessen Anforderungen an Primärenergiebedarf und baulichen Wärmeschutz den Maßstab für Neubau und Sanierung setzen. Barrierefreiheit verweist auf Art. 48 der Bayerischen Bauordnung (BayBO) und auf die Schutzziele der DIN 18040-1 für öffentlich zugängliche Gebäude sowie der DIN 18040-2 für Wohnungen. Flächensparen knüpft an die Bodenschutzklausel des § 1a Abs. 2 Baugesetzbuch (BauGB) an, die den sparsamen Umgang mit Grund und Boden zur Abwägungsdirektive erhebt, ergänzt durch das Anbindegebot der bayerischen Landesplanung. Klimaanpassung schließlich findet ihre Grundlage in § 1 Abs. 5 BauGB, der Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel ausdrücklich zu Zielen der Bauleitplanung erklärt.

Kritisch bleibt anzumerken, dass das Prädikat auf Selbstauskunft beruht. Die teilnehmenden Büros benennen selbst, in welchen der fünf Kriterien ihr Projekt überzeugt; eine externe Zertifizierung nach DGNB oder BNB ersetzt das Verfahren nicht. Der Mehrwert liegt deshalb weniger in der Strenge der Prüfung als in der Transparenz: Wer das Prädikat ausweist, lädt zur Nachfrage vor Ort ein. Damit verschiebt sich die Debatte von der Hochglanzbroschüre zum nachprüfbaren Detail, vom Versprechen zur Begehung.

Auffällig ist, welcher Aspekt in der Kriterienliste nur indirekt erscheint: der Umgang mit dem Bestand. Die graue Energie bereits verbauter Substanz gilt inzwischen als zentrale Stellschraube der Klimabilanz, weil Abriss und Neubau erhebliche Emissionen freisetzen. Wenn Flächensparen und Klimaanpassung ernst genommen werden, rückt der Erhalt vorhandener Gebäude in den Vordergrund, auch jenseits des förmlichen Denkmalschutzes nach dem Bayerischen Denkmalschutzgesetz (BayDSchG). Viele der ausgezeichneten Projekte dürften daher Umbauten und Erweiterungen sein, nicht Neubauten auf der grünen Wiese. Genau dieser Trend verdient die Aufmerksamkeit der Besucherinnen und Besucher.

Regional erschlossen, überregional anschlussfähig

Die Online-Trefferliste der ByAK lässt sich nach Regierungsbezirk, Typologie und KlimaKulturKompetenz sortieren, was die individuelle Tourenplanung erleichtert. Begleitet wird das Wochenende von einer Wanderausstellung und von regionalen Bustouren zu ausgewählten Projekten. Diese Infrastruktur verankert die Veranstaltung in der Fläche, von Unterfranken bis ins schwäbische Allgäu, und vermeidet die einseitige Konzentration auf die Landeshauptstadt. Gerade für ländliche Regionen, die unter demografischem Wandel und Leerstand leiden, wirkt diese Sichtbarkeit als Argument für qualitätvolle Innenentwicklung.

Diese föderale Breite hat einen planungskulturellen Hintergrund. Bayern kennt erhebliche Unterschiede zwischen prosperierenden Ballungsräumen und strukturschwachen Grenzregionen; was in München als Nachverdichtung gilt, bedeutet im Bayerischen Wald oft die Rettung eines Ortskerns. Die Architektouren bilden diese Spannweite ab, statt sie zu glätten, und liefern damit Argumente für eine differenzierte Landesentwicklung.

Die traditionelle Preview eröffnet das Jubiläum am 22. Juni 2026 im Foyer des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr. Staatsminister Christian Bernreiter und Kammerpräsidentin Prof. Lydia Haack würdigen dort die drei Jahrzehnte. Dass ein Bauministerium und eine Berufskammer gemeinsam auftreten, signalisiert die politische Anschlussfähigkeit des Themas und die Bereitschaft, Baukultur als Standortfaktor zu begreifen.

Dreißig Jahre Architektouren belegen, dass Baukultur keine private Liebhaberei ist, sondern eine öffentliche Aufgabe mit gesetzlichem Fundament. Die 199 Projekte des Jahres 2026 führen vor Augen, dass Energieeffizienz, Barrierefreiheit und Flächensparen keine Hindernisse guter Architektur darstellen, sondern deren Bedingungen. Wer am letzten Juni-Wochenende eine Tür durchschreitet, betritt kein Museum, sondern einen Gebrauchsraum, der seine Qualität im Alltag beweisen muss. Genau darin liegt der bleibende Wert des Formats.

Leserinformation

Veranstaltung Architektouren 2026, dreißigjähriges Jubiläum, 199 Projekte aus ganz Bayern
Termin Samstag und Sonntag, 27. und 28. Juni 2026
Preview Montag, 22. Juni 2026, 18.00 Uhr, Foyer des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr, Franz-Josef-Strauß-Ring 4, 80539 München
Veranstalter Bayerische Architektenkammer (ByAK)
Projekte und Tourenplanung Online-Trefferliste der ByAK, sortierbar nach Regierungsbezirk, Typologie und KlimaKulturKompetenz; Booklet als PDF verfügbar
Begleitprogramm Wanderausstellung sowie regionale Bustouren zu ausgewählten Projekten
Eintritt In der Regel kostenfrei und ohne Voranmeldung, einzelne Projekte abweichend
Barrierefreiheit Die Zugänglichkeit variiert je Projekt; Schutzziele nach DIN 18040-1 für öffentlich zugängliche Gebäude. Objektbezogene Hinweise in der Online-Trefferliste
Web byak.de

 

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