
baukunst.art | Baukultur | Krems | Juli 2026
Bilderfänger an der Donau: Wie Krems Rauschenberg für Österreich entdeckt
Die Ausstellung „Robert Rauschenberg: Image and Gesture“ ist die erste umfassende museale Retrospektive des amerikanischen Künstlers Robert Rauschenberg (1925 bis 2008) in Österreich, die vom 25. April bis zum 1. November 2026 in der Kunsthalle Krems zu sehen ist und dort mit rund 50 Werken den europäischen Schlusspunkt der internationalen Feiern zum 100. Geburtstag setzt. Kuratiert hat sie Florian Steininger, der künstlerische Direktor des Hauses, in Zusammenarbeit mit der Robert Rauschenberg Foundation in New York und der Galerie Thaddaeus Ropac. Dass ausgerechnet eine niederösterreichische Bezirksstadt mit knapp 25.000 Einwohnerinnen und Einwohnern einen der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts nach Österreich holt, ist selbst eine Geschichte über regionale Kulturpolitik, Museumsarchitektur und den langen Atem einer Kunstmeile.
Rauschenberg gilt als Wegbereiter dessen, was nach dem Abstrakten Expressionismus kam. Seine berühmten „Combines“ der 1950er Jahre verschmelzen Alltagsgegenstände, ausrangierte Stoffe und gedruckte Bilder mit gestischer Malerei und lösen die Grenze zwischen Bild und Objekt auf. Der Titel „Image and Gesture“ fasst dieses Prinzip: die Spannung zwischen dem fotografisch gefundenen Bild und der malerischen Geste. Die Schau in Krems spannt den Bogen über sechs Jahrzehnte, von den frühen Transfer Drawings und den Siebdruckbildern der 1960er Jahre mit Ikonen wie der Freiheitsstatue und John F. Kennedy bis zu den späten, auf Kupfer, Messing und Bronze ausgeführten Werkgruppen „Borealis“, „Night Shade“, „Waterworks“ und „Anagram“, in denen das reflektierende Metall das Licht des Ausstellungsraums selbst zum Bildmaterial macht.
Warum zeigt gerade Krems die erste Rauschenberg-Retrospektive Österreichs?
Die Antwort liegt weniger in der Kunstgeschichte als in der Baugeschichte. Die Kunsthalle Krems residiert in einer ehemaligen Tabakfabrik von 1852, einem Industriebau im Stadtteil Stein an der Donau, den der Wiener Architekt Adolf Krischanitz zwischen 1992 und 1995 zum Ausstellungshaus umbaute. Mit rund 2000 Quadratmetern verfügt das Haus seit seiner Eröffnung 1995 über eine der größten zusammenhängenden Ausstellungsflächen Österreichs, ein Format, das großformatige amerikanische Nachkriegskunst überhaupt erst aufnehmen kann. Krischanitz, ein Minimalist der österreichischen Nachkriegsmoderne, beließ der Fabrik ihre nüchterne Struktur und fügte klare, tageslichtdurchflutete Räume ein. Die Adaptierung eines Industriedenkmals zum Museum, in Deutschland etwa an der Völklinger Hütte oder am Duisburger Landschaftspark vertraut, folgt hier einer leiseren, strengeren Logik.
Ein Bau dieser Größe ist im Betrieb anspruchsvoll. Von Juni 2016 bis Juni 2017 wurde die Kunsthalle für rund 3,5 Millionen Euro grundlegend saniert und am 1. Juli 2017 wiedereröffnet; während der Schließung diente die Minoritenkirche in Stein als Ausweichquartier. Die Klimatisierung, ohne die keine internationale Leihgabe nach Krems käme, ist bei einem Bestandsbau von 1852 kein Nebenschauplatz, sondern die eigentliche technische Kraftanstrengung. Leihverträge großer Stiftungen verlangen konservatorische Werte für Temperatur und Luftfeuchte, die ein historischer Ziegelbau nur mit erheblichem Aufwand hält. Dass die Rauschenberg Foundation ihre Werke nach Stein gibt, ist damit auch ein Zeugnis für die haustechnische Ertüchtigung des Krischanitz-Baus.
Was macht die Kunstmeile Krems zum regionalen Sonderfall?
Die Kunsthalle steht nicht allein. Sie bildet mit dem Karikaturmuseum Krems und der 2019 eröffneten Landesgalerie Niederösterreich die sogenannte Kunstmeile Krems, ein für den ländlichen Raum ungewöhnlich dichtes Ensemble musealer Bauten. Die Landesgalerie, ein spektakulär verdrehter Baukörper des Vorarlberger Büros Marte.Marte Architekten, zeigt, wie das Land Niederösterreich Museumsarchitektur als Standortpolitik begreift. Seit 2017 dient zudem die gotische Dominikanerkirche als Ort für ortsspezifische Projekte. In der Summe entsteht eine Kulturdichte, die man eher in einer Landeshauptstadt als in einer Bezirksstadt an der Donau erwarten würde.
Diese Konzentration ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer über Jahrzehnte betriebenen Dezentralisierung der niederösterreichischen Kulturförderung, die Kunstinstitutionen bewusst in die Regionen setzt statt sie in Wien zu bündeln. Für die Baukultur ist das ein interessantes Modell: Museumsbauten wirken als Anker, die Restaurierung des historischen Stadtkerns von Stein, Teil des UNESCO-Welterbes Wachau, und die Belebung leerstehender Substanz begleiten die kulturelle Aufwertung. Der Denkmalschutz nach dem österreichischen Denkmalschutzgesetz (DMSG) und die Bauordnung für Niederösterreich setzen dabei den Rahmen, innerhalb dessen sich zeitgenössische Architektur und historischer Bestand verschränken.
Kritisch anzumerken bleibt, dass ein solches Modell teuer ist und auf dauerhafte öffentliche Mittel angewiesen bleibt. Eine Ausstellung von internationalem Rang, abgesichert durch eine amerikanische Stiftung und einen global tätigen Galeristen, ist für ein Landesmuseum ein finanzieller Kraftakt, dessen Publikumserfolg sich erst über die Laufzeit erweisen muss. Die Wachau lockt im Sommer ohnehin Touristinnen und Touristen; ob die Rauschenberg-Schau über das ohnehin vorhandene Weinpublikum hinaus ein kunstinteressiertes Publikum bindet, wird zeigen, ob die Rechnung der regionalen Kulturpolitik aufgeht.
Was bedeutet Rauschenberg in Krems für die Region?
Für die Wachau ist die Schau mehr als ein Ausstellungshöhepunkt. Sie ist ein Beleg dafür, dass anspruchsvolle Museumsarchitektur und internationale Programmierung auch abseits der Metropolen funktionieren, wenn die bauliche Infrastruktur stimmt. Christopher Rauschenberg, der Sohn des Künstlers, würdigte den Ort als Spiegel jenes „offenen, dialogischen Geistes“, der das Werk seines Vaters ausgezeichnet habe. Der Satz trifft auch das Haus: Eine Fabrikhalle, in der einst Tabak verarbeitet wurde, ist ein denkbar offener, unhierarchischer Raum, der sich der collagierenden, materialoffenen Kunst Rauschenbergs bruchlos anverwandelt.
Rauschenberg selbst formulierte einmal, er glaube fest daran, dass der über die Kunst gestiftete Kontakt von Mensch zu Mensch friedliche Kräfte in sich trage. In einer umgebauten Tabakfabrik an der Donau, am Rand einer Weinlandschaft, bekommt dieser Satz einen konkreten Ort. Die Übertragbarkeit auf andere Regionen liegt auf der Hand: Nicht jede Kleinstadt braucht einen Neubau, um kulturell sichtbar zu werden. Manchmal genügt ein alter Industriebau, ein kluger Umbau und der lange Atem, ihn über drei Jahrzehnte mit Programm zu füllen. „Image and Gesture“ ist so gesehen nicht nur eine Rauschenberg-Retrospektive, sondern auch ein Argument für die Kraft des Bestands.
Leserinformation
Robert Rauschenberg. Image and Gesture. Kunsthalle Krems, 25. April bis 1. November 2026.
Kunsthalle Krems, Franz-Zeller-Platz 3, 3500 Krems an der Donau. Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr; an Feiertagen auch montags. Eintritt 14 Euro, ermäßigt 12 Euro, Jugendliche von 7 bis 18 Jahren 5 Euro, Kinder bis 6 Jahre frei. Das Kombiticket „SUPER.Combi Kunstmeile Krems“ gilt einmalig für alle Häuser der Kunstmeile (unter anderem Kunsthalle, Landesgalerie Niederösterreich, Karikaturmuseum) und kostet 18 Euro, als Familienticket 36 Euro. Kuratiert von Florian Steininger. Weitere Informationen unter kunstmeile.at.

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