
baukunst.art | UNTERWEGS | August 2026
Größenwahn mit Baugenehmigung?
Terafab heißt die Halbleiterfabrik, die SpaceX und Tesla im texanischen Grimes County errichten wollen, angekündigt mit über 100 Millionen Quadratfuß (rund 9,3 Millionen Quadratmeter) und damit als größtes Gebäude der Welt. Zum Vergleich: Als größtes Gebäude nach Geschossfläche gilt bislang das Hauptmontagewerk des russischen Herstellers AvtoVAZ in Toljatti, je nach Quelle mit 4,9 bis 6 Millionen Quadratmetern, als größtes nach Rauminhalt die Boeing-Montagehalle in Everett. Die erste Ausbaustufe ist mit 16,8 Milliarden US-Dollar veranschlagt, langfristig nennen die Unternehmen bis zu 119 Milliarden. Rund 3.000 Arbeitsplätze sollen entstehen, das Betriebswasser stammt aus dem Gibbons Creek Reservoir, dessen Infrastruktur von einem 2018 stillgelegten Kohlekraftwerk übrig blieb. Intel ist als Technologiepartner beteiligt. Produziert werden sollen Chips für den Cybercab, den humanoiden Roboter Optimus und für orbitale Rechenzentren.
Zwei Vorbehalte gehören zu dieser Ankündigung. Erstens lassen die bisherigen Veröffentlichungen offen, ob sich die 100 Millionen Quadratfuß auf die überbaute Fläche oder auf das gesamte Areal beziehen. Zweitens beschreibt SpaceX das Vorhaben in den eigenen Börsenunterlagen als allgemeinen Rahmen ohne bindende Verpflichtungen. Auch die genannte Zielgröße von über einem Terawatt Rechenkapazität jährlich ist eher Programm als Planungsgrundlage, sie entspricht einem Vielfachen der in Deutschland installierten Kraftwerksleistung.
Interessant an diesem Vorhaben ist deshalb weniger die Zahl selbst als das, was sie im Vergleich sichtbar macht. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob so etwas technisch machbar ist. Sie lautet, warum vergleichbare Maßstäbe in Bayern, Brandenburg oder Sachsen undenkbar wären, und ob das ein Mangel ist.
Warum wäre ein Terafab in Deutschland nicht genehmigungsfähig?
Eine Anlage dieser Art fiele in Deutschland unter das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) und durchliefe ein förmliches Verfahren nach § 10 BImSchG mit Öffentlichkeitsbeteiligung, dazu eine Umweltverträglichkeitsprüfung nach dem Gesetz über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVPG) und, weil kein Bebauungsplan solche Dimensionen vorsieht, ein paralleles Bauleitplanverfahren nach Baugesetzbuch (BauGB).
Das Referenzbeispiel liegt in Brandenburg. Das Verfahren für die Gigafactory Berlin-Brandenburg in Grünheide lief ab Anfang 2020, die endgültige Genehmigung datiert auf den 4. März 2022, also gut zwei Jahre später. Gebaut wurde in der Zwischenzeit trotzdem, auf Grundlage von mindestens vierzehn Zulassungen vorzeitigen Beginns nach § 8a BImSchG, jeweils auf Risiko des Vorhabenträgers. Das Werksgelände umfasst rund 300 Hektar, die geplante Gebäudegrundfläche etwa 729.000 Quadratmeter. Das Terafab käme, die angekündigte Zahl als Gebäudefläche gelesen, auf mehr als das Dreifache des gesamten Grünheider Areals.
Dazu kommt die Flächenpolitik. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland wuchs nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Pressemitteilung vom August 2025) um 51 Hektar täglich, während die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie eine Reduktion auf unter 30 Hektar pro Tag bis 2030 vorsieht. Ein einzelnes Gebäude von 930 Hektar entspräche mehr als achtzehn Tagen bundesdeutschen Flächenverbrauchs. Die Bodenschutzklausel des § 1a Absatz 2 Baugesetzbuch (BauGB) verpflichtet zum sparsamen Umgang mit Grund und Boden, § 2 Absatz 2 Raumordnungsgesetz (ROG) wiederholt den Grundsatz auf der Ebene der Landesplanung. Das ist am Ende keine Genehmigungsfrage mehr, sondern eine politische.
Was lehrt die Cargolifter-Halle über Größenrekorde?
Brandenburg hat mit dem Größten bereits Erfahrung. Rund vierzig Kilometer südlich von Grünheide steht in Brand die frühere Cargolifter-Werfthalle: 360 Meter lang, 210 Meter breit, 107 Meter hoch, rund 66.000 Quadratmeter Grundfläche, fünf freitragende Stahlbögen über einer halbzylindrischen Kubatur und damit bis heute die größte stützenfreie Halle der Welt. Fertiggestellt wurde sie im November 2000 für Lastenluftschiffe, deren Hersteller im Juni 2002 Insolvenz anmeldete. Seit Dezember 2004 beherbergt der Bau ein Tropenbad.
Die Halle ist ein regionales Lehrstück. Ihre Konstruktion war eine architektonische und ingenieurtechnische Leistung ersten Ranges, ihr Geschäftsmodell hielt keine vier Jahre. Was blieb, war eine Struktur, für die es exakt eine plausible Nachnutzung gab, und die hatte mit Luftfahrt nichts zu tun. Monofunktionale Großstrukturen sind riskant, weil sie sich schlecht umbauen lassen. Bei 9,3 Millionen Quadratmetern potenziert sich dieses Risiko.
Der zweite Beleg ist jünger. Das Intel-Vorhaben in Magdeburg, einst mit 9,9 Milliarden Euro Förderzusage als Ankerprojekt der ostdeutschen Halbleiterindustrie gefeiert, wurde im Juli 2025 endgültig aufgegeben. Ausgezahlt wurde nichts, weil die Förderung an den Baubeginn geknüpft war. Sachsen-Anhalt hat gelernt, was regionale Standortpolitik kostet, wenn sie auf einen einzelnen Konzern setzt.
Was macht Dresden anders?
Gut zweihundert Kilometer südöstlich von Magdeburg funktioniert es. Die European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC), ein Gemeinschaftsunternehmen von TSMC (70 Prozent) mit Bosch, Infineon und NXP (je 10 Prozent), errichtet in Dresden seit dem Spatenstich im August 2024 eine Fabrik für über zehn Milliarden Euro, davon fünf Milliarden aus Bundesförderung. Der Produktionsstart ist für Ende 2027 vorgesehen, geplant sind 40.000 Wafer monatlich in ausgereiften Technologieknoten von 28/22 und 16/12 Nanometern, also keine Spitzenprozessoren, sondern Chips für Fahrzeug- und Industrieelektronik. Das eigentliche Reinraumgebäude misst etwa 200 mal 200 Meter, rund ein Zweihundertdreißigstel der texanischen Ankündigung.
Der Unterschied zu Magdeburg liegt nicht im Maßstab, sondern in der Einbettung. Bosch, Infineon und NXP sind Minderheitsgesellschafter und zugleich Abnehmer. Der Standort ruht auf einem Cluster, das seit den neunziger Jahren gewachsen ist und sich seit 2000 im Verein Silicon Saxony organisiert, mit Zulieferern, Hochschulen und Fachkräften in kurzer Entfernung. Rund 2.000 direkte Arbeitsplätze entstehen, dazu mehrere tausend indirekte in der europäischen Lieferkette. Dresden gewinnt nicht durch Fläche, sondern durch Dichte.
Der Rekord als Betriebsform
Terafab ist streng genommen kein architektonisches Projekt, sondern ein logistisches. Alles unter ein Dach zu legen, Fertigung, Verpackung, Prüfung, ist eine Antwort auf Lieferkettenrisiken und Transportzeiten, nicht auf eine Bauaufgabe. Genau deshalb taugt der Vergleich mit dem deutschsprachigen Raum nur bedingt: Wo Grund und Boden praktisch unbegrenzt und Verfahren kurz sind, ist Größe schlicht die billigste Lösung.
Hinzu kommt eine Differenz der Baukultur. Der Industriebau im deutschsprachigen Raum kennt seit Peter Behrens und der AEG-Turbinenhalle eine Tradition, die das Werk als gestaltete öffentliche Sache begreift, und diese Haltung hat sich in den Gestaltungsbeiräten und kommunalen Gestaltungssatzungen der Gegenwart erhalten. In Vorarlberg, in Oberbayern, im Vogtland verhandeln Kommunen die Höhenentwicklung und Fassade einer Produktionshalle mit einer Ernsthaftigkeit, die aus texanischer Sicht absurd wirken muss. Das kostet Zeit und gelegentlich Ansiedlungen. Es sorgt aber dafür, dass Gewerbegebiete nach zwanzig Jahren noch etwas anderes sind als Restflächen. Wer den Verfahrensaufwand kritisiert, sollte diese Kehrseite mitrechnen.
Bleiben die Fragen, die auch in Texas nicht verschwinden. Ein Gebäude dieser Dimension verbraucht in seiner Errichtung eine graue Energie, die keine Betriebsoptimierung je zurückholt. Der Wasserbedarf einer Halbleiterfertigung dieser Größenordnung trifft in Grimes County auf ein einzelnes Speicherbecken, dessen Entnahmerechte aus der Zeit eines längst stillgelegten Kohlekraftwerks stammen. Und die Frage der Nachnutzung stellt sich bei Chipfabriken schneller, als es die Investitionssummen nahelegen, weil Technologieknoten veralten.
Für Regionen im deutschsprachigen Raum liegt die übertragbare Lehre nicht im Maßstab. Sie liegt in der Erkenntnis, dass die Widerstandsfähigkeit eines Industriestandorts von der Zahl seiner Verbindungen abhängt, nicht von der Grundfläche seiner größten Halle. Brand hatte die größte Halle. Dresden hat das Netzwerk.

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