Baukunst - Das Kreuz aus Bayern: Wie ein Gundelfinger Betrieb Gaudís höchsten Turm krönte, ohne fertig zu sein
Höchste Kirche der Welt, höchste Eintrittspreise gleich mit? Gaudís Turm und das Geschäft mit der Andacht © Depositphotos_472581438_S

Das Kreuz aus Bayern: Wie ein Gundelfinger Betrieb Gaudís höchsten Turm krönte, ohne fertig zu sein

16.06.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Gesellschaft | Juni 2026

Ein Turm, der ein Jahrhundert überdauert

Am Abend des 10. Juni 2026 sprengte Papst Leo XIV. Weihwasser in Richtung eines Turms, den Antoni Gaudí nie gesehen hat. Hundert Jahre zuvor, auf den Tag genau, war der katalanische Baumeister gestorben, überfahren von einer Straßenbahn, zunächst für einen Bettler gehalten. An jenem Mittwochabend erstrahlte über Barcelona, was er sich ausgemalt, aber nie zu Ende berechnet hatte: der Christusturm der Sagrada Família, 172,5 Meter hoch, gekrönt von einem leuchtenden Kreuz. Zehntausende drängten sich auf den gesperrten Straßen, eine Drohnenshow zeichnete Gaudís Porträt in den Nachthimmel. Selten verschmolzen Frömmigkeit, Tourismus und Ingenieurkunst zu einem derart effektvollen Schauspiel.

Bayerische Präzision auf katalanischem Stein

Das Bauteil, das diesen Höhepunkt buchstäblich besetzt, stammt nicht aus Katalonien, sondern aus Schwaben. Gefertigt hat es die Josef Gartner GmbH im bayerischen Gundelfingen an der Donau, ein Unternehmen, das seinen Ruf mit komplexen Fassaden und Stahl-Glas-Konstruktionen begründet hat. Siebzehn Meter misst das Kreuz in der Höhe, dreizehneinhalb in der Breite; fast hundert Tonnen wiegt die begehbare Konstruktion, ausgeführt in Leichtbauweise aus Stahl und Glas. Ab 2027 sollen Besucherinnen und Besucher in seinem Inneren stehen und über das Mittelmeer blicken. Die Vorstellung hat etwas Schwindelerregendes: ein Kreuz, das nicht nur Symbol ist, sondern Aussichtspunkt, ein Sakralzeichen mit Panoramafenster.

Eine Ironie der Geografie

Wer die Landkarte zur Hand nimmt, entdeckt eine feine Pointe. Gundelfingen liegt nur sechsunddreißig Kilometer Luftlinie von Ulm entfernt, dessen Münster mehr als hundertfünfunddreißig Jahre lang die höchste Kirche der Welt war. Mit der Montage des obersten Kreuzsegments im Februar 2026 verlor das Münster diesen Titel, um rund elf Meter. Dass ausgerechnet ein Betrieb aus der Nachbarschaft des bisherigen Rekordhalters jenes Bauteil lieferte, das ihn entthronte, ist eine Fügung, die kein Drehbuch besser hätte erfinden können. Die schwäbische Gründlichkeit hat sich gewissermaßen selbst überholt.

Gaudís Mathematik der Natur

Gaudí hätte an dieser Präzision Gefallen gefunden. Sein Entwurf folgte keiner gotischen Vorlage, sondern den Gesetzen der Schwerkraft. Mit umgekehrten Hängemodellen aus Schnüren und kleinen Gewichtssäckchen ermittelte er Drucklinien, die er anschließend spiegelte; so entstanden die geneigten Säulen und parabolischen Bögen, die das Innere der Basilika in einen versteinerten Wald verwandeln. Geometrie war für ihn kein Selbstzweck, sondern Statik in Reinform. Hyperboloide, Paraboloide und Helikoide bilden ein Vokabular, das die digitale Konstruktion erst Jahrzehnte später mühelos beschreiben konnte. Was Gaudí mit Fäden und Intuition vorwegnahm, übersetzen heute Ingenieurinnen und Ingenieure in parametrische Modelle. Seit 2014 begleitet das Büro Arup die Planung der sechs zentralen Türme, computergesteuerte Fräsen schneiden Naturstein in Formen, die von Hand kaum auszuführen wären, und der 3D-Druck liefert Prototypen für die filigranen Bekrönungen. Steinmetzinnen und Steinmetze arbeiten an Werkstücken, deren Geometrie ein Algorithmus festgelegt hat.

Licht als letztes Material

Das Kreuz selbst verdankt seine Wirkung weniger der Masse als dem Licht. Tagsüber bricht sich die Sonne in den Glasflächen, abends leuchtet die Konstruktion von innen, ein Leuchtfeuer über den Dächern des Eixample. Gaudí dachte Architektur ohnehin als Choreografie des Lichts: Die polychromen Fenster der Basilika tauchen das Mittelschiff in wandernde Farbfelder, von kühlem Blau am Morgen zu warmem Bernstein am Nachmittag. Das Stahl-Glas-Kreuz führt dieses Spiel an der Spitze fort, nun mit den Mitteln der Gegenwart. Höher durfte der Turm nicht ragen: Gaudí hatte festgelegt, dass sein Bau den 177 Meter hohen Montjuïc nicht übersteigen solle, das Werk des Menschen also nicht das Werk Gottes. Die finalen 172,5 Meter sind kein Zufall, sondern eine gestalterische Demut, in Zahlen gegossen.

Vollendet und doch unfertig

Bei aller Feststimmung verdient ein Wort Vorsicht: Fertig ist die Sagrada Família nicht. Vollendet sind der Christusturm und sein Kreuz, vollzogen ist die Weihe. Doch die monumentale Glòria-Fassade fehlt noch, ebenso die große Freitreppe, die Sakristei und mehrere städtebaulich heikle Anschlüsse an die Carrer de Mallorca, wo Wohnhäuser dort stehen, wo Gaudí einen weiten Zugang vorsah. Die Bauleitung nennt, ohne sich festzulegen, das Jahr 2033, mitunter auch 2035. Die Schlagzeile von der nach hundert Jahren vollendeten Kathedrale verkürzt also, was tatsächlich erreicht wurde: nicht das Ende des Baus, sondern seinen höchsten Punkt.

Die Schönheit des Unfertigen

Vielleicht ist gerade das angemessen. Eine Kirche, die seit 1882 wächst, ausschließlich aus Spenden und Eintrittsgeldern finanziert, entzieht sich der Logik des Termindrucks. Das begehbare Kreuz aus Gundelfingen markiert keinen Schlusspunkt, sondern ein Versprechen, formuliert in Stahl und Glas. Nachhaltigkeit zeigt sich hier nicht in Zertifikaten, sondern in einer Haltung: Ein Bauwerk darf reifen, über Generationen, über Landesgrenzen, über den Tod seines Schöpfers hinaus. Dass die letzte Geste dieses katalanischen Gesamtkunstwerks in einer bayerischen Werkhalle entstand, fügt der Geschichte eine versöhnliche Note hinzu. Große Architektur kennt am Ende keine Grenzen, weder zeitliche noch nationale.

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