
baukunst.art | GESELLSCHAFT | Oktober 2026
Schloss Bellevue: Teuer ist nicht die Pracht, sondern die Sicherheit
Die Generalsanierung von Schloss Bellevue ist kein Prachtprojekt, sondern ein Sicherheits-, Technik- und Denkmalprojekt, und gerade deshalb führt die Debatte über Repräsentationskosten am Kern vorbei. Seit dem 10. August 2026 baut das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) am Spreeweg, voraussichtlich bis 2034. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dessen Amtszeit im März 2027 endet, amtiert seit Juli im Ausweichquartier am Spreebogen in Berlin-Moabit.
Wofür werden die 601 Millionen Euro ausgegeben?
Das Bundespräsidialamt beziffert die Bau- und Planungskosten auf 601 Millionen Euro, dazu kommen eine Risikoreserve von 188 Millionen und eine Vorsorge für Baupreissteigerungen von 71 Millionen Euro. Das Projektkostenziel liegt damit bei 860 Millionen Euro. Mit dem Ausweichquartier für 205 Millionen Euro ergeben sich brutto rund 1,06 Milliarden Euro, wobei der Neubau nach der Rückkehr ins Schloss als Bürogebäude im Bundesvermögen bleibt.
Die Verteilung widerspricht dem Bild vom Palast. Auf das 1786 fertiggestellte Schloss entfallen 146 Millionen Euro, auf den Verwaltungsbau von 1998 weitere 120 Millionen. Der größte Einzelposten ist mit 173 Millionen Euro der Neubau des Wach- und Kontrollgebäudes für die Bundespolizei, der allerdings auch die Technikzentrale der gesamten Liegenschaft sowie die Waren- und Entsorgungslogistik aufnimmt. Weitere 162 Millionen fließen in Außenanlagen und Infrastruktur: Zaunanlagen, Videoüberwachung, Poller im öffentlichen Straßenland, sämtliche unterirdischen Leitungen und Kanäle, Geothermie und die denkmalgeschützte Parkanlage. So beschreibt es die Antwort der Bundesregierung vom 24. September 2026 auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion (Bundestagsdrucksache 21/8214).
Auch im Schloss selbst dominieren Haustechnik, Brandschutz, sicherheitstechnische Ertüchtigung und Substanzsicherung. Das Dach ist undicht, die Lüftung arbeitet nicht mehr zuverlässig, die Fenster sind weder einbruch- noch schusshemmend, an den Geschossdecken zeigt sich Korrosion. Gestrichen wurde eher: Laut Bundesregierung verzichtet die Planung auf einen Konferenzbereich im Schloss und auf ein zusätzliches Bürogeschoss im Verwaltungsbau. Teuer ist hier vor allem, was niemand sieht.
Warum halten Kritikerinnen und Kritiker die Summe für zu hoch?
Das erste Argument ist die Größenordnung. Mehr als eine Milliarde Euro für den Amtssitz eines Staatsoberhaupts mit überwiegend repräsentativen Aufgaben ist schwer zu vermitteln, zumal das Ausweichquartier eine eigene Kostengeschichte hat. Für den sechsgeschossigen Holzmodulbau wurden zunächst 137 Millionen Euro veranschlagt, am Ende 205 Millionen. Er soll später anderen Bundesbehörden dienen, eine verbindliche Nachnutzung ist allerdings noch nicht geregelt. Bis dahin zahlt das Bundespräsidialamt der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) eine vorläufige Jahresmiete von rund 16,8 Millionen Euro.
Das zweite Argument sind die nicht geprüften Alternativen. Laut der Kleinen Anfrage regte der Bundesrechnungshof in einem Bericht nach § 88 Absatz 2 Bundeshaushaltsordnung (BHO) vom 29. August 2025 an, für Veranstaltungen kostengünstige Mitnutzungen repräsentativer Räume des Bundes zu prüfen, und nannte das Kronprinzenpalais in Berlin-Mitte. Während der Teilsanierung 2004/05 diente Schloss Charlottenburg für einzelne Anlässe. Die Bundesregierung antwortet knapp, eine Betrachtung für einzelne Veranstaltungen sei nicht angestellt worden.
Das dritte Argument ist die Haushaltssystematik. Die Baukosten stehen nicht im Einzelplan 01 des Bundespräsidenten, sondern im Einzelplan 25 des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB). Eine verursachergerechte Veranschlagung im Einzelplan 01, die laut Kleiner Anfrage der Bundesrechnungshof empfiehlt, lehnt die Bundesregierung ab.
Was spricht dafür, dass die Summe angemessen ist?
Der Bund besitzt ein Baudenkmal und muss es erhalten, unabhängig davon, wer darin amtiert. Die Teilsanierung 2004/05 war laut Bundesregierung auf den Nordflügel und 20 Monate begrenzt; auf die Modernisierung der Lüftung, großer Teile der technischen Infrastruktur und der Sicherheitsvorkehrungen wurde ausdrücklich verzichtet. Stewart Brand hat diese Logik in seinem Schichtenmodell beschrieben: Haustechnik hält etwa 7 bis 15 Jahre, das Tragwerk 30 bis 300 Jahre. Wer die schnelle Schicht aufschiebt, bezahlt sie später mit Zinsen.
Die Sicherheitsanforderungen an ein Verfassungsorgan haben sich seit 1994, als Bellevue erster Amtssitz wurde, grundlegend verändert. Zudem ist der Bund an eigene Vorgaben gebunden. § 15 Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG) schreibt der öffentlichen Hand eine Vorbildfunktion zu und setzt das Ziel einer klimaneutral organisierten Bundesverwaltung bis 2030, für die eigenen Gebäude konkretisiert durch den Energieeffizienzerlass des Bundes (EEFB); nach § 8 Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) sollen große Um- und Erweiterungsbauten des Bundes barrierefrei gestaltet werden. Und Repräsentation ist in einer Demokratie keine Eitelkeit, sondern Funktion. Wie das Projekt sie versteht, zeigt der nicht offene Wettbewerb für die Ausstattung der Repräsentationsräume, dessen Ergebnis am 18. August 2026 vorgestellt wurde. Unter elf Beiträgen gewann HENN mit einem Konzept, das jeden zentralen Raum einem demokratischen Grundwert widmet, von Volkssouveränität über Gleichheit bis zur Pressefreiheit. Was die Ausstattung kostet, ist nicht veröffentlicht.
Wo liegt das eigentliche Problem?
Nicht in der Repräsentation, sondern in der Bauherrenkompetenz. Drei Antworten der Bundesregierung fallen auf. Erstens werden die Kosten des Denkmalschutzes nicht gesondert ermittelt. Das ist im Bestand fachlich nachvollziehbar, macht die Debatte über den Preis des Erbes aber zur Glaubensfrage. Zweitens liegen zu den Bewirtschaftungs- und Betriebskosten des bisherigen Amtssitzes keine Daten vor; der künftige Betrieb ist nach DIN 18960 grob mit 4,8 Millionen Euro jährlich geschätzt, ein Vorher-Nachher-Vergleich ist damit unmöglich. Drittens wurden die haushaltsbegründenden Unterlagen nach § 24 BHO erst am 16. Juli 2026 anerkannt, nachdem sie zwei Haushaltsjahre in Folge angekündigt worden waren.
Für das Ausweichquartier verweist die Regierung auf eine intensive Suche der BImA im Bundesbestand und auf dem Mietmarkt, legt aber keine Kostengrundlage der verworfenen Varianten vor. Ob 860 Millionen Euro zu viel sind, lässt sich unter diesen Bedingungen schlicht nicht beurteilen. Die Wirtschaftlichkeitsuntersuchung, die § 7 Absatz 2 BHO für finanzwirksame Maßnahmen verlangt, braucht einen Ausgangswert, und genau dieser fehlt.
Wie viel Sicherheitsarchitektur verträgt ein Amtssitz der Offenheit?
Bellevue steht seit drei Jahrzehnten für ein Staatsoberhaupt, das Bürgerinnen und Bürger im eigenen Park empfängt. Gesichert war das Schloss immer; neu ist das Gewicht, das die Sicherheit im Projekt erhält. Ein Wach- und Kontrollgebäude, das mehr kostet als die Sanierung des Schlosses, verschiebt dieses Verhältnis, auch wenn es Technik mitbeherbergt. Sicherheit zieht sich durch die größten Kostenblöcke, vom Wachgebäude bis zu Zäunen, Kameras und Pollern in den Außenanlagen, und sie verändert, wie die Stadt dem Staat begegnet.
Das ist keine Kritik an der Bundespolizei, sondern eine Gestaltungsaufgabe. 2020 lobte der Bund, koordiniert vom BBR, einen nicht offenen Realisierungswettbewerb für die neue Eingangssituation aus; gewonnen haben ihn tsj tönies + schroeter + jansen aus Lübeck mit Lad+ landschaftsarchitektur diekmann aus Hannover. Ein solches Verfahren hätte der Ort sein können, öffentlich über Durchlässigkeit, Sichtbeziehungen und die Kante zwischen Park und Stadt zu streiten. Ein Kronleuchter sagt wenig über das Verhältnis von Staat und Öffentlichkeit. Eine Pollerreihe sagt darüber vermutlich mehr.

Licht als Werkstoff

Wie Architekturbüros in KI-Suchsystemen sichtbar werden

