Baukunst - Ditib Moschee Hannover: Zwischen architektonischer Ambition und politischer Abhängigkeit
Wem gehört die Moschee? ©Depositphotos_20207929_S

Ditib Moschee Hannover: Zwischen architektonischer Ambition und politischer Abhängigkeit

24.01.2026
 / 
 / 
Ignatz Wrobel

Ditib Moschee Hannover: Eine Druckerei weicht dem Gotteshaus

Seit den 1980er Jahren dient eine ehemalige Druckerei in der Stiftstraße der muslimischen Merkez Gemeinde als Gebetsraum. Das marode Gebäude, nur 680 Meter vom Hauptbahnhof entfernt, war nie als würdiges Gotteshaus konzipiert. An Festtagen quetschen sich die Gläubigen in sämtliche Räume, rollen Gebetsteppiche im Hof und in Büros aus. Die Lautsprecher übertragen die Worte des Imams in jeden Winkel des provisorischen Sakralraums.

Das soll sich ändern. Im Oktober 2025 präsentierte die zum Islamverband Ditib gehörende Gemeinde ihre Pläne für einen Neubau, der das Stadtbild am historischen Steintorplatz neu definieren wird. Das Stuttgarter Architekturbüro m³ architekten hat einen Entwurf entwickelt, der traditionelle Sakralarchitektur mit zeitgenössischer Formensprache verbindet.

Architektur zwischen Tradition und Moderne

Der geplante Baukörper präsentiert sich als 25 Meter hoher Kubus mit Kuppel und zwei Minaretten. Helle Fassaden, großzügige Glasflächen und zahlreiche Pfeiler prägen das äußere Erscheinungsbild. Die Pfeiler formen subtil einen arabischen Schriftzug: „Es gibt keinen Gott außer Gott.“ Das Gebäude wird exakt nach Mekka ausgerichtet sein.

Im Inneren soll der Gebetsraum 600 Männern und 300 Frauen auf der Empore Platz bieten. Neben dem eigentlichen Sakralbereich plant die Gemeinde Büros, Gruppenräume und eine Küche. Die geschätzten Baukosten belaufen sich auf rund zehn Millionen Euro, finanziert über Darlehen und Spenden aus ganz Deutschland.

Das Büro m³ architekten aus Stuttgart Feuerbach hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen mit Sakralbauten gemacht. In Esslingen entstand unter ihrer Leitung eine Moschee, deren Zusammenspiel von Beton, Glas und Alucobond eine goldene Kuppel mit 14 Meter hohen Minaretten verbindet. In Stuttgart wandelten sie eine denkmalgeschützte Großbäckerei von Karl Elsässer aus den Jahren 1929 bis 1932 in ein Moschee und Kulturhaus um. Ihr Ansatz einer introvertierten Skulptur Architektur soll Reflexion und Zusammenhalt symbolisieren.

Das Prinzip Hoffnung

Hannovers grüner Oberbürgermeister Belit Onay steht vor einer integrationspolitischen Bewährungsprobe. Der 1981 in Goslar geborene Sohn türkischer Gastarbeiter, der sich selbst als liberalen Muslim bezeichnet, griff zuletzt in die Stadtbild Debatte ein und kritisierte die Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz. Nun muss er sich zur Frage positionieren, wie unabhängig eine Ditib Moschee von Ankara sein kann.

Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußerte Onay, er erwarte, dass die Eröffnung nicht wie bei der Ditib Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld ablaufe. Dort mutierte die Einweihung 2018 mit einer Rede von Präsident Erdogan zu einer politischen Machtdemonstration. Weder NRW Ministerpräsident Armin Laschet noch Oberbürgermeisterin Henriette Reker nahmen damals teil.

Onay formuliert seine Hoffnung deutlich: Er wolle, dass zur Eröffnung der Bundespräsident oder der Ministerpräsident spreche. Die Moschee dürfe keine Vertretung Ankaras werden. Sein Eindruck sei, dass auch die lokalen Ditib Verantwortlichen dies nicht wollten.

Die Strukturen sprechen anders

Die Hannoveraner Merkez Gemeinde beteuert ihre Unabhängigkeit. Die stellvertretende Gemeindevorsitzende Duygu Akgün Simsek erklärte gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, die Gemeinde unterstehe nicht der türkischen Religionsbehörde Diyanet und erhalte von dort keine Weisungen. Geld aus der Türkei solle laut Gemeindevorsitzendem Mehmet Zengin nicht in den Moscheebau fließen.

Doch die Satzung der Gemeinde, die der NZZ vorliegt, erzählt eine andere Geschichte. Die Vorsitzenden des Landes und Bundesverbandes, die direkt der Diyanet unterstehen, bilden den Aufsichtsrat der Hannoveraner Gemeinde. Zudem räumte Akgün Simsek selbst ein, dass der Imam von der türkischen Religionsbehörde entsandt wird. Zengin behauptete zwar, die Gemeinde suche sich ihren jeweiligen Diyanet Imam selbst aus. Kritische Beobachterinnen und Beobachter bewerten diese Aussage als Versuch, strukturelle Abhängigkeiten zu verschleiern.

Der Islamismusexperte Eren Güvercin ordnet die Situation unmissverständlich ein: Ditib Moscheen wie die in Hannover seien elementare Instrumente der Diaspora Politik Erdogans. Man solle die Hannoveraner Ditib Gemeinde wie eine politische Interessenvertretung behandeln, die nebenbei auch religiöse Dienstleistungen anbiete.

Kölner Lehrstücke

Die Erfahrungen mit der Ditib Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld mahnen zur Vorsicht. Der von dem Architekten Prof. Paul Böhm entworfene Bau mit seinen 55 Meter hohen Minaretten und der 36,5 Meter hohen Kuppel sollte ursprünglich ein Symbol für Weltoffenheit und interreligiösen Dialog werden. Die über 30 Millionen Euro teure Moschee entwickelte sich jedoch zu einem Politikum.

Bereits während der Bauphase eskalierte 2011 ein Streit zwischen Ditib und Architekt Böhm um Baumängel. Die Ditib kündigte den Vertrag, die Eröffnung verschob sich mehrfach. Als Erdogan 2018 schließlich die Moschee einweihte, fehlten alle deutschen Politikerinnen und Politiker von Rang. Ministerpräsident Laschet begründete seine Absage damit, dass aus der Veranstaltung sonst eine sehr politische Angelegenheit geworden wäre. Er wolle, dass diese Moschee eine Kölner Moschee werde und in Köln verankert werde.

Vom heutigen imposanten Moscheebau darf am Freitag der Muezzinruf erklingen, was Ahmad Mansour als Machtdemonstration des politischen Islam bezeichnete. Der frühere Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, der sich gegen den Willen seiner eigenen CDU für den Bau eingesetzt hatte, erhielt seine Einladung zur Eröffnung erst zwei Tage vorher. Er blieb der Veranstaltung fern und beklagte, Ditib vertue eine große Chance.

Stimmen aus Hannover

Die politischen Reaktionen in Hannover fallen unterschiedlich aus. Die CDU Kreisvorsitzende Martina Machulla fordert politische Unabhängigkeit von der Gemeinde. Die FDP zeigt sich laut dem stellvertretenden Ratsfraktionsvorsitzenden Patrick Döring extrem skeptisch hinsichtlich des Einflusses der Ditib.

Besonders kritisch äußert sich die kurdische Community. Alan Ramadan, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Niedersachsen, stellte klar: Hannover brauche keine weiteren Ditib Moscheen, in denen Kurdinnen und Kurden nicht willkommen seien. Die Liste türkisch nationalistischer und islamistischer Ausfälle in Ditib Moscheen ist dokumentiert und reicht von Spionagevorwürfen über Gebete für die türkische Armee bis zu antisemitischen Aussagen von Funktionären.

Hannovers evangelischer Stadtsuperintendent Rainer Müller Brandes differenziert. Es sei verständlich, wenn eine muslimische Gemeinde aus einer Hinterhofmoschee einen schönen Ort machen wolle. Muslime seien eine Bereicherung für die Gesellschaft. Doch kritische Fragen dürften kein Tabu sein. Wie eng ist die türkische Regierung über den Ditib Verband mit den Moscheen verbunden? Sie zahle schließlich die Gehälter der Imame, die zugleich Beamte des türkischen Staates seien und ihm gegenüber Treue geschworen hätten.

Ein langer Weg

Die Umsetzung des Projekts steht ganz am Anfang. Verträge mit den Architekten sind noch nicht geschlossen, Angebote der Baufirmen stehen aus, die Finanzierung bleibt offen. Die Gemeinde ist sich der kontroversen Diskussionen um größere Moscheebauten in Deutschland bewusst. Ängste vor Lärm oder zusätzlichem Verkehr vermischen sich mit grundsätzlichen Vorbehalten gegenüber muslimischen Gemeinden.

Beispiele wie die Ahmadiyya Moschee in Hannover Stöcken zeigen, dass nach anfänglichem Widerstand eine friedliche Nachbarschaft möglich ist. Die Ahmadiyya Gemeinde gehört allerdings nicht zur Ditib und unterliegt damit nicht den strukturellen Verflechtungen mit dem türkischen Staat.

Ob zur Eröffnung der Hannoveraner Moschee tatsächlich der Bundespräsident kommt, wie Oberbürgermeister Onay hofft, hängt davon ab, ob dieser der Selbstdarstellung der Ditib Gemeinde Glauben schenken will. Die architektonischen Ambitionen sind klar formuliert. Die politischen Abhängigkeiten bleiben es ebenso.