
Der Hang zur Geometrie: Wie das Kunsthaus Mürz die ewige Faszination zwischen Architektur und Mathematik erforscht
Die South Forest Avenue in Carbondale, Illinois, wirkt auf den ersten Blick wie jede andere amerikanische Vorstadtstraße. Gepflegte Holzhäuser hinter Bäumen, weiß getüncht, unauffällig. Doch wer am Grundstück Nummer 407 vorbeifährt, bleibt unweigerlich stehen. Eine kleine geodätische Kuppel aus Dreiecksflächen in Weiß und Blau erhebt sich dort, als hätte ein Polarforscher sein Biwak mitten in der Vorstadt aufgestellt. Dieses ungewöhnliche Bauwerk gehört zu jenen architektonischen Experimenten, die der Wiener Architekt Martin Feiersinger seit Jahren dokumentiert und nun in einer bemerkenswerten Ausstellung im steirischen Mürzzuschlag zusammenführt.
Bewohnbare Geometrie als Lebensentwurf
Die Schau trägt den programmatischen Titel „Der Hang zur Geometrie” und stellt eine ebenso simple wie fundamentale Frage: Ist Geometrie bewohnbar? Was zunächst wie eine akademische Spielerei klingt, entfaltet sich in den Räumen des Kunsthaus Mürz zu einer fesselnden Zeitreise durch 500 Jahre architektonischer Experimente. Von Sebastiano Serlios Traktaten der Renaissance bis zu den verschachtelten Betonterrassen der 2023 verstorbenen Pariser Architektin Renée Gailhoustet spannt die von Feiersinger und der Architekturhistorikerin Gabriele Kaiser kuratierte Ausstellung einen weiten Bogen.
Die Ausstellung gliedert sich in vier Themenstränge. Der erste widmet sich den „Geometrischen Körpern” selbst: Modelle platonischer Körper, volle und hohle Regelkörper, die seit der Antike Philosophinnen und Philosophen, Mathematiker und Künstlerinnen gleichermaßen faszinieren. Tetraeder, Würfel, Oktaeder, Dodekaeder, Ikosaeder: Diese fünf perfekten Formen, bei denen alle Flächen, Kanten und Winkel identisch sind, galten Platon als Bausteine des Universums. Dass sie auch Bausteine menschlicher Behausungen werden könnten, war eine Idee, die Architektinnen und Architekten über Jahrhunderte nicht losließ.
Von Renaissancetraktaten zu Buckminster Fullers Kuppeln
Der zweite Themenstrang verfolgt die „Recherchen zum architektonischen Raum”. Vom intimen Studiolo der italienischen Humanisten führt der Weg über die experimentellen „Dome Homes” der amerikanischen Nachkriegsmoderne zu den Hexagonhäusern und Megastrukturen der 1960er und 1970er Jahre. Besonders Richard Buckminster Fuller prägte diese Entwicklung nachhaltig. Der amerikanische Visionär entwickelte die geodätische Kuppel zu einer architektonischen Ikone, die Effizienz und Schönheit vereinte: maximales Volumen bei minimalem Materialaufwand, eine Struktur, die sich selbst trägt und stabilisiert.
Der dritte Teil präsentiert einen eigens für die Ausstellung angefertigten „Grundrissatlas”, der chronologisch Wohnbeispiele von der Renaissance bis in die Gegenwart versammelt. Hier zeigt sich, wie unterschiedlich Architektinnen und Architekten das geometrische Ideal in bewohnbare Räume übersetzten. Von Johann Bernhard Fischer von Erlachs barocken Entwürfen über Lois Welzenbachers radikale Moderne bis zu John Hejduks konzeptuellen Experimenten dokumentiert diese Sammlung die Vielfalt geometrischer Ansätze.
Zwischen Privatphilosophie und Massenutopie
Was die Ausstellung besonders reizvoll macht, ist ihr Fokus auf Räume jenseits der mächtigen Typologien von Kirche und Regierungspalast. Martin Feiersinger interessiert sich für das Private, für Künstlerhäuser und jene Wohnbauten, die Architektinnen und Architekten für sich selbst geschaffen haben. Diese Selbstversuche offenbaren oft mehr über die Möglichkeiten und Grenzen geometrischer Konzepte als repräsentative Großprojekte.
Das wohl eindringlichste Beispiel hierfür liefert Renée Gailhoustet, der in der Ausstellung besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die französische Architektin widmete ihr gesamtes Berufsleben dem sozialen Wohnungsbau in den Pariser Banlieues, insbesondere in Ivry sur Seine. Ihre Terrassenhäuser wie das Ensemble Le Liégat oder die Wohnkomplexe Jeanne Hachette und Casanova sprengten alle Konventionen des industriellen Massenwohnungsbaus. Statt monotoner Riegel entwarf Gailhoustet verschachtelte Strukturen aus polygonalen Betonzellen, die sich wie kristalline Formationen um Lichthöfe und begrünte Terrassen gruppierten. Dass sie selbst bis zu ihrem Tod im Januar 2023 in einem ihrer eigenen Gebäude lebte, bezeugt den Ernst ihres Engagements.
Die Steiermark als Bühne für internationale Architekturgeschichte
Das Kunsthaus Mürz erweist sich einmal mehr als idealer Ort für solche Reflexionen. Die ehemalige Franziskanerkirche, die zwischen 1648 und 1657 erbaut wurde und später als Hotel, Wirtshaus, Militärunterkunft und sogar Tischtennishalle diente, wurde 1991 von den Grazer Architekten Konrad Frey und Andreas Ortner zu einem Kulturzentrum transformiert. Der schräg gekippte Zubau aus Glas und Stahl, der sich an den barocken Altbau fügt, ist selbst ein Statement zur Verbindung von historischer Substanz und zeitgenössischer Form.
In diesem Rahmen entfaltet die Ausstellung ihre Wirkung. Die Liste der präsentierten Architektinnen und Architekten liest sich wie ein Who’s Who der abendländischen Baugeschichte: Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer, Andrea Palladio und Guarino Guarini, Claude Nicolas Ledoux und Karl Friedrich Schinkel, Le Corbusier und Louis Kahn, Carlo Scarpa und Aldo Rossi. Darunter finden sich auch weniger bekannte Namen wie Anne Tyng, die unter dem Titel „Inhabiting Geometry” grundlegende theoretische Arbeit zur bewohnbaren Geometrie leistete, oder die italienische Künstlerin Nanda Vigo, deren Lichtinstallationen das Verhältnis von Raum und Wahrnehmung erforschten.
Jenseits funktionalistischer Dogmen
Die vierte Sektion der Ausstellung widmet sich den „Follies”, jenen architektonischen Besonderheiten und Capriccios, die sich dem funktionalen Diktat verweigern. Diese oft als Spielereien abgetanen Bauten zeigen, dass der Hang zur Geometrie immer auch ein Moment der Freiheit enthält: den Wunsch nach einer regelhaften, „reinen”, vielleicht sogar „autonomen” Architektur, die mehr sein will als bloße Hülle für vorgegebene Nutzungen.
Welche Freiräume eröffnen sich in den eigenen „vier Wänden” jenseits der Dogmen des Funktionalismus? Diese Frage gewinnt angesichts aktueller Debatten um standardisierten Wohnungsbau, modulare Bauweisen und algorithmisch optimierte Grundrisse neue Brisanz. Die historischen Beispiele zeigen, dass radikale Experimente mit der Form keineswegs unpraktisch sein müssen. Gailhoustets Sozialwohnungen etwa boten ihren Bewohnerinnen und Bewohnern durch ihre offenen Grundrisse und ungewöhnlichen Raumsequenzen Möglichkeiten, die konventionelle Apartments nie erreichten.
Ein Plädoyer für architektonische Neugier
Martin Feiersinger, selbst preisgekrönter Architekt mit Bauten in Wien, Tirol und Niederösterreich, bringt für diese Spurensuche ideale Voraussetzungen mit. Gemeinsam mit seinem Bruder, dem Bildhauer Werner Feiersinger, dokumentierte er von 2004 bis 2015 in dem vielbeachteten Projekt „Italomodern” die Nachkriegsarchitektur Norditaliens. Diese Feldforschung prägt seinen Blick: Feiersinger interessiert sich für die gebaute Realität ebenso wie für die theoretische Vision, für das Gelingen wie für das Scheitern geometrischer Konzepte.
Die Ausstellung vermeidet dabei jeden didaktischen Duktus. Statt einer linearen Fortschrittserzählung präsentiert sie ein Netzwerk von Bezügen und Parallelen, von Wiederentdeckungen und Neuinterpretationen. Was haben die Idealentwürfe von Jean Nicolas Louis Durand und Ledoux mit einem Biwak von Charlotte Perriand zu tun? Die Antwort liegt nicht in direkten Einflüssen, sondern in einer geteilten Faszination für die Möglichkeit, dass reine Form und gelebter Raum zusammenfinden können.
Bis zum 15. Februar 2026 lädt das Kunsthaus Mürz zu dieser Entdeckungsreise ein. Die Öffnungszeiten sind Donnerstag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr und Sonntag von 10 bis 16 Uhr. Regelmäßige Kuratorinnenführungen mit Gabriele Kaiser und Martin Feiersinger bieten vertiefende Einblicke in die Konzeption und die einzelnen Exponate.
Ausstellungsdetails für Besucherinnen und Besucher
Ausstellung: Der Hang zur Geometrie – Experimente zum Wohnen aus den letzten 500 Jahren
Kuratiert von: Gabriele Kaiser und Martin Feiersinger
Laufzeit: 23. November 2025 bis 15. Februar 2026
Öffnungszeiten
| Tag | Uhrzeit |
|---|---|
| Donnerstag bis Samstag | 10:00 bis 18:00 Uhr |
| Sonntag und Feiertage | 10:00 bis 16:00 Uhr |
Sonderhinweise:
- Am 25. und 26. Dezember 2025 sowie am 1. Jänner 2026 bleibt die Ausstellung geschlossen
- Am Donnerstag, 22. Jänner 2026 nur von 10:00 bis 16:00 Uhr geöffnet
- Gruppenführungen auch nach Vereinbarung möglich
Eintritt
| Kategorie | Preis |
|---|---|
| Erwachsene | 4,00 € |
| Studierende (bis 27 Jahre) | 3,00 € |
| Unter 19 Jahren | Eintritt frei |
| Kulturpass | Eintritt frei |
Sonderveranstaltungen
Kuratorinnenführung: Samstag, 7. Februar 2026 Gabriele Kaiser und Martin Feiersinger führen persönlich durch die Ausstellung
Finissage und Ausstellungsrundgang: Sonntag, 15. Februar 2026
Adresse und Kontakt
kunsthaus muerz Wiener Straße 35 8680 Mürzzuschlag Steiermark, Österreich
Telefon: +43 3852 5620 E Mail: kunst@kunsthausmuerz.at Website: www.kunsthausmuerz.at

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