Baukunst - Graue Energie und befristete Verträge: Wiens Modulbau-Experiment
Günstig, schnell, befristet: Für wen Wien auf Zeit baut © Symbolbild

Graue Energie und befristete Verträge: Wiens Modulbau-Experiment

19.07.2026
 | 
 | 
Stuart Stadler

baukunst.art  | Gesellschaft | Wien | Juli 2026

Wohnen mit Ablaufdatum: Wiens Experiment mit dem Provisorium

Temporäres Wohnen bezeichnet Wohnbauten, die bewusst auf Zeit errichtet werden: auf Grundstücken, die für eine spätere, dauerhafte Bebauung reserviert sind, und in einer Konstruktion, die sich abbauen, versetzen und andernorts wieder aufbauen lässt. Als Wien vor rund zehn Jahren sein Sofortbauprogramm auflegte, war das eine doppelte Antwort. Die Fluchtbewegung des Jahres 2015 hatte den Bedarf an raschem, günstigem Wohnraum schlagartig erhöht, und zugleich lagen in den Entwicklungsgebieten der wachsenden Stadt große Flächen brach, deren endgültige Bebauung noch Jahre entfernt war. Die Idee: diese Wartezeit nutzen, statt sie verstreichen zu lassen. Im Sommer 2026 zieht die Tageszeitung Der Standard eine Zwischenbilanz, und sie fällt aufschlussreich aus. Von zwei damals entstandenen Anlagen gehört eine inzwischen dem Fonds Soziales Wien (FSW), die andere wird bald übersiedeln.

Das Programm war architektonisch mehr als eine Verlegenheit. Es verband die knappste aller Ressourcen, Zeit, mit der teuersten, Grund und Boden, und suchte dafür eine bauliche Form. Modulbauweise aus Holz, industriell vorgefertigt, war die naheliegende Wahl: schnell montiert, energetisch solide, im Idealfall mehrfach wiederverwendbar. Genau hier liegt der Reiz des Experiments, und genau hier auch sein Prüfstein. Denn ein Haus, das versetzt werden soll, muss zwei Dinge zugleich sein: dauerhaft genug, um bewohnbar zu sein, und vergänglich genug, um nicht zu bleiben.

Was heißt „Wohnen auf Zeit“ im Wiener Fall konkret?

Am deutlichsten lässt sich das Prinzip an der Seestadt Aspern ablesen, dem größten Stadtentwicklungsgebiet Wiens. Dort errichteten die Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (wbv-gpa) gemeinsam mit dem OeAD und home4students bereits 2015 ein temporäres Studierendenheim, geplant von F2 Architekten mit Obermayr Holzkonstruktionen. Rund 40 Wohnplätze entstanden aus Holzmodulen von etwa 5,5 mal 17 Metern, zweigeschossig um einen Innenhof gruppiert, vorgefertigt bis hin zu Sanitär, Lüftung und Möblierung. Die Vorgabe war bemerkenswert präzise: Die Bauten sollten sich bis zu siebenmal ab- und wieder aufbauen lassen, den Niedrigenergiestandard halten und unter 35.000 Euro je Wohneinheit bleiben. Nach fünf Jahren Nutzung, so das Konzept, sollte die Anlage 2020 an einen anderen Ort der Seestadt weiterwandern.

Rechtlich fußt dieses Wandern auf einem oft übersehenen Paragrafen. Die Bauordnung für Wien kennt in § 71 die Bewilligung für Bauführungen vorübergehenden Bestandes, also Bauten auf Widerruf oder auf bestimmte Zeit. Ohne dieses Instrument wäre das Sofortbauprogramm nicht denkbar, denn es erlaubt, auf einem Grundstück zu bauen, dessen Flächenwidmung eine ganz andere, spätere Nutzung vorsieht. Der befristete Bescheid ist die juristische Klammer um das ganze Modell. Er macht das Provisorium erst legal, und er macht es zugleich fragil.

Warum verlässt eine Anlage den Ort, während die andere bleibt?

Die zweite der beiden Anlagen liegt in Wien-Donaustadt, an der Pfalzgasse, errichtet von der Siedlungsunion. Auch sie ist ein Kind des Sofortbauprogramms, auch sie befristet: Die Mietverträge laufen bis 31. Dezember 2029 und werden ausdrücklich nicht verlängert. Rund um die Station Stemolaksgasse rückt die Stadtentwicklung Richtung Bahnhof Aspern Nord näher, und wo heute Wohnen auf Zeit stattfindet, ist morgen dauerhafter Wohnbau geplant. Die Anlage wird also, dem ursprünglichen Versprechen gemäß, übersiedeln. Das ist kein Scheitern, sondern die Erfüllung des Konzepts, auch wenn es sich für die Bewohnerinnen und Bewohner zunächst wie ein Auszug anfühlt.

Der andere Weg zeigt die Kehrseite. Eine der beiden Anlagen ist inzwischen an den Fonds Soziales Wien übergegangen, jene städtische Einrichtung, die Wohnen mit Betreuung und die Wohnungslosenhilfe organisiert. Aus dem Provisorium ist damit eine soziale Infrastruktur geworden, dauerhaft genutzt, obwohl ursprünglich nur geliehen. Das Temporäre hat sich verfestigt. Beide Ausgänge, die Übersiedlung und die Übernahme, sind für sich betrachtet vernünftig. Zusammen werfen sie jedoch eine unbequeme Frage auf: Wenn das eine Haus weiterzieht und das andere bleibt, wie temporär war das Temporäre dann wirklich?

Was bedeutet die Bilanz für die Baukultur?

Zunächst eine Stärke, die im Rückblick klarer hervortritt als bei der Eröffnung. Das Sofortbauprogramm war ein früher, praktischer Versuch, mit grauer Energie hauszuhalten, also mit jener Energie, die in Herstellung, Transport und Errichtung eines Gebäudes gebunden ist. Ein Bau, der sich zerlegen und andernorts erneut aufstellen lässt, vernichtet diese Vorleistung nicht, sondern trägt sie mit. Das ist Kreislaufwirtschaft im Maßstab des Hauses, lange bevor der Begriff zum Förderkriterium wurde. Die OIB-Richtlinie 6 des Österreichischen Instituts für Bautechnik bewertet bis heute vor allem den Betrieb, kaum den Lebenszyklus. Wien hat hier, gewissermaßen nebenbei, vorgedacht.

Die Schwäche liegt in der Sprache. „Temporär“ klingt nach Flexibilität, meint aber im Wohnbau oft schlicht: günstiger, mit weniger Anspruch, für Menschen, die sich nicht wehren. Studierende, Geflüchtete, Wohnungslose, das sind die typischen Zielgruppen des Programms, und es sind selten jene, die über die Dauer ihres Wohnens frei verfügen. Ein befristeter Mietvertrag ist für die eine Seite ein Planungsinstrument und für die andere eine Unsicherheit mit Ablaufdatum. Die Architektur kann diese Asymmetrie mildern, durch Qualität, durch Aufenthaltswert, durch Räume, die man nicht nur duldet, sondern bewohnt. Sie kann sie nicht auflösen.

Übertragbar ist der Wiener Fall dennoch, und zwar über Österreich hinaus. Deutschland verhandelt dieselbe Frage unter dem Stichwort der seriellen und modularen Bauweise, ohne die Wiener Konsequenz beim Grundstück: Der Bodenwert, in München oder Frankfurt am Main so erdrückend wie in Wien, macht Zwischennutzung überall attraktiv. Der Unterschied liegt im geförderten Wohnbau, den Wien über das Wiener Wohnbauförderungs- und Wohnhaussanierungsgesetz (WWFSG) breit absichert und der das Temporäre erst in einen sozialen Rahmen stellt, statt es dem Markt zu überlassen. Ohne diesen Rahmen wäre das Sofortbauprogramm kein Experiment gewesen, sondern eine Baracke mit besserer Dämmung.

Am Ende steht die Bilanz eines ehrlichen Versuchs. Wien hat gezeigt, dass sich rasch, günstig und ökologisch bauen lässt, und dass die Rückbaubarkeit kein technisches Problem ist. Offen bleibt die schwierigere Frage, die keine Modulfabrik beantwortet: ob eine Stadt bereit ist, das Wohnen auf Zeit so gut zu bauen, dass es Menschen nicht als Notlösung erleben, sondern als Angebot. Die eine Anlage zieht weiter, die andere bleibt. Genau in dieser Differenz liegt der eigentliche Ertrag des Experiments.

 

Ihnen liegt die Initiative Baukunst am Herzen?baukunst.art ist frei zugänglich und soll es bleiben.
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
0 Repliken
Meistbewertet
Neueste Älteste