Baukunst - Holz allein genügt nicht: Was die Grazer Ausstellung über nachhaltigen Holzbau lehrt
Das Landwirtschaftliche Zentrum St. Gallen in Salez (CH) von Andy Senn: ein langgestreckter Holzbau für Unterricht und Internat in der Ebene des St. Galler Rheintals. Das Projekt ist eines von fünf, die das HDA Graz in der Ausstellung „Holzbau Architektur mit MENSCH. ORT. HAUS. VERSTAND.“ zeigt. Foto: © Seraina Wirz

Holz allein genügt nicht: Was die Grazer Ausstellung über nachhaltigen Holzbau lehrt

27.10.2026
 | 
 | 
Redaktion.baukunst.art

baukunst.art | Österreich/ REGIONALES / Graz | Oktober 2026

Mensch, Ort, Haus, Verstand: Graz stellt den Holzbau auf den Prüfstand

Ist Holzbau per se nachhaltig? Das HDA Graz sagt: nicht automatisch, und zeigt an fünf Bauten aus vier Ländern, was außer dem Material zählt. Bis 20. November.

Nachhaltiger Holzbau bezeichnet Architektur, deren ökologischer Wert nicht aus dem Material allein folgt, sondern aus dem Zusammenspiel von Nutzung, Ort, Konstruktion und Lebenszyklus. Genau diese Unterscheidung macht die Ausstellung „Holzbau Architektur mit MENSCH. ORT. HAUS. VERSTAND.“ im Haus der Architektur (HDA) in Graz zum Programm. Das HDA formuliert die These selbst ohne Umschweife: „Doch nur ‚aus Holz gebaut‘ zu sein, macht ein Gebäude noch nicht nachhaltig.“ Bis zum 20. November 2026 ist die Schau in der Mariahilferstraße 2 zu sehen, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr.

Kuratiert haben sie die Architektin Eva Hierzer (NOW Architektur), Tom Kaden, Professor für Architektur und Holzbau am Institut für Architekturtechnologie (IAT) der Technischen Universität Graz, sowie Zerina Džubur vom HDA. Erstmals gezeigt wurde die Ausstellung 2024 im kunsthaus muerz in Mürzzuschlag, beauftragt vom Land Steiermark (Abteilung 16 Verkehr und Landeshochbau) und vom kunsthaus muerz. Über den HDA Open Call 2025 entstand die Grazer Fassung: stärker auf internationale Projekte ausgerichtet und ergänzt um Forschungsarbeiten der TU Graz an der Schnittstelle von Materialforschung, Konstruktion und Baupraxis. Die Ausstellungsarchitektur stammt von Studio Magic gemeinsam mit Studierenden der Grazer Architekturfakultät. Zu den Partnern der Ausstellung zählt die Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten.

Ist Holzbau per se nachhaltig?

Die Antwort der Ausstellung lautet: nicht automatisch. Holz speichert Kohlenstoff und wächst nach; diese Eigenschaften haben den Baustoff zum Hoffnungsträger der Bauwende gemacht. Doch ein Holzbau auf der grünen Wiese, mit langen Transportwegen, verklebten Verbundbauteilen, die sich nie wieder trennen lassen, und einer Nutzung, die nach zwanzig Jahren endet, kann in der Gesamtbilanz schlechter abschneiden als ein umsichtig weitergebauter Bestand. Holz ist kein Ablassbrief.

Die Kuratorinnen und der Kurator zerlegen die Frage deshalb in vier Ebenen. MENSCH steht für soziokulturelle Aspekte, ORT für räumliche und baukulturelle, HAUS für handwerkliche und konstruktive, VERSTAND für ökologische und ökonomische. Das Raster wirkt zunächst schulmäßig, erweist sich aber als präzises Werkzeug: Es zwingt dazu, jedes Projekt auch dort zu befragen, wo das Material keine Rolle spielt. Ein Gemeindezentrum, das niemand nutzt, bleibt ein Fehlschlag, auch wenn es aus heimischer Fichte gezimmert ist.

Was zeigen die fünf Projekte konkret?

Die Auswahl im HDA ist schmal: fünf Bauten aus vier Ländern. In Teufenbach im Bezirk Murau haben Lendarchitektur aus Klagenfurt und Scheiberlammer Architekten aus Wolfsberg mit „Neues im Dorfzentrum“ eine Ortsmitte weitergebaut, ein Thema, das in vielen steirischen Gemeinden mit ausgedünnten Ortskernen drängt. In Salzburg haben cs-architektur und stijn nagels architecture atelier die Wohnanlage in der Friedrich-Inhauser-Straße umgebaut und mit einer Holz-Hybrid-Aufstockung ergänzt. Die graue Energie des Bestands bleibt erhalten; das Holz verdichtet, statt zu ersetzen.

Das Landwirtschaftliche Zentrum St. Gallen in Salez von Andy Senn zeigt, wie umkämpft die Vorbildrolle der öffentlichen Hand sein kann. Während der Ausschreibung stellte eine Interpellation im St. Galler Kantonsrat in Frage, ob tatsächlich einheimisches Holz verbaut würde. Am Ende stammt das Holz des langgestreckten Schul- und Internatsbaus im Rheintal großteils aus den Wäldern des Kantons; die Decken sind als Holz-Beton-Verbund ausgeführt. Die Materialfrage ist längst eine politische. In Vaduz hat Studio Saal aus Feldkirch mit „Matador“ ein Schulraumprovisorium für die Berufsmaturitätsschule in Holzmodulbauweise errichtet, einen Bautyp, dessen Bilanz davon abhängt, ob die Module später andernorts weiterleben. Und in Irschenhausen südlich von München hat Florian Nagler für einen Landwirt eine Maschinenhalle aus der Fichte des eigenen Waldes gebaut. Sie dient als Halle für Landmaschinen und Hackschnitzellager und ist so angelegt, dass sie später zur Kulturscheune werden kann; Blaskapelle und Theatergruppe haben sie bereits bespielt.

Gemeinsam ist den Projekten weniger eine Formensprache als eine Haltung: kurze Wege für Material und Menschen, robuste Strukturen, Umnutzbarkeit. Die Forschungsarbeiten der TU Graz verankern die Schau zudem in einem Standort, an dem Holzforschung, Holzindustrie und Holzbau seit Jahrzehnten eng verflochten sind. Die Steiermark widmete dem Holz 1995 eine eigene Landesausstellung, laut proHolz Austria die einzige Landesausstellung, die je einem Baustoff gewidmet war.

Welche Regeln entscheiden künftig über den Holzbau?

Der VERSTAND der Ausstellung bekommt bald eine rechtliche Entsprechung. Die EU-Gebäuderichtlinie (EU) 2024/1275 verpflichtet die Mitgliedstaaten in Art. 7 Abs. 2, das Lebenszyklus-Treibhauspotenzial neuer Gebäude zu berechnen und im Energieausweis offenzulegen: ab 1. Januar 2028 für Neubauten mit mehr als 1.000 Quadratmetern Nutzfläche, ab 1. Januar 2030 für alle Neubauten. Nach Anhang III wird der Wert in Kilogramm CO₂-Äquivalent je Quadratmeter Nutzfläche über einen Bezugszeitraum von 50 Jahren ausgewiesen. Damit verschiebt sich die Debatte vom Material zur Bilanz. Wer mit Holz baut, muss künftig zeigen, dass die Rechnung aufgeht; wer im Bestand verdichtet, kann es belegen.

Auf der anderen Seite stehen die bautechnischen Vorschriften. In Österreich legt die OIB-Richtlinie 2 (Brandschutz) in der Ausgabe Mai 2023 fest, welchen Feuerwiderstand Bauteile in den Gebäudeklassen 1 bis 5 erreichen müssen; die Länder erklären sie für verbindlich und regeln Abweichungen selbst. Kärnten etwa lässt in § 5 Abs. 2 der Kärntner Bautechnikverordnung 2024 (LGBl. Nr. 105/2024) bei freistehenden Wohnbauten der Gebäudeklasse 5 mit höchstens sechs oberirdischen Geschoßen unter bestimmten Bedingungen 60 Minuten Feuerwiderstand genügen. Solche Erleichterungen machen den mehrgeschossigen Holzbau wirtschaftlicher. Die Frage, die Graz stellt, beantworten sie nicht: ob das, was dann gebaut wird, auch gebraucht wird.

Was bleibt nach dem 20. November?

Das Begleitprogramm trägt die Diskussion über die Schau hinaus. Die Führung der Kuratorinnen und Kuratoren im Rahmen des steirischen herbst am 3. Oktober hat bereits stattgefunden; am 4. November um 19 Uhr spricht in der Reihe world_wide_wisdom Reinhard Kropf, gebürtiger Steirer, Absolvent der TU Graz und Mitbegründer des norwegischen Büros Helen & Hard. Dessen Wohnprojekt Vindmøllebakken in Stavanger, ein Holzbau rund um großzügige Gemeinschaftsräume, verbindet Konstruktion und Zusammenleben so, wie es das Grazer Raster beschreibt. Die Finissage am 20. November um 19 Uhr bündelt die Ergebnisse; öffentliche Führungen gibt es samstags um 15 Uhr und sonntags um 11 Uhr.

Kritisch bleibt anzumerken: Fünf Projekte sind wenig, um eine so große These zu tragen, und ein Gegenbeispiel fehlt, also ein Holzbau, der an den eigenen Ansprüchen scheitert. Gerade daraus ließe sich viel lernen. Dennoch leistet die Schau, was viele Holzbau-Leistungsschauen versäumen: Sie behandelt den Baustoff nicht als Antwort, sondern als Frage. Das aus der Erklärung von Davos 2018 entwickelte Davos Qualitätssystem für Baukultur misst Qualität an acht Kriterien, darunter Funktionalität, Kontext, Wirtschaft und Schönheit ebenso wie Umwelt. Graz übersetzt das in vier Wörter. Für Planerinnen und Planer in der Steiermark, in Kärnten und anderswo ergeben sie eine brauchbare Prüfliste, lange bevor die Ökobilanz im Energieausweis Pflicht wird.

Weitere Beiträge zum Thema :   Longevity in der Baukunst

Leserinfo

Ausstellung

„Holzbau Architektur mit MENSCH. ORT. HAUS. VERSTAND.“

Ort

HDA Haus der Architektur, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz

Laufzeit

17. September bis 20. November 2026

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr (Angabe HDA)

Eintritt

Frei laut Drittquelle; vor Veröffentlichung beim HDA bestätigen

Führungen

Samstags 15 Uhr, sonntags 11 Uhr und auf Anfrage

Vortrag

world_wide_wisdom: Reinhard Kropf, Helen & Hard (Stavanger), Mittwoch, 4. November 2026, 19 Uhr

Finissage

Freitag, 20. November 2026, 19 Uhr, Gespräch mit den Kuratorinnen und dem Kurator

Kuratierung

Eva Hierzer (NOW Architektur), Tom Kaden (IAT, TU Graz), Zerina Džubur (HDA)

Kontakt

Telefon +43 316 323 500, office@hda-graz.at, http://hda-graz.at

Ihnen liegt die Initiative Baukunst am Herzen?baukunst.art ist frei zugänglich und soll es bleiben.
(opens in a new tab)
0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
0 Repliken
Meistbewertet
Neueste Älteste