
baukunst.art | Regionales / Köln | Oktober 2026
Die Uhr, auf der eine Woche in gut einer Stunde vergeht: Kölns Kolumba stellt Normen infrage
Die neue Jahresausstellung im Kölner Kolumba fragt, wer festlegt, was normal ist. Für Planende beginnt die Antwort beim Türdrücker und endet an Zumthors Dachanschlüssen.
Eine Norm ist eine kollektive Vereinbarung darüber, was als üblich, richtig oder zulässig gilt; die neue Jahresausstellung des Kölner Kolumba untersucht unter dem Titel „Have you ever fallen in love with a clock?“ und dem Untertitel „Über Norm und Abweichung“, wie solche Vereinbarungen entstehen, wirken und versagen. Das Kunstmuseum des Erzbistums Köln zeigt sie vom 19. September 2026 bis zum 1. August 2027 mit Positionen aus rund sechs Jahrhunderten, von Stefan Lochner über Rembrandt bis David Bowie, ergänzt um den Abguss einer antiken Statue. Es ist die erste Jahresausstellung unter Marc Steinmann, der zum 1. Januar 2026 die Nachfolge von Stefan Kraus angetreten hat. Für Architektinnen und Architekten lohnt der Besuch doppelt: Kaum eine Disziplin ist so dicht von Normen durchzogen wie das Bauen, und Peter Zumthors Kolumba verhandelt das Verhältnis von Regel und Ausnahme selbst.
Was hat ein Türgriff mit Kunst zu tun?
Unter den Normen, die das Museum aufzählt, findet sich neben Zeit, Gesundheit und Geschlecht ein auffallend bauliches Detail: „die Positionierung eines Türgriffs“. Rund 105 Zentimeter über Oberkante Fertigfußboden gelten als gängige Drückerhöhe, 85 Zentimeter nennt DIN 18040-1 als Achsmaß für Greif- und Bedienhöhen im barrierefreien Bauen. Zwischen beiden Werten liegen 20 Zentimeter und eine ganze Gesellschaftstheorie. In Nordrhein-Westfalen verlangt § 49 Abs. 2 der Landesbauordnung (BauO NRW 2018), dass öffentlich zugängliche bauliche Anlagen barrierefrei sind. Die Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen (VV TB NRW) führt die DIN 18040-1 ein, weicht aber ausgerechnet an dieser Stelle ab: Greif- und Bedienhöhen dürfen zwischen 85 und 105 Zentimetern liegen, die niedrige Drückerhöhe ist nur an Türen zu barrierefreien Sanitärräumen Pflicht. Auch die Norm kennt also ihre Abweichung. Sie legt fest, wer als Maß gilt, und korrigiert zugleich eine ältere, ungeschriebene Norm, die den gesunden, stehenden Erwachsenen stillschweigend zum Standard erklärt hatte.
Steinmann übersetzt das gegenüber http://domradio.de in ein Bild aus dem Stadtverkehr: Wer halbwegs gesund ist, schafft die Grünphase der Fußgängerampel mühelos; mit Rollator oder Rollstuhl steht man mitten auf der Fahrbahn bereits bei Rot. Die Schau solle, so der Direktor, „in einem guten Sinn irritieren“. Die titelgebende Uhr von Finnegan Shannon aus New York hängt im Foyer und zeigt statt zwölf Stunden sieben Wochentage, ein Tag vergeht darauf in knapp zehn Minuten. Shannon bezieht sich auf das Konzept der „Crip Time“ aus der Behindertenbewegung, das die Vorstellung eines allgemein richtigen Tempos zurückweist. Wer Bauzeitenpläne verantwortet, mag die Uhr zunächst für ein Wunschinstrument halten; gemeint ist das Gegenteil. Das Museum bietet inklusive Führungen an; zur baulichen Barrierefreiheit des eigenen Hauses schweigen die Besuchsseiten der Website.
Wer hat den Menschen zum Maß gemacht?
Im ersten Obergeschoss steht ein Gipsabguss von Polyklets Doryphoros, eine Leihgabe des Archäologischen Museums der Universität Münster. Der Speerträger verkörpert einen antiken Proportionskanon des idealen männlichen Körpers. Von ihm führt eine gerade Linie über Vitruv und Leonardo da Vinci zu Le Corbusiers Modulor und zu Ernst Neufert. Dessen „Bauentwurfslehre“ erschien 1936 und gilt bis heute als Standardwerk; 1943 folgte die „Bauordnungslehre“, mit der Neufert als Normungsbeauftragter Albert Speers Ziegel, Bauteile und menschliche Körper einem einheitlichen Oktametersystem mit dem Grundmaß 12,5 Zentimeter unterwarf. Die Ausstellung nennt Neufert nicht. Der Doryphoros stellt trotzdem die Frage, die jede Normenkommission beantworten muss: Welcher Körper ist gemeint, wenn vom Menschen die Rede ist?
Andere Räume antworten mit Komik und mit Schärfe. Anna und Bernhard Blume zeigen in ihrer großformatigen Fotoserie „Transzendentaler Konstruktivismus“ Menschen, die von überdimensionierten Bauklötzen bedrängt werden, als hätte jemand das Rastermaß zu ernst genommen. Felix Droese hat mit „Der Grafenberg“ eine begehbare Ausstellungsarchitektur eingerichtet: rund 500 Objekte aus seiner Zeit als Zivildienstleistender in der Landesheilanstalt Düsseldorf-Grafenberg Anfang der 1970er Jahre, eigene Arbeiten ebenso wie Werke der dort untergebrachten Menschen, dazu Akten und Briefe. Das Zimmer erinnert daran, dass die Anstalt selbst eine Bautypologie war, die das Trennen von „normal“ und „abweichend“ in Grundrisse, Mauern und Wege übersetzte.
Wie normgerecht ist Zumthors Kolumba selbst?
Der Bau, im September 2007 eröffnet und nach Angaben des Museums für 43,4 Millionen Euro im Kostenrahmen errichtet, ist selbst eine kalkulierte Abweichung. Zumthor setzte das Museum über die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche St. Kolumba und Gottfried Böhms Kapelle „Madonna in den Trümmern“ von 1950, mit hellgrauem Backstein, Lehmputz, Terrazzo und Stahltüren. In diesem Jahr bricht es sogar die eigene Hausregel, nach der einige Werke stets an ihrem angestammten Platz bleiben: Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“, seit 2007 im Raum mit dem Blick auf den Kölner Dom, ist umgezogen. Dort blickt nun eine Lindenholzskulptur der Dreifaltigkeit aus dem 17. Jahrhundert auf die Kathedrale und auf Bilder von Chris Newman.
Bemerkenswert offen dokumentiert das Museum auf seiner Website auch die eigenen Bauschäden, zuletzt mit Stand September 2025. Seit Jahren dringt Feuchtigkeit in die Süd- und Westwände. Lange galt das Mauerwerk als Ursache: Die fugenlos aufgemauerte Hülle baut trotz Armierung thermische Spannungen über feine Risse zwischen Backstein und Fugmörtel ab. 2018 und 2019 ließ das Haus deshalb 2.420 Quadratmeter Mauerwerk unter Zumthors Begleitung injizieren und hydrophobieren, einschließlich Planung und Gutachten für rund 405.700 Euro; 2022 und 2023 folgte die Hydrophobierung der Süd- und Westfassade. Das verbesserte die Lage, löste das Problem aber nicht. Zwei weitere Gutachten lenkten den Blick schließlich auf das Dach, und Bauteilöffnungen bestätigten den Verdacht: Die Flüssigkunststoffabdichtung der Umkehrdächer hat sich an den Wandanschlüssen gelöst, Überlappungen der Bleibleche an der Attika waren nicht verlötet. Musterflächen bestanden die Beregnungsprobe, die Sanierung aller betroffenen Bereiche war damals in Planung; einen neueren Stand hat das Museum online nicht veröffentlicht.
Hier wird das Ausstellungsthema zur Bauaufgabe, allerdings anders als zunächst vermutet. Nicht die konzeptionelle Abweichung, die fugenlose Backsteinhülle, erwies sich als Hauptursache, sondern Anschlüsse, an denen die Fachregeln für Dachabdichtungen wie DIN 18531 ganz konventionell gelten. Die Lehre für Planende: Wer im Entwurf bewusst von der Regel abweicht, muss im Detail umso regeltreuer bauen. Dass Kolumba repariert statt ersetzt, schont zudem die graue Energie im Bestand, ganz im Sinn der Erklärung von Davos der europäischen Kulturministerinnen und Kulturminister von 2018, die den sorgsamen Umgang mit dem Bestand als Teil hoher Baukultur versteht.
Übertragbar bleibt der Befund: Normen sind keine Naturgesetze, sondern Verabredungen mit Geschichte, und manche dieser Geschichten sind unbequem. Das Kolumba zeigt beides, den Halt, den Regeln geben, und den Preis, den sie für jene haben, die nicht ins Raster passen. Im größten Saal hängt wie seit Jahren ein elfenbeinerner Kruzifixus. Den Gottessohn am Kreuz nennt Steinmann laut Tagespost „eine Zumutung für religiöse Heilsbotschaften wie auch für kulturelle Ordnungsmuster“. Ein Satz, den sich Normenausschüsse an die Wand hängen könnten, gleich neben die Uhr, auf der eine Woche in gut einer Stunde vergeht.
Leserinformation
Ausstellung
„Have you ever fallen in love with a clock?“ Über Norm und Abweichung
Laufzeit
19. September 2026 bis 1. August 2027
Ort
Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumbastraße 4, 50667 Köln
Öffnungszeiten
Mittwoch bis Montag 12 bis 17 Uhr, dienstags geschlossen. Führungen nach Anmeldung auch vor 12 und nach 17 Uhr.
Schließtage
Am 9. und 10. November 2026 tagsüber geschlossen (abends Aufführung „Requiem für eine marode Brücke“ des Schauspiel Köln). Außerdem 24., 25. und 31. Dezember, 1. Januar sowie von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch (2027: 4. bis 10. Februar).
Eintritt
8 Euro, ermäßigt 5 Euro; bis einschließlich 18 Jahre frei. Jahreskarte 30 Euro, ermäßigt 20 Euro. Das Kolumba-Taschenbuch mit allen Objektangaben ist im Eintritt enthalten.

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