Baukunst - Promenadologie als Lehrfach: Wie Architekturschulen das Gehen wiederentdecken
Burckhardts Seminar lässt grüßen: Die Windschutzscheibe als Werkzeug der Wahrnehmungskritik.

Promenadologie als Lehrfach: Wie Architekturschulen das Gehen wiederentdecken

16.06.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Bildung | Weiterbildung | Juni 2026

Die Wissenschaft vom Gehen: Wie ein Spaziergang die Architekturausbildung verändert

Die Promenadologie, auch Spaziergangswissenschaft oder englisch Strollology genannt, ist eine kulturwissenschaftliche und ästhetische Methode, die untersucht, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und welche vorgefertigten Bilder den Blick auf Stadt und Landschaft lenken. Begründet wurde sie in den 1980er Jahren von dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt (1925 bis 2003) gemeinsam mit Annemarie Burckhardt, im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der damaligen Gesamthochschule Kassel. Dort wirkte er von 1973 bis 1997 als Professor für Sozioökonomie urbaner Systeme, in einem Fachbereich, der Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung unter einem Dach versammelte.

Den Anfang markierte kein Lehrbuch, sondern ein Gang. 1976 unternahm Burckhardt mit Studierenden und dem Kollegen Karl Heinrich Hülbusch den sogenannten „Urspaziergang“ im Schlosspark Riede südwestlich von Kassel. Die Frage lautete, was Landschaft eigentlich sei und wodurch ihre Wahrnehmung geprägt werde, von Sprache und Literatur über Malerei bis zu Medien und Werbung. Aus dieser Beobachtung erwuchs die Grundthese des Fachs: Die Umwelt sei nicht unmittelbar wahrnehmbar, sondern werde stets durch Bildvorstellungen gefiltert, die im Kopf der Betrachtenden bereits angelegt sind. So legte es Burckhardt in „Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft“ dar (herausgegeben von Markus Ritter und Martin Schmitz, Martin Schmitz Verlag, Berlin 2006).

Was lehrt ein Spaziergang, das ein Hörsaal nicht vermitteln kann?

Die didaktische Pointe liegt in der Verschiebung des Standpunkts. Wer eine Straße entwirft, sieht sie meist im Plan; wer sie zu Fuß durchquert, erlebt Tempo, Gefälle, Geräusch und Blickachse am eigenen Körper. Burckhardt machte diese Differenz zum Lehrmittel. Eines seiner Gedankenexperimente verdeutlicht das Prinzip: Wer mit der Bahn in eine fremde Stadt fährt, liest sie als Abfolge gelernter Zonen, vom Bahnhofsviertel über den Straßenring bis zum Rathausplatz. Würde man stattdessen mit dem Fallschirm mitten hinein abgesetzt, fände man dennoch den Weg ins Zentrum, weil die Stadt nach vertrauten Mustern gelesen wird. Wahrnehmung, so die Lehre, ist nie unschuldig.

Dass Wahrnehmung erlernt ist, zeigt schon die Geschichte des Spaziergangs selbst. Die Kulturwissenschaftlerin Gudrun M. König hat in „Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs“ (Böhlau, Wien 1996) nachgezeichnet, wie sich das zweckfreie Gehen zwischen 1780 und 1850 als bürgerliche Praktik herausbildete und mit ihm der Blick auf Landschaft als ästhetische Kategorie. Was heute selbstverständlich wirkt, ist demnach ein historisches Konstrukt. Die Promenadologie macht diese Genese zum Lerngegenstand und verbindet sie mit verwandten Denkfiguren wie dem Flanieren, dem situationistischen Konzept der dérive und der Psychogeographie. Gerade diese Anschlüsse erklären, warum das Fach quer zu den klassischen Disziplingrenzen liegt und sich für interdisziplinäre Lehrformate eignet.

Diese Einsicht lässt sich nicht im Sitzen erwerben. In Burckhardts Seminar „Wahrnehmung und Verkehr“ (1993) ließen sich Studierende durch Kassel führen, jede und jeder mit einer Windschutzscheibe vor dem Körper, um die automobile Sicht auf den Stadtraum körperlich erfahrbar zu machen. Solche Interventionen sind keine Spielerei. Sie übersetzen abstrakte Planungsannahmen in Sinneserfahrung und zwingen dazu, den eigenen Blick als gemacht zu durchschauen. Genau hier berührt das Fach den Kern der Ausbildung: Die Grundlagenermittlung nach Leistungsphase 1 der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) beginnt mit dem Erfassen des Ortes, und das Baugesetzbuch verpflichtet die Bauleitplanung, das Orts- und Landschaftsbild zu berücksichtigen (§ 1 Absatz 6 BauGB). Beides setzt eine geschulte Wahrnehmung voraus, die sich nicht aus Katasterplänen, sondern aus dem Gehen speist.

Warum kehrt die Spaziergangswissenschaft an die Hochschulen zurück?

Nach Burckhardts Abschied von Kassel 1997 übernahm der Berliner Martin Schmitz, Jahrgang 1956 und einst sein Student, die Vermittlung des Fachs als Dozent und Verleger. Schmitz kuratierte 2008 in Frankfurt den internationalen Kongress „Spaziergangswissenschaft: Sehen, erkennen und planen“ und 2014 in Kassel die erste Lucius Burckhardt-Convention. Parallel trug Bertram Weisshaar die Methode aus der Universität in die Praxis; seit 1995/96 arbeitet er als Spaziergangsforscher und lädt mit dem Band „Einfach losgehen“ zum Gehen, Streunen und Nachdenken ein.

An den Hochschulen blieb das Fach präsent, wenn auch wandernd. Bertram Weisshaar unterrichtete im Wintersemester 2006/2007 Spaziergangswissenschaft an der Universität Leipzig, Klaus Schäfer führte 2007 an der Hochschule Bremen das Seminar „Zu Fuß“ durch. An der Bauhaus-Universität Weimar, deren Fakultät Gestaltung Burckhardt von 1992 bis 1994 als Gründungsdekan mit aufgebaut hatte, wird die Methode in Lektüre- und Projektseminaren weitergegeben, unter anderem durch Simon Frisch. Die Hochschule der Bildenden Künste Saar, ein weiteres Gründungsumfeld Burckhardts, unterhält mit dem Projekt „Europäisches Zentrum für Promenadologie“ eine eigene Auseinandersetzung. 2011 promovierte Hannah Stippl an der Universität für angewandte Kunst Wien über Burckhardts landschaftstheoretische Aquarelle.

Die Rückkehr hat Gründe, die über akademische Pietät hinausreichen. Verkehrswende, Stadt der kurzen Wege und eine Baukultur, die Aufenthaltsqualität ernst nimmt, verlangen nach Planerinnen und Planern, die den öffentlichen Raum aus der Perspektive der Gehenden denken. Die Spaziergangswissenschaft schult genau diese Perspektive, und sie tut es mit minimalen Mitteln, ohne Labor und ohne Software.

Wo liegen die Grenzen des Fachs?

Kritisch bleibt anzumerken, dass die Methode ihren Reiz gegen sich wenden kann. Im Volksmund gilt Promenadologie bisweilen als gelehrtes Wort für Müßiggang, und tatsächlich droht der Ansatz zur folkloristischen Übung zu erstarren, sobald die ästhetische Intervention zum Selbstzweck gerät. Hinzu kommt die Frage der Prüfbarkeit. Ein modularisiertes Studium mit Leistungspunkten verträgt sich nur bedingt mit einer Disziplin, deren Ertrag in Wahrnehmungsverschiebungen liegt, die sich kaum benoten lassen. Wer das Fach lehrt, muss daher die Balance zwischen künstlerischer Offenheit und planerischer Anschlussfähigkeit halten.

Einige Hochschulen begegnen dem Prüfungsproblem pragmatisch, indem sie nicht ein vermeintlich richtiges Ergebnis, sondern die Dokumentation bewerten. Protokolle, Karten, Fotostrecken oder kurze Filme halten fest, was der Gang sichtbar gemacht hat. So wird die Wahrnehmungsarbeit nachvollziehbar, ohne sie in eine falsche Objektivität zu zwingen.

Gerade darin liegt der Bildungswert. Die Spaziergangswissenschaft lehrt keine Technik, sondern eine Haltung: das Misstrauen gegenüber dem vermeintlich Selbstverständlichen und die Bereitschaft, den eigenen Blick zu überprüfen. Für angehende Architektinnen und Architekten, die später über Straßenräume, Quartiere und ganze Landschaften entscheiden, ist das keine Nebensache. Es ist eine Grundlage des Entwerfens, die sich, anders als viele Lehrinhalte, ein Leben lang zu Fuß erneuern lässt.

Leserinfo: Spaziergangswissenschaft

Begriff: Promenadologie, auch Spaziergangswissenschaft oder englisch Strollology. Eine kulturwissenschaftliche und ästhetische Methode, die die Bedingungen der Umweltwahrnehmung bewusst macht und den Blick auf Stadt und Landschaft erweitert.

Begründung: Lucius Burckhardt (1925 bis 2003) gemeinsam mit Annemarie Burckhardt, in den 1980er Jahren an der damaligen Gesamthochschule Kassel. Erster „Urspaziergang“ 1976 im Schlosspark Riede bei Kassel.

Gelehrt heute: in wechselnden Seminaren an mehreren Hochschulen, unter anderem an der Bauhaus-Universität Weimar und der Hochschule der Bildenden Künste Saar. In die Praxis getragen wird die Methode durch die Spaziergangsforschung von Bertram Weisshaar.

Zum Weiterlesen: Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft. Hrsg. von Markus Ritter und Martin Schmitz, Martin Schmitz Verlag, Berlin 2006. Lucius Burckhardt: Wer plant die Planung? Hrsg. von Jesko Fezer und Martin Schmitz, Martin Schmitz Verlag, Berlin 2004. Gudrun M. König: Eine Kulturgeschichte des Spaziergangs. Böhlau, Wien 1996.

 

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