Rem Koolhaas und die Faulheit der Europäer

Ein Gespräch mit Rem Koolhaas
Im neuesten Interview mit der ZEIT gibt Rem Koolhaas, einer der bedeutendsten Architekten unserer Zeit, einen tiefen Einblick in seine Gedankenwelt. Doch statt architektonischer Details überrascht er mit kritischen Analysen der europäischen Gesellschaft und ihrer politischen Entwicklung. „Europäer streben nur noch nach Komfort und Sicherheit. Also nach Faulheit,“ konstatiert er provokant.

Architektur und Politik: Die Grenzen der Demokratie
Koolhaas spricht offen über die Herausforderungen, in Demokratien zu arbeiten, wo es oft schwierig ist, langfristige und umfassende Stadtplanungsprojekte umzusetzen. Er betont, dass Länder wie Katar, trotz ihrer autokratischen Strukturen, in der Lage sind, ambitionierte und nachhaltige Projekte zu verfolgen. Der Architekt, der kürzlich einen Masterplan für Katar entwarf, hebt hervor, dass Kapitalismus und Wohlstand maßgeblich bestimmen, was gebaut wird. In kleineren Staaten, so Koolhaas, sei es einfacher, eine kohärente Strategie zu entwickeln.

Die europäische Selbstwahrnehmung und der „Zeigefinger“
Koolhaas kritisiert die europäische Arroganz, die sich seiner Meinung nach in einem übermäßigen moralischen Zeigefinger äußert. Diese Haltung führt seiner Meinung nach zu einer zunehmenden Distanz und Unverständnis zwischen Europa und anderen Weltregionen. Besonders in Asien, so berichtet er, trifft er auf Verwunderung über die westliche Überheblichkeit und die enge Bindung Europas an die USA.

Klima und Krise: Die Zukunft der Architektur
In Bezug auf den Klimawandel sieht Koolhaas eine Chance für die Architektur, sich neu zu erfinden. Er bedauert die vergangene Ära, in der Städte und Investoren sich in einem Wettbewerb um immer exzentrischere Formen verloren haben. Heute, so betont er, liegt der Fokus auf Nachhaltigkeit und dem Dialog mit Umweltwissenschaftlern, was der Architektur neue, dringend benötigte Impulse gibt.

Von den Städten aufs Land: Die Countryside-Ausstellung
Mit seiner Countryside-Ausstellung hinterfragt Koolhaas die weitverbreitete Annahme, dass die Urbanisierung unaufhaltsam sei. Er schildert seine Beobachtungen vom Verschwinden traditioneller ländlicher Lebensweisen und stellt die Frage, wie eine neue Balance zwischen Stadt und Land aussehen könnte.

Schlussfolgerung: Ein Appell zur Neuerfindung
Koolhaas schließt mit einem kritischen Blick auf die Europäer, die sich zunehmend in einer Komfortzone einrichten und die Ideale der Französischen Revolution vernachlässigen. Er fordert keine Revolution, sondern eine radikale Neuerfindung. Mit seiner prägnanten Mischung aus architektonischer Weitsicht und gesellschaftspolitischem Bewusstsein liefert Rem Koolhaas nicht nur Denkanstöße für die Architektur, sondern für die Zukunft Europas insgesamt. mehr…

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