Baukunst - „Ruin": Der Deutsche Pavillon als Echoraum deutscher Geschichte
Deutscher Pavillion “Ruin” © Andrea Avezzù Courtesy: La Biennale di Venezia

„Ruin“: Der Deutsche Pavillon als Echoraum deutscher Geschichte

18.05.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art | Inspiration | Biennale 2026 | Mai 2026
Lesezeit: ca. 7 Minute

Schichtungen statt Repräsentation: Der Deutsche Pavillon der 61. Biennale

Wer im Mai 2026 die Giardini betritt und sich dem Deutschen Pavillon nähert, blickt nicht auf den vertrauten Travertin, nicht auf das schwere, neoklassizistische Eingangsportal. Sung Tieu hat den monumentalen Bau in eine Plattenbaufassade gehüllt: jenes graue Raster aus Beton, das im Berliner Bezirk Lichtenberg, in der Gehrenseestraße, gerade abgerissen wird. Was dort als Vertragsarbeiterheim der DDR errichtet wurde und später eines der größten Wohnheime für vietnamesische, mosambikanische und angolanische Migrantinnen und Migranten war, kehrt in Venedig als großformatiges Mosaik zurück. Eine Geste von präziser Härte.

Ein Titel mit doppeltem Boden

Der Pavillon trägt einen Titel, der seine Wirkung aus der Reibung zweier Sprachen bezieht. „Ruin“ meint im Englischen das architektonische Fragment, den Überrest, das Pittoreske der Vergänglichkeit. Im Deutschen klingt anderes mit: ökonomischer Zusammenbruch, gesellschaftlicher Verfall, moralischer Bankrott. Die Typografie des Schriftzugs entstammt einem Graffito, das den letzten DDR-Pavillon der Biennale 1990 markierte. Ein schwarz-rot-goldenes „D.D.R.“, von Dan Solbach in das grafische Konzept übernommen als Echo jenes Moments, in dem ein Staat öffentlich zu existieren aufhörte. Die Doppeldeutigkeit ist programmatisch. Wo das Englische trauert, klagt das Deutsche an.

Henrike Naumanns letzte Arbeit

Im Inneren empfängt die Besucherinnen und Besucher eine Welt aus Polstermöbeln, Gardinen und Wandfarben jener Übergangszeit, die im Westen kaum jemand sah und im Osten alle erlebten. Henrike Naumann hat Räume gebaut, die zwischen Wohnzimmer und Tatort changieren. Die Sofas sind echt, die Holzfurniere stimmen, die Farben treffen den richtigen Stich Ocker. Gerade darin liegt das Beunruhigende. Ihre Arbeit, sie nannte sie eine „archäologische Vorgeschichte der Gegenwart“, verbindet DDR-Alltag, Nachwendezeit und die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ zu einer Topografie rechter Gewalt. Möbel werden zu Zeugnissen, Vorhänge zu Stilfragen einer ungeklärten Vergangenheit.

Wenige Wochen vor der Eröffnung ist Henrike Naumann gestorben. Sie hat ihren Beitrag noch fertigstellen können; ihr Studioteam setzt nun gemeinsam mit dem Pavillon-Team die Vision der Künstlerin um. Es ist eine seltsame Verschiebung: Eine Künstlerin, die in ihrem Werk so beharrlich Räume des Übergangs untersuchte, hinterlässt selbst einen unauflösbaren Übergang. Die Professur an der HFBK Hamburg, die sie ab Herbst 2026 übernehmen sollte, wird unbesetzt bleiben. Was bleibt, ist eine Installation, die ihre Stimme trägt, ohne sie zu beruhigen.

Sung Tieus Fassade aus der Gehrenseestraße

Sung Tieu, die wie Naumann an der HFBK Hamburg als Vertretungsprofessorin tätig war, arbeitet mit jenem ostdeutschen Erbe, das selten erzählt wird. Vertragsarbeiterinnen und Vertragsarbeiter lebten in den Plattenbauten der späten DDR hinter Türen, die sich nach 1990 oft schnell schlossen. Die Fassade aus der Gehrenseestraße verlegt Tieu nun an die zentrale Adresse europäischer Kunstaufmerksamkeit. Themen, die die Künstlerin in früheren Arbeiten mit Akten, Klangskulpturen und Architekturzitaten verhandelt hat, Migration, Überwachung, Verdrängung, treffen hier auf einen Bau, dessen eigene Geschichte alles andere als neutral ist. Die Plattenfassade wirkt von Weitem fast ornamental. Aus der Nähe wird sie zum dokumentarischen Befund.

Schichten im Palimpsest

Der Pavillon, errichtet 1909 nach Plänen von Daniele Donghi, erhielt 1938 unter Ernst Haiger seine bis heute prägende Gestalt. Die nationalsozialistische Überarbeitung verlieh ihm jene monumentale Strenge, jenes neoklassizistische Pathos, das nachfolgende Generationen von Künstlerinnen und Künstlern an diesem Ort entweder zu überwinden oder zu konfrontieren suchten. Hans Hollein verstellte 1978 die Fassade, Hans Haacke schlug 1993 den Boden auf, Anne Imhof bevölkerte 2017 die Innenräume mit verschobenen Körpern. „Ruin“ stellt sich in diese Reihe, ohne mit ihr zu konkurrieren. Statt den Bau zu zerstören oder zu zitieren, überschreibt Sung Tieu ihn mit einer anderen Architektur deutscher Geschichte. Die DDR-Platte verdeckt das Faschistische, ohne es zu löschen. Eine Schichtung, kein Austausch. Die Innenräume Franz Rufs, der den Pavillon 1964 modernisierte, werden zur Bühne einer dritten Schicht: jener häuslichen Übergänge, die Naumann sammelt wie andere Käfer.

Kathleen Reinhardts kuratorische Setzung

Kathleen Reinhardt, seit Dezember 2022 Direktorin des Georg Kolbe Museums in Berlin, hat mit dieser Werkkonstellation eine bewusste Engführung gewagt. Beide Künstlerinnen arbeiten mit dem materiellen Nachhall deutscher Transformationen. Beide misstrauen der heroischen Geste. Beide wissen, dass Erinnerung an Oberflächen klebt, an Tapeten, Plattenstößen, Polsterstoffen. Das ifa, Institut für Auslandsbeziehungen, das den deutschen Beitrag seit fünfzig Jahren als Kommissar verantwortet, hat mit dieser Auswahl einen Pavillon ermöglicht, der nicht repräsentiert, sondern verhandelt. Eine umfangreiche Publikation begleitet die Ausstellung; Stadtführungen zu Erinnerungsorten der venezianischen Geschichte ergänzen das Programm.

Was bleibt

„Ruin“ entsteht im Schatten zweier Tode: jenem der ursprünglichen Biennale-Kuratorin Koyo Kouoh, deren Konzept „In Minor Keys“ die gesamte 61. Ausgabe posthum prägt, und jenem Henrike Naumanns. Beide Verluste hinterlassen Texturen, die sich nicht glätten lassen. Vom 9. Mai bis zum 22. November 2026 zeigt der Pavillon kein Land, das sich präsentiert, sondern ein Land, das seine eigenen Brüche freilegt: zwischen Ost und West, zwischen Erinnerung und Verdrängung, zwischen monumentaler Architektur und der prosaischen Beharrlichkeit einer abgerissenen Plattenbausiedlung. Der Pavillon, könnte man sagen, kommt endlich bei sich selbst an. Nicht als Bekenntnis, sondern als Schichtung. Nicht als Ruine, sondern als Ruin.

LESERINFORMATION

Ausstellung: „Ruin“ Künstlerinnen: Henrike Naumann, Sung Tieu Kuratorin: Kathleen Reinhardt (Direktorin Georg Kolbe Museum, Berlin) Kommissar: ifa, Institut für Auslandsbeziehungen Grafisches Konzept: Dan Solbach Ort: Deutscher Pavillon, Giardini della Biennale, Venedig Architektur: Daniele Donghi (1909), Umbau Ernst Haiger (1938), Modernisierung Franz Ruf (1964) Laufzeit: 9. Mai bis 22. November 2026 Rahmenprogramm: Publikation, Stadtführungen zu Erinnerungsorten Tickets und Anreise: über die Website der Biennale di Venezia Übergeordnetes Biennale-Thema: „In Minor Keys“, kuratiert von Koyo Kouoh (posthum)

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