
baukunst.art | Regionales / Weimar | Oktober 2026
Acht Jahre hinter Bauzäunen: Weimar bekommt sein Schloss zurück, vorerst nur einen Flügel
Nach acht Jahren Sanierung ist der Ostflügel des Weimarer Stadtschlosses wieder offen. 56 Millionen Euro, sichtbare Zeitschichten, ein freies Schlossforum: Taugt das als Modell?
Das Stadtschloss Weimar ist die ehemalige Residenz der Herzöge und Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach und seit 1998 Teil des UNESCO-Welterbes „Klassisches Weimar“; seit dem 2. Oktober 2026 ist sein sanierter Ostflügel nach achtjähriger Schließung wieder öffentlich zugänglich. Die Klassik Stiftung Weimar, nach eigenen Angaben hinter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg die drittgrößte Kulturstiftung der Bundesrepublik, hatte das Haus im Juli 2018 vollständig geschlossen. Mit dem Ostflügel ist der erste Bauabschnitt abgeschlossen, die Gesamtmaßnahme soll bis 2032 dauern. Bund und Freistaat Thüringen stellen dafür nach Angaben von Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) rund 140 Millionen Euro bereit, in den Ostflügel flossen laut Evangelischem Pressedienst (epd) 56 Millionen Euro. Für die Fachwelt interessanter als die Summe ist allerdings die Haltung, mit der dieses Geld verbaut wurde.
Was wurde im Ostflügel saniert?
Die Objektplanung lag bei einer Arbeitsgemeinschaft aus Brenne Architekten (Berlin) und Tectum Architekten (Weimar), die restauratorische Fachplanung bei einer ARGE aus Dresden und Weimar, begleitet von konstruktiven Denkmalpflegerinnen und Denkmalpflegern. Was sich hinter den Oberflächen verbarg, beschreibt die Stiftung am Beispiel des Speisezimmers: Schäden an der Konstruktion und Echter Hausschwamm erzwangen Eingriffe hinter bemalten Wänden und unter dem Parkett. Die Raumschale wurde deshalb vorübergehend ausgebaut: Bemalte Putzflächen und Stuck lösten Restauratorinnen und Restauratoren vom Untergrund, sicherten sie und setzten sie zurück, sobald das Tragwerk dahinter ersetzt war. Bereits Anfang 2023 hatte die Stiftung berichtet, dass Schäden aus dem Schlossbrand von 1774 in der mittelalterlichen Grundsubstanz nie fachgerecht behoben worden waren und Holzkonstruktionen in den Fensterlaibungen vollständig verrottet seien. Saniert werden musste also nicht nur das Schloss, sondern auch die Reparaturgeschichte früherer Generationen. Ausgeführt wurde der erste Bauabschnitt im Ostflügel und in angrenzenden Teilen des Nordflügels.
Programmatisch entsteht im Erdgeschoss das Schlossforum: Passage, Veranstaltungssaal, Studio, Innenhof und Ilmterrasse bilden einen eintrittsfreien, nicht musealen Bereich. Das Besuchszentrum liegt in der historischen Passage am Grünen Haus, dem ältesten Teil der Anlage. Über die Ilmterrasse öffnet sich erstmals eine Verbindung zwischen Stadt, Fluss und Park an der Ilm. Darüber führt das klassizistische Gentzsche Treppenhaus in die Beletage mit der neuen Dauerausstellung „Weimarer Klassik“, die zeigt, wie das Herzoghaus die Klassik förderte, ihr Bild formte und politisch nutzte. Erstmals zugänglich sind zudem Teile der Bunkeranlage unter dem Ostflügel, die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald ab 1943 unter schwersten Bedingungen errichten mussten.
Gerade diese Schicht verdient Aufmerksamkeit. Das Schloss war nicht nur Bühne höfischer Kultur, sondern auch politischer Ort: 1919 nutzte die provisorische Reichsregierung Räume des Hauses, in der NS-Zeit diente es der Repräsentation, unter anderem mit einer Leistungsschau des Gaus Thüringen. Dass die Stiftung den Bunker nicht als Kuriosum inszeniert, sondern dort, wo Besucherinnen und Besucher ihre Taschen einschließen, nüchtern mit einer Medienstation erschließt, ist eine kluge Entscheidung. Kustos Sebastian Dohe verortet den großen Bruch in der Geschichte des Hauses ohnehin früher, in der Niederlage des Ersten Weltkriegs, als die Klassik zunehmend nationalistisch umgedeutet wurde. Die Ausstellung spannt den Bogen von der Entstehung des heutigen Schlosses in den 1770er Jahren bis zum Ende der Monarchie im November 1918.
Wie viel Eingriff verträgt ein Baudenkmal?
Rechtlich bewegt sich die Sanierung im Rahmen des Thüringer Denkmalschutzgesetzes (ThürDSchG). Nach § 2 Abs. 1 ThürDSchG sind Kulturdenkmale Sachen, an deren Erhaltung unter anderem aus geschichtlichen, künstlerischen oder städtebaulichen Gründen ein öffentliches Interesse besteht; Veränderungen bedürfen nach § 13 ThürDSchG einer Erlaubnis der Denkmalschutzbehörde. Hinzu kommen die Anforderungen der Thüringer Bauordnung (ThürBO) von 2024 an Standsicherheit und Brandschutz sowie nach § 53 ThürBO an die Barrierefreiheit öffentlich zugänglicher Gebäude, konkretisiert durch die in Thüringen mit Einschränkungen als Technische Baubestimmung eingeführte DIN 18040-1. Wo diese Anforderungen nur mit unverhältnismäßigem Mehraufwand erfüllbar wären, erlaubt § 53 Abs. 4 ThürBO Abweichungen, ein Ventil, auf das gerade Bestandsbauten angewiesen sind. Statik, Brandschutz und Sicherheitstechnik mit dem Erhalt der Substanz zu versöhnen, war nach Darstellung der Stiftung die eigentliche Herausforderung des Projekts.
Friederike von Rosenberg, Direktorin Schlösser, Gärten und Bauten der Stiftung, fasst die Leitfrage des Projekts in eine knappe Gegenfrage: „Wie wenig Eingriff ist genug?“ Ziel war ausdrücklich nicht der vermeintlich vollkommene Zustand um 1800, sondern der Erhalt der Zeitschichten. Spätere Reparaturen, veränderte Wandflächen und neue Stücke im historischen Parkett bleiben als Ergänzungen erkennbar. Das folgt Artikel 12 der Charta von Venedig von 1964, nach dem Ergänzungen vom Original unterscheidbar sein müssen, und setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu einer Rekonstruktionskultur, die andernorts Fassaden auf einen idealen Stichtag zurückdreht.
Auch in der Ressourcenbilanz überzeugt der Ansatz. Wer Stuck, Putz und Parkett abnimmt, konserviert und wieder einbaut, statt sie zu ersetzen, sichert nicht nur historische Handwerklichkeit, sondern auch die graue Energie, die in jahrhundertealten Bauteilen gebunden ist. Die Erklärung von Davos der europäischen Kulturministerinnen und Kulturminister von 2018 versteht den sorgsamen Umgang mit dem Bestand und das zeitgenössische Weiterbauen als untrennbare Teile hoher Baukultur.
Was bleibt bis 2032 offen?
Kritisch bleibt der Zeitplan. Noch Anfang 2023 hatte die Stiftung die Teileröffnung für 2025 angekündigt und zugleich auf unterbrochene Lieferketten und fehlende Handwerkerinnen und Handwerker verwiesen; geworden ist es der Herbst 2026. Für die übrigen Flügel steht ein weiteres halbes Jahrzehnt Baustelle bevor. Ob die rechnerisch verbleibenden rund 84 Millionen Euro aus dem Gesamtrahmen für Süd- und Westflügel sowie die übrigen Teile des Nordflügels bei heutigen Baupreisen und vergleichbaren Schadensbildern ausreichen, ist offen; der Ostflügel hat gezeigt, dass ein Schloss seine teuersten Überraschungen erst preisgibt, wenn das Parkett schon aufgenommen ist.
Weimar steht damit nicht allein. Für die Liegenschaften der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten finanzieren Bund und Land über das Sonderinvestitionsprogramm I weitere 200 Millionen Euro, je zur Hälfte. Zugleich verdichten sich die Baustellen der Klassik Stiftung selbst: Das Wittumspalais hat am 30. April 2026 wiedereröffnet, Goethes Wohnhaus am Frauenplan schließt nach dem 1. November 2026 für rund drei Jahre. Die Welterbestadt bleibt so auf absehbare Zeit im Modus der Teilöffnung. Oberbürgermeister Peter Kleine verbindet die Eröffnung entsprechend mit der Zuversicht für die anstehenden großen Sanierungen weiterer kultureller Schlüsselinstitutionen.
Ein Schloss als öffentlicher Raum
Die eigentliche Neuerung liegt im Erdgeschoss. Ein eintrittsfreies Schlossforum mit Saal, Hof und Flussterrasse macht aus einer Residenz, die jahrhundertelang Distanz organisierte, einen Durchgangsraum der Stadt. Stiftungspräsidentin Ulrike Lorenz sieht mit der Eröffnung das Herz des Welterbes wieder schlagen. Ob es das tut, entscheidet sich nicht am Eröffnungswochenende, sondern an einem gewöhnlichen Dienstag im Februar: wenn Vereine den Saal buchen, Schülerinnen und Schüler im Hof sitzen und der Weg über die Ilmterrasse zur Abkürzung geworden ist. Für andere Residenzstädte, von Gotha bis Rudolstadt, liefert Weimar ein übertragbares Modell: Denkmalpflege, die ihre Reparaturgeschichte zeigt, verbunden mit einer Nutzung, die nicht an der Museumskasse endet.
Leserinfo
Ort
Stadtschloss Weimar, Ostflügel, Burgplatz 4, 99423 Weimar
Betreiberin
Klassik Stiftung Weimar
Ausstellung
Dauerausstellung „Weimarer Klassik“ in der Beletage; Schlossforum mit Passage, Veranstaltungssaal, Studio, Innenhof und Ilmterrasse; Teile der Bunkeranlage im Untergeschoss
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag Ruhetag. Abweichende Winterzeiten möglich, vor dem Besuch prüfen.
Eintritt
Dauerausstellung 8 Euro, ermäßigt 6 Euro, Schülerinnen und Schüler (16 bis 20 Jahre) 3 Euro. Gültig sind MuseumsCard und weimar card. Schlossforum im Erdgeschoss eintrittsfrei.
Führungen
Regelmäßige Themenführungen, unter anderem Highlighttour durch die Ausstellung und Führung zur Schlosskapelle; Audiotouren und Kindertour (ab 9 Jahren) in der App Weimar+

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