
baukunst.art | Regionales | Rheinland-Pfalz | Mai 2026
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Nägel, Treppen, Rheinblick: Uecker und Meier in Remagen
Die Ausstellung „Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt“ im Arp Museum Bahnhof Rolandseck zeigt vom 8. Februar bis 14. Juni 2026 die erste museale Würdigung des ZERO-Mitbegründers nach seinem Tod im Juni 2025 und zugleich die letzte Schau, an der er selbst mitgewirkt hat. Über 2.000 Gäste kamen zur Eröffnung am 8. Februar 2026.
Kuratorin Jutta Mattern, langjährige Mitarbeiterin des Hauses, versammelt 45 Werke aus sieben Jahrzehnten: frühe Nagelobjekte und -reliefs, kinetische Installationen, textile Arbeiten und späte Serien. Direktorin Dr. Julia Wallner ordnet das Werk in eine Linie mit dem Hauspatron Hans Arp ein und verweist auf eine geteilte Haltung von Friedlichkeit und Empathie. Die Schau steht damit programmatisch dort, wo sich rheinland-pfälzische Kulturpolitik, deutsche Kunstgeschichte der Nachkriegszeit und ein in seiner Materialität konsequentes Bauwerk treffen.
Welche Rolle spielte Rolandseck in Ueckers Biografie?
Der klassizistische Bahnhof Rolandseck, 1858 als Station der „Rheinischen Riviera“ eröffnet, war nach dem Zweiten Weltkrieg Schauplatz einer der eigenwilligsten Kulturinitiativen der Bundesrepublik. Der Bonner Galerist Johannes Wasmuth rettete das marode Gebäude vor dem Abriss und machte es zur Bühne einer interdisziplinären Künstlergemeinschaft. Die ZERO-Gruppe um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker feierte in Rolandseck ihr Abschiedsfest, ein Ereignis, das später zur Gründungsgeschichte des heutigen Museums wurde.
Uecker hinterließ dem Ort zwei zentrale Werke: den performativen Film „Die Treppe“ (1964), in dem er Bahnhofsvorplatz und Gebäude Nagel für Nagel erobert, und das Nagelrelief „Bett zum Aufwachen“ (1965), das bis heute zur Museumssammlung gehört. Die Verbindung ist also keine kuratorische Konstruktion, sondern biografische Tatsache. Der Ort ist Teil des Werks, das Werk Teil des Ortes. Für die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE), zu der das Museum gehört, ist diese Erstwürdigung folgerichtig. Sie verzichtet auf die in der Museumslandschaft übliche Konkurrenz um den prominentesten Nachruf und nutzt stattdessen die Authentizität des Ortes.
Wie verträgt sich Meiers Architektur mit Ueckers Nagelobjekten?
Der Neubau Richard Meiers (geboren 1934 in Newark, New Jersey), am 28. September 2007 von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet, liegt 40 Meter über dem Bahnhof auf der Rheinhöhe. Die Gesamtkosten betrugen 25,4 Millionen Euro, finanziert durch den Bund mit 17,6 Millionen Euro aus dem Bonn/Berlin-Ausgleichsgesetz und das Land Rheinland-Pfalz mit 7,8 Millionen Euro. Für die museumsgerechte Sanierung des historischen Bahnhofsgebäudes stellte das Land zuvor 7,4 Millionen Euro bereit. Bauherr war das Land Rheinland-Pfalz, vertreten durch den Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung; die Grundsteinlegung erfolgte im Oktober 2004, das Richtfest im Oktober 2005.
Meier inszeniert die Wegeführung als „promenade architecturale“, als architektonischen Spaziergang in der Tradition Le Corbusiers. Vom klassizistischen Bahnhof aus durchqueren die Besucherinnen und Besucher einen ersten Korridor, passieren den fensterlosen Ausstellungspavillon der Kunstkammer Rau und treten in einen 35 Meter tief in den Berg getriebenen Tunnel mit unverkleideter Betonröhre, akzentuiert durch das Lichtobjekt „Kaa, die Schlange“ von Barbara Trautmann. Am Ende des Stollens öffnet sich der Aufzugturm. Über teilverglaste Kabinen oder 230 Stufen erreicht man den weißen Neubau. Drei Ausstellungsebenen verbindet ein offenes Treppenhaus mit hängenden Treppen, das Sichtbezüge durch die gesamte Bauhöhe öffnet.
Für eine Uecker-Schau erzeugt dieses Setting ein produktives Spannungsfeld. Meiers konsequenter Purismus, die Reinheit der weißen Oberflächen, die orthogonale Strenge und ein Tageslichtkonzept, das nach den Prinzipien der Klassischen Moderne komponiert ist, stellen jeden eingeschlagenen Nagel als bewusste Setzung aus. Die Nagelbilder, deren Schatten je nach Sonnenstand über die Fläche wandern, brauchen genau diese Disziplin der Wand. Ueckers Sandmühlen und kinetischen Objekte wiederum profitieren von der Lichtführung des Neubaus, während die frühen Nagelreliefs im fensterlosen Kunstkammer-Pavillon einen anderen, fokussierteren Rahmen finden.
Die Konstellation ist regional spezifisch und überregional aufschlussreich. Rheinland-Pfalz hat mit dem Arp Museum ein Haus, das in seiner kuratorischen Praxis konsequent auf die Verschränkung von Sammlung, Ort und Wechselausstellung setzt. Der Verbleib der Sammlung Rau für UNICEF ist nach derzeitigem Stand bis 2028 gesichert; die Verhandlungen mit dem UNICEF-Komitee laufen. Die Ausstellungsplanung 2026 mit „Zu den Sternen. Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ (ab 10. Juli) und „Sprechende Bilder“ (Sammlungstausch mit dem Musée national d’archéologie, d’histoire et d’art Luxemburg) zeigt, wie das Haus seine Lage am Rhein und in der Grenzregion zwischen Deutschland, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden programmatisch nutzt.
Hinzu kommt eine baukulturelle Dimension, die in der überregionalen Wahrnehmung oft unterbelichtet bleibt. Der Bahnhof Rolandseck liegt am rechten Rand jenes Mittelrheinabschnitts, dessen Kernzone seit 2002 zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal zählt. Auch wenn die Welterbegrenze offiziell flussaufwärts in Bingen und Rüdesheim verläuft, gehört der klassizistische Bahnhof zur Erzählung der „Rheinischen Riviera“ des 19. Jahrhunderts. Das Denkmalschutzgesetz Rheinland-Pfalz (DSchG RLP) sichert das Ensemble; die Landesbauordnung Rheinland-Pfalz (LBauO RLP) regelt die bauliche Weiterentwicklung. Meiers Neubau musste sich also nicht nur ästhetisch, sondern auch denkmalrechtlich zur Bestandssituation verhalten, ein Konflikt, der durch die Höhenverschiebung von 40 Metern und die unterirdische Anbindung über Tunnel und Aufzugturm pragmatisch gelöst wurde.
Für die DACH-weite Diskussion um Museumsarchitektur und Sammlungspolitik liefert Rolandseck zwei Befunde. Erstens: Die Bonn/Berlin-Ausgleichsförderung, kulturpolitisch oft als reines Verteilungsinstrument verstanden, hat in Remagen ein Haus von internationaler Sichtbarkeit ermöglicht, dessen Betrieb das Land seither trägt. Zweitens: Eine Sammlungsstrategie, die regionale Bautradition (klassizistischer Bahnhof als Zeitzeuge der Rheinromantik), internationale Spitzenarchitektur (Meier) und programmatische Tiefe (ZERO, Arp, Sammlung Rau) verbindet, lässt sich nur dort entwickeln, wo Landesregierung, Stiftung und Museumsleitung über Jahrzehnte am gleichen Strang ziehen.
Das hat Folgen für andere Bundesländer. Die Beispiele zeigen, dass eine einmalige Sonderfinanzierung wie der Bonn/Berlin-Ausgleich keine dauerhafte Trägerschaft ersetzt. Wer mit Bundes- oder Sondermitteln ein architektonisch ambitioniertes Haus errichtet, übernimmt eine Verpflichtung über Jahrzehnte: Betrieb, Sanierungszyklen, Sammlungsfortschreibung. Rolandseck bewältigt diese Verpflichtung, weil das Land Rheinland-Pfalz die GDKE als Trägerstruktur ausgebaut hat und das Museum innerhalb eines klaren institutionellen Rahmens operiert. Für vergleichbare Vorhaben in Sachsen, Brandenburg oder im Saarland ist das ein Argument für solide Trägerschaft jenseits einzelner Projektzyklen.
Ueckers Satz, das Thema seiner künstlerischen Arbeit sei die Verletzbarkeit des Menschen durch den Menschen, gewinnt in diesem Rahmen eine zusätzliche Dimension. Architektur und Werk teilen sich eine Haltung der bewussten Setzung: hier der Nagel, dort die Wand. Beide sind, jedes auf seine Weise, Ausdruck dessen, was Wallner zur Eröffnung formulierte, einer Kunst, die Menschen vereint und sich mit großer Kraft für eine offene Gemeinschaft einsetzt.
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Ausstellung Günther Uecker. Die Verletzlichkeit der Welt
Laufzeit 8. Februar bis 14. Juni 2026
Ort Arp Museum Bahnhof Rolandseck
Adresse Hans-Arp-Allee 1, 53424 Remagen
Kontakt Telefon 02228 942516, http://arpmuseum.org
Träger Land Rheinland-Pfalz, Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE)

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