Baukunst - Wie kühlt man Gebäude, ohne die Klimabilanz zu ruinieren?
Gegen die Hitzetoten: Beton, Begrünung und ein bisschen KI © Symbolbild baukunst.art

Wie kühlt man Gebäude, ohne die Klimabilanz zu ruinieren?

21.06.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art   |   Unterwegs   |   Ausgabe Juni 2026

Kühl wohnen trotz Rekordhitze: Was wirklich hilft

Klimaangepasstes Bauen umfasst alle baulichen und technischen Maßnahmen, die ein Gebäude bei zunehmender Hitze kühl halten, ohne den Energiebedarf zu steigern. Mit der Häufung extremer Hitzeperioden wird diese Aufgabe zur zentralen Frage der Baukultur. Das Robert Koch-Institut (RKI) und das Umweltbundesamt (UBA) schätzen für die Sommer 2023 und 2024 jeweils rund 3.000 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland, in den Extremsommern 2018 und 2019 lag die Zahl bei jeweils etwa 7.000 (RKI/UBA, 2025). Besonders gefährdet sind Menschen über 75 Jahre mit Herz-Kreislauf-, Atemwegs- oder neurologischen Vorerkrankungen.

Dass sich das Problem mit angepassten Bauweisen entschärfen lässt, betont Silvia Öttl, Professorin am Department Smart Building Technologies des Management Center Innsbruck (MCI). Die nötigen Technologien seien längst vorhanden, würden gegen die sommerliche Überhitzung aber noch wenig genutzt. Anschauliches Beispiel ist die Wärmepumpe: Sie gewinnt in Neubau und Sanierung an Beliebtheit, kommt jedoch meist nur zum Heizen zum Einsatz.

Warum heizen sich Städte stärker auf als das Umland?

Versiegelte Flächen speichern tagsüber Wärme und geben sie nachts nur langsam ab, weshalb Innenstädte zu Hitzeinseln werden. Fassadenbegrünungen setzen genau hier an und bringen laut Öttl einen doppelten Nutzen: Die Verschattung dämmt das Gebäude, während die Verdunstung das Mikroklima ringsum verbessert. Jeder Baum zähle, und überall, wo sich Natur zulassen lasse, solle man das auch tun.

Der Gesetzgeber hat die Stoßrichtung längst aufgenommen. Das Baugesetzbuch verankert in § 1 Absatz 5 BauGB den Klimaschutz und die Klimaanpassung als ausdrücklichen Belang der Bauleitplanung, und das Bundes-Klimaanpassungsgesetz (KAnG), seit 1. Juli 2024 in Kraft, verpflichtet die Kommunen erstmals zu vorsorgenden Anpassungsstrategien. Begrünte Fassaden, entsiegelte Höfe und Stadtbäume sind damit nicht länger Kür, sondern Teil einer rechtlich eingeforderten Vorsorge. Architektinnen und Architekten gewinnen so ein Werkzeug, das Gesundheitsschutz und Gestaltung verbindet.

Welche Haustechnik kühlt und heizt zugleich?

Eine Wärmepumpe lässt sich ohne großen Mehraufwand auch zum Kühlen verwenden, etwa in Kombination mit einer Fußbodenheizung. Statt warmer Flüssigkeit zirkuliert dann kühle in den Rohren, nimmt Wärme aus dem Raum auf und transportiert sie ab. Vielen Bauherrinnen und Bauherren sei diese Möglichkeit gar nicht bewusst, so Öttl.

Noch weiter geht die Bauteilaktivierung, bei der die Masse von Betondecken oder -wänden selbst zur Speicherung und Abgabe von Wärme dient. Eingegossene Rohre führen eine Trägerflüssigkeit, die je nach Bedarf wärmt oder kühlt. Was lange als Nischentechnik galt, kommt nun verstärkt auch in der Sanierung an, etwa über vorgefertigte Fassadenelemente, die bereits entsprechend ausgestattet sind. Die thermische Trägheit der Speichermasse glättet Temperaturspitzen und senkt den Bedarf an aktiver Kühlung, ein Prinzip, das auch der sommerliche Wärmeschutz nach § 14 Gebäudeenergiegesetz (GEG) honoriert: Massive, schwere Bauweisen erhalten im Nachweisverfahren nach DIN 4108-2:2013-02 rechnerische Vorteile.

Was leistet die Gebäudehülle gegen die Sommerhitze?

Die Verglasung entscheidet maßgeblich über den Wärmeeintrag. Die im Winter erwünschte Wärmeschutzverglasung hält Wärme im Haus, was im Sommer kontraproduktiv wirkt. Eine Sonnenschutzverglasung kehrt das Prinzip um: Tageslicht gelangt hinein, die aufheizende thermische Strahlung wird durch eine spezielle Beschichtung draußen gehalten. Schaltbare Verglasungen können beide Effekte kombinieren und den Lichtdurchlass dynamisch regeln, allerdings zu einem höheren Preis.

Reguliert wird dieser Bereich über § 14 GEG, der für Neubauten einen ausreichenden sommerlichen Wärmeschutz fordert. Der Nachweis erfolgt nach DIN 4108-2:2013-02, entweder über das vereinfachte Sonneneintragskennwertverfahren oder über eine thermische Gebäudesimulation, die für die drei Sommerklimaregionen A, B und C unterschiedliche Grenz-Raumtemperaturen zwischen 25 und 27 Grad Celsius zugrunde legt. Bei den hitzeresistenten Materialien erlebt ein alter Bekannter eine Renaissance: Holz. Es eigne sich grundsätzlich gut, müsse aber mit anderen baulichen Maßnahmen kombiniert werden, vor allem mit einer wirksamen Wärmedämmung, betont Öttl. Ein gut gedämmtes Haus verhindere nicht nur den Wärmeverlust im Winter, sondern halte im Sommer die Hitze draußen.

Wo liegt das größte Potenzial der künstlichen Intelligenz?

Den größten Hebel sieht Öttl nicht in einer einzelnen Technologie, sondern in der intelligenten Vernetzung des Vorhandenen. Werden getrennte Systeme wie Wärmepumpe, Photovoltaikdach und elektrisch steuerbare Verschattung miteinander gekoppelt und aufeinander abgestimmt, lassen sich sommerliche Energiespitzen gezielt zum Kühlen nutzen oder die ohnehin anfallende Abwärme bestimmter Prozesse verwenden.

Hier kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel. Schon in der Planung könnte sie energetische Einsparpotenziale aufspüren, die sonst unentdeckt blieben. Vor allem im Betrieb spielt sie ihre Stärke aus, denn die Optimierung eines Gebäudes verlangt Datenauswertung, und gerade darin ist maschinelles Lernen leistungsfähig. Öttls aktuelle Forschung zielt genau dorthin: Im Projekt „Sunne“ (Laufzeit 2025 bis 2028) entwickelt ihr Team datengetriebene digitale Zwillinge, die Wärmepumpen über Gebäude-Energie-Management-Systeme adaptiv und skalierbar steuern. Sensordaten moderner Verschattungssysteme schließen dabei eine bislang blinde Stelle im thermischen Gebäudeverhalten.

Ein nüchterner Befund bleibt: Zukunftsorientiertes Bauen erfordert höhere Investitionen, und die angespannte Lage der Bauwirtschaft bremst diese derzeit. Die Branche sei lange erfolgsverwöhnt gewesen und müsse aktuell sparen, so Öttl. Die Technologien gegen die Hitze sind vorhanden. Ob sie flächendeckend zum Einsatz kommen, entscheidet sich weniger an der Forschung als an der Bereitschaft, kurzfristige Baukosten gegen langfristige Klimafestigkeit abzuwägen.

 

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