Baukunst - Zehn Monate Auftragsbestand: Warum die Stimmung in den Planungsbüros schlechter ist als die Zahlen
Vier von zehn wollen kein eigenes Büro mehr gründen © Symbolbild Midjourner by Baukunst.art

Zehn Monate Auftragsbestand: Warum die Stimmung in den Planungsbüros schlechter ist als die Zahlen

23.08.2026
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Stuart Stadler

baukunst.art  | BERUFSPRAXIS | August 2026

Ohne verbindliches Preisrecht wird die Auslastung zur Verhandlungsmasse

Stuart Stadler, Architekt, Herausgeber baukunst.art

Der durchschnittliche Auftragsbestand deutscher Architekturbüros ist binnen eines Jahres von 11,5 auf 10,0 Monate gefallen. Damit hat die Baukrise die Planungsebene erreicht, und zwar in dem Moment, in dem die Baugenehmigungen wieder zweistellig zulegen. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Widerspruch, sondern die Folge eines Zeitversatzes, den die berufspolitische Debatte bisher unterschätzt.

Die Datengrundlage stammt aus der gemeinsamen Konjunkturumfrage von Bundesarchitektenkammer (BAK), Bundesingenieurkammer (BIngK), Verband Beratender Ingenieure (VBI) und AHO, dem Ausschuss der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung. Erhoben wurde im Mai und Juni 2026, beteiligt haben sich 4.859 Büros, nahezu doppelt so viele wie die 2.452 Büros im Vorjahr. Diese Verdopplung ist selbst ein Befund: Wer Sorgen hat, antwortet.

Die Ergebnisse fallen entsprechend aus. 22 Prozent der Architekturbüros bezeichnen ihre wirtschaftliche Lage als schlecht oder eher schlecht, bei den Ingenieurbüros sind es 19 Prozent. 35 Prozent der Architekturbüros erwarten für 2026 weitere Auftragsrückgänge. Fünf Prozent aller befragten Büros befürchten die Schließung innerhalb der kommenden Monate, weitere 14 Prozent halten ihre Zukunft für unsicher. Als Hemmnisse nennen die Büros regulatorische Anforderungen, gestörte Projektabläufe und die allgemeine Konjunkturschwäche.

Was bedeutet die Lage für kleine Büros?

Die Belastung verteilt sich ungleich. Büros mit weniger als zehn Beschäftigten bewerten ihre Aussichten deutlich kritischer als größere Einheiten, und sie stellen den Regelfall dar. Zum 1. Januar 2026 waren 142.347 Mitglieder in den 16 Länderarchitektenkammern eingetragen, die weit überwiegende Zahl davon in Kleinst- und Kleinbüros. Diese Struktur ist berufspolitisch gewollt, weil sie regionale Baukultur trägt. Sie ist zugleich betriebswirtschaftlich verletzlich, weil Rücklagen für zwei schwache Quartale selten reichen.

Verschärfend wirkt der Rückgang öffentlicher Planungsausschreibungen um rund fünf Prozent im Jahr 2025, eine unmittelbare Folge angespannter Kommunalhaushalte. Die Vergabe freiberuflicher Leistungen nach der Vergabeverordnung (VgV) bindet dabei erhebliche Kapazitäten ohne Ertragsaussicht. Ein Teilnahmewettbewerb kostet ein Kleinbüro Tage, die niemand vergütet. Wenn die Zahl der Verfahren sinkt, die Zahl der Bewerber je Verfahren aber steigt, verschlechtert sich das Verhältnis von Aufwand zu Chance doppelt.

Warum kommt das Sondervermögen nicht in den Planungsbüros an?

VBI-Präsident Jörg Thiele bringt den zentralen Kritikpunkt der Verbände auf den Punkt: Die Mittel des Infrastruktur-Sondervermögens erreichen die Planungsbüros bisher nicht. Gefordert werden tatsächlich zusätzliche Mittel statt einer Umschichtung innerhalb bestehender Haushalte. BIngK-Präsident Heinrich Bökamp verweist auf steigende Personal- und Materialkosten und verlangt verlässliche Finanzierungszusagen sowie schlankere Verfahren. AHO-Vorsitzender Klaus-D. Abraham dringt auf eine zügige Reform der Honorarstruktur mit auskömmlichen Sätzen.

Der Mechanismus dahinter ist bekannt und wird dennoch regelmäßig übersehen. Zwischen der politischen Ankündigung eines Investitionsprogramms und dem ersten Planungsauftrag liegen Haushaltsbeschluss, Bedarfsfeststellung, Vergabeverfahren und Beauftragung. Für die Planungsbüros bedeutet das: Ein Programm, das im Frühjahr beschlossen wird, wirkt im Folgejahr. Die Büros müssen den Zeitraum dazwischen aus eigener Substanz überbrücken, personell wie finanziell.

Honorarpolitik ohne Preisrecht

Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 4. Juli 2019 in der Rechtssache C-377/17 sind die verbindlichen Mindest- und Höchstsätze der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) entfallen; die Novelle 2021 kennt nur noch Orientierungswerte. In der Hochkonjunktur blieb das folgenlos, weil die Auslastung Preise stützte. In der Abschwungphase entfaltet dieselbe Regelung die umgekehrte Wirkung. Wer Auslastung braucht, unterbietet, und die Kostenermittlung nach DIN 276 wird zum Verhandlungsinstrument statt zur Rechengrundlage. Die Forderung nach einer Honorarreform ist deshalb keine Besitzstandswahrung, sondern der Versuch, eine Untergrenze wiederherzustellen, die der Markt derzeit nicht selbst zieht.

Wie passt die schlechte Stimmung zu steigenden Baugenehmigungen?

Das Statistische Bundesamt meldet für Juni 2026 ein Plus von 13,8 Prozent bei den genehmigten Wohnungen gegenüber dem Vorjahresmonat, für März 11,5 Prozent, für Februar 24,1 Prozent. Diese Zahlen klingen nach Entwarnung, sind aber für Planungsbüros zweideutig. Eine erteilte Genehmigung belegt, dass die Leistungsphasen 1 bis 4 nach HOAI bereits erbracht und abgerechnet wurden. Der Genehmigungsanstieg beschreibt also Arbeit der Vergangenheit, nicht Akquise der Gegenwart.

Positiv wirkt er dennoch, allerdings zeitversetzt und in anderen Leistungsphasen. Genehmigte Projekte, die tatsächlich gebaut werden, sichern die Ausführungsplanung und Objektüberwachung der kommenden zwölf bis achtzehn Monate. Der echte Frühindikator für die Auslastung eines Büros ist die Nachfrage nach Grundlagenermittlung und Vorplanung, und genau dort liegt die Unsicherheit über die künftige Zinsentwicklung wie ein Deckel auf dem Markt. Wer heute Personal abbaut, wird 2027 mit hoher Wahrscheinlichkeit vor dem umgekehrten Problem stehen.

Der stille Befund: Die Gründungsbereitschaft bricht weg

Berufspolitisch folgenreicher als jede Quartalszahl ist ein Ergebnis der BAK-Architektenbefragung 2025, an der sich 15.624 Kammermitglieder beteiligten, davon 5.714 selbstständige und 9.910 angestellte. 41 Prozent der angestellten Architektinnen und Architekten schließen eine eigene Bürogründung inzwischen aus, 2015 waren es 38 Prozent. Genannt werden finanzielle Unsicherheit, die erwartete Belastung und bürokratische Hürden.

Wie berechtigt der letzte Punkt ist, zeigt eine weitere Zahl derselben Befragung: Rund 60 Prozent der von Architektinnen und Architekten eingereichten Bauanträge erfordern Nachforderungen der Bauaufsicht. Bei Anträgen anderer Einreicher liegt der Anteil noch höher. Ein Genehmigungsverfahren, das im Regelfall nachgebessert werden muss, ist kein Verfahren, sondern eine Schleife. Die Verfahrensbeschleunigung, die Bund und Länder seit Jahren ankündigen, wäre an dieser Stelle messbar.

Die Kammerorganisation verliert mit der Gründungsbereitschaft ihre eigene Basis. Eine Berufsordnung, die auf freiberuflicher Selbstständigkeit aufbaut, setzt voraus, dass die nächste Generation dieses Risiko eingeht. Wenn vier von zehn Angestellten es ausschließen, ist das ein strukturelles Signal, das über die Konjunktur hinausweist.

Blick über die Grenzen

Im deutschsprachigen Raum verläuft die Entwicklung ungleich. Österreich steht am schwächsten da: Die EY-Bauprognose vom Juli 2026 erwartet ein Bauvolumen von 51,7 Milliarden Euro und sieht die Talsohle erst in diesem Jahr erreicht. Die Schweiz bildet den Gegenpol. Der Schweizerische Baumeisterverband meldet einen starken Jahresauftakt im Hochbau und rechnet für 2025 und 2026 mit jeweils rund zwei Prozent Umsatzwachstum im Bauhauptgewerbe; dort dominiert weiterhin der Fachkräftemangel die Debatte, nicht die Auftragslage.

Für die deutsche Berufspolitik ergibt sich daraus eine klare Prioritätenfolge: verlässliche Finanzierungszusagen der öffentlichen Hand, eine Honorarstruktur mit belastbarer Untergrenze, eine Vergabepraxis, die Akquiseaufwand nicht ins Unbezahlbare treibt, und Genehmigungsverfahren, die ohne Nachforderungsschleife auskommen. Die Stimmung ist derzeit schlechter als die Datenlage. Das ist eine gute Nachricht, aber nur für diejenigen Büros, die den Zeitversatz überleben.

META-DESCRIPTION (145 ZEICHEN)

Der Auftragsbestand der Architekturbüros sank 2026 auf 10,0 Monate, während die Baugenehmigungen zweistellig steigen. Warum beides zusammenpasst.

EINLEITUNG (189 ZEICHEN)

 

ALTERNATIVE ÜBERSCHRIFTEN

●      Spiegel: Die Planungsbüros zahlen die Rechnung für eine Krise, die gerade endet

●      Bild: Jedes 20. Architekturbüro fürchtet das Aus

●      Stern: Zehn Monate bis zur Leere: So angespannt ist die Lage in Deutschlands Architekturbüros

●      NZZ: Ohne verbindliches Preisrecht wird die Auslastung zur Verhandlungsmasse

●      Die Zeit: Vier von zehn wollen kein eigenes Büro mehr gründen

●      FAZ: Auftragsbestand der Architekturbüros sinkt auf zehn Monate

●      FR: Das Sondervermögen kommt bei den Planerinnen und Planern nicht an

●      taz: Genehmigt ist nicht gerettet

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📉 Auftragsbestand der Architekturbüros: 11,5 auf 10,0 Monate. Gleichzeitig +13,8 % Baugenehmigungen. Wie das zusammenpasst. 🏗️ #baukunstart #initiativebaukunst #Berufspolitik

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📊 Die Konjunkturumfrage von BAK, BIngK, VBI und AHO zeigt: 22 % der Architekturbüros bewerten ihre Lage als schlecht, der Auftragsbestand sank auf 10,0 Monate. Warum die steigenden Baugenehmigungen trotzdem kein Widerspruch sind. 🏗️ Newsletter auf baukunst.art abonnieren. #Berufspolitik #HOAI

REPOST-TEXT

Liebe Kolleginnen und Kollegen, die Zahlen der aktuellen Konjunkturumfrage decken sich vermutlich mit dem, was viele von euch gerade im eigenen Büro erleben: volle Kalender in der Ausführung, dünne Akquise in den frühen Leistungsphasen. Ich habe versucht, den Zeitversatz zwischen Genehmigungsstatistik und Auftragslage sauber auseinanderzunehmen. Über Widerspruch und eigene Erfahrungen aus euren Büros freue ich mich.

QUELLEN

●      Konjunkturumfrage 2026 von BAK, BIngK, VBI und AHO, Erhebung Mai und Juni 2026, 4.859 Büros (http://bingk.de , http://vbi.de )

●      Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung Nr. 291 vom August 2026, Baugenehmigungen Juni 2026

●      Bundesarchitektenkammer, Architektenbefragung 2025, 15.624 Teilnehmende

●      Bundesarchitektenkammer, Arbeitsmarkt und Kammermitglieder, Stand 1. Januar 2026

●      Deutsches Architektenblatt, Marktlage von Architekturbüros, ifo-Erhebung

●      EY-Bauprognose Österreich, Juli 2026

●      Schweizerischer Baumeisterverband, Hochbau-Ausblick 2026

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