
baukunst.art | Â Regionales | Nord | Â Mai 2026
Lesezeit 8 Minuten
Was die Strenge der Architektur mit der Härte der Bilder macht
Die Hamburger Kunsthalle zeigt bis zum 30. August 2026 in der Galerie der Gegenwart eine Doppelschau, die es so noch nicht gegeben hat: Maria Lassnig und Edvard Munch, getrennt durch ein halbes Jahrhundert und durch zwei Sprachräume, hängen erstmals nebeneinander. Rund 180 Werke auf zwei Geschossen, kuratiert von Brigitte Kölle, Sandra Gianfreda und Hans Dieter Huber. Was die Ausstellung interessant macht, ist nicht nur die kunsthistorische Setzung. Es ist auch der Ort, an dem sie stattfindet: Oswald Mathias Ungers‘ weißer Kubus von 1997. Architektur und Bildwelt geraten hier in eine produktive Spannung.
Was verbindet Lassnig und Munch über fünfzig Jahre hinweg?
Edvard Munch (1863 bis 1944) und Maria Lassnig (1919 bis 2014) trennen Generationen, Geografien und Schulen. Munch war Mitte fünfzig, als Lassnig geboren wurde. Lassnig war Mitte zwanzig, als Munch starb. Beide haben sich nie getroffen. Und doch arbeiten die kuratorischen Verantwortlichen entlang von dreizehn Kapiteln Parallelen heraus, die nicht behauptet, sondern gezeigt werden.
Die zentrale Schnittstelle ist die Behandlung des Körpers. Munch psychologisiert die Welt. Bei ihm tritt die Landschaft auf wie ein Gefäß für innere Zustände. Trauer, Verzweiflung, Angst, Zorn, Freude. Lassnig dagegen verlässt die Psychologie und geht in den Körper hinein. Ihre „Körpergefühlsbilder“ sind keine Allegorien, sondern Beschreibungen physischer Empfindung. Druck beim Sitzen. Spannung in den Gelenken. Die räumliche Ausdehnung der eigenen Hülle. Beide nutzen Farbe nicht als Beschreibung der Welt, sondern als Werkzeug der Selbstprüfung. Das ist das Verbindende, und das verträgt einen Saalabstand von mehreren Generationen.
Der Titel „Malfluss = Lebensfluss“ stammt von einem Lassnig-Gemälde. Er beschreibt eine künstlerische Haltung, die Kunst und Existenz nicht mehr unterscheidet. Genau diese Haltung ist es, die in der Ausstellung den Ausschlag gibt. Wer das gesehen hat, wird sich an einzelne Werkgegenüberstellungen länger erinnern als an die kunsthistorischen Belege.
Wie geht die Ausstellung mit der zeitlichen Distanz um?
Die kuratorische Lösung ist klug. Statt biografischer Synchronisierung, statt der üblichen „Wer hat wen beeinflusst“-Frage entscheidet sich das Team für eine thematische Ordnung. Doppelporträts. Krankheit und Tod. Mensch und Tier. Natur und Subjekt. In jedem Kapitel hängt Lassnig neben Munch, ohne dass eine Hierarchie aufgebaut wird. Das ist methodisch ehrlicher, weil es die historische Asymmetrie nicht überspielt.
Ein Beispiel: Munchs „Der Tiger“ von 1909 zeigt eine Frau und ein Raubtier in zärtlicher Begegnung. Es ist eine romantische Szene, in der die Differenz zwischen Mensch und Tier ästhetisch überspielt wird. Daneben hängt Lassnigs „Mit einem Tiger schlafen“ von 1975. Hier ist die Begegnung nicht romantisch, sondern potenziell tödlich. Lassnig macht sichtbar, was Munch noch behauptet. Das ist eine kunsthistorische Verschiebung in einem einzigen Wandfeld.
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich und mit Leihgaben von Maria Lassnig Stiftung Wien und Munchmuseet Oslo. Brigitte Kölle, seit 2011 an der Kunsthalle und Sammlungsleiterin der Gegenwartskunst, hat sie mit Sandra Gianfreda und dem Gastkurator Hans Dieter Huber konzipiert. Johanna Hornauer ist Assistenzkuratorin. Der Katalog erscheint im DISTANZ Verlag, 304 Seiten, mit einem Interview mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt.
Welche Rolle spielt der Ungers-Bau für die Wirkung der Schau?
Die Galerie der Gegenwart wurde 1997 als zweiter Erweiterungsbau der Hamburger Kunsthalle eröffnet. Sie ist der dritte Solitär in einem Komplex, der drei Epochen der deutschen Museumsarchitektur in dichter Nachbarschaft zeigt. Der ornamentierte Backsteinbau von Georg Theodor Schirrmacher und Hermann von der Hude von 1869, der klassizistische Kuppelbau von Fritz Schumacher aus Muschelkalk von 1919, und Ungers‘ weißer Würfel auf rotem Granitsockel von 1997. Drei Häuser, drei Haltungen, in fußläufiger Nähe.
Ungers gewann den Wettbewerb 1986. Sein Entwurf war ein Manifest: Quadrat über Quadrat, gerasterte Fassade, klare innere Geometrie. Über 5.600 Quadratmeter Ausstellungsfläche, vierstöckig, mit zentralem Lichthof. Das war nie unumstritten. Schon zur Eröffnung wurde die Strenge des Hauses als Zumutung beschrieben. Das Hamburger Abendblatt titelte 1997 „Die Quadratur des Ungers“. Der Bau verlangt von der Kunst eine Antwort. Wer hier nicht ortsspezifisch denkt, geht unter.
Genau diese Anforderung hat die Kunsthalle früh produktiv genutzt. Zur Eröffnung beauftragte das Haus Künstlerräume: Jenny Holzers „Ceiling Snake“ für den Übergang von der Lichtwark-Galerie. Ilya Kabakovs „Healing with Paintings“. Richard Serras „Measurement of Time. Seeing Is Believing“ und seine Wandzeichnung „Spot on“. Bogomir Eckers „Tropfsteinmaschine“, die alle Geschosse durchquert. Monika Sosnowskas labyrinthische Raumstruktur. Diese Arbeiten sind keine Dekoration, sondern eine architektonische Kommentierung des Baus von innen heraus.
Brigitte Kölle hat dieses Verhältnis 2016 bis 2021 mit der Reihe „7 Künstler*innen vs. Ungers“ explizit gemacht. Der Bau wurde zum Gegenüber, nicht zum Hintergrund. Das ist methodisch bemerkenswert, weil es einen kuratorischen Anspruch markiert, der über die Programmierung von Wechselausstellungen hinausgeht: Das Haus wird mitkuratiert.
Wie verhalten sich die Bilder zur Geometrie des Hauses?
In der aktuellen Ausstellung ist die Spannung besonders sichtbar. Lassnig malt Körper, die aus sich heraustreten. Munch malt Gesichter, deren Konturen sich auflösen. Beide arbeiten gegen Form, gegen Begrenzung, gegen die klare Linie. Ungers‘ Bau dagegen ist die gebaute Form selbst. Quadrat, Achse, Symmetrie. Diese Konstellation könnte unverträglich sein. Sie ist es aber nicht. Sie wird zur produktiven Reibung.
Wer durch die zwei Geschosse geht, erlebt die Bilder anders als in einem Black-Cube-Raum. Das Licht, das durch die hohen Fenster fällt, der polierte Steinboden, die spürbare Wandstärke. All das setzt die Bilder unter einen Druck, der zu ihnen passt. Munchs „Schrei“-Variante steht hier nicht im romantisierten Halbdunkel. Sie steht im Tageslicht eines rationalistischen Saals, und sie behauptet sich. Das ist mehr, als die Architektur eigentlich zulässt. Ungers‘ Bau erweist sich an dieser Stelle als robuster, als seine Kritiker behaupten.
Für Architektinnen und Architekten, die das Verhältnis zwischen Kunstraum und Kunstwerk neu denken wollen, ist die Ausstellung deshalb interessanter als die kunsthistorische Setzung allein vermuten lässt. Sie zeigt, wie ein streng komponierter Bau aus den späten 1990er Jahren mit Inhalten umgeht, die seine ästhetische Voraussetzung in Frage stellen. Das ist eine architekturkritische Lektion, die in keinem Lehrbuch steht.
Was lohnt sich für den Besuch sonst noch?
Wer nach Hamburg fährt, sollte sich Zeit für den Gesamtkomplex nehmen. Der Schumacher-Bau zeigt unter dem Titel „SKULPTURAL“ erstmals die Skulpturensammlung des Hauses aus 2.500 Jahren, eingebettet in die Lichtwark-Galerie. Eine Sammlungspräsentation, die Skulptur als Bindeglied zwischen Antike, Moderne und Gegenwartskunst lesbar macht.
Parallel läuft seit dem 5. Juni 2026 die 9. Triennale der Photographie Hamburg, die das gesamte Stadtgebiet mit Ausstellungen bespielt. Die Kunsthalle ist mit eigenen Beiträgen vertreten. Wer Architektur und zeitgenössische Kunst in einem Wochenende verbinden will, findet in der Hansestadt im Sommer 2026 ein außergewöhnlich dichtes Programm.
Die Doppelschau Lassnig und Munch läuft noch bis zum 30. August. Wer sie sehen will, sollte einen Wochentag wählen. Die Sitze in den szenischen Lesungen mit Lina Beckmann und Mirco Kreibich vom Schauspielhaus sind regelmäßig ausverkauft.
Service-Box
Maria Lassnig und Edvard Munch. Malfluss = Lebensfluss
Ort: Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg
Laufzeit: 27. März bis 30. August 2026
Umfang: rund 180 Werke auf zwei Geschossen
Kuratorinnen: Dr. Brigitte Kölle (Hamburger Kunsthalle), Dr. Sandra Gianfreda (Kunsthaus Zürich), Prof. Dr. Hans Dieter Huber (Gastkurator)
Assistenzkuratorin: Dr. Johanna Hornauer
Kooperation: Kunsthaus Zürich, Maria Lassnig Stiftung Wien, Munchmuseet Oslo
Katalog: DISTANZ Verlag, 304 Seiten, 48 € (Museumspreis 38 €)
Web: http://hamburger-kunsthalle.de
Galerie der Gegenwart. Architektonische Daten
Architekt: Oswald Mathias Ungers
Wettbewerb: 1985 ausgelobt, 1986 entschieden
Grundstein: 1993
Eröffnung: Oktober 1997
Geschossfläche: über 5.600 m² Ausstellungsfläche
Konstruktion: vierstöckiger Kubus, helle Kalksteinfassade, Sockel aus rotem Granit
Baukosten: rund 104,3 Mio. DM (ursprünglich 74 Mio. DM kalkuliert)
Hamburger Kunsthalle. Drei Häuser, drei Epochen
-
Stammhaus 1869: Backsteinbau von Hermann von der Hude und Georg Theodor Schirrmacher
-
Erweiterungsbau 1919: Muschelkalk-Anbau mit Kuppel von Fritz Schumacher
-
Galerie der Gegenwart 1997: Kubus von Oswald Mathias Ungers

Der Schweizer Pavillion: Das unerledigte Geschäft des Zusammenlebens

Die belastete Adresse: Wie Geschichte Immobilienwerte formt

