Baukunst - Neue Oper Hamburg: BIG und der Wettbewerb für Opernhaus am Baakenhöft in der HafenCity
Simulation der Hamburger Oper © BIG & Yanis Amasri Sierra

Neue Oper Hamburg: BIG und der Wettbewerb für Opernhaus am Baakenhöft in der HafenCity

23.02.2026
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Claudia Grimm

Schallwellen am Wasser: Die neue Hamburger Staatsoper von BIG

Zwischen Elbphilharmonie und Elbtower: Ein neuer Anker für die HafenCity

Hamburg hat einen Hang zum architektonischen Großprojekt. Die Elbphilharmonie hat das bewiesen, mit all ihren Kosten, Verzögerungen und am Ende doch unbezweifelbarem Triumph. Nun nächster Akt: Auf dem Baakenhöft, einer Halbinsel im Herzen der HafenCity, soll ein neues Opernhaus der Hamburgischen Staatsoper entstehen, das nicht weniger als Weltrang beansprucht. Das Kopenhagener Architekturbüro Bjarke Ingels Group, kurz BIG, hat im November 2025 das internationale Qualifizierungsverfahren für diesen Bau gewonnen, und zwar einstimmig.

Fünf Büros waren eingeladen, darunter gmp International aus Hamburg mit Diller Scofidio & Renfro aus New York, Snøhetta aus Oslo, Sou Fujimoto aus Tokio und Paris sowie Studio PFP aus Hamburg. BIG setzte sich gegen diese hochkarätige Konkurrenz durch mit einem Entwurf, der in seiner Bildsprache sofort verfängt: ein spiralförmig gestaffeltes Gebäude aus konzentrischen Terrassen, bepflanzt mit einheimischen Gehölzen und Gräsern, rundum begehbar, allseitig zur Elbe und zur Stadt geöffnet. Bei Nacht leuchten die weit ausladenden Dachzungen von unten und erinnern an eine sich öffnende Blüte. Bjarke Ingels selbst beschreibt den Entwurf als eine Landschaft, die sich wie Schallwellen von einem zentralen musikalischen Kern ausbreitet.

Ein öffentliches Gebäude, das tatsächlich öffentlich ist

Was BIGs Konzept von vielen Opernhausprojekten unterscheidet, ist der Anspruch, keinen hermetischen Kulturtempel zu bauen. Das Gebäude mit rund 45.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche soll der Hamburgischen Staatsoper, dem Hamburg Ballett und dem Philharmonischen Staatsorchester ein zeitgemäßes Zuhause bieten, gleichzeitig aber ein dreidimensionaler öffentlicher Park sein, zugänglich für alle, unabhängig von Eintrittskarten. Besucherinnen und Besucher können die spiralförmige Dachlandschaft erkunden, Blicke über die HafenCity, den alten Hafen, den Lohsepark und die Innenstadt genießen und dabei durch Glasfassaden in Probenräume, Bühnenbereich und Foyer schauen.

Im Inneren organisiert der Hauptsaal mit gekrümmten, geschichteten Holzbalkonreihen sowohl die Akustik als auch die Sichtlinien. Studiobühne, Probenflächen und technische Bereiche gruppieren sich kompakt dahinter. Das Foyer fungiert als verbindende öffentliche Zone, von der Holztreppen in die oberen Ebenen und auf die Außenterrassen führen. Die Jury attestierte dem Entwurf eine erfolgreiche Symbiose aus hervorragenden Bedingungen für ein Opernhaus und einem aufregenden Wahrzeichen für alle Hamburgerinnen und Hamburger.

Wer zahlt was: Die Finanzierungskonstruktion

Im Februar 2025 unterzeichneten die Stadt Hamburg und die Kühne-Stiftung, gegründet vom Milliardär und Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne, einen Vertrag über den Opernneubau. Die Grundkonstruktion ist ungewöhnlich: Die Stiftung trägt den Hauptteil der Baukosten, während die Stadt einen gedeckelten Zuschuss von 147,5 Millionen Euro für standortspezifische Mehrkosten übernimmt, darunter aufwändige Gründungsarbeiten auf der Hafenhalbinsel und die erforderlichen Flutschutzanlagen. Nach Fertigstellung gehen Gebäude und die Stiftungsanteile an der Projektgesellschaft als Schenkung an die Stadt Hamburg über.

Für die Umsetzung wurde die HSO Projekt gGmbH gegründet, an der neben der Stiftung auch die Stadt und die Hamburgische Staatsoper beteiligt sein sollen, sofern die Hamburgische Bürgerschaft zustimmt. Aus stadtplanerischer Perspektive schlägt dieses Modell eine Brücke zwischen privatem Mäzenatentum und öffentlicher Infrastruktur: Kein Steuergeld für den eigentlichen Bau, aber die Stadt erhält am Ende ein fertiges Opernhaus als Schenkung.

Was noch offen ist: Der lange Weg zum Spatenstich

Der Wettbewerbsgewinn ist kein Baubeschluss. Das muss an dieser Stelle klar gesagt werden. Der BIG-Entwurf wird nun in einem voraussichtlich zweijährigen Planungsprozess in enger Abstimmung zwischen Stiftung, Stadt und Staatsoper weiterentwickelt und konkretisiert. Erst am Ende dieser vertieften Vorplanung und nach einer belastbaren Kostenschätzung wird die Kühne-Stiftung endgültig über die Realisierung entscheiden. Kein Termin für Baubeginn, kein Eröffnungsdatum: Stand Februar 2026 gibt es keine öffentlich kommunizierten Zeitpunkte.

Erfahrene Planungspraktiker und Planungspraktikerinnen werden sich an die frühen Phasen der Elbphilharmonie erinnern, wo Visualisierungen die Realität jahrelang weit vorauseilten. Das schafft keine Skepsis, nur Nüchternheit: Großbauten in exponierter Hamburger Wasserlage sind kompliziert, teuer und immer wieder für Überraschungen gut. Die Stiftung hat sich mit dem Vorbehalt der abschließenden Kostenschätzung eine Notbremse eingebaut, die stadtplanerisch verständlich, für den Kulturbetrieb aber ein nervenzehrendes Damoklesschwert ist.

Zwischen Dammtorstraße und HafenCity: Was auf dem Spiel steht

Der Neubau soll das bisherige Opernhaus an der Dammtorstraße ersetzen, einen Bau aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, der den Anforderungen zeitgemäßer Bühnentechnik, Akustik und Barrierefreiheit längst nicht mehr genügt. Die Hamburgische Staatsoper, das Hamburg Ballett und das Philharmonische Staatsorchester brauchen dringend zeitgemäße Arbeitsverhältnisse. Intendant Tobias Kratzer beschrieb den BIG-Entwurf als Gebäude, das sich in vollen 360 Grad zur Stadt hin öffnet und in seiner architektonischen Form verkörpert, wofür die Staatsoper auch künstlerisch steht.

Das Baakenhöft liegt zwischen der Elbphilharmonie im Westen und dem im Bau befindlichen Elbtower im Osten. Ein neues Opernhaus an dieser Stelle würde die Kulturachse der HafenCity schließen und einen dritten öffentlichen Ankerpunkt neben den beiden Hochpunkten schaffen. Städtebaulich wäre das eine konsequente Erweiterung des Hamburger Kulturraums ans Wasser. Oberbaudirektor Franz-Josef Höing sprach von einem spektakulären Ort und einer einmaligen Aufgabe.

Ein doppelter Anspruch, der eingelöst werden muss

BIGs Architektur stellt einen hohen Anspruch: Sie will gleichzeitig welttaugliche Operninfrastruktur und niedrigschwelliger Stadtpark sein. Das ist kein Widerspruch, aber eine Herausforderung in der Umsetzung. Begrünung auf Dachflächen und öffentliche Terrassen in Hafennähe bedeuten erheblichen Pflegeaufwand, hohe technische Anforderungen an die Abdichtung und an den Umgang mit Salznebel und Wind. Die einheimischen Gehölze, die auf den Dachterrassen wachsen sollen, werden weit mehr kosten als ihr bildschönes Versprechen.

Gleichwohl: Wenn dieser Bau so realisiert wird, wie BIG ihn skizziert hat, wird Hamburg ein weiteres Stadtzeichen bekommen, das weit über die Stadt hinaus Aufmerksamkeit erzeugt. Die Frage, ob Hamburgs nächstes großes Projekt wieder eine Erfolgsgeschichte schreiben kann oder erneut in den Untiefen von Kosten und Terminen versinkt, lässt sich heute nicht beantworten. Das Qualifizierungsverfahren ist gewonnen. Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt.