
baukunst.art | Regionales | Süd West | Juni 2026
Ein Wochenende, das zeigt, wie wir morgen wohnen werden
Der Tag der Architektur ist das größte bundesweite Baukulturereignis, an dem öffentliche und private Bauherrschaften an einem einzigen Wochenende jene Gebäude öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Am Samstag, 27., und Sonntag, 28. Juni 2026, findet er erneut am letzten Juniwochenende statt. Gerade im Südwesten zeigt sich dabei, dass die Länderarchitektenkammern denselben Termin mit sehr unterschiedlichen Botschaften füllen. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland setzen 2026 drei Akzente, die zusammengenommen die zentrale Frage der Branche umkreisen: Wie lässt sich Qualität sichern, während die Baukosten die Bezahlbarkeit auffressen?
Rheinland-Pfalz und das Saarland gehören zu den Gründungsregionen dieses Formats. Gemeinsam mit Hessen und Thüringen riefen ihre Kammern den Tag der Architektur 1995 ins Leben; Baden-Württemberg stieß später dazu. Drei Jahrzehnte später bündeln die drei Länder ihre Programme erneut, doch die gewählten Mottos verraten, wie verschieden die regionalen Planungskulturen dasselbe Bezahlbarkeitsproblem deuten.
Seit 2005 vergibt die Veranstaltergemeinschaft ein verbindendes Motto, das vor allem die Pressearbeit bündelt. 2026 treten die regionalen Akzente jedoch deutlich hervor, weil jede Länderkammer Programm, Fristen und thematischen Schwerpunkt eigenständig festlegt. Genau diese Eigenständigkeit macht den Südwesten zum Lehrstück: Drei benachbarte Kammern stehen vor demselben Kostendruck, wählen aber drei Wörter, um ihn zu beschreiben.
Warum stellt Baden-Württemberg das „einfache Wohnen“ in den Mittelpunkt?
Die Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW) führt ihr Programm 2026 unter dem Motto „einfach wohnen!“. Sie versteht es ausdrücklich als Appell: Wohnbauten, die unter reduzierten Standards und damit kostengünstiger entstehen, seien die Zukunft. Hinter dieser Formulierung steckt mehr als die Werbung für ein Besichtigungswochenende. Sie verweist auf die juristische Großbaustelle des deutschen Bauens, den sogenannten Gebäudetyp E.
Mit dem Gesetz zur zivilrechtlichen Erleichterung des Gebäudebaus, dem Gebäudetyp-E-Gesetz (Regierungsentwurf, Bundestagsdrucksache 20/13959), greift der Bund in das Bauvertragsrecht ein. Ein neuer § 650a Absatz 3 BGB stellt klar, dass technische Normen, die ausschließlich Komfort- oder Ausstattungsmerkmale betreffen, ohne ausdrückliche Vereinbarung nicht Gegenstand der vertraglichen Leistungspflicht werden. Sicherheitsrelevante Normen bleiben dagegen als allgemein anerkannte Regeln der Technik nach § 633 BGB zwingend einzuhalten. Der ebenfalls vorgesehene § 650o BGB schafft einen eigenen Gebäudebauvertrag zwischen fachkundigen Unternehmern, in dem sich Abweichungen von Komfortstandards rechtssicher vereinbaren lassen.
Für die Praxis in Baden-Württemberg bedeutet das einen Kulturwandel. Wer „einfach“ baut, verzichtet nicht auf Statik oder Brandschutz, sondern auf die dritte Steckdose pro Zimmer, die überhöhte Schallschutzklasse oder die maximale Lüftungstechnik. Die Landesbauordnung Baden-Württemberg (LBO) kennt mit ihren Abweichungsregelungen ohnehin Spielräume, doch erst die zivilrechtliche Absicherung nimmt Planerinnen und Planern die Angst vor dem Mangelvorwurf. Das Besichtigungswochenende wird so zur Anschauung einer Reformdebatte und stellt die unbequeme Frage, welche Standards gutes Wohnen wirklich braucht. Wer die offenen Wohnbauten besucht, kann prüfen, ob reduzierte Ausstattung als Verlust oder als Befreiung wahrgenommen wird.
Was unterscheidet die Programme in Rheinland-Pfalz und im Saarland?
Rheinland-Pfalz wählt 2026 das Motto „Mehr (er)leben“ und öffnet rund 55 von einer Fachjury ausgewählte Projekte. Der Tag der Architektur ist hier eingebettet in die ressortübergreifende Initiative baukultur RHEINLAND-PFALZ, die das Ministerium der Finanzen des Landes und die Architektenkammer Rheinland-Pfalz gemeinsam tragen. Kammerpräsident Joachim Rind betont seit Jahren die „Um-Baukultur“: Vier Fünftel der Bautätigkeit fänden ohnehin im Bestand statt, weshalb die Weiterentwicklung des Vorhandenen Vorrang habe. Das Programm spiegelt diese Linie, von der Sanierung bis zur Umnutzung, und verbindet das Architekturwochenende mit Bustouren der regionalen Kammergruppen.
Das Saarland, kleinste der drei Kammern, präsentiert zehn Neu- und Umbauprojekte. Die Auswahl liest sich wie ein Querschnitt der sozialen Infrastruktur: eine Freiwillige Ganztagsschule als Holz-Hybridbau in St. Ingbert für 280 Kinder, die zur Musikschule umgenutzte ehemalige Justizvollzugsanstalt am selben Ort sowie die Erweiterung des Hochschulsports auf dem Campus der Universität des Saarlandes, deren Bestandsfassade ein Streetart-Künstler gestaltet hat. Begleitend zeigt die Schule für Architektur Saar am Campus Göttelborn unter dem Titel „Open House“ studentische Arbeiten. Die Umnutzung der denkmalgeschützten Anstalt verweist auf das Saarländische Denkmalschutzgesetz (SDschG), das den behutsamen Umgang mit erhaltenswerter Substanz regelt.
Präsident Alexander Schwehm rückt für die Architektenkammer des Saarlandes die Umbaukultur in den Vordergrund, weil Umbauten Ressourcen schonen und im Vergleich zum Neubau weniger Kohlendioxid freisetzen. Damit rückt das kleinste der drei Länder am deutlichsten von der Logik des Neubaus ab und macht den Bestand zum eigentlichen Bauland.
Ein Termin, drei Planungskulturen
Auffällig ist, dass alle drei Länder auf dieselbe ökonomische Realität reagieren, sie aber unterschiedlich rahmen. Baden-Württemberg setzt auf die Reduktion des Neubaustandards, Rheinland-Pfalz auf die Erlebbarkeit und Breite des Bestands, das Saarland auf die konsequente Weiternutzung vorhandener Gebäude. Der gemeinsame Nenner heißt Ressourcenschonung. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) verschärft die energetischen Anforderungen, während die Bezahlbarkeit zugleich unter Druck gerät; der Umbau im Bestand löst diesen Zielkonflikt oft eleganter als der Neubau, weil die graue Energie der vorhandenen Konstruktion erhalten bleibt.
Für die überregionale Leserschaft lohnt der Hinweis, dass jedes Bundesland seine eigene Landesbauordnung als Landesrecht erlässt, ergänzt um landeseigene Förderprogramme und Denkmalschutzgesetze. Was in Stuttgart als „einfaches Wohnen“ firmiert, heißt in Mainz „Um-Baukultur“ und in Saarbrücken schlicht Weiternutzung. Die Begriffe unterscheiden sich, das Ziel bleibt gleich: bezahlbarer und zugleich verantwortungsvoller Raum.
Auch die Orte selbst erzählen von Transformation. Die Schule für Architektur Saar residiert am Campus Göttelborn, dem Gelände eines stillgelegten Steinkohlebergwerks, das vom Förderturm zum Lernort umgedeutet wurde. Die Musikschule in der ehemaligen Justizvollzugsanstalt St. Ingbert wiederum macht aus Verwahrung Bildung. Solche Umnutzungen sind keine architektonische Spielerei, sondern die konkrete Antwort auf eine Region, deren Strukturwandel sich in Gebäuden ablesen lässt. Wo Baden-Württemberg die Norm zurückbaut, baut das Saarland die Vergangenheit um.
Der Tag der Architektur bleibt damit auch 2026 mehr als ein touristisches Angebot. Er macht sichtbar, dass die Bauwende kein einheitliches Rezept kennt, sondern föderal verhandelt wird. Wer an diesem Wochenende zwischen Mannheim, Mainz und Saarbrücken unterwegs ist, erlebt drei Antworten auf dieselbe Frage und kann selbst prüfen, welche überzeugt. Genau darin liegt der Wert des Formats: Es übersetzt eine abstrakte Gesetzesdebatte in begehbare Räume.
Leserinformation
| Termin | Samstag, 27., und Sonntag, 28. Juni 2026. Die Besichtigungen finden überwiegend tagsüber statt; einzelne Objekte öffnen nur an einem der beiden Tage. |
| Teilnahme | Der Besuch aller Touren und Objekte ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist meist nicht erforderlich, bei geführten Rundgängen jedoch empfehlenswert. |
| Baden-Württemberg | Objektliste und Touren über die Architektenkammer Baden-Württemberg (akbw.de); Motto „einfach wohnen!“. |
| Rheinland-Pfalz | Rund 55 Projekte sowie begleitende Bustouren der regionalen Kammergruppen über die Architektenkammer Rheinland-Pfalz (diearchitekten.org); Motto „Mehr (er)leben“. |
| Saarland | Zehn Objekte unter tagderarchitektur.saarland. In St. Ingbert öffnen die Freiwillige Ganztagsschule an der Südschule und die Musikschule in der ehemaligen JVA am Samstag, 27. Juni, jeweils 10 bis 14 Uhr. Die Schule für Architektur Saar zeigt am Campus Göttelborn „Open House“. |
| Barrierefreiheit | Nicht alle Objekte sind barrierefrei nach DIN 18040-1 zugänglich. Angaben zu stufenlosem Zugang und barrierefreien Sanitäranlagen enthalten die jeweiligen Objektbeschreibungen der Länderkammern; im Zweifel hilft eine kurze Rückfrage vor dem Besuch. |

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