Baukunst - 300 Terawattstunden unter den Füßen: Warum Deutschland sein Geothermiepotenzial kaum nutzt
Die vergessene Energiequelle unter Deutschland © Symbolbild

300 Terawattstunden unter den Füßen: Warum Deutschland sein Geothermiepotenzial kaum nutzt

14.07.2026
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Redaktion.baukunst.art

baukunst.art  | Innovation| Juli 2026

Erdwärme: Deutschland sitzt auf einem Schatz und bohrt nicht

Geothermie bezeichnet die Nutzung der im Erdinneren gespeicherten Wärme, und ihr technisch erschließbares Potenzial in Deutschland liegt um ein Vielfaches über dem, was heute davon abgerufen wird. Die gemeinsame „Roadmap Tiefe Geothermie für Deutschland“ von Fraunhofer-Gesellschaft und Helmholtz-Gemeinschaft aus dem Jahr 2022 beziffert das nutzbare Potenzial der tiefen Geothermie auf mehr als 300 Terawattstunden pro Jahr, also über ein Viertel des deutschen Wärmebedarfs, entsprechend einer installierbaren Leistung von rund 70.000 Megawatt. In Betrieb waren laut Bundesverband Geothermie (BVG) im Mai 2025 hingegen 45 tiefe Anlagen mit zusammen 442 Megawatt thermischer Leistung. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt damit der Faktor 150.

Wie groß ist das Potenzial tatsächlich?

Die Zahl 300 ist keine geologische Obergrenze, sondern eine Abschätzung dessen, was mit heutiger Technik in erreichbarer Tiefe und zu vertretbaren Kosten gehoben werden kann. Drei Regionen tragen den Löwenanteil: das Norddeutsche Becken, der Oberrheingraben und das Süddeutsche Molassebecken. Unter München liegt in 2.000 bis 3.000 Metern Tiefe der Malmkarst, ein wasserführender Kalkstein mit Temperaturen zwischen 80 und 100 Grad Celsius. Solche Temperaturen speisen ein Fernwärmenetz ohne Zwischenschritt. München zeigt, was daraus wird, wenn ein Versorger den Aufwand auf sich nimmt: Die Stadtwerke München betreiben mit der Anlage an der Schäftlarnstraße die größte Geothermieanlage Kontinentaleuropas, die im Vollbetrieb Wärme für mehr als 80.000 Menschen liefert. Am Michaelibad entsteht bis 2033 die siebte Anlage mit acht Tiefbohrungen für rund 75.000 weitere Abnehmerinnen und Abnehmer. Insgesamt planen die Stadtwerke zehn Projekte mit über 50 neuen Tiefbohrungen und wollen die Fernwärme bis spätestens 2040 CO2-neutral stellen.

Hinzu kommt die oberflächennahe Geothermie, die mit Erdwärmesonden in typischerweise 50 bis 150 Metern Tiefe arbeitet und die gewonnene Temperatur über eine Wärmepumpe anhebt. Rund 490.000 Erdwärmeheizungen mit etwa 5 Gigawatt Gesamtleistung waren 2025 nach BVG-Angaben installiert; im selben Jahr kamen etwa 16.000 Anlagen hinzu. Die Fraunhofer-Roadmap „Oberflächennahe Geothermie“ (2022) hält hier den überwiegenden Teil der Gebäudebeheizung für erschließbar. Rechnet man beide Segmente zusammen, kommt der Bundesverband Geothermie auf 50 bis 75 Prozent des deutschen Wärmebedarfs.

Dem gegenüber steht der Ist-Zustand: Geothermie und Umweltwärme decken heute etwa 1,5 Prozent des gesamten Wärmebedarfs. Ein Anteil, der in der Statistik als Rundungsfehler durchginge.

Warum klafft zwischen Potenzial und Ausbau eine solche Lücke?

Der zentrale Grund heißt Fündigkeitsrisiko. Eine Tiefbohrung im Molassebecken kostet je nach Länge und Ablenkung 10 bis 20 Millionen Euro, und ob das Zielgestein die erhoffte Schüttung liefert, weiß niemand mit Sicherheit, bevor der Meißel dort ankommt. Für ein Stadtwerk mittlerer Größe ist ein solcher Einsatz existenziell, für eine Kommune ohne eigene Energieversorgung schlicht nicht darstellbar. Banken finanzieren ungern gegen ein Risiko, das sich weder versichern noch wegplanen ließ.

Dazu kommen strukturelle Engpässe: Die geologische Erkundung des Untergrunds ist in weiten Teilen Deutschlands lückenhaft, Bohrkapazitäten und erfahrenes Personal sind knapp, und Genehmigungsverfahren nach Bergrecht ziehen sich über Jahre. Der Bundesverband Geothermie zählte 2025 immerhin 178 Projekte in Planung, 23 mehr als im Vorjahr, sowie 18 Anlagen im Bau. Die Zahl der erteilten Aufsuchungserlaubnisse hatte sich 2024 von 82 auf 155 nahezu verdoppelt. Die Bewegung ist also da, sie setzt nur spät ein.

Was ändert das Geothermie-Beschleunigungsgesetz?

Am 4. Dezember 2025 hat der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Beschleunigung des Ausbaus von Geothermieanlagen, Wärmepumpen, Wärmeleitungen und Wärmespeichern (GeoBG) beschlossen; es ist am 23. Dezember 2025 in Kraft getreten, § 6 folgte am 22. Juni 2026. Kern ist § 4 GeoBG: Errichtung und Betrieb von Geothermieanlagen, Wärmepumpen, Wärmespeichern und Wärmeleitungen liegen bis zum Erreichen der Treibhausgasneutralität 2045 im „überragenden öffentlichen Interesse“ und dienen der öffentlichen Sicherheit. Damit rückt die Erdwärme rechtlich in dieselbe Kategorie wie Windkraft und Photovoltaik. In der Abwägung, etwa bei Umweltverträglichkeitsprüfungen, wiegt sie künftig grundsätzlich schwerer als entgegenstehende Belange.

Parallel greift das Kapital ein. Seit dem 18. Dezember 2025 vergibt die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Programm 572 Darlehen von bis zu 25 Millionen Euro pro Projekt mit fünf Jahren Laufzeit. Munich Re sichert 30 bis 70 Prozent des förderfähigen Kreditbetrags ab, den Rest trägt eine Bundesgarantie; bei Nicht-Fündigkeit erlässt die KfW den nicht versicherten Teil anteilig. Faktisch lassen sich bis zu 100 Prozent des Darlehens absichern. Mindestens 65 Projekte sollen so über drei Jahre abgesichert werden. Das ist der wirksamste Eingriff der letzten Jahre, weil er nicht am Symptom, sondern an der Ursache ansetzt.

Was bedeutet das für Planerinnen und Planer im Gebäudebestand?

Die Frist des Wärmeplanungsgesetzes (WPG) für Gemeindegebiete mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist nach § 4 WPG am 30. Juni 2026 abgelaufen. 84 Kommunen waren betroffen, kleinere Gemeinden haben bis zum 30. Juni 2028 Zeit. Aus den kommunalen Wärmeplänen ergibt sich für jedes Grundstück, ob ein Netzanschluss zu erwarten ist oder dezentral geheizt wird. Für Architektinnen und Architekten ist das eine Vorentscheidung, die dem eigenen Entwurf vorausgeht: In ausgewiesenen Wärmenetzgebieten verschiebt sich die Frage vom Erzeuger zur Übergabestation und zur erforderlichen Vorlauftemperatur.

Wo kein Netz kommt, rückt die Erdwärmesonde ins Blickfeld, und mit ihr die frühzeitige Prüfung der wasserrechtlichen Zulässigkeit sowie die Auslegung nach VDI 4640. Die Sonde ist der Wärmepumpe mit Außenluft im Jahresmittel überlegen, weil das Erdreich im Winter nicht einbricht, aber sie verlangt Fläche, Zugänglichkeit für das Bohrgerät und eine Entscheidung in der Vorplanung nach § 34 HOAI, nicht in der Ausführungsplanung. Wer sie später nachrüsten will, zahlt zweimal.

Wo steht die Forschung?

Die 300 Terawattstunden setzen voraus, dass auch Regionen ohne ergiebige Aquifere erschlossen werden, also über petrothermale Systeme im kristallinen Gestein. Dafür entsteht im Odenwald das Untertagelabor GeoLaB, ein Gemeinschaftsprojekt von Karlsruher Institut für Technologie (KIT), GeoForschungsZentrum (GFZ) und Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) mit der Technischen Universität Darmstadt. Nach zwei Erkundungsbohrungen bestätigten die Partner 2026 die Eignung des Untergrunds in der Region Tromm; Planung und Genehmigung beginnen. Ein ein bis zwei Kilometer langer horizontaler Stollen soll dort untersuchen, wie sich Klüfte hydraulisch stimulieren lassen, ohne spürbare Seismizität auszulösen. Genau daran, dem Beben von Basel 2006 und den Rissen in Staufen im Breisgau 2007, hängt die gesellschaftliche Akzeptanz der Technologie bis heute.

Die Erdwärme ist die einzige erneuerbare Wärmequelle, die wetterunabhängig grundlastfähig ist und im Siedlungsraum kaum Fläche beansprucht. Dass sie 1,5 statt 25 Prozent liefert, war nie ein geologisches Problem. Es war ein Finanzierungs- und Genehmigungsproblem. Seit Dezember 2025 sind beide Hebel bewegt worden. Ob das reicht, entscheiden die nächsten 65 Bohrungen.

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